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Die vier größten Prüfgesellschaften buhlen um die Mandate der Dax-Konzerne.

(Foto: Ikon Images/Getty Images)

Wirtschaftsprüfer Der Kampf der „Big Four“ um lukrative Dax-Mandate läuft heiß

Die Abschlussprüfer im Dax rotieren wieder, eine EU-Verordnung zwingt sie dazu. Es geht um mehrere prestigeträchtige Aufträge, darunter VW und Deutsche Bank.
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DüsseldorfIm Münchener Büro von EY durfte Ende vergangener Woche gefeiert werden. Erneut ging das prestigeträchtigste Mandat zur Bilanzprüfung in der deutschen Industrie an die drittgrößte deutsche Prüfungsgesellschaft: Der Siemens-Aufsichtsrat will EY als Abschlussprüfer behalten, die nötige Zustimmung der Hauptversammlung gilt als Formsache.

Für EY ist das ein großer Erfolg, schon allein wegen des Umsatzbeitrags: Rund 53 Millionen Euro zahlte Siemens im vergangenen Geschäftsjahr für die Abschlussprüfung – kein Dax-Konzern gab mehr dafür aus. Um den Auftrag hatten sich alle „Big Four“-Prüfer – neben EY sind das PwC, KPMG und Deloitte – beworben. EY habe aber das beste Angebot vorgelegt, hieß es bei Siemens.

Bei anderen großen Dax-Konzernen steht die Wahl des neuen Abschlussprüfers noch bevor. Eine Verordnung der Europäischen Union zwingt die Konzerne zur Rotation – anders als Siemens dürfen die meisten nicht mit dem bisherigen Partner verlängern. Es geht um die Vergabe der lukrativsten Mandate: Volkswagen, Deutsche Bank, Fresenius, Henkel, Lufthansa. Der Kampf um die Aufträge läuft unter den „Big Four“ heiß.

„Die zweite Welle bei der Rotation baut sich gerade auf“, beobachtet Jörg Hossenfelder, geschäftsführender Gesellschafter des Marktforschers Lünendonk & Hossenfelder. „Die Konzerne und Abschlussprüfer bereiten sich intensiv auf den Wechsel ab dem Jahr 2020/21 vor.“

Nur fünf Dax-Konzerne haben bereits einen neuen Prüfer bestimmt, zwei haben mit dem bisherigen verlängert, wie eine Umfrage des Handelsblatts zeigt. Zwölf Konzerne aus dem obersten Börsensegment leiten das Verfahren für die Neubesetzung bis zum Jahr 2022 ein.

Für die Dax-Firmen ist die Wahl eines Wirtschaftsprüfers kein Freudenprojekt, sondern eher lästige Pflicht. Wer die Erlaubnis zur Verlängerung mit dem bisherigen Prüfer hat, der nutzt sie auch nach intensiver Abwägung und diskriminierungsfreier Vergabe nur allzu gern: Das gilt für Siemens wie für BASF, die noch einmal mit KPMG verlängerten.

Die meisten Unternehmen aus allen Dax-Segmenten sind jedoch gezwungen, sich einen neuen Abschlussprüfer zu suchen. Das schreibt eine EU-Verordnung vor, die 2014 in Kraft getreten ist. Sie soll sicherstellen, dass die Konzerne regelmäßig die Prüfungsgesellschaften wechseln. Der Hintergrund: Mit Blick auf die großen früheren Bilanzskandale vermutet die EU-Kommission eine zu starke Nähe und Abhängigkeit zwischen Prüfern und Kunden. Das soll durch die vorgeschriebene Rotation verhindert werden.

Tatsächlich buchen manche Dax-Firmen ihren Prüfer schon seit mehr als zwei Jahrzehnten, die Allianz hat KPMG sogar schon seit 1890 alljährlich beauftragt. Sie alle müssen in den nächsten Jahren wechseln. Ist der Prüfer wie im Fall Siemens/EY erst seit zehn Jahren oder kürzer an Bord, darf maximal um ein Jahrzehnt verlängert werden. Banken und Versicherungen müssen alle zehn Jahre die Prüfungsgesellschaft austauschen.

Wechsel bedeutet hohen Aufwand

Ob die Rotation tatsächlich zu besseren Testaten führt, ist in der Wirtschaft sehr umstritten. Oft zahle es sich aus, wenn Prüfer ein Unternehmen und seine Problemzonen schon lange kennen, heißt es bei den Unternehmen. Zudem gilt: „Der Wechsel ist für die Mandanten mit hohem Aufwand verbunden. Deswegen muss man es kritisch betrachten, dass die Unternehmen alle zehn Jahre ihren Abschlussprüfer wechseln sollen“, sagt Branchenkenner Hossenfelder.

Prinzipiell hält er den Wechsel aber für sinnvoll, um „über einen längeren Zeitraum hinweg Routine und Abhängigkeiten zu vermeiden“. Die Rotationspflicht heizt den Wettbewerb unter den großen Prüfungsgesellschaften kräftig an. Vor allem EY und Deloitte wollen sich profilieren und ihre Marktposition ausbauen. Deloitte will drei bis fünf Mandate im Dax gewinnen. Bisher haben die Münchener nur eines in der Tasche: Bayer hat sich 2016 für Deloitte entschieden und von PwC getrennt.

Drei Jahre lang hat sich Deloitte auf die Eroberung der Bayer-Abschlussprüfung vorbereitet, Teams mit großer Branchenkompetenz zusammengestellt und trainiert. Nach Bayer ist Deloitte im Dax aber noch nicht wieder zum Zuge gekommen. Das soll sich in der zweiten Rotationswelle ändern.

Das meiste zu verlieren hat KMPG. Die Gesellschaft prüft seit Jahren allein 16 Dax-Konzerne. Viele Mandate wird KPMG zwangläufig abgeben, das drittlukrativste mit einem Volumen von 41 Millionen Euro ist bereits weg: Die Allianz wechselt zu PwC. Auch der langjährige Kunde BMW hat PwC angeheuert. Das Leuchtturm-Mandat bei der Deutschen Bank muss KPMG ebenfalls abgeben – es bringt mit 51 Millionen Euro hohe Einnahmen.

Bisher hat KPMG im Dax nur Covestro hinzugewonnen, dazu mehrere Mandate in den kleineren Segmenten. Die anstehende zweite Vergabewelle wird für die Berliner entscheidend: „Wir sind sehr optimistisch, unsere führende Rolle in der Abschlussprüfung zu behaupten und zu festigen, auch im Hinblick auf den weiteren Verlauf der Rotation“, sagt Christian Sailer, Bereichsvorstand Audit bei KPMG.

Ein besonderes Auge wird KPMG auf das Volkswagen-Mandat werfen, bei dem die Gesellschaft mit der langjährigen Branchenkompetenz punkten könnte. Mögliche Umsatzrückgänge durch Mandatsverluste will KPMG im Consultinggeschäft ausgleichen: Die Kunden, die nicht mehr geprüft werden, könnten dann mehr Beratungsaufträge buchen.

Intensiver Auswahlprozess

Die Mandate müssen bereits lange vor dem eigentlichen Wechsel ausgeschrieben werden, es folgt ein intensiver Auswahlprozess, bei dem die Prüfer ihre Konzepte in den Konzernzentralen präsentieren müssen. Die Kosten für die Bewerbung können je nach Größe des Kunden schon mal in die Millionenhöhe gehen, erläutert Hubert Barth, Deutschlandchef von EY.

Die großen Kunden legen Wert auf eine internationale Präsenz ihres Abschlussprüfers, auch die Branchenkenntnis spielt bei der Vergabe eine Rolle. Neu dazu kommt, was die Prüfungsgesellschaften in Sachen Digitalisierung zu bieten haben. „Neue Datenanalysemöglichkeiten erhöhen die Prüfungsqualität und geben Aufsichtsrat und Vorstand mehr Sicherheit über Aussagen im Jahresabschluss“, sagt KPMG-Vorstand Sailer. So sollen etwa Risiken besser erkannt werden.

Mit der Rotationspflicht will die EU auch die Marktmacht der vier führenden Prüfungsgesellschaften verringern. Die „Big Four“ testieren seit Jahren nahezu alle Konzerne im Dax und im MDax. Doch die Erwartung, dass mittelgroße Wirtschaftsprüfer in die Topliga der Börsenkonzerne eindringen, wird wohl enttäuscht werden.

„Es ist nicht zu erwarten, dass die Dominanz der Big Four durch die Rotation gebrochen wird“, sagt Branchenexperte Hossenfelder. Die Ansprüche an Qualität und an das globale Netz sehen die Konzerne bei den vier großen Anbietern am besten erfüllt. Die EU-Verordnung, davon gehen auch die mittelgroßen Anbieter aus, wird zu einer reinen Umverteilung unter PwC, KPMG, EY und Deloitte führen.

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