Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Energie

Elektromobilität Experten erwarten dramatische Engpässe bei Batteriezellen

Die Nachfrage nach Rohstoffen wird dramatisch steigen. Experten rechnen mit einem weltweiten Investitionsbedarf von 140 Milliarden Dollar bis 2030.
1 Kommentar
Bei Batteriezellen für Elektroautos drohen gewaltige Engpässe Quelle: dpa
Batteriezellenfertigung bei VW

Experten rechnen mit einem weltweiten Investitionsbedarf von 140 Milliarden Dollar bis 2030, um den Bedarf an Batteriezellen zu decken.

(Foto: dpa)

Düsseldorf In Salzgitter ist so richtig viel noch nicht zu sehen. In der neu errichteten Produktionshalle des Motorenwerks von Volkswagen ist eine vielleicht 80 Meter lange Fertigungsstraße entstanden. Der Autokonzern hat hinter dicken weißen Mauern die eigentlichen Produktionsanlagen aufbauen lassen.

Die Fertigung der Batteriezellen läuft hinter diesen Mauern und hermetisch abgeschlossen von der Umgebung ab, VW-Mitarbeiter kontrollieren die Fertigung durch gesicherte Fenster. Die Fertigung von Batteriezellen ist nicht unbedingt eine völlig saubere Angelegenheit. Die Chemie steht im Vordergrund, wenn Lithium, Nickel, Graphit und Kobalt für die Zellen verarbeitet werden.

Was in den vergangenen neun Monaten im niedersächsischen Salzgitter errichtet wurde, ist Stand heute nicht viel mehr als ein Anfang. Volkswagen hat in seinem Motorenwerk eine Pilotanlage zur Fertigung von Batteriezellen gebaut. Dort sollen vor allem Prototypen gebaut und entwickelt werden, eine Serienfertigung ist nicht geplant.

Die Jahreskapazität, die am Ende in Salzgitter herauskommt, liegt bei weniger als einer Gigawattstunde. Mit dieser Menge an Batteriezellen könnten vielleicht 15.000 rein elektrogetriebene Fahrzeuge mit mittlerer Reichweite im Mittelklasseformat ausgestattet werden.

Das ist viel zu wenig für das, was Volkswagen in Sachen Elektromobilität in den kommenden Jahren plant. Mitte des nächstens Jahrzehnts will allein die Marke Volkswagen jährlich eine Million Elektroautos verkaufen. Im gesamten Konzern sind in den nächsten zehn Jahren etwa 70 verschiedene E-Modelle geplant.

Und nicht nur bei Volkswagen: Die deutlich verschärften Kohlendioxid-Grenzwerte in der EU zwingen alle Automobilhersteller zu einem massiven Ausbau der Elektromobilität.

Das geht alles nur mit einem kräftigen Zuwachs beim Elektroantrieb mit mehr Batterien und Batteriezellen. Weil die Grenzwerte nicht nur in Europa, sondern etwa auch in China deutlich schärfer werden, wächst die Nachfrage nach zusätzlichen Batteriezellen weltweit.

In einer neuen Untersuchung kommen das World Economic Forum (WEF) und die Unternehmensberatung McKinsey zu dem Schluss, dass die Produktionskapazitäten für Batteriezellen dramatisch ausgebaut werden müssen.

Ende vergangenen Jahres konnten weltweit Batteriezellen mit einer Kapazität von etwa 184 Gigawattstunden produziert werden, was ungefähr für gut drei Millionen Mittelklasse-E-Autos gereicht hätte. Das, was in den kommenden Jahren gebraucht wird, klingt im Vergleich dazu gewaltig. Die Autoren von WEF und McKinsey kalkulieren in einem Basisszenario damit, dass der Bedarf an Batteriezellen bis zum Jahr 2030 um das Vierzehnfache steigt.

Stärkste Nachfrage entfällt auf China

Stimmt diese Prognose, dann werden zum Ende des nächsten Jahrzehnts fast 2.600 Gigawattstunden gebraucht. Würde diese Kapazität nur für E-Autos verwendet, könnten damit etwa 45 Millionen mittelgroße Elektrofahrzeuge ausgestattet werden. In einem zweiten Szenario ist in der Studie davon die Rede, dass sogar eine Steigerung um das Neunzehnfache denkbar sei.

Dass künftig so massiv mehr Batteriezellen nötig werden, geht fast ausschließlich auf den Wechsel auf den Elektroabtrieb bei Pkws zurück. Batteriezellen werden zwar auch noch für Consumer-Electronics (etwa Smartphones) und die Energiespeicherung gebraucht. Doch die Wachstumsraten dieser beiden Bereiche fallen im Vergleich zur Elektromobilität beinahe zwergenhaft aus.

Im Jahr 2030 werden etwa 60 Prozent der weltweiten Zellnachfrage für Pkws gebraucht. Weitere 27 Prozent werden in Nutzfahrzeuge eingebaut, so die Prognose von WEF und McKinsey. Für die Consumer-Electronics werden dann gerade noch 2,6 Prozent aller nachgefragten Batteriezellen benötigt, heute liegt der Anteil immerhin noch bei etwa 20 Prozent.

Aus regionaler Sicht entfällt die stärkste Nachfrage auf China. Die Volksrepublik wird 2030 voraussichtlich mehr als 40 Prozent aller weltweit hergestellten Batteriezellen in Produkten – also vornehmlich Autos – aus dem eigenen Land verwenden. Die EU dürfte nach den Angaben auf einen Anteil von etwa 17 Prozent kommen, die USA auf knapp 14 Prozent.

Grafik

Damit diese stark steigende Nachfrage nach zusätzlichen Batteriezellen überhaupt gedeckt werden kann, müssen überall auf der Welt neue Zellwerke entstehen. In der WEF-McKinsey-Untersuchung ist davon die Rede, dass aktuell rund um den Globus Produktionskapazitäten für etwa 350 Gigawattstunden bereitstehen. Der Bau zusätzlicher Zellwerke mit 510 Gigawattstunden Kapazität ist bereits zugesagt.

Damit bleibt aber immer noch eine Lücke von 1.700 Gigawattstunden, die nach den Berechnungen der Studienautoren im Basisszenario bis zum Jahr 2030 geschlossen werden müsste. Der finanzielle Aufwand, der dafür notwendig wird, ist gewaltig. Die Untersuchung prognostiziert einen Investitionsbedarf von 140 Milliarden US-Dollar.

Mit den neuen Zellwerken werden sich in Zukunft allerdings auch glänzend Geschäfte machen lassen. WEF und McKinsey kalkulieren damit, dass die stark steigende Zellnachfrage für neue jährliche Umsatzströme in Höhe von 300 Milliarden Dollar sorgen wird. Damit entstünden weltweit zugleich etwa zehn Millionen neue Arbeitsplätze.

Mit dem wachsenden Bedarf an Batteriezellen steigt auch die weltweite Nachfrage nach den Rohstoffen, die für die Zellen gebraucht werden. So soll sich der Bedarf an Lithium in der Zeit von 2018 bis 2030 versechsfachen, beim Nickel wird es das Vierundzwanzigfache sein. Beim Kobalt rechnen die Studienautoren mit einem Anstieg um das Vierfache im Vergleich zu heutigen Produktionsmengen.

Eine wachsende Bedeutung wird aus Sicht der Studienautoren das Batterierecycling bekommen. Nach ihren Berechnungen werden im Jahr 2030 rund 54 Prozent aller Batterien wiederverwendet, die an das Ende ihrer Lebensdauer gekommen sind. Damit könnten immerhin etwa sieben Prozent des benötigten Rohstoffbedarfs gedeckt werden.

Problemfaktor ist die Zeit

Einzelne Autohersteller sind optimistischer, was das Batterierecycling betrifft. So glaubt etwa Volkswagen, dass 70 Prozent der Rohstoffe recycelt werden, wenn der Elektroantrieb zum Standard geworden ist und die Verbrennungsmotoren abgelöst hat.

Branchenexperten teilen die grundsätzliche Sicht von WEF und McKinsey-Beratern: Wegen der Millionen von neuen Elektroautos legt der Bedarf an Batteriezellen deutlich zu. „Elektromobilität wird zum Standard und nicht mehr die Ausnahme sein“, sagt Arndt Ellinghorst vom Investmenthaus Evercore ISI. Dadurch stiegen auch die Chancen, damit ordentlich Geld zu verdienen. Durch die Großserienfertigung entstünden Skaleneffekte, die den Autoherstellern zu einer profitablen Produktion von Elektroautos verhelfen würden.

Außerdem gebe es am Ende die erhofften Klima- und Umwelteffekte. Durch den Aufbau einer umfassenden Zell- und Batterieindustrie ließen sich die Kohlendioxid-Emissionen spürbar reduzieren. Evercore-Analyst Ellinghorst glaubt an eine Minderung von 30 Prozent beim Treibhausgas.

Grafik

Der Weg ist vorgezeichnet, doch es bleiben Unsicherheiten. Der wesentliche Problemfaktor ist die Zeit. Die komplette neue Elektroinfrastruktur muss in etwa zehn Jahren fertig errichtet sein, wenn die angedachten Produktions- und Verkaufszahlen bei E-Autos tatsächlich erreicht werden sollen. „Bei den Verbrennern hat unsere Industrie dafür mehr als 100 Jahre Zeit gehabt“, sagt Stefan Sommer, Einkaufsvorstand beim Volkswagen-Konzern.

VW ist einer der wenigen Autohersteller, die selbst Zellwerke bauen wollen. Eines davon soll in Salzgitter entstehen, die jetzt eröffnete Pilotanlage ist dort also nur der Anfang. Außerdem denkt der Wolfsburger Konzern über weitere eigene Zellfabriken etwa in Ungarn und in Rumänien nach.

Doch auch die angedachten eigenen Werke werden nicht reichen, um den tatsächlichen Bedarf zu decken. Bei Volkswagen ist die Rede davon, dass etwa 20 Prozent für den europäischen Markt selbst produziert werden könnten. Der Rest muss bei den Marktführern aus Asien wie LG Chem oder Samsung eingekauft werden.

Die großen asiatischen Zellhersteller sind zwar auch grundsätzlich bereit dazu, in große neue Werke zu investieren, um etwa den zusätzlichen Bedarf der europäischen Autohersteller zu decken. Aber auch diese neuen Zellfabriken sind noch nicht gebaut worden. „Niemand kann deshalb heute sagen, ob wirklich alles rechtzeitig und dann auch verfügbar fertig ist“, heißt es bei Volkswagen. Immerhin bleibt das Prinzip Hoffnung.

Mehr: EU-Industriepolitik – Zweites Großprojekt für Batteriezellfertigung steht, vier deutsche Konzerne sind dabei

Startseite

Mehr zu: Elektromobilität - Experten erwarten dramatische Engpässe bei Batteriezellen

1 Kommentar zu "Elektromobilität: Experten erwarten dramatische Engpässe bei Batteriezellen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Hat man da nicht die Rechnung ohne den Wirt gemacht?
    Was ist, wenn der Konsument das Produkt E-Mobil nicht annimmt?
    Irgend wie erinnern mich diese Szenarien an die Planungen im "Realen Sozialismus"