Energiekrise: Türkei stoppt Öltanker am Bosporus
Von hier aus wird vor allem kasachisches Rohöl verschifft.
Foto: APDüsseldorf. Die am Montag gestarteten Sanktionsregeln gegen russische Ölimporte haben unbeabsichtigte Folgen: Während russisches Öl weiterhin ungehindert an Käufer etwa nach Indien und China fließt, gerät die Versorgung Europas durch kasachisches Öl in Stocken.
Nach einem Bericht der Überwachungsfirma Tankertrackers, die sich auf die Analyse von Schiffsbewegungen spezialisiert hat, sitzen seit mehreren Tagen acht mit Rohöl beladene Tanker in türkischen Gewässern fest. Statt die Meerenge der Dardanellen in Richtung Griechenland zu passieren, lagen sie nach Informationen der Newsplattform „Splash 247“ zuletzt an den zunehmend knapper werdenden Ankerplätzen Icdas und Sarkoy im Marmarameer südwestlich von Istanbul.
In den nächsten Tagen könnte sich der Stau noch ausweiten. „Russian Tanker Tracker“, ein von Greenpeace entwickelter Bot, der mithilfe von Satellitendaten Öl- und Gastanker verfolgt, meldet aktuell 26 Tanker, die russische fossile Brennstoffe nach Europa befördern. Einer von ihnen verließ Russland nach Angaben des über Twitter verfolgbaren Dienstes in den letzten 24 Stunden.
Auch in der Gegenrichtung dürfte es bald schon zu Staus kommen. Nach Angaben der Schifffahrtsplattform „Sea/“ sind in den nächsten zwei Wochen 148 Tanker für Russland bestimmt.
Ausgelöst werden die Schiffsansammlungen nahe dem Bosporus durch die verschärften Sanktionen der G7-Staaten gegen Russland. So ist Öltankern seit Montag nur noch dann der Transport von russischem Rohöl erlaubt, falls es zu einem Preis von maximal 60 Dollar pro Barrel erworben wurde. Mit dem Preisdeckel wollen die Industriestaaten verhindern, dass sich Moskau an überhöhten Rohstoffpreisen übermäßig bereichert und mit den Sondereinnahmen den Angriffskrieg in der Ukraine finanziert.
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Der eigentliche Hebel, um das Embargo durchzusetzen, ist das Versicherungsrecht. So verlieren Tanker, die überteuertes russisches Öl transportieren, seit dem 5. Dezember unmittelbar die Deckung ihres Versicherers.
Gewährt wird diese „Protection and Indemnity“-Versicherung (P&I) üblicherweise von nationalen Versicherungsklubs, die sich unter dem Dach einer Londoner Gesellschaft zusammengeschlossen haben. Schließlich bergen Tankerunfälle Risiken, die mit Milliardenbeträgen abgesichert werden müssen. Die P&I-Klubs haben weltweit einen Marktanteil von 90 Prozent.
Doch seit einer Anordnung der Türkei von Mitte November liegen die Versicherer mit der dortigen Regierung im Clinch. Ankara verlangt von den Unternehmen, dass sie auch ab dem 1. Dezember „unter allen Umständen“ ihren Risikoschutz für Schiffe aufrechterhalten, die türkische Gewässer befahren. Dieser Blankoscheck müsse selbst dann gelten, „wenn der Versicherte wissentlich und absichtlich oder unbewusst und unbeabsichtigt gegen Sanktionen verstößt“.
Auch kasachisches Öl von Staus in Türkei betroffen
Der norwegische Schiffsversicherer Skuld, Sprecher der P&I-Klubs, lehnte eine solche Garantie noch am Montag mit Nachdruck ab. „Die Ausstellung eines Bestätigungsschreibens unter diesen Umständen würde den Klub einem Verstoß gegen Sanktionen nach EU-, UK- und US-Recht aussetzen“, teilte die weltweit größte Schiffsassekuranz mit. Daher könnten die Versicherer der Aufforderung der Türkei nicht nachkommen. Allerdings kündigte Skuld an, kurzfristig mit Ankara in Verhandlungen zu treten.
Von den Staus am Bosporus betroffen ist auch Rohöl, das nicht den Sanktionsbestimmungen unterliegt. So pumpt Kasachstan Öl über eine Pipeline in den russischen Hafen Noworossijsk, von wo aus es ebenfalls durch das Schwarze Meer nach Europa verschifft wird.
Laut „Tankertrackers.com“ stammen 6,5 Millionen der aktuell von Russland aus verschifften sieben Millionen Barrel vom Caspian Pipeline Consortium. Dessen Ölmischung besteht aus mindestens 85 Prozent kasachischem Öl. Auch die USA importieren den Energieträger, obwohl die restliche Menge aus Russland stammt.
Für Ankara hingegen bleibt das Interesse groß, auf einen strengen Versicherungsschutz der Schiffe zu achten. Um mögliche Sanktionen zu unterlaufen, sollen mit Moskau verbundene Schiffsfirmen in den vergangenen Monaten 29 VLCC-Supertanker gekauft haben, von denen jeder mehr als zwei Millionen Barrel transportieren kann.
Das Land habe wahrscheinlich weitere 31 mittelgroße Tanker mit einer Kapazität von jeweils einer Million Barrel geordert, neben 47 kleineren Schiffen, die rund 700.000 Barrel transportieren können. Das ist einem Bericht des Schiffsmaklers Braemar gegenüber der Internationalen Energieagentur zu entnehmen, aus dem die „Financial Times“ vor wenigen Tagen zitierte.
Ein großer Teil der Schiffe habe bereits das Alter von zwölf bis 15 Jahren erreicht, heißt es darin. Üblicherweise werden solche Schiffe nach etwa 20 Jahren verschrottet. Für die Umwelt am Bosporus stellen sie damit ein erhöhtes Risiko dar.
Russisches Öl wird auch von „Schattenflotte“ transportiert
Russische Tanker, die bei den P&I-Klubs keine Aufnahme finden, bietet sich im eigenen Land als Alternative wohl allein die Moskauer Versicherungsgesellschaft Ingostrakh an. Ob sie angesichts des Embargos ihr Engagement im Schiffsmarkt ausweiten wird, ist bislang jedoch unbekannt. Der stellvertretende russische Verkehrsminister sagte vergangene Woche laut einem Medienbericht, chinesische Behörden würden russische Versicherungen noch nicht anerkennen, Indien und die Türkei hingegen schon.
Beliefert werden diese und zahlreiche andere Länder von Russland längst auch von Tankern, die bereits auf Sanktionslisten stehen – der sogenannten „Schattenflotte“. Diese umfasst laut Braemar 80 Supertanker der Klasse VLCC und 160 kleinere wie mittelgroße Schiffe, die im vergangenen Jahr mindestens einmal iranisches oder venezolanisches Öl transportierten und sich damit am illegalen Handel beteiligten.
Laut Braemar haben seit April dieses Jahres 33 Tanker, die zuvor entweder iranisches oder venezolanisches Rohöl transportiert haben, nun auch russisches Öl oder Ölprodukte geladen. Experten warnen bereits, dass durch diese meist alten Schiffe die Gefahr von Umweltkatastrophen deutlich steigt.
Ein Großteil der Kapazitäten werde für Lieferungen an China und Indien genutzt. Dorthin würden inzwischen täglich 2,1 Millionen Barrel verschifft, während man vor der Ukraineinvasion auf dieser Strecke gerade einmal 900.000 Barrel täglich zählte.
Erstpublikation: 06.12.22, 16:04 Uhr (zuletzt aktualisiert am: 08.12.22, 14:45 Uhr).