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Energie

Energiewende Warum grüner Wasserstoff noch nicht klimaneutral ist

Die Bundesregierung will die Produktion von grünem Wasserstoff voranbringen. Beim Klimaschutz wird der aktuelle Strommix allerdings zum Problem.
27.08.2020 - 14:05 Uhr 1 Kommentar
Mit ihrem Konjunkturpaket hatte die Bundesregierung nach langer Debatte zugesagt, die Produktion von grünem Wasserstoff von der EEG-Umlage zu befreien. Quelle: dpa
Wasserstoffproduktion

Mit ihrem Konjunkturpaket hatte die Bundesregierung nach langer Debatte zugesagt, die Produktion von grünem Wasserstoff von der EEG-Umlage zu befreien.

(Foto: dpa)

Berlin Die Absicht ist ehrenwert: Die Bundesregierung will die Produktion von grünem Wasserstoff voranbringen, der das Klima schonen soll. Doch die Pläne für die konkrete Umsetzung dieses Ziels stoßen in der Wasserstoffbranche auf Kritik.

Das Bundeswirtschaftsministerium plant, den für die Wasserstoff-Elektrolyse eingesetzten Strom größtenteils von der Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zu befreien. Als Instrument favorisiert sie dabei die sogenannte Besondere Ausgleichsregelung (BesAR) des EEG. Die geplante Regelung soll möglichst noch mit der EEG-Novelle realisiert werden, die Anfang 2021 in Kraft treten soll.

Alternativen sieht man im Ressort von Minister Peter Altmaier (CDU) nicht. Zwar könnte man auch eine pauschale Komplettbefreiung anpeilen. Nach Überzeugung der Fachleute im Ministerium wäre dieser Weg jedoch problembehaftet: Die Komplettbefreiung berge erhebliche Risiken, weil sie in Brüssel notifiziert werden müsse und überdies verfassungsrechtlich unsicher sei, sagen die Fachleute.

Die BesAR befreit Unternehmen des produzierenden Gewerbes von erheblichen Teilen der EEG-Umlage. Damit soll sichergestellt werden, dass die Firmen international wettbewerbsfähig bleiben. Diese Regelung soll nun für den Betrieb von Wasserstoff-Elektrolyseuren geöffnet werden. Das Bundeswirtschaftsministerium hat die entsprechenden Überlegungen kürzlich Repräsentanten verschiedener Branchen – von der Stahl- und Chemiebranche bis zur Energiewirtschaft – vorgestellt.

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    Der Haken dabei: Das Ministerium sieht bislang nicht vor, Vorgaben zur Eigenschaft des Bezugsstroms zu machen. Die BesAR ziele nur auf die Stromkostenintensität ab und habe keine klimapolitische Funktion, so das Argument.

    Demnach könnte also auch der herkömmliche Strommix für die Wasserstoff-Elektrolyse genutzt werden. Dieser Strommix besteht derzeit nur zu gut 40 Prozent aus Strom aus Erneuerbaren. Der Rest basiert im Wesentlichen auf Erdgas, Stein- und Braunkohle sowie Atomstrom.

    Die Folge: Der mit dem herkömmlichen Strommix hergestellte Wasserstoff ist nicht klimaneutral und damit auch kein grüner Wasserstoff, dessen Herstellung die Bundesregierung eigentlich forcieren möchte.

    Branche sieht Unsicherheiten auf sich zukommen

    Grüner Wasserstoff gilt als der Schlüssel zur Dekarbonisierung von Prozessen im Industrie-, aber auch im Mobilitätssektor. Von grünem Wasserstoff ist aber nur dann die Rede, wenn der Wasserstoff mittels Strom aus erneuerbaren Quellen durch Elektrolyse hergestellt wird. Der Wasserstoff ist dann CO2-frei hergestellt, er verbrennt auch CO2-frei.

    Aus Sicht des Ministeriums stellt die Anwendung der BesAR auf die Wasserstoff-Elektrolyse den schnellsten und unkompliziertesten Weg da, um eine drastische Reduzierung der EEG-Umlage zu erreichen. Die an der Produktion von grünem Wasserstoff interessierten Branchen fordern das seit Langem.

    Mit ihrem Anfang Juni beschlossenen Konjunkturpaket hatte die Bundesregierung nach langer Debatte zugesagt, die Produktion von grünem Wasserstoff von der EEG-Umlage zu befreien. Dieser Zusage trägt das Bundeswirtschaftsministerium mit dem Plan, die BesAR auszuweiten, Rechnung.

    In den betroffenen Branchen gibt es Vorbehalte. „Eine unveränderte Ausweitung der BesAR-Regelungen auf Elektrolyse würde erhebliche Unsicherheiten für alle mit sich bringen, die erhebliche Investitionen in Elektrolyseanlagen vornehmen möchten“, warnt Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV) und Sprecher der PtX-Allianz. Die PtX-Allianz ist ein Zusammenschluss von Unternehmen und Verbänden, die Verfahren zur Umwandlung von Strom in flüssige oder gasförmige Energieträger propagieren.

    „Die BesAR wird bislang erst nach zwei Betriebsjahren gewährt. Solange müssen Elektrolysebetreiber die EEG-Umlage in vollem Umfang entrichten und würden dadurch in den allermeisten Fällen erhebliche Verluste einfahren“, sagt Küchen. Die Gewährung der BesAR müsse zudem Jahr für Jahr neu beantragt werden. „Investoren, die Anlagen bis zu 20 Jahre betreiben müssen, um die Wirtschaftlichkeit zu gewährleisten, haben also keinerlei verbindliche Rechts- und Investitionssicherheit“, sagt Küchen.

    Außerdem, so kritisiert der MWV-Geschäftsführer, entspreche die Anwendung der BesAR nicht der Zusage, die EEG-Umlage für Elektrolyseure vollständig abzuschaffen. Tatsächlich reduziert die BesAR die EEG-Umlage zwar deutlich, aber nicht komplett.

    BesAR nicht der richtige Ort, „um Nachhaltigkeitskriterien des Strombezugs zu regeln“

    Dass der mittels „grauem Strom“ – also einem Mix aus grünem Strom sowie Kohle-, Erdgas- und Atomstrom – hergestellte Wasserstoff nicht komplett „grün“ wäre, besorgt die Unternehmen nicht so sehr.

    „Wenn die Politik Elektrolysen nur entlastet, wenn sie mit Grünstrom betrieben werden, kommen wir nicht auf die nötigen Kapazitäten, die Deutschland bei der Wasserstoffstrategie erreichen will. Mittelfristig erledigt sich dieses Problem auch von selbst, da der Anteil Erneuerbarer im Strommix ja immer weiter steigen wird“, sagt Jörg Rothermel vom Verband der Chemischen Industrie (VCI).

    2019 wies der deutsche Strommix einen CO2-Gehalt von rund 400 Gramm je Kilowattstunde auf, 1990 waren es noch 764 Gramm. Mit wachsendem Anteil der Erneuerbaren sinkt die CO2-Intensität, verstärkt wird dieser Effekt durch das Auslaufen der Kohleverstromung. Die Kohlekraftwerke werden zum Teil durch Gaskraftwerke ersetzt, die eine deutlich bessere CO2-Bilanz aufweisen.

    Kurt-Christoph von Knobelsdorff, Geschäftsführer der Nationalen Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie (NOW), hält den vom Wirtschaftsressort vorgeschlagenen Weg für vernünftig. „Vor dem Hintergrund, dass eine große Reform des Finanzierungssystems der erneuerbaren Energien unmittelbar nicht bevorsteht, ist der Weg über die besondere Ausgleichsregelung ein richtiger, pragmatischer Ansatz.“ Das ermögliche den kurzfristigen Einstieg in die Wasserstoffproduktion über Elektrolyse und die dafür notwendigen Investitionsentscheidungen, sagt von Knobelsdorff. „Die BesAR ist nicht der richtige Ort, um Nachhaltigkeitskriterien des Strombezugs zu regeln.“

    Björn Spiegel von der ARGE Netz hält die Ausweitung der BesAR auf die Herstellung von Wasserstoff zwar für „sinnvoll und schnell umsetzbar“. Er plädiert jedoch für Einschränkungen beim eingesetzten Strom. „Die Entlastung der Elektrolyse von der EEG-Umlage muss an den Bezug von Strom aus erneuerbaren Energien gekoppelt sein. Nur so kann der Wasserstoff einen Beitrag zum sektorübergreifenden Klimaschutz leisten“, sagt Spiegel.

    Vorsichtige Zustimmung der Grünen

    Werner Diwald, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verbandes (DWV), hält die Gefahr, dass fossil erzeugter Strom für die Wasserstoff-Elektrolyse eingesetzt wird, für gering: Es sei nicht davon auszugehen, dass die Elektrolyseure mit Strom aus fossilen Energiequellen betrieben würden, „da dieses betriebswirtschaftlich keinen Sinn macht“, sagt Diwald. „Wasserstoff aus einem Gasdampfreformer wäre auch unter Berücksichtigung der BesAR immer noch kostengünstiger. Der betriebswirtschaftliche Vorteil ergibt sich immer nur unter dem Aspekt der CO2-freien Produktion des Wasserstoffs mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen“, meint er.

    Vorsichtige Zustimmung kommt aus der Opposition: „Die Befreiung geht in die richtige Richtung“, sagt Oliver Krischer, Grünen-Fraktionsvize im Bundestag. „Besser wäre, wenn die Elektrolyseure direkte Lieferverträge mit Betreibern von Meereswindanlagen schließen und diese Strommengen dann von der EEG-Umlage befreit wären, damit nicht immer neue Ausnahmen hinzukommen“, so Krischer.

    „Grundsätzlich sollte man die EEG-Umlage komplett über einen CO2-Preis auf fossile Energien begleichen, dann hätten wir die Problematik nicht“, empfiehlt er. „Die größeren Elektrolyse-Standorte, wenn sie denn kommen, dürften auch weitgehend von den Netzentgelten befreit sein. Hier muss die Bundesregierung prüfen, ob nicht eine Überförderung vorliegt, wenn eine Branche gleichzeitig von der EEG-Umlage und weitgehend von den Netzentgelten befreit ist“, sagt der Grünen-Fraktionsvize.

    Mehr: Der Klimawandel muss anders gemanagt werden.

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    1 Kommentar zu "Energiewende : Warum grüner Wasserstoff noch nicht klimaneutral ist"

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    • Der Forderung des Mineralölwirtschaftsverbandes, die Produktion von grünem Wasserstoff von der EEG-Abgabe zu befreien, zeigt nur, was für ein Murks die EEG-Abgabe insgesamt ist. Und zwar aus 2 Gründen:

      Erstens macht sie Strom künstlich immer teurer, je grüner er wird. Je mehr ein Umstieg auf elektrische Alternativen dem Klima nützt, desto weniger lohnt er sich. Der ICE wird im Verhältnis zum Flugzeug teuer gemacht, das Elektroauto vs. Verbrenner, die Wärmepumpenheizung vs. Gasheizung, und grüner Wasserstoff vs. grauem.

      Zweitens sabotiert sie eine Regelung der Nachfrage über den Strompreis. Ein Kernelement der Energiewende wird es sein, für den Strom aus Wind oder Sonne zu dem Zeitpunkt Abnehmer zu finden, zu dem er produziert wird. Dies erfolgt über den Strompreis, aber Strompreisschwankungen werden durch die hohen fixen Abgaben pro Kilowattstunde glattgebügelt. Die EEG-Umlage verkürzt hier den Hebel, was teure Netzeingriffe häufiger macht.

      Diese beiden Probleme ließen sich, wie Oliver Krischer vorschlägt, mit einer CO2-Abgabe beheben, die bevorzugt beim Ausbuddeln von Gas, Öl und Kohle bzw. deren Import erhoben werden sollte. Eine zweite Lösung wäre, die EEG-Abgabe und weitere staatliche Abgaben auf den Strom nicht weiter fix per Kilowattstunde zu erheben, sondern ähnlich wie die Mehrwertsteuer relativ zum Strompreis. So würden sie den Hebel sogar verlängern und somit stabilisierend auf das Stromnetz wirken. Da Elektrolyse nur mit überschüssigem Strom betrieben wird, den man für nahe 0 Cent/kWh kaufen kann, wäre dann auch die EEG-Abgabe nahe 0 Cent, und Elektrolyse würde sich automatisch lohnen.

      Der Forderung des Mineralölwirtschaftsverbandes nachzugeben und für Wasserstoff eine Sonderlocke zu schaffen, ist allerdings wenig sinnvoll, da dies zu einer weiteren Verzerrung führt, und somit den Murks noch vergrößert.

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