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Energie

Energiemarkt Ökostrom vom Ölkonzern – Shell könnte deutschen Pionier Lichtblick übernehmen

Deutschlands Pionier im Vertrieb von grünem Strom gehört womöglich bald zum Ölmulti Shell. Lichtblick-Mitarbeiter sind entsetzt – die Billigkonkurrenz frohlockt.
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Düsseldorf Lichtblick ist zweifelsfrei ein Pionier auf dem deutschen Energiemarkt. Das Unternehmen wagte sich schon vor 20 Jahren, als der Markt gerade geöffnet wurde, in den Wettbewerb mit den Energiekonzernen – und hat sich als einer der wenigen Newcomer von damals bis heute gehalten. Von Anfang an setzte Lichtblick auch konsequent auf Ökostrom – und das mit Erfolg.

Mehr als 600.000 Haushalte und Betriebe beliefert das Unternehmen heute mit grünem Strom. Lichtblick war und ist der Gegenentwurf zu den Vertriebsabteilungen der alten Kohle- und Atomkonzerne.

Jetzt zeichnet sich für das Hamburger Unternehmen aber ein kapitales Problem ab: Lichtblick könnte schon bald zum weltweiten Reich des Ölmultis Shell gehören. Die Unabhängigkeit hat das Unternehmen schon verloren, als es vor Kurzem vom niederländischen Versorger Eneco übernommen wurde. Das war noch zu verschmerzen, die Niederländer setzen ebenfalls konsequent auf nachhaltige Energie.

Allerdings steht Eneco jetzt selbst zum Verkauf. Die Eigentümer, niederländische Kommunen, haben eine Auktion gestartet – und als klarer Favorit gilt Shell. Für Lichtblick brächte das ein massives Imageproblem mit sich. Gerade bei Ökostrom hinterfragen Kunden die Glaubwürdigkeit der Anbieter. Einige Konkurrenten frohlocken schon.

Ökostrom vom Ölkonzern? Lichtblick-Chef Wilfried Gillrath übt sich noch in Gelassenheit: „Es ist derzeit noch zu früh, über konkrete Eneco-Käufer zu spekulieren“, sagte er dem Handelsblatt: „Der Verkaufsprozess hat gerade erst begonnen und wird sich noch einige Zeit hinziehen.“

Ökostrom ist nicht gleich Ökostrom. Die Pioniere investieren auch in die eigene Produktion. Quelle: Eneco
Windkraftanlage

Ökostrom ist nicht gleich Ökostrom. Die Pioniere investieren auch in die eigene Produktion.

(Foto: Eneco)

Im Unternehmen ist die Aufregung aber schon groß. Viele Mitarbeiter können sich nicht vorstellen, künftig unter der Aufsicht eines Ölkonzerns zu arbeiten. Für sie steht Lichtblick nicht nur für die Energiewende – sondern ist auch eine Alternative zur alten, verkrusteten Energiewelt.

Eneco passte zu Lichtblick

„Ich bin vor 20 Jahren mit Lichtblick angetreten, um gegen die Großkonzerne zu kämpfen“, sagt Heiko von Tschischwitz: „Wenn Lichtblick jetzt von Shell übernommen wird, frisst die Revolution ihre Kinder.“ Von Tschischwitz hat das Unternehmen mitgegründet und lange geführt.

Vor zwei Jahren verkauften von Tschischwitz und die anderen Eigentümer die ersten 50 Prozent an Eneco. Die meisten waren jahrelang dabei, viele von Beginn an – wie auch der größte Anteilseigner, der Hamburger Unternehmer Michael Saalfeld. Mit Eneco, so hieß es damals, waren die Alteigentümer und das Management froh, einen passenden Partner gefunden zu haben.

„Wir haben ein Unternehmen gefunden, das dieselben Visionen und Werte hat wie wir“, freute sich Geschäftsführer Gillrath damals. Ausdrücklich wurde auch betont, dass Eneco zwar 50 Prozent erwerbe, aber eben nicht die Mehrheit. Lichtblick sollte unabhängig bleiben, das Management bleibe im Amt, der Verwaltungsrat werde paritätisch besetzt.

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Ende des Jahres verkauften die Alteigentümer dann auch die restlichen Anteile an Eneco, die Unabhängigkeit war damit verloren – aber wieder betonte das Lichtblick-Management die vielen Gemeinsamkeiten mit den Niederländern.

Tatsächlich investieren die Niederländer, die 2018 mit 3.000 Mitarbeitern 4,2 Milliarden Euro umsetzten, gezielt in Biomasse-Kraftwerke, Wind- und Solarparks und beliefern die fünf Millionen Kunden vorzugsweise mit grüner Energie.

„Eneco passte mit seiner nachhaltigen Ausrichtung toll zu Lichtblick, als wir vor zwei Jahren die Partnerschaft eingegangen sind“, erklärt Lichtblick-Gründer von Tschischwitz: „Wenn Eneco jetzt von einem Ölkonzern geschluckt wird, würde sich das natürlich fundamental ändern. Das empfände ich schon als sehr bitter.“

Shell gilt durch seine Finanzkraft als Favorit

Das Szenario, von dem die Alteigentümer bei ihrem Ausstieg nach eigenen Angaben nichts wussten, ist aber real. Die 44 Kommunen, denen Eneco gehört, haben das Unternehmen zum Verkauf gestellt. Im Laufe des Jahres wollen sie den Energiekonzern an den Meistbietenden verkaufen, nur 25 Prozent sollen noch in kommunaler Hand bleiben. Experten schätzen den Wert des Unternehmens auf bis zu vier Milliarden Euro.

Shell hat frühzeitig mit dem niederländischen Pensionsfonds PGGM Interesse signalisiert. Der Konzern versucht mit seiner Tochter Shell New Energies, bewusst vom Image des Ölkonzerns loszukommen und in erneuerbare Energien zu investieren. Natürlich ist nicht ausgemacht, dass der Konzern den Zuschlag bekommt.

Wegen seiner Finanzkraft und seiner Nähe zu den jetzigen Eigentümern gilt der niederländisch-britische Konzern aber als Favorit. Erst in der vergangenen Woche hatte er schon zusammen mit Eneco ein Gebot für einen Offshore-Windpark vor der niederländischen Küste abgegeben.

Und selbst wenn Shell nicht zum Zuge kommen sollte, andere Bieter wären für Lichtblick kaum besser: Auch der französische Ölkonzern Total und der italienische Energiekonzern Enel wollen Eneco.

„Natürlich ist es an sich positiv, wenn endlich auch die bisher rückwärtsgewandten Konzerne ernsthaft in Nachhaltigkeit investieren, aber Lichtblick war immer gerade durch seine Unabhängigkeit so stark und glaubwürdig. Das würde verloren gehen“, sagt von Tschischwitz.

Er selbst hat inzwischen ein eigenes Unternehmen gegründet: Das Start-up Enyway ist noch konsequenter als Lichtblick ausgerichtet. Es bringt auf seiner Plattform auch kleine Ökostromproduzenten wie Landwirte direkt mit interessierten Kunden zusammen.

Das Lichtblick-Management hat Eneco durchaus schon seine Bedenken übermittelt. Geschäftsführer Gillrath muss aber diplomatisch vorgehen: „Gegen eine Veränderung der Gesellschafterstruktur haben wir bei Lichtblick grundsätzlich nichts einzuwenden“, sagt er. „Wichtig ist für Lichtblick aber in jedem Fall, dass potenzielle neue Eigentümer die nachhaltige Ausrichtung unseres Unternehmens unterstützen.

Wir sind überzeugt, dass wir unseren Erfolgsweg fortsetzen können.“ Er geht auch davon aus, dass jeder Investor bei Eneco die gemeinsame „Energiewende-Ausrichtung“ der beiden Unternehmen unterstützen werde: „Jedes andere Vorgehen eines zukünftigen Eigentümers wäre irrational, weil es einer aktiven Geldvernichtung gleichkäme“, sagt Gillrath.

Harter Wettbewerb

Für Lichtblick wird es wichtig sein, weiter die Unabhängigkeit und konsequente Ausrichtung auf die Energiewende herauszustellen – egal, wer die Muttergesellschaft Eneco übernehmen wird. „Wenn Ökostromkunden daran zweifeln, ob es ein Anbieter ernst mit der Energiewende meint, besteht die Gefahr, dass er wechselt“, sagt Energieexperte Andreas Stender von A.T. Kearney. Ökostromkunden seien kritischer als normale Stromkunden. „Ein Eigentümerwechsel ist deshalb schon ein Risiko für einen Ökostromanbieter.“

Konkurrenten reiben sich bereits die Hände. „Wir fragen uns schon, wie der Ökokunde das aufnehmen wird – und was das für die Marke bedeutet“, lästert ein Billiganbieter. Das Problem: Im Geschäft mit Ökostrom tummeln sich fast alle Versorger. Jeder Discountanbieter, jede Vertriebsgesellschaft eines Energiekonzerns und jedes Stadtwerk vertreibt Ökostrom. Zehn Millionen Stromkunden beziehen inzwischen grünen Strom in Deutschland.

Und während das Segment wächst, stagnieren seit Jahren die Kundenzahlen der Ökostrom-Pioniere: Lichtblick gehört zu einer Hand voll Unternehmen, die sich von Anfang an konsequent auf erneuerbare Energien konzentriert haben.

Naturstrom ist eine Aktiengesellschaft, gehört aber rund 1.000 engagierten Bürgern, EWS Schönau ist eine Genossenschaft aus dem Schwarzwald, die aus einer Bürgerinitiative hervorgegangen ist, und Greenpeace Energy wurde von der Umweltschutzorganisation initiiert und ebenfalls als Genossenschaft aufgesetzt. Sie alle stellen bewusst ihre Unabhängigkeit heraus und die ganzheitliche Ausrichtung auf die Energiewende.

Ökostrom ist schließlich nicht gleich Ökostrom. Billiganbieter können im Ausland Grünstromzertifikate erwerben, um Strom in Deutschland umzudeklarieren. „Richtige“ Ökostromfirmen kaufen direkt in Deutschland Ökostrom und investieren selbst in grüne Stromproduktion.

Während die Billigkonkurrenz hinter vorgehaltener Hand über die potenzielle Verbindung von Lichtblick und Shell lästert, herrscht bei den Ökostrompionieren eher Betroffenheit. Direkt äußern will sich keiner. Im Hintergrund zeigen sich Unternehmen aber besorgt.

Lichtblick, Naturstrom, EWS und Greenpeace seien sich zwar nicht in allem einig, hätten aber in der Vergangenheit dieselben Interessen vertreten, sagt ein Vertreter: „Wie das demnächst funktionieren kann, wenn Shell dahintersteht, ist fraglich.“

Er rechnet auch damit, dass Lichtblick ein Imageproblem bekommen und Kunden verlieren werde: „Es gibt einen großen Anteil an dunkelgrünen Kunden“, sagt er. „Die schauen genau hin, wer hinter ihrem Anbieter steckt.“
„Bei Ökostrom im Premiumsegment ist Glaubwürdigkeit ein hohes Gut“, sagt Naturstrom-Vorstandsmitglied Oliver Hummel.

Vielen überzeugten Ökostromkunden gehe es nicht nur ums Stromprodukt, sondern auch um den Anbieter und seine Philosophie. „Dazu gehört auch, dass ihr Ökostromlieferant unabhängig ist von der alten Energiewelt.“

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