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Airbnb-Apartment in Florenz

Das US-Portal hilft Schnäppchenjägern.

(Foto: Rebecca Marshall/laif)

Wohnungsvermittler Europas Metropolen wehren sich gegen Airbnb

Die Städte stemmen sich gegen die scheinbar unaufhaltsame Expansion des US-Wohnungsvermittlers. Dabei greifen sie teils zu drastischen Mitteln.
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Düsseldorf, New York, MadridAus Sicht der Investoren ist Airbnb eine Erfolgsgeschichte. Vor zehn Jahren wurde die Vermietungsplattform im Silicon Valley gegründet. Heute schätzen Finanzexperten den Wert des Unternehmens auf 30 Milliarden Dollar. Damit zählt Airbnb global zu den wertvollsten Start-ups.

Doch das Unternehmen, das 4,85 Millionen Unterkünfte in über 190 Ländern vermietet, stößt zunehmend auf Widerstand. Vor allem in Europa arbeiten immer mehr Städte an Konzepten, um das rasante Wachstum der Plattform zu begrenzen. Amsterdams Stadtverwaltung, die kurzzeitige Fremdvermietung ohnehin nur für 60 Tage im Jahr erlaubt, will diesen Zeitraum ab Januar halbieren, München droht jedem, der länger als acht Wochen über Airbnb vermietet, mit einem Bußgeld von 500.000 Euro.

Vor allem Barcelona geht hart gegen Airbnb vor – und gilt damit als Vorbild auch für Behörden wie etwa in New York. Unter Androhung eines Bußgelds von 600.000 Euro brachte Bürgermeisterin Ada Colau Airbnb dazu, alle Zimmerangebote bei den Behörden zu registrieren und der Stadt Zugang zu den Daten der Vermieter zu gewähren. Noch im Mai hatte Airbnb dagegen Beschwerde in Brüssel eingelegt, weil die Firma ihr Grundrecht auf freie Geschäftsausübung geschädigt sieht.

Viele Städte aber lassen sich davon nicht abschrecken. Sie klagen darüber, dass Bürgern dringend benötigter Wohnraum entzogen wird und Mieten in die Höhe schießen. Auch der Verdacht auf Steuerhinterziehung treibt viele Ämter an, Anbieter auf den Plattformen schärfer zu kontrollieren. „Regeln sind wichtig“, sagt dazu eine Airbnb-Sprecherin, „sie sollten aber den Lebensumständen der Menschen im 21. Jahrhundert entsprechen.“

Wie unterschiedlich diese Lebensumstände aussehen können, zeigt die Geschichte von Monika Drebold. Ein halbes Leben verbrachte die Rentnerin in ihrer Wohnung, bis ihr der Vermieter in Hamburg-Bramfeld unter dem Vorwand von Eigenbedarf kündigte.

Später erfuhr sie durch ehemalige Nachbarn, dass ihr einstiges Zuhause zu deutlich höheren Mietpreisen im Internet zu finden war – und zwar auf Airbnb. „Mir ist die Welt zusammengebrochen“, sagte die inzwischen schwerkranke Dame dem WDR.

So erzürnt die 2008 in San Francisco gegründete Internetplattform, die vornehmlich Übernachtungen bei Privatleuten vermittelt, viele Gemüter. „Das derzeitige Rechtsvakuum und die damit einhergehenden Wettbewerbsverzerrungen gehen nicht nur zulasten der stark reglementierten Hotellerie“, schimpft Hotel-Verbandsgeschäftsführer Markus Luthe, „sondern auch auf Kosten der Verbraucher, Anwohner und Steuerzahler.“

So warnen Mietervereine wie in Berlin oder Hamburg vor dem Vormarsch des Vermittlers, hinter dem Financiers wie J.P. Morgan Chase, Andreessen Horowitz oder der von Peter Thiel mitbegründete Founders Fund stehen. Die Umwandlung von Privatwohnungen in Übernachtungsstätten für Touristen verknappe den Wohnraum für Einheimische und befördere den Mietwucher, mahnen sie.

Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) soll zudem das Bundeszentralamt für Steuern eingeschaltet haben, um so an Daten deutscher Vermieter zu gelangen. Auf Anfrage will er das nicht kommentieren – aus Gründen des Steuergeheimnisses.

Offenbar hat Dressel aber das Amt gebeten, die Finanzbehörden in Dublin anzuzapfen, wo Airbnb das Europageschäft steuert. Auch Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen schlossen sich angeblich an. Ihr Verdacht: massenhafte Steuerhinterziehung deutscher Wohnungsanbieter.

Milliardenumsatz in Deutschland

3,2 Millionen Gästeankünfte zählte Airbnb 2017 in Deutschland, davon allein 710.000 in Berlin. Bei einer durchschnittlichen Verweildauer von 4,2 Tagen und Durchschnittspreisen von rund 60 Euro erreichte der Jahresumsatz damit fast die Eine-Milliarde-Euro-Grenze.

Zu der Statistik gehört aber auch: 5,9 Millionen Deutsche zog es zu Airbnb-Zielen ins Ausland, 730.000 stammten aus der Bundeshauptstadt. Die Berliner, so zeigen die Zahlen, sind damit eher „Täter“ als „Opfer“. Zudem mindern die Plattformen den Unterschied zwischen Arm und Reich. So kommen Urlauber mit schmalem Geldbeutel dank Airbnb leichter in den Genuss günstiger Weltreisen.

In Rathäusern europäischer Metropolen sieht man das offenbar anders. Paris beschränkte die jährliche Höchstdauer der Airbnb-Vermietung Anfang 2018 auf 120 Tage, in London sind nur noch 90 Tage erlaubt. Die Inselhauptstadt Palma de Mallorca verbietet es ab diesem Jahr komplett, Wohnungen über Airbnb zu vermieten. Besonders scharf griff Barcelona durch.

Ein Vorbild für Deutschland? Bislang eher nicht. Die Bundeshauptstadt, wo widersprechende Gerichtsurteile am 1. Mai für eine Neufassung des „Zweckentfremdungsverbot-Gesetzes“ sorgten, setzt lieber auf preußischen Bürokratismus. Zwar erlaubt das neue Gesetz den Einwohnern nun, selbst genutzte Wohnungen über Airbnb zu vermieten (für Zweitwohnungen gilt eine 90-Tage-Begrenzung). Der Senat fordert aber ein Genehmigungsverfahren samt Registrierungsnummer, die in Online- wie Offline-Inseraten anzugeben ist.

Dass sich bis heute von den geschätzten 25.000 Airbnb-Anbietern nur 760 meldeten, wie eine Anfrage der „Berliner Morgenpost“ offenbarte, liegt am schleppenden Behördengang. Jeder Stadtbezirk fordert einen anderen Strauß von Belegen und Dokumenten an. Dazu zählen Genehmigungen des Hausvermieters, Tankquittungen und Urlaubsbescheinigungen, um die Zeit der Abwesenheit zu belegen. „Für Privatpersonen, die gelegentlich ihr Zuhause an Reisende vermieten wollen, ist der komplizierte Genehmigungsprozess abschreckend“, sagt eine Sprecherin von Airbnb.

Ein Angebot der Amerikaner, den Behörden kostenlos eine IT-Schnittstelle für die Anträge zur Verfügung zu stellen, lehnte die Stadtverwaltung ab – angeblich aus Gründen des Datenschutzes. Aufseiten von Airbnb fehlt dafür das Verständnis. 87 Prozent aller Gastgeber in Berlin vermieteten ihre Unterkunft an weniger als 180 Tagen im Jahr, heißt es. Die restlichen Angebote beträfen damit nicht einmal 0,2 Prozent des Berliner Wohnungsbestands. Danach wäre Airbnb – falls die Zahlen stimmen – eher Sündenbock einer verfehlten Wohnungsbaupolitik.

Andere Vermietungsfirmen hält das nicht davon ab, auf das Geschäftsmodell von Airbnb einzuschwenken. Expedia übernahm den Ferienwohnungsanbieter Homeaway, der deutsche Privatwohnungsvermittler Wimdu ging Anfang 2017 an den dänischen Ferienhausanbieter Novasol. Selbst Hotel-Buchungsportale wie Booking.com oder HRS vermitteln heute Ferienwohnungen.

Protest in Brüssel

Bei der EU-Kommission haben die Anbieter nun über den Verband European Holiday Home Association (EHHA) Beschwerde eingelegt. Die von vielen Städten verhängten Restriktionen griffen unverhältnismäßig in den freien Binnenmarkt ein, wird argumentiert. Zudem würden Regeln wie die in Berlin gegen das Grundrecht auf freie Geschäftsausübung verstoßen.

Bislang aber kommt aus Brüssel wenig Unterstützung – obwohl die EU das Teilen von Besitz, die sogenannte „Sharing Economy“, eigentlich fördern wollte. Popularität sei kein Grund, Verbrauchervorschriften zu missachten, erklärte EU-Kommissarin Vera Jourova Mitte Juli kategorisch.

Statt Airbnb im Ringen mit den Rathäusern zu unterstützen, forderte Jourova den US-Konzern auf, Gebühren oder Reinigungszuschläge transparenter aufzuschlüsseln. So zahlen die Zimmervermieter, unbemerkt vom Übernachtungsgast, in der Regel drei bis fünf Prozent Provision an das Portal. Zudem soll Airbnb deutlicher kennzeichnen, ob die jeweilige Unterkunft einem privaten oder gewerblichen Betreiber gehört. Das Ultimatum, das Jourova dazu setzte, läuft Ende August ab.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Dänemark. Dort gab Airbnb dem Finanzminister im Mai das Versprechen, Einnahmen der Zimmeranbieter an die Behörden zu melden. Zudem akzeptierte man, dass Wohnungen maximal 70 Tage im Jahr auf Übernachtungsbörsen angeboten werden. Die Offenheit und den Verzicht belohnt die dänische Regierung. Bei Einnahmen aus kurzzeitiger Miete spendiert sie einen jährlichen Steuerfreibetrag von umgerechnet rund 3700 Euro.

Doch wie es scheint, könnte in Zukunft eher das Vorbild Barcelona Schule machen. Man schaue sich den Fall der katalanischen Hauptstadt „sehr genau“ an, sagt ein Sprecher der Stadt New York auf Anfrage. Die US-Metropole am Hudson hat erst im Juli einen Gesetzentwurf beschlossen, mit dem sie die existierenden Regeln für Airbnb noch besser durchsetzen kann. So dürfen in New York nur Privatpersonen, die auch in dem Haus oder der Wohnung leben, Zimmer für weniger als 30 Tage vermieten. In Zukunft soll Airbnb auch hier die Daten der Vermieter an die Stadt weiterleiten, damit diese sie direkt überprüfen kann.

Ein Geschäftsmodell mit vielen Feinden. Quelle: picture alliance / Jens Kalaene/
Airbnb-Logo in der Berliner Zentrale

Ein Geschäftsmodell mit vielen Feinden.

(Foto: picture alliance / Jens Kalaene/)

„Ich bin stolz, dass der Stadtrat sich dieses Themas der illegalen Hotels und zweifelhaften Anbieter annimmt, die Airbnb zum Schaden der normalen New Yorker benutzen“, sagte der Demokrat Corey Johnson, Sprecher des Stadtrats. Er habe aus erster Hand gesehen, welche Risiken illegale Hotels für die öffentliche Sicherheit darstellen und wie sie den dringend benötigten Bedarf an bezahlbarem Wohnraum reduzieren.

Nathan Blecharczyk, Mitbegründer von Airbnb, setzt dennoch weiter auf Verständigung. „Airbnb ist für zeitgemäße Regelungen, die alle Interessen berücksichtigen“, sagte er kürzlich dem Handelsblatt. Hierfür arbeite Airbnb überall auf der Welt mit Städten zusammen. „Wir haben mit über 400 von ihnen Partnerschaften geschlossen.“

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