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Energie

BEV-Pleite Das gefährliche Geschäftsmodell der Billigstromanbieter

Nach Flexstrom und Care meldet mit der BEV erneut ein Stromanbieter Insolvenz an. Die Pleite ist die Folge eines ruinösen Geschäftsmodells.
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Acht Strom- und Gasanbieter sind in den vergangenen zwei Jahren pleite gegangen. Quelle: dapd
Billigstrom

Acht Strom- und Gasanbieter sind in den vergangenen zwei Jahren pleite gegangen.

(Foto: dapd)

DüsseldorfMit der bayerischen Energieversorgungsgesellschaft (BEV) ist der nächste Billigstromanbieter insolvent. Und es wird nicht die letzte Pleite auf dem deutschen Strommarkt sein. 

Immer mehr Menschen suchen ihren Stromtarif nach dem günstigsten Preis aus, meist über Vergleichsportale wie Verivox oder Check24. Wo Kunden anfangs mit Billigtarifen und saftigen Bonuszahlungen gelockt werden, stellt sich nach den ersten ein bis zwei Jahren oft Enttäuschung ein, wenn der Strompreis dann doch in die Höhe schnellt. Aber immer mehr Kunden durchschauen dieses Modell.

Auch wenn die meisten Deutschen immer noch sehr selten ihren Stromanbieter wechseln – die Zahl der „Tarifoptimierer“, also Kunden, die häufiger wechseln, weil sie ein günstigeres Angebot gefunden haben, steigt. In der Folge bricht das instabile Geschäftsmodell der Billiganbieter immer häufiger zusammen.

Hohe Kündigungsquoten sollen auch bei der BEV zur Pleite beigetragen haben, wie die „Wirtschaftswoche“ zuvor berichtete. Schon seit Jahresende hatte es bei dem Münchener Unternehmen massenhaft Beschwerden gegeben, weil die monatlichen Grundpreise teilweise um hundert Prozent angezogen werden sollten. Schnell war klar, dass finanzielle Engpässe wohl der Grund für die radikalen Preiserhöhungen waren. Das Geschäftsmodell der BEV funktionierte nicht mehr. Der Energieversorger rechtfertigte sein Vorgehen über die zuletzt gestiegenen Strompreise – bevor er dann am vergangenen Mittwoch offiziell Insolvenz beantragte.

Aus der Sicht von Udo Sieverding, Energieexperte bei der Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen, sind beide Gründe plausibel. „Es gibt immer mehr Profiwechsler, die das System durchschauen und jedes Jahr nach neuen günstigen Angeboten suchen“, erklärt er. 

Solange der Strompreis nicht gestiegen war, hatten Discounter am Markt jedoch den Vorteil niedrigerer Beschaffungskosten, anders als beispielsweise Grundversorger wie die jeweiligen Stadtwerke. Die kaufen ihren Strom oft mehrere Jahre im Voraus ein. 2018 ist der Strompreis allerdings kräftig nach oben geschnellt. 

„Solche Discounter verfolgen ein ruinöses Geschäftsmodell. Viele zahlen in den ersten zwei Jahren sogar noch drauf. Sobald sie dann die Tarife erhöhen, verlieren sie oft sehr viele ihrer Kunden, und die Einnahmen bleiben aus“, erklärt Sieverding. 

Auch Kunden sind finanziell betroffen

Die BEV ist nur der jüngste Fall in einer Reihe von Pleiten unter Billigstromanbietern. Dabei spielt der bayerische Energieversorger mit seinen 500.000 Kunden von der Größenordnung in einer Liga mit den Pleiten von Teldafax und Flexstrom. 

Beide Anbieter hatten Kunden mit günstigen Preisen gelockt, verlangten dafür aber Vorauszahlungen, mit denen sie das laufende Geschäft finanzierten. Als dieses Schneeballsystem dann kollabierte, standen über eine Million Kunden mit leeren Kassen und ohne Stromanbieter da. 

Jetzt trifft BEV-Kunden die Insolvenz ihres Stromanbieters, auch finanziell: Eigentlich hätten viele von ihnen noch Boni bekommen sollen. Ihre Ansprüche können sie nun zwar im Rahmen des Insolvenzverfahrens noch anmelden. Die Aussichten auf Erfolg sind laut Experten wie Sieverding aber eher gering.

An dem Trend zu Strom-Discountern hätten auch die Vergleichsportale einen Anteil, meint Sieverding. „Die Vergleichsportale sind nach der Liberalisierung des Strommarktes nicht nur Teil der Lösung, sondern mittlerweile auch Teil des Problems“, sagt er. Wo vorher angestammte Konzerne die Strom- und Gasnetze kontrollierten, können Verbraucher zwar mittlerweile aus Hunderten verschiedenen Anbietern wählen. 

Inzwischen ist der Wettbewerb um Strom- und Gaskunden in weiten Teilen aber sehr intensiv, teilweise eben sogar ruinös. Arik Meyer, Gründer des Stromportals Switch Up, einer Art digitalem Wechselassistenten, prognostiziert, dass BEV Energie nicht die letzte Insolvenz sein wird: „Es ist wahrscheinlich, dass es zu weiteren Insolvenzen im Strommarkt kommt, da BEV Energie nicht der einzige Stromanbieter mit fragwürdigen Geschäftspraktiken ist.“

Im Internet wird der Kampf um Kunden von ebensolchen Discountanbietern mit oftmals unsauberen Methoden beherrscht. Es hat sich ein Wettstreit um die preiswertesten Lockangebote entwickelt – mit möglichst hohen Bonuszahlungen.

„Wer bei Vergleichsportalen weit oben angezeigt werden will, muss entweder einen möglichst niedrigen Preis bieten oder aber einen sehr hohen Wechselbonus“, erklärt Sieverding. Viele der Stromanbieter haben wohl darauf gesetzt, dass ein Großteil der Kunden die Kündigungsfrist verpasst oder zu träge ist, sich um einen günstigeren Tarif zu kümmern – dann wäre das Geschäftsmodell aufgegangen. „Aber die Quote der Profiwechsler hat sich mittlerweile deutlich erhöht“, beobachtet der Verbraucherschützer. 

Solange es das Wechselspiel zwischen Discountern und Vergleichsportalen gebe, werde sich aber auch an dem Geschäftsmodell der Billiganbieter wohl nichts ändern, glauben Experten.

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