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Energie

Energiebranche Stromnetzbetreiber 50Hertz soll trotz vieler Herausforderungen selbstständig bleiben

Der Chef des Mutterkonzerns Elia, Chris Peeters, will seine Kompetenzen in Deutschland stärken – und sucht langfristig einen hier ansässigen Co-Investor.
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Die Firma betreibt Stromnetze in Ostdeutschland. Quelle: Reuters
Mitarbeiter von 50Hertz in den Steuerzentrale

Die Firma betreibt Stromnetze in Ostdeutschland.

(Foto: Reuters)

Düsseldorf, BerlinDiese Nachricht alarmierte vergangenes Jahr die deutsche Politik: Ein chinesischer Energiekonzern versuchte gleich zweimal, sich an 50Hertz, einer der größten Stromnetzgesellschaften des Landes, zu beteiligen. Erstmals landete damit ein Betreiber kritischer Infrastruktur auf der Einkaufsliste der Chinesen.

Die Bundesregierung intervenierte zwar erfolgreich. Das erste Paket von 20 Prozent kaufte der Mehrheitseigner von 50Hertz, der belgische Netzbetreiber Elia. Das zweite Paket übernahm die bundeseigene Förderbank KfW – aber ausdrücklich nur vorübergehend.

Die Eigentümerstruktur ist damit noch nicht langfristig geklärt. Könnten sich doch noch die Chinesen an 50Hertz beteiligen, oder unliebsame Fonds aus dem Ausland?

Elia-CEO Chris Peeters pocht jedenfalls auf einen deutschen Partner im Eigentümerkreis: „Wir sind mit unserem Anteil von 80 Prozent zufrieden – die restlichen 20 Prozent wollen wir gar nicht“, hält Peeters im Interview mit dem Handelsblatt fest – und fügt hinzu: „Es ist gut, dass wir auch einen deutschen Anteilseigner als Partner haben.“

Es sei im Interesse der Belgier, „wenn die deutsche Sichtweise im Aufsichtsrat vertreten“ sei. 50Hertz soll auch operativ ein Deutscher führen – und weitgehend selbstständig arbeiten. Peetres erklärt: „Als Netzbetreiber ist es wichtig, dass man einen engen Draht zur Politik und zur Gesellschaft hat.“

Elia hat nach seinen Worten zwar keine Anzeichen gemacht, dass sich die KfW „sehr schnell“ von ihrem Anteil trennen wolle. „Sollte sie sich aber zum Verkauf entschließen, würden wir uns freuen, wenn das Paket wieder von einem deutschen Partner übernommen würde“, betont der Konzernchef.

Die Sensibilität in der Politik ist verständlich. 50Hertz kommt eine Schlüsselrolle bei der Energiewende zu. Das Unternehmen ist neben Amprion, Tennet und TransnetBW für das Übertragungsnetz zuständig. Mit den Höchstspannungsleitungen wird der Strom überregional transportiert, ehe er von den regionalen Verteilnetzbetreibern zu den Verbrauchern geliefert wird.

Der 52-Jährige führt den belgischen Stromnetzbetreiber Elia seit vier Jahren. Zuvor hatte er für McKinsey und Schlumberger gearbeitet. Quelle: Fadrice Debatty/Elia
Chris Peeters

Der 52-Jährige führt den belgischen Stromnetzbetreiber Elia seit vier Jahren. Zuvor hatte er für McKinsey und Schlumberger gearbeitet.

(Foto: Fadrice Debatty/Elia)

50Hertz ist für das Netz in Ostdeutschland zuständig und hat doppelt mit der Energiewende zu kämpfen. Mit neuen Leitungen muss der Strom aus den Offshore-Windanlagen in der Ostsee nach Süden transportiert werden. Zudem muss 50Hertz den Ausstieg aus der Braunkohleförderung in der Lausitz abfedern.

Peeters ist deshalb überzeugt, dass die KfW die gleichen Prioritäten hat. Nach seinen Worten gäbe es „sicherlich viele Interessenten“. „Ich glaube aber nicht, dass die KfW den Anteil an einen ausländischen Fonds veräußern würde, sondern lieber an einen langfristig interessierten Investor aus Deutschland“, sagt der Elia-Chef. Das Paket könnte nach seiner Einschätzung für Kommunalversorger, deutsche Fonds oder Versicherer interessant sein.

Es sei zwar die Entscheidung der deutschen Politik, dass sie keinen chinesischen Investor bei 50 Hertz haben wollte. „Ich kann das aber verstehen. Stromnetze sind kritische Infrastruktur und da muss man in die Betreiber schon maximales Vertrauen haben.“

Vorbehalte gegen Elia

In der Politik wird aber auch Elia selbst durchaus kritisch beäugt. Das Unternehmen sieht sich als einer der fünf größten Netzbetreiber in Europa und betreibt Leitungen mit einer Länge von knapp 19.000 Kilometer, an die rund 30 Millionen Verbraucher angeschlossen sind. Der Schwerpunkt des Geschäfts liegt in Deutschland: 50Hertz ist für mehr als die Hälfte der Leitungen zuständig.

Für Unruhe sorgte zum Jahreswechsel der überraschende Abgang von Boris Schucht, dem langjährigen 50Hertz-Chef. Nach offizieller Darstellung trennten sich Schucht und 50Hertz zwar in bestem Einvernehmen. Hinter den Kulissen war aber zu hören, Schucht habe nicht hinnehmen wollen, dass 50Hertz mehr und mehr zur Dependance von Elia werde und zunehmend aus Belgien gesteuert werde. Eine offizielle Bestätigung gibt es dafür nicht.

Peeters bedauert nach eigenen Worten Schuchts Abgang und will bis Jahresende den Nachfolger gefunden haben. „Der neue CEO soll wieder aus Deutschland kommen. Er muss in der deutschen Politik eng verdrahtet sein“, verspricht er. Die Headhunter würden „ausdrücklich mit deutschen Kandidaten“ sprechen. „Der neue 50-Hertz-Chef soll kein Befehlsempfänger sein. Er soll das Unternehmen selbstständig führen“, sagt Peeters.

Bedenken hinsichtlich der Finanzkraft des belgischen Unternehmens weist der Elia-Chef zurück: „Wir haben bisher alle unsere Investitionszusagen erfüllt – und werden das auch weiter tun“, sagt er. In der Vergangenheit hatte es die Befürchtung gegeben, Elia könne versucht sein, zunächst die Investitionen im eigenen Land zu finanzieren, worunter die ehrgeizigen Pläne für den Netzausbau in Deutschland leiden könnten. Ähnlich wird auch mit Blick auf den Übertragungsnetz-Betreiber Tennet argumentiert. Die niederländische Firma betreibt ebenfalls einen wichtigen Teil des deutschen Übertragungsnetzes und muss hierzulande einen wesentlichen Teil des Netzausbaus schultern, steht aber auch in den Niederlanden vor großen Aufgaben.

Allein in den kommenden fünf Jahren will Elia 3,4 Milliarden Euro in Deutschland investieren. Das größte Projekt ist dabei: der Süd-Ost-Link. Die Gleichstromverbindung zwischen Sachsen-Anhalt und Bayern soll im Zuge der Energiewende Strom vom Osten nach Süden verteilen. Die Leitung soll Wolmirstedt bei Magdeburg mit dem Kraftwerksstandort Isar bei Landshut verbinden. Für den nördlichen Teil ist 50Hertz zuständig, für den südlichen Tennet. Das Projekt stieß bei Anwohnern auf massiven Widerstand. Nach Peeters Worten ist es aber „im Zeitplan“.

Der Elia-CEO sieht die Energiewende aber nicht nur als deutsches, sondern als „europäisches Projekt“. Als Netzbetreiber, der schon in zwei Ländern große Netze betreibt, sieht er sein Unternehmen deshalb in einer Vorreiterrolle. „Wir versuchen bei der EU die Interessen der Netzbetreiber einzubringen“, sagt Peeters.

Elia könne auch gut die Kompetenzen von einem Land ins andere übertragen. Die Erfahrung aus Deutschland mit der Anbindung von Offshore-Windparks würden jetzt beispielsweise auch in Belgien gebraucht. Belgien dagegen sei zwar ein kleines Land, aber es habe viele Kuppelstellen zu anderen Netzen und großen Austausch von Strom mit anderen Ländern. „Es ist Kern unserer Strategie, in mehreren Ländern aktiv zu sein“, sagt Peeters: „Deshalb kann ich mir den Eintritt in andere Länder vorstellen, auch durch Zukäufe – aber sicher nicht in der Größenordnung wie bei 50Hertz.“

Kein teurer Kohleausstieg

In der Branche heißt es, Elia spiele auch bei Entso-E, dem Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber, eine zunehmend wichtige Rolle und übe erheblichen Einfluss auf Regulierungsfragen aus. Die Belgier seien operativ zwar nur ein kleinerer Player, über die 80-Prozent-Beteiligung an 50Hertz aber sei die Bedeutung erheblich gewachsen.

In Deutschland wird die Tochter 50Hertz jetzt mit einer neuen Herausforderung konfrontiert. Anfang des Jahres hatte die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission einen Pfad für den Ausstieg aus der Kohleförderung und -verstromung vorgeschlagen. Nachdem Deutschland bis 2022 den Atomausstieg bewältigen will, soll nun auch bis 2038 die Stromproduktion mit Kohle beendet werden. 50Hertz ist davon überproportional betroffen, weil in der Lausitz die zweitgrößte deutsche Braunkohleförderung beheimatet ist – und viele Kohlekraftwerke im Netzgebiet stehen.

„Der Kohleausstieg wird die Netzbetreiber in Deutschland vor große Herausforderungen stellen“, prophezeit Peeters. Speziell die erste Phase – bis 2022 – werde „schwierig“. Deutschland könne das nicht alleine bewältigen. Letztlich werden auch die Nachbarstaaten mit Stromexporten und -importen helfen müssen, in Deutschland Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht zu halten.

Peeters hat aber eine gute Nachricht für die Verbraucher: Natürlich müsse sein Unternehmen zusätzliches Geld investieren. „Ich glaube nicht, dass der Kohleausstieg, was die Netze angeht, sehr teuer werden wird“, sagt er aber.

Mehr: Nicht nur bei 50 Hertz schaltete sich die Bundesregierung ein, um eine chinesische Übernahme zu verhindern. Auch bei Verhandlungen mit Leitfeld Metal Spinning hatte sie Bedenken.

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