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Energie

Erdgas-Pipeline Gazprom nimmt einen neuen Anlauf für South Stream

Der russische Energiekonzern baut die Infrastruktur Richtung Schwarzes Meer stark aus. Wegen des Kohleausstiegs liegt der Fokus auch auf Deutschland.
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Die Kapazitäten nach Deutschland wachsen drastisch. Quelle: imago images / Jens Koehler
Röhren für den Bau der Pipelinebau

Die Kapazitäten nach Deutschland wachsen drastisch.

(Foto: imago images / Jens Koehler)

Moskau Viel los ist nicht in Potschinki. Gerade einmal 11.000 Seelen zählt der Ort im äußersten Süden der Wolga-Region Nischni Nowgorod. Es gibt eine Käserei, eine Konserven- und eine Brotfabrik. Nun soll auch noch eine riesige Gaspipeline Richtung Süden hinzukommen.

Wie aus einer nun veröffentlichten Ausschreibung bekannt wurde, plant Gazprom den Bau einer 1600 Kilometer langen Pipeline von Potschinki nach Anapa am Schwarzen Meer. Ursprünglich wurde der Bau schon vor fünf Jahren in Angriff genommen, doch mit der Stilllegung der geplanten Pipeline South Stream durch das Schwarze Meer, die Süd- und Mitteleuropa mit Gas versorgen sollte, wurden auch die Zulieferleitungen 2015 auf Eis gelegt.

Die bestellten Röhren wurden umgeleitet und für den Bau des Projekts Nord Stream 2 verwendet. 46 Milliarden Rubel – umgerechnet 650 Millionen Euro – an Investitionen, die Gazprom in die Infrastruktur gesteckt hatte, wurden abgeschrieben, und Anfang 2018 wollte Gazprom sogar die 500 Kilometer, die das Unternehmen schon verlegt hatte, wieder liquidieren.

Doch dann setzte ein Umdenkprozess ein: Offiziell heißt es nun bei Gazprom, dass der Bau der Leitung von Potschinki nach Anapa es „ermöglicht, die Kapazität des Gastransportsystems in Richtung Krasnodarer Gebiet zu erhöhen, um den steigenden Gasbedarf in der Region und eine zuverlässige Füllung der Gasspeicher im Nordkaukasus sicherzustellen“.

Doch die offizielle Version ist nicht stimmig. Derzeit werden in der Region 33 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr verbraucht, deren Lieferung durch die bestehende Infrastruktur abgedeckt ist. Selbst der prognostizierte Anstieg um zwei Milliarden Kubikmeter, der vor allem auf die skandalbehafteten Gaskraftwerke auf der Krim entfällt – wo unter dubiosen Umständen den Sanktionen zum Trotz Siemens-Turbinen landeten –, rechtfertigt nicht den Bau einer so langen neuen Pipeline mit potenziell 32 Milliarden Kubikmeter Kapazität.

US-Flüssiggas ist zu teuer

Experten gehen daher davon aus, dass sich Gazprom darauf vorbereitet, den Gasexport Richtung Europa auf der Südschiene erneut zu forcieren. Das Kalkül ist klar: Die Nachfrage nach Gas in Europa steigt beständig an. Deutschland als größter Markt muss in den nächsten Jahren gleichzeitig den Ausstieg aus der Kohle und der Atomkraft bewältigen. Allein die erneuerbaren Energien reichen für das Vorhaben nicht aus.

Daher wird der Bedarf an Gas hierzulande steigen. Teilweise wird dieser Effekt zwar durch die Anstrengungen Osteuropas ausgeglichen, mithilfe von EU-Fördergeldern ihre Volkswirtschaften energieeffizienter zu gestalten – und damit auch weniger Gas zu verbrauchen. Doch die eigenen Reserven der EU in der Nordsee schrumpfen.

Gazprom rechnet also fest damit, seinen Export nach Westen ausbauen zu können. 2018 war bereits ein Rekordjahr für den Monopolisten: 200,87 Milliarden Kubikmeter setzte Gazprom in Europa ab. Im ersten Halbjahr 2019 ist das Ergebnis wegen des warmen Winters zwar mit einem Minus von 5,9 Prozent leicht rückläufig, doch zuletzt beflügelte ausgerechnet der niedrige Gaspreis den Absatz: US-Flüssiggas konnte nicht mehr mit dem Pipelinegas Gazproms konkurrieren.

Weniger als 110 Euro kosten 1000 Kubikmeter in diesem Sommer. Die europäischen Energieversorger pumpen bei diesem Preis eifrig die Gasspeicher voll. Gazprom-Chef Alexej Miller hob daher zuletzt die Jahresprognose auf Vorjahresniveau an. Am Jahresende läuft der Transitvertrag mit der Ukraine aus. Gazprom hat kein Interesse daran, den Kontrakt langfristig zu verlängern und hohe Liefermengen zu garantieren.

Dies hat sowohl politische als auch wirtschaftliche Gründe: Beide Länder stehen auf Kriegsfuß miteinander. Die Abwahl von Petro Poroschenko hat daran wenig geändert, denn Nachfolger Wolodimir Selenski hat den grundsätzlichen Kurs der Ukraine Richtung Westintegration bestätigt, was in Moskau nicht goutiert wird. Der Kreml gestaltet seit Jahrzehnten seine Außenpolitik auch über Gazprom.

Doch es ist nicht allein Politik. Auch wirtschaftlich ist die Ukraine-Route für Gazprom problematisch. Mit dem ukrainischen Gasversorger und Pipelineriesen Naftogas gibt es Streit. Beide Seiten werfen einander Vertragsbruch vor. Ein Schiedsgericht in Stockholm hat im vergangenen Jahr Naftogas 2,7 Milliarden Dollar Kompensation zugesprochen; eine Summe, die Gazprom nicht zahlen will.

Der Transit an sich ist ebenfalls teuer. Schätzungen nach muss Gazprom pro Jahr etwa drei Milliarden Dollar an Transitgebühren bezahlen. Der Bau einer neuen Pipeline durch das Meer rentiere sich damit innerhalb von fünf Jahren, heißt es aus der russischen Energiebranche.

Machtpolitik mit Pipelines

In diese Rechnung fließt offenbar der Ausbau der Infrastruktur im eigenen Land nicht mit ein. Trotzdem setzt Gazprom auf diese Strategie. Nord Stream 2 haben die Russen gegen allen Druck, vor allem aus der Ukraine und Osteuropa, schon weit vorangetrieben.

Nun nimmt Gazprom auch die Südflanke wieder in Angriff. Das ursprüngliche Projekt South Stream, das in Bulgarien anlanden sollte, dürfte dabei keine Rolle spielen. Vielmehr hat Russland strategisch schon beim Bau von Turkstream angedacht, diese Pipeline später zu erweitern. Derzeit können über zwei Stränge 31,5 Millionen Kubikmeter geliefert werden.

Der Bau zweier weiterer Stränge ist aber ohne größere Probleme möglich. Seit Monaten verhandelt Moskau intensiv über eine Verlängerung der Pipeline Richtung Europa. Als wichtigste Route gilt dabei die Strecke Bulgarien – Serbien – Ungarn bis nach Österreich. Daneben sind aber auch Abzweigungen Richtung Griechenland und Italien im Gespräch.

Mit dem Energieversorger Eni gibt es bereits eine Abnahmevereinbarung. Allerdings ist die Pipeline Poseidon, die rund acht Milliarden Kubikmeter Gas von Griechenland nach Italien befördern soll, immer noch nicht über das Gesprächsstadium hinaus. Russlands Präsident Wladimir Putin hat sich zuletzt persönlich hinter die Verhandlungen geklemmt, um Abschlüsse zu forcieren.

Mehr: Die niedrigen Preise helfen Gazprom bei der Eroberung von Marktanteilen in Europa. Das Flüssigerdgas aus den USA kann da nicht mithalten.

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1 Kommentar zu "Erdgas-Pipeline: Gazprom nimmt einen neuen Anlauf für South Stream"

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  • Gute Nachrichten. Die Sicherung preiswerter Energie-Zufuhr ist essentiell. Wer das am besten weiss, sind die Amerikaner. It's the Oil Stupid! Jetzt eben das Gas.

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