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Energie Siemens liefert Turbine für Megaprojekt in Herne

Schon in vier Jahren soll im beschaulichen Herne im Ruhrgebiet eines der größten Gaskraftwerke Deutschlands stehen. Seit Dienstag ist auch Siemens mit an Bord.
Update: 31.07.2018 - 19:06 Uhr Kommentieren
Siemens liefert Turbine für Megaprojekt in Herne Quelle: dpa
Produktion von Gasturbinen bei Siemens

Auch für die Beschäftigten der kriselnden Kraftwerkssparte von Siemens ist der Auftrag zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, MünchenDer Wandel ist in Herne angekommen. Die Einwohner der Ruhrgebietsstadt blicken seit 34 Jahren auf das Steinkohlekraftwerk des Energieversorgers Steag. Sein 300 Meter hoher Schornstein überragt alle anderen Bauwerke der Stadt. In nur vier Jahren soll jetzt auf demselben Gelände eines der größten Gaskraftwerke Deutschlands entstehen.

Dort plant Steag den Bau eines millionenschweren Gas- und Dampfturbinenkraftwerks. Das Essener Unternehmen hat dafür am heutigen Dienstag einen Vertrag mit dem Industrieriesen Siemens unterzeichnetet. Der Münchner Konzern soll die Errichtung der Anlage und den dazugehörigen Service übernehmen. Ein Megaprojekt für die kleine Stadt im Ruhrgebiet.

Während der Bauphase sollen Hernes Oberbürgermeister Frank Dudda (SPD) zufolge 400 bis 600 Mitarbeiter beschäftigt werden. Den Energieversorger kostet der Bau einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag. Das sei „die größte Einzelinvestition in der Wirtschaftsgeschichte seiner Stadt“, sagte Dudda bei der Vorstellung des Projekts. Außerdem passe es perfekt in die Strategie „Raus aus der Kohle-Tradition, rein in die innovative Produktion eines Kraftwerks“, sagte der SPD-Politiker.

Auch für Steag ist der Bau des neuen Kraftwerks eine Investition in die Zukunft. Dem auf Steinkohle spezialisierten Konzern macht die Energiewende zu schaffen. Der Aufstieg von Wind- und Sonnenstrom bedroht das klassische Kerngeschäft des Kraftwerksbetreibers. Ein eiserner Sparkurs ist die Folge. Bis Ende 2020 sollen von den 6100 Jobs bis zu 1000 Stellen wegfallen.

Von den Investitionen in sein neues Gas- und Dampfturbinenkraftwerk erhofft sich das Unternehmen deswegen einiges. Steag sieht die umweltfreundlichere Anlage als zusätzliche Option, falls die Politik irgendwann den endgültigen Ausstieg aus der Kohleverstromung beschließt. Durch die Energiewende gingen in den vergangenen Jahren nach und nach Kohle-, aber auch Gaskraftwerke vom Netz, weil der Markt zunehmend mit Erneuerbaren Energien geflutet wird.

Steag musste bereits drei komplette Anlagen schließen. Zwei Kraftwerke im Saarland stehen auf Beschluss der Bundesnetzagentur nur noch in der Netzreserve zur Absicherung des Stromnetzes bereit.

Großprojekte mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), wie das geplante Gaskraftwerk in Herne, werden bisher mit staatlichen Zulagen gefördert. Die Förderung läuft aber aus. Anspruchsberechtigt sind nur noch Anlagen, die bis Ende 2022 im kommerziellen Dauerbetrieb sind.

Branchenweit wird außerdem mit steigenden Börsenstrompreisen gerechnet, wenn bis 2022 die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet und zunehmend Steinkohlekraftwerke stillgelegt werden. Das Herner Kraftwerk soll rechtzeitig für die KWK-Förderung 2022 ans Netz gehen.

Herne ist der zentrale Einspeisepunkt für die Fernwärmeschiene im Ruhrgebiet, die rund 300.000 Wohnungen in der ganzen Region mit Heizenergie versorgt. Die elektrische Leistung der geplanten Anlage „Herne 6“ soll bei mehr als 600 Megawatt (MW) und 400 MW thermischer Fernwärme liegen.

Mit einem Gesamtnutzungsgrad von 85 Prozent, sei das Kraftwerk so „eine der effizientesten und umweltfreundlichsten Anlagen der Welt“, heißt es in einer Pressemitteilung zur Vertragsunterzeichnung mit Siemens am Dienstag.

Mit immensem finanziellen Aufwand entwickelt

Bei der Zusammenarbeit mit Siemens setze man besonders auf die „exzellente Expertise als Kraftwerksbauer“, sagte Steag-Chef Joachim Rumstadt. Auch für die Beschäftigten der kriselnden Kraftwerkssparte von Siemens ist der Auftrag zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Der Konzern hatte die mit der H-Klasse die nächste Generation der Gasturbine mit immensem finanziellen Auftrag entwickelt. Voller Stolz präsentierte Siemens 2016 mit Eon im Kraftwerk Irsching die damals effizienteste Gasturbine der Welt. Doch Irsching stand die meiste Zeit still, weil sich der Betrieb angesichts der deutschen Regulierung nicht lohnte.

In Europa lassen sich große Gasturbinen fast nicht mehr verkaufen, auch weltweit ist der Markt eingebrochen. Die großen Anbieter GE/Alstom, Siemens, Mitsubishi und Ansalda verkaufen Industriekreisen zufolge weit unter 100 große Gasturbinen im Jahr. Kapazitäten aber hatten sie zu Boomzeiten für 400 Stück aufgebaut. „Der Markt wird in dieser Größe nicht mehr zurückkommen“, heißt es in Industriekreisen.

Viel Geld dürfte Siemens mit dem jüngsten Abschluss nicht verdienen. Denn die Überkapazitäten am Markt haben zu enormen Preisdruck geführt. Siemens verliert nach Schätzungen in Industriekreisen im Neugeschäft in der Kraftwerkssparte derzeit einen höheren dreistelligen Millionenbetrag im Jahr. Geld verdienen alle Anbieter fast nur mit dem Service des Bestands.

Im Umfeld von Siemens wird daher erwartet, dass die Aktivitäten auf längere Sicht nicht mehr zum Kerngeschäft gehören werden. Konzernchef Joe Kaeser hatte angedeutet, dass es bei den großen Turbinen wenig Synergien mit den restlichen Geschäften gebe.

Es wird aber nicht damit gerechnet, dass Kaeser bei Verkündung der neuen Strategie „Vision 2020+“ am Donnerstag den Ausstieg ankündigt. Siemens habe durchaus den Ehrgeiz, das Geschäft erstmal selbst in Ordnung zu bringen. Es werde auch in Zukunft einen Markt für große Turbinen geben. Nur werde dieser kleiner sein als vor einigen Jahren.

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