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Wohnungsnot So wehren sich die Griechen gegen Airbnb

Internationale Investoren übernehmen ganze Straßenzüge in Athen, um sie über Airbnb zu vermieten. Die Griechen wollen das nicht länger hinnehmen.
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Der Vermittler von Wohnungen treibt die Mietpreise in der griechischen Hauptstadt in die Höhe. Quelle: AFP
Airbnb sorgt für Probleme in Athen

Der Vermittler von Wohnungen treibt die Mietpreise in der griechischen Hauptstadt in die Höhe.

(Foto: AFP)

Athen280 Euro Miete zahlt Evanthia Kanellopoulou für das 50-Quadratmeter-Apartment im Athener Stadtteil Gazi – ein Schnäppchen. Aber nach drei Jahren muss die Studentin Ende März die Umzugskartons packen. Der Vermieter hat „Eigenbedarf“ angemeldet. „Ich weiß, was er in Wirklichkeit vorhat“, sagt Evanthia. Dem Mann gehören noch zwei weitere Wohnungen im selben Haus. Dort herrscht bereits reges Kommen und Gehen.

Im Aufzug begegnet Evanthia immer häufiger fröhlichen Touristen aus aller Welt, die ihr ungefragt von der „beautiful Acropolis“ oder dem „faboulos dinner“ in der Plaka berichten, Athens Altstadt. „So sieht der ‚Eigenbedarf‘ aus: Airbnb“, sagt die junge Griechin.

Nach acht Jahren Rezession, in denen die Immobilienpreise in griechischen Großstädten wie Athen, Piräus oder Thessaloniki im Schnitt um 42 Prozent einbrachen, boomt das Geschäft mit Wohnungen jetzt wieder. Nach Berechnungen der Bank von Griechenland stiegen in Athen die Preise für Wohnimmobilien im vergangenen Jahr um durchschnittlich 4,2 Prozent.

Allein im vierten Quartal zogen die Preise um 2,1 Prozent an. Die Mieten steigen sogar deutlich schneller als die Kaufpreise, nämlich in Athen allein im vergangenen Jahr um durchschnittlich 17 Prozent, laut Berechnungen der Maklerplattform Spitogatos. Das ist aber nur ein Mittelwert. In Innenstadtvierteln explodierten die Mieten 2018 um bis zu 35 Prozent, berichten Marktbeobachter.

Die Preissteigerungen sind ein Ergebnis des Vormarsches von Vermittlungsplattformen wie Airbnb, HomeAway und Booking.com. Griechenland erlebte in den vergangenen Jahren einen beispiellosen Tourismusboom. Die Urlauberzahlen haben sich seit 2008 verdoppelt. Und immer mehr Besucher buchen ihre Unterkünfte nicht bei den Reiseveranstaltern, sondern über Vermittlungsportale wie Airbnb.

Belastbare Zahlen gibt es nicht, aber nach Schätzung von Marktbeobachtern hat sich die Zahl der Wohnungen, die allein der Hauptstadt Athen Urlaubern über diese Portale angeboten werden, von 2500 im Jahr 2016 auf 5200 im Jahr darauf mehr als verdoppelt. 2018 stieg die Zahl erneut um mehr als das Doppelte auf rund 12.000.

Nach einer Studie, die das Beratungsunternehmen Grand Thornton im Auftrag der griechischen Hotelkammer erstellt hat, gibt es derzeit in ganz Griechenland rund 70.000 Wohnungen, die über diese Plattformen angeboten werden. Der Sektor hat im vergangenen Jahr laut Grand Thornton 1,9 Milliarden Euro umgesetzt.

„Die Situation ist völlig außer Kontrolle“, klagt Alexandros Vasilikos, Präsident der Hellenischen Hotelkammer in der Zeitung „Kathimerini“. Nicht nur in Athen, auch auf den Inseln spüren die Hoteliers die Konkurrenz der Internet-Vermittler. Allein auf Kreta bieten private Vermieter über die einschlägigen Plattformen fast 15.000 Unterkünfte an.

Und während Premier Alexis Tsipras seit vergangenem Jahr die Hotelgäste mit einer neuen „Schlafsteuer“ schröpft, zahlen die privaten Vermieter bisher meist gar keine Steuern. Damit dürften dem Fiskus allein 2017 rund 341 Millionen Euro entgangen sein, hat Grand Thornton ausgerechnet. Erst jetzt bittet der Athener Finanzminister die privaten Vermieter mit Meldepflicht und strengeren Prüfungen zur Kasse.

Dennoch bleiben die Kurzzeit-Vermietungen lukrativ. Selbst bei einer Auslastung von nur 50 Prozent verdienen die Immobilienbesitzer mit Touristen im Schnitt mindestens doppelt so viel wie mit regulären Mietern. Die haben das Nachsehen.

Ich bin wütend“, sagt Vasilis Papas. Als sein Vermieter ihm jetzt kündigte, bot der gutverdienende Selbständige an, die Wohnung zu kaufen. Aber der 32-Jährige kam nicht zum Zug. Ein chinesischer Interessent bot ein Drittel mehr als den marktüblichen Preis und bekam den Zuschlag.

Wer eine teure Immobilie kauft, bekommt ein „Goldenes Visum“

Immer mehr Nicht-EU-Ausländer zieht es nach Griechenland – wegen der billigen Immobilien. Wenn der Air-China-Jumbo aus Beijing morgens auf dem Athener Flughafen Eleftherios Venizelos landet, werden die chinesischen Käufer dort bereits von einheimischen Vermittlern erwartet und zu den Maklerbüros gebracht.

Wer mindestens 250.000 Euro in eine Immobilie investiert, bekommt das begehrte „Goldene Visum“, das zum Aufenthalt in Griechenland und freien Reisen in allen Schengen-Staaten der EU berechtigt. Nach Angaben der staatlichen Investitionsförderungsagentur Enterprise Greece wurden im vergangenen Jahr fast 10.000 dieser Aufenthaltsgenehmigungen erteilt, vor allem an Investoren aus China, Russland und der Türkei.

Sie kaufen in Athen ganze Straßenzüge auf, setzen die Mieter vor die Tür, renovieren die Wohnungen und vermarkten sie über die einschlägigen Internetportale an Touristen. In Athen werden inzwischen 58 Prozent der so angebotenen Unterkünfte nicht von ihren Eigentümern, sondern von professionellen Dienstleistern bewirtschaftet, die dafür eine Provision von 15 bis 20 Prozent der Mieteinnahmen kassieren – ein lukratives Geschäft.

Stadtviertel wie Koukaki und Makrigianni, unterhalb der Akropolis, oder Keramikos und Thisio verändern ihren Charakter. Urlauber ziehen mit Rollkoffern durch die Straßen. Die griechischen Bewohner müssen den Touristen weichen, weil sie sich die Wohnungsmieten nicht mehr leisten können oder mit Räumungsklagen vertrieben werden.

Der Trend ist aus anderen europäischen Großstädten wie Rom, Barcelona oder Budapest bekannt. Aber in Athen wird er dadurch verschärft, dass die Einkommen während der Krisenjahre im Durchschnitt um fast ein Drittel geschrumpft sind.

Jetzt will die Regierung gegensteuern. Sie plant eine Regulierung der Kurzzeit-Vermietungen. So sollen vor allem die professionellen Vermieter zurückgedrängt werden. Die wichtigsten Einschränkungen: Ein Besitzer darf künftig höchstens zwei Wohnungen über die Internet-Portale vermarkten.

Die Wohnungen dürfen maximal an 90 Tagen im Jahr an Touristen vermietet werden, in Gemeinden mit weniger als 10.000 Einwohnern liegt die Obergrenze bei 60 Tagen. Wer über diese zeitlichen Begrenzungen hinaus vermietet, darf höchstens pro Jahr 12.000 Euro Miete kassieren.

Für die Studentin Evanthia Kanellopoulou kommen die neuen Regelungen zu spät. Sie verliert ihre Wohnung im Szeneviertel Gazi. Eine neue Bleibe hat sie noch nicht: „Vergleichbare Wohnungen kosten in Gazi inzwischen fast das Doppelte – ich werde wohl in einen Vorort ziehen müssen.“

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