Wisag: Wie Chef Michael Wisser das Klimaproblem von Immobilien lösen will
Der Immobiliensektor stellt den Dienstleister Wisag vor große Herausforderungen.
Foto: IMAGO/aal.photoFrankfurt. Das Gebäudemanagement der Wisag-Gruppe steht vor einem großen Umbruch. Denn die Immobilienbranche hat eine desaströse Klimabilanz. Zusätzlich steht sie wegen der Reform des Gebäudeenergiegesetzes unter Druck.
Der klimabedingte Umbruch bei Wisag erfordert also höchste Aufmerksamkeit von der Unternehmerfamilie Wisser. Seit Anfang 2023 ist Michael Wisser – Jahrgang 1971 – wieder Chef der Sparte Gebäudemanagement. Sein Vorgänger Michael Moritz hatte seinen Plan, mit 61 Jahren auszuscheiden, zum Jahreswechsel 2022/2023 umgesetzt.
Dabei hatte der Sohn des Unternehmensgründers Claus Wisser eigentlich andere Pläne. Der Chef der Frankfurter Dienstleistungsgruppe Wisag wollte sich auf seine Aufgabe als Vorstand der übergeordneten Holding konzentrieren. Eine der drei Sparten Facility Management, Aviation Management und Industrie Services operativ zu führen, sollte Vergangenheit bleiben. Anfang 2022 gab Michael Wisser deshalb die Leitung der Luftfahrtsparte ab.
„Ich war verfügbar“, scherzte Wisser nun dem Handelsblatt gegenüber über seine Entscheidung, das Gebäudemanagement zu führen. Es habe zwar Alternativen gegeben, extern wie intern. „Aber wir sind zu dem Schluss gekommen, dass diese Lösung vorerst die beste ist“, argumentierte er.
Der Unternehmer sagt: „35 Prozent der CO2-Emissionen stammen aus dem Immobiliensektor. Und die Politik hat sich in den Kopf gesetzt, das Thema mit der Brechstange zu lösen.“ Jahrelang sei erklärt worden, dass die Menschheit auf eine Klimakatastrophe zusteuert, geschehen sei aber wenig. „Das ist wie mit der eigenen Gesundheit. Man ignoriert Warnungen der Ärzte bis zum Herzinfarkt, dann will man alles ganz schnell ändern.“
80 Prozent der Gebäude in Europa wurden vor 1980 gebaut
Viele der Gebäude in Deutschland und Europa seien in die Jahre gekommen, so Wisser: „80 Prozent der Immobilien wurden vor 1980 gebaut, als das Thema Klima noch keine große Rolle spielte.“
Der Unternehmer hat auch die Leitung der Sparte Facility-Management übernommen. Die steht vor einem großen Umbau.
Foto: Jörg BaumannNun steht das Gebäudemanagement der Gruppe vor radikalen Veränderungen. Die Sparte steuerte im vergangenen Jahr 1,36 Milliarden Euro zum Konzernumsatz in Höhe von 2,57 Milliarden Euro bei. Zwar würden sich viele Immobilienbetreiber mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen. Aber sie bräuchten dabei Hilfe. „Die Rolle von Dienstleistern, wie wir es sind, wird sich massiv verändern“, erklärte Wisser. Bisher habe im Fokus gestanden, den Betrieb eines Gebäudes sicherzustellen. „Künftig werden wir zu Beratern.“
Für viele der 33.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heißt das: Sie müssen sich auf ihre neue Rolle als Berater einstellen. „Am Ende müssen alle verstehen, dass wir einen großen Hebel haben, die Gebäude energetisch zu optimieren und auf Nachhaltigkeit zu trimmen“, sagt Wisser.
Dabei spielt die Digitalisierung eine große Rolle. „Die Modernisierung sorgt für weniger Ausstoß, die Digitalisierung für eine effiziente Steuerung“, sagt der Unternehmer. Deshalb ist das digitale Know-how neben der Nachhaltigkeit die zweite Säule in Wissers Umbauplan.
Wenn die Strategie aufgehen soll, braucht Wisag Wachstum. Denn die Themen Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Qualifizierung erfordern hohe Investitionen. Derzeit wird zum Beispiel der Fuhrpark des Dienstleisters auf E-Autos umgestellt. Auch einen eigenen Windpark hat das Unternehmen erworben, der bald den gesamten Strombedarf decken soll.
„Das alles frisst Liquidität“, sagt Wisser. Höhere Preise durchzusetzen, werde nur begrenzt funktionieren. In der Branche herrscht ein harter Preiswettbewerb. Das zeigte sich kürzlich beim jüngsten „Nachhaltigkeitsradar“, das Wisag regelmäßig bei den Kunden vornimmt. Ein Ergebnis: Wird ein Immobiliendienstleister gesucht, der beim Thema Nachhaltigkeit unterstützen soll, spielen die Kosten bei den meisten eine wichtigere Rolle als die Kompetenz.
Also setzt der Unternehmer auf das Ausland. „Digitalisierung schreit förmlich danach, skaliert zu werden. Also müssen wir unser Geschäft geografisch ausbauen.“ Hier hat Wisag Nachholbedarf.
Das wird in dem jährlichen Ranking der Beratungsgesellschaft Lünendonk deutlich. 2022 stand das Unternehmen mit einem Umsatz von 1,36 Milliarden Euro in Deutschland zwar auf einem guten dritten Platz hinter Spie Deutschland und Apleona. Doch das Ausland mitgerechnet ist etwa Apleona fast doppelt so groß wie Wisag.
Wisag prüft Übernahmen im Ausland
Wisser sagt: „Wir waren bei der Expansion im Ausland in der Vergangenheit etwas zurückhaltend, das wollen wir ändern.“ Im Blick hat er dabei Europa, ein Schwerpunkt liegt aber auf den deutschsprachigen Ländern. „Dabei werden auch Übernahmen eine Rolle spielen.“
Der Dienstleister stellt seine Flotte auf E-Autos um.
Foto: WisagWisser wird aber einige Probleme bewältigen müssen. Das weiß der Unternehmer, der viele Jahre in verschiedenen Führungsfunktionen im Facility-Management des Familienunternehmens gearbeitet hat. Viele Unternehmen würden rasch beim Klimaschutz handeln wollen, aber die Bürokratie stünde im Weg.
Ihre Zentrale in Frankfurt-Niederrad etwa hätten sie 2013 bezogen – nach einer Kernsanierung. Dabei wurde auch Geothermie (Erdwärme) eingebaut. „Die ist bis heute nicht in Betrieb, weil die Genehmigung fehlt“, berichtet Wisser spürbar frustriert.
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So wichtig und richtig die Ziele der Politik seien, die Umsetzung werde so nicht funktionieren, sagt Wisser: „Die Politiker fahren mit Verbrennern durch die Gegend, ich kenne kein Parlamentsgebäude mit Photovoltaik auf dem Dach. Ich wünsche mir, dass die Politik selbst Erfahrungen sammelt, dann könnten sie die Themen auch ganzheitlich betrachten.“
Wisser ist bekannt dafür, politisch Stellung zu beziehen. Unmittelbar nachdem Russland die Ukraine überfiel, forderte er gegenüber dem Handelsblatt andere Unternehmen auf, zu handeln und die Aktivitäten in Russland einzustellen.
Gleichwohl ist Wisser überzeugt, alle Herausforderungen bewältigen zu können. „Mit unserem breiten Angebot werden wir als integrierter Dienstleister vom Umbruch profitieren.“ Dabei stellt der Unternehmer klar: „Es ist für mich eine Herzensangelegenheit, den strategischen Umbau zu begleiten. Aber es wird keine Lebensaufgabe.“