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Energie

Drei-Phasen-Plan Die Wasserstoff-Welt der Zukunft: So will die EU das Energiesystem umbauen

Die EU-Kommission präsentiert ihre Wasserstoff-Strategie. Das Vorhaben unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von den Plänen der Bundesregierung.
07.07.2020 - 18:09 Uhr 2 Kommentare
Die EU-Kommission stellt am Mittwoch ihre Wasserstoffstrategie vor. Quelle: dpa
Neue Wasserstoff-Produktionsanlage in Bosbüll (Schleswig-Holstein)

Die EU-Kommission stellt am Mittwoch ihre Wasserstoffstrategie vor.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, Berlin Der Doppelschlag hat einen hohen Symbolwert: Am Mittwoch will die EU-Kommission gleich zwei Strategien präsentieren, die den Weg Europas in die Energiewelt von morgen skizzieren und zugleich wirtschaftliche Impulse für die Zeit nach einem Ende der Corona-Pandemie geben sollen.

Zum einen wird die Brüsseler Behörde ihre Wasserstoffstrategie vorstellen, zum anderen präsentiert sie ihr Programm für eine Integration der Energiesysteme. Beide Konzepte sind komplementär zu betrachten.

Das Papier zur Integration der Energiesysteme hält eine Reihe konkreter Pläne bereit. So kündigt die Kommission Vorschläge für eine Revision der EU-Energiesteuer-Richtlinie an. Ziel sei, die Besteuerung von Energie an die EU-Umwelt- und Klimapolitik anzupassen und die Besteuerung für die Produktion und die Speicherung von Wasserstoff zu harmonisieren, heißt es in dem Papier.

Außerdem soll es über alle Energiesektoren hinweg deutlichere CO2-Preissignale geben. Bis Juni kommenden Jahres will die Kommission Vorschläge für die Ausweitung des Emissionshandels vorlegen. Darüber hinaus soll verstärkt darauf hingearbeitet werden, Subventionen für fossile Energieträger abzuschaffen. Das soll unter dem Gesichtspunkt des Beihilferechts erfolgen, aber auch im Zuge der geplanten Revision der Energiesteuer-Richtlinie.

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    In fast allen EU-Staaten gibt es Subventionen für fossile Energieträger. Allein in Deutschland belaufen sie sich nach Angaben des Umweltbundesamtes Jahr für Jahr auf zweistellige Milliardenbeträge. Ein typisches Beispiel ist die Energiesteuerbefreiung für Kerosin.

    Auch soll Strom nach dem Willen der Kommission nicht mehr asymmetrisch hoch im Vergleich zu anderen Energieträgern besteuert werden, wie das in Deutschland der Fall ist.

    Der Drei-Phasen-Plan

    Die Wasserstoff-Strategie der EU-Kommission basiert auf einem Drei-Stufen-Plan. In der ersten Stufe sollen die ersten Elektrolyseure zur Herstellung von grünem Wasserstoff mit bis zu 100 Megawatt Leistung verwirklicht werden. Die bereits existierende Wasserstoffproduktion auf Erdgasbasis soll in den kommenden Jahren möglichst CO2-frei werden, indem die bestehenden Anlagen aufgerüstet werden: Künftig soll das frei werdende CO2 abgespalten und gespeichert werden (Carbon Capture and Storage, kurz CCS). In diesen Bereich fließen bereits jetzt viele EU-Gelder.

    In Phase zwei steht der Ausbau der Elektrolyseur-Kapazitäten im Vordergrund. Die Kommission erhofft sich davon eine signifikante Kostenreduktion für die Herstellung von grünem Wasserstoff. In dieser Phase sollen lokale Schwerpunkte der Wasserstoff-Produktion, sogenannte „Hydrogen Valleys“, entstehen.

    Dort soll grüner Wasserstoff produziert, über kurze Distanzen transportiert und auch verbraucht werden. Die EU-Kommission verfolgt einen modularen Ansatz: Die regionalen Zentren können mit steigender Nachfrage zusammenwachsen, am Ende des Prozesses entsteht nach den Vorstellungen der EU-Kommission das Rückgrat einer europäischen Wasserstoffinfrastruktur.

    In der dritten Phase zwischen 2030 und 2050 soll sauberer Wasserstoff in großem Maßstab in den Sektoren eingesetzt werden, für die eine Dekarbonisierung ohne Wassersstoff nicht möglich ist, also etwa in der Stahlindustrie. Um der Industrie zu helfen, die enormen Kosten zu stemmen, die mit der Verwendung von grünem Wasserstoff verbunden sind, will die Kommission Modelle für Carbon Contracts for Difference entwickeln. Dahinter verbergen sich staatliche Garantien für eine bestimmte Höhe des CO2-Preises für Unternehmen, die in Klimaschutz investieren.

    Zusätzlich propagiert die Kommission Quotenlösungen für den Einsatz von grünem Wasserstoff in verschiedenen Sektoren. Dadurch sollen verlässliche Absatzmärkte entstehen.

    Grafik

    An vielen Stellen verfolgt die Wasserstoff-Strategie der EU ähnliche Ziele wie die Nationale Wasserstoffstrategie, die das Bundeskabinett Anfang Juni beschlossen hatte. An einigen Punkten geht die Kommission über das deutsche Konzept hinaus.

    Der Vorstoß der Kommission, bestehende Anlagen zur Herstellung von Wasserstoff auf Erdgasbasis mit CCS-Anlagen zu kombinieren, dürfte in Deutschland kaum auf Gegenliebe stoßen. In Deutschland ist der auf Erdgasbasis in Kombination mit CCS hergestellte „blaue Wasserstoff“ allenfalls geduldet.

    In der Großen Koalition gibt es keine Bereitschaft, sich mit dem Thema CCS auseinanderzusetzen. Die EU-Kommission pflegt außerdem ein unverkrampfteres Verhältnis zu E-Fuels, synthetischen Kraftstoffen, die auf der Basis von grünem Wasserstoff hergestellt werden.

    Die Wirtschaft begrüßt die Initiative der EU-Kommission. „Die EU-Wasserstoffstrategie ist ein ganz entscheidender Schritt für den Aufbau einer leistungsfähigen europäischen Wasserstoffwirtschaft und die Dekarbonisierung Europas“, sagte Uniper-Chef Andreas Schierenbeck dem Handelsblatt.

    Mit der gleichzeitig präsentierten Strategie zur Integration der Energiesysteme mache die Kommission „zusätzlich deutlich, dass Wasserstoff neben Energieeffizienz und Elektrifizierung als dritte Säule des Energiesystems der Zukunft gebraucht wird“, sagte er. Uniper werde sich als europäisches Unternehmen mit Wasserstoff-Expertise und praktischer Erfahrung umfassend beteiligen, kündigte Schierenbeck an.

    Brüssel hofft auf einen Milliardenmarkt

    Für die EU ist eine erfolgreiche Wasserstoffstrategie nicht nur aus klimapolitischen Gesichtspunkten wichtig – Brüssel hofft zugleich auf einen Milliardenmarkt und Weltmarktführerschaft. Bis 2030 könnten durch den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft 140.000 Arbeitsplätze entstehen und die Power-To-X-Technologien ein Marktvolumen von bis zu 140 Milliarden Euro erreichen, heißt es in einem vorläufigen Strategiepapier.

    Genau darauf setzen mittlerweile auch immer mehr Unternehmen aus Energie und Industrie. Sei es mit Megaprojekten wie NortH2, ein Konsortium, an dem sich unter anderem der niederländisch-britische Ölriese Shell und der Gasnetzbetreiber Gasunie beteiligen. Geplant ist der Aufbau eines drei bis vier Gigawatt-Windparks mit entsprechender Elektrolyseanlage bis 2030.

    Mit der neuen EU-Strategie zeigt sich die Branche eigentlich recht zufrieden. Quelle: dpa
    Wasserstoff-Tankstelle

    Mit der neuen EU-Strategie zeigt sich die Branche eigentlich recht zufrieden.

    (Foto: dpa)

    Oder drei deutsche Schwergewichte, die auf Wasserstoff setzen, wie der Stahlriese Thyssen-Krupp, der Energieversorger Eon und Stromproduzent RWE. Die von Thyssen-Krupp gebauten Elektrolyseanlagen sollen künftig mit dem Netz von Eon verbunden und intelligent gesteuert werden. Den Strom für die Anlagen von Thyssen-Krupp liefert RWE.

    Auch andere Stromkonzerne wittern das große Geschäft mit dem Wasserstoff. Sowohl Uniper als auch RWE planen die ersten großen Elektrolyseure mit Kapazitäten von bis zu 100 Megawatt. Diese könnten pro Stunde 1,7 Tonnen gasförmigen Wasserstoff erzeugen. In einem Stahlwerk ließen sich damit rechnerisch 50.000 Tonnen klimaneutraler Stahl erzeugen.

    Mit der neuen EU-Strategie zeigt sich die Branche eigentlich recht zufrieden. Kritikpunkte gibt es dennoch. So sei eine „vollständige Dekarbonisierung bis 2050“ nur zu erreichen, wenn „fossile Gase sukzessiv grün werden“, sagte Thomas König, Netzvorstand des Essener Versorgers erst am Montag.

    Noch sieht der EU-Entwurf vor, für den Übergang auf „blauen Wasserstoff“ zu setzen. Aber egal ob grün oder blau – in einem Punkt ist sich die Wirtschaft einig: Damit ein Hochlauf der noch teuren Zukunftstechnologie gelingen kann, „braucht es langfristige regulatorische Verlässlichkeit und einen investitionsfreundlichen Rechtsrahmen“, fordert Eon-Manager König.

    Kritik an der Geschwindigkeit

    Genau hier sieht der neue Siemens-Energy-Chef Christian Bruch allerdings Schwachstellen in den Plänen der EU. „Wir brauchen Finanzierungskonzepte, um eine rasche Skalierung in Gang zu setzen. Hier verpasst die Strategie wichtige Chancen“, kritisiert er.

    Der 50-Jährige führt die jüngste Abspaltung des Münchener Traditionskonzerns zwar erst seit zwei Monaten, hat durch die Zeit bei dem Industriekonzern Linde jedoch schon seine Erfahrungen mit dem Thema Wasserstoff sammeln können. Ab Mittwoch ist er außerdem Mitglied der Clean Hydrogen Alliance.

    Die für ihn wichtigsten Punkte für eine erfolgreiche Wasserstoffwirtschaft hat er klar vor Augen: „Damit grüner Wasserstoff wirtschaftlich produziert und vertrieben werden kann, müssen sich erst die Randbedingungen ändern: Strom muss günstiger werden, CO2 muss teurer werden, Investitionskosten müssen runtergehen.“

    Auch im Nationalen Wasserstoffrat, den die Bundesregierung einberufen hat, wird der Siemens-Energy-CEO persönlich vertreten sein. Von dem Gremium der Bundesregierung erwartet sich der Energiekonzern einiges – vor allem eine schnelle Umsetzung der angekündigten nationalen Maßnahmen, wie der Befreiung von der EEG-Umlage für Elektrolyseure oder den lang erwarteten Start der schon vor Monaten angekündigten Reallabore. Der Nationale Wasserstoffrat trifft sich am diesem Donnerstag zu seiner konstituierenden Sitzung. Erste konkrete Ergebnisse soll es noch vor Ende des Jahres geben.
    Mitarbeit: Eva Fischer

    Mehr: An Wasserstoffstrategien mangelt es nicht – doch er dürfte trotzdem ein knappes Gut bleiben, meint Handelsblatt-Autor Klaus Stratmann.

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    2 Kommentare zu "Drei-Phasen-Plan: Die Wasserstoff-Welt der Zukunft: So will die EU das Energiesystem umbauen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Grüner Strom in Elektrolyseuren ist Unsinn, so lange wie er zur Entlastung fossiler Erzugung eingesetzt werden kann. Weil der Wirkungsgrad viel zu schlecht ist. Da würde der Teufel mit dem Beelzebub im Quadrat ausgetrieben.

    • Die carbonfreie Energiezukunft kann nur auf europäischer Ebene gelingen.
      Statt auf die Solarenergie in Nordafrika zu setzen müssen die Sonnen- und Windressourcen in Europa genutzt werden. Die Sonne scheint auch oft und viel im Süden der EU. Da braucht es keine neuen Abhängigkeiten von Solarstrom in Nordafrika.

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