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Energie

Erneuerbare Energien Ausbau der Windkraft bricht dramatisch ein

Der Neubau von Windrädern ist im Jahresvergleich um 82 Prozent gesunken. Die Branche klagt über Genehmigungsstau und fordert einen Krisengipfel.
Update: 25.07.2019 - 16:41 Uhr 5 Kommentare
Windkraft: Ausbau in Deutschland bricht dramatisch ein Quelle: dpa
Windräder

Seit Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes wurden in Deutschland nicht mehr so wenige Windräder gebaut wie in diesem Jahr. 

(Foto: dpa)

Düsseldorf, Berlin Im ersten Halbjahr 2019 wurden in Deutschland so wenige Windräder gebaut wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Das ist die ernüchternde Bilanz des Bundesverbands Windenergie (BWE). Gerade einmal 86 Anlagen sind neu dazugekommen – ein Rückgang von 82 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Abzüglich der zurückgebauten Windräder schrumpft der Neubau auf 35 Anlagen zusammen – ein historischer Tiefpunkt.

„Die Bundesregierung spricht einerseits von der Erreichung ambitionierter Ausbau- und Klimaschutzziele für die Jahre 2030 und 2050, andererseits fehlt hierfür die Perspektive“, kommentierte BWE-Präsident Hermann Albers die Zahlen bei der Vorstellung am Donnerstag in Berlin. Gründe für den massiven Einbruch sind in seinen Augen vor allen Dingen der Genehmigungsstau für die Zulassungen zum Bau von Windrädern und eine zunehmende Klageflut.

Bundesweit werden aktuell mehr als 300 Windräder beklagt. 1000 weitere Anlagen stehen auf der Kippe, weil sie nach Auffassung der Flugsicherung Bodennavigationsanlagen im Flugverkehr („Funkfeuer“) beeinträchtigen könnten. Gegen 900 Windräder hat wiederum die Bundeswehr verschiedene Vorbehalte. Das geht aus einer Umfrage der Fachagentur Windenergie an Land hervor. Gegenüber der letzten Erhebung vor drei Jahren hat sich die Zahl der betroffenen Projekte bundesweit verdoppelt.

Die Fachagentur warnt schon lange vor einem Einbruch beim Ausbau der Windkraft. „Die Zahlen sind schlicht und ergreifend dramatisch. Wir sind jenseits von dem, was wir aus Klimaschutzgründen realisieren müssten“, sagt Jürgen Quentin, Experte der Fachagentur Windenergie.

Um das von der Politik formulierte Ziel von 65 Prozent grünem Strom bis 2030 zu erreichen, brauche es mindestens 4000 bis 5000 Megawatt (MW) Zubau pro Jahr, auch um die Leistung unzähliger Altanlagen aufzufangen, die ab 2021 aus der Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) herausfallen.

Bis 2025 wird für etwa 16.000 MW die EEG-Förderung enden, das sind fast 30 Prozent der heute installierten Windkapazität an Land. Für viele Betreiber wird es sich nicht lohnen, ihre alten Anlagen am Netz zu lassen. Auch das müsse der Zubau einpreisen und dementsprechend kompensieren.

Für das Gesamtjahr 2019 hat der BWE seine Zubauprognose schon nach unten korrigieren müssen: von 2000 auf 1500 MW. „Wenn es so weitergeht, muss man die Klimaziele schon jetzt infrage stellen“, warnt Quentin.

Energiewende ja, Windräder nein

Obwohl die Zustimmung für den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland so hoch ist wie nie, wird die Zahl der Windkraftgegner immer größer – und diese gewinnen an Schlagkraft. Kaum mehr ein Windparkprojekt wird geplant, ohne vor Gericht zu landen. Mehr als 1000 Bürgerinitiativen engagieren sich mittlerweile gegen den Bau neuer Anlagen.

Laut Umfrage der Fachagentur Windenergie sind Artenschutzgründe der häufigste Klagegrund. Bei der Hälfte aller betroffenen Windräder, immerhin 325 Turbinen mit mehr als 1000 MW Leistung, werden Verstöße gegen den Schutz von Vogel- und Fledermausarten geltend gemacht.

Die höchste Klagequote haben Projekte in Bayern und Hessen. Hier kommen jeweils mindestens 40 Prozent der registrierten, aber noch nicht gebauten Anlagen vor Gericht. „Die Energiewende scheitert nicht an den Kosten, sondern wird durch unzureichende Flächenbereitstellung in den Ländern, fehlende Genehmigungen und Klagen sowie Widerspruchsverfahren gegen bereits erteilte Genehmigungen aufgehalten“, warnt BWE-Chef Albers.

Um die Situation zu verbessern, hat der Verband einen Aktionsplan entworfen, der unter anderem eine Reform von Abgaben und Umlagen im Energiesystem, einen Verzicht auf pauschale Abstandsregelungen zu Wohngebieten, aber auch dezidierte Maßnahmen für schnellere und unbürokratischere Genehmigungsverfahren vorsieht.

Zu den Faktoren, die der Windbranche die Halbjahresbilanz verhagelt haben, zählt außerdem noch ein Problem auf der Regulierungsseite, das zwar noch fortwirkt, mittlerweile allerdings behoben wurde: 2017 hatten sich überproportional viele Bürgerenergiegesellschaften an den Ausschreibungen für Windparks an Land beteiligt. Ihnen waren mit der Umstellung von festen EEG-Vergütungen auf das Ausschreibungsverfahren verschiedene Privilegien eingeräumt worden.

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So durften sie Projekte ins Auktionsverfahren einbringen, für die sie noch keine immissionsschutzrechtliche Genehmigung vorliegen hatten. Außerdem bekamen sie eine längere Realisierungsfrist für ihre Windparkprojekte eingeräumt. Diese Privilegierungen wurden zwischenzeitlich abgeschafft. Die Umsetzung der Projekte ist aber noch nicht abgeschlossen, teils erweist sich die Realisierung als schwierig.

Doch nicht nur der Ausbau der Windkraft stockt. Der Dachverband der Erneuerbaren-Branche, der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE), hatte kürzlich gefordert, die Rahmenbedingungen für regenerative Energien insgesamt zu verbessern. Anderenfalls werde das 65-Prozent-Ziel nicht erreicht.

„Der Schalter muss sofort umgelegt werden und der Ausbau der Erneuerbaren wieder beschleunigt werden“, hatte BEE-Präsidentin Simone Peter gesagt. Sollten sich die Rahmenbedingungen nicht rasch verändern, werde Deutschland seinen Bruttostromverbrauch 2030 nur zu 44 Prozent aus erneuerbaren Energien bestreiten können.

Die bereits bestehenden Restriktionen für den Ausbau der Erneuerbaren – etwa die Größenbeschränkungen für Photovoltaik-Freiflächenanlagen auf zehn MW, die Begrenzung des Ausbaus von Windkraft auf hoher See (Offshore) auf 15.000 MW bis 2030 sowie der auf 52.000 MW gedeckelte Photovoltaikausbau – stehen der Erreichung des 65-Prozent-Ziels nach Überzeugung des BEE im Wege.

Auch in der Großen Koalition ist man sich der Probleme bewusst. Erst Ende Juni hatten mehrere SPD-Politiker in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die Schwierigkeiten aufmerksam gemacht. Bei einem Gipfel zum Ausbau der Windenergie solle die Kanzlerin mit den Ländern, der Windindustrie, den Gewerkschaften und Koalitionsfraktionen Lösungen für Probleme der Branche suchen, heißt es in dem Schreiben.

Bei dem Treffen müsse man etwa über die Akzeptanz der Windkraft, die Stärkung des Heimatmarktes oder die Sicherung von Arbeitsplätzen reden. Die Unternehmen bräuchten klare Rahmenbedingungen.

„Auch wir schließen uns der Bitte an die Kanzlerin an, einen Windenergiegipfel zu organisieren, um neue Impulse zu setzen“, sagte Matthias Zelinger, Geschäftsführer des Fachverbands Power Systems im Maschinenbauverband VDMA, am Donnerstag.

Auch Deutschlands größter Windkonzern, das ostfriesische Unternehmen Enercon, fordert die Politik zum Handeln auf. „Die weitere Entwicklung in unserem Heimatmarkt Deutschland hängt maßgeblich von politischen Weichenstellungen ab“, sagte ein Sprecher des Konzerns dem Handelsblatt. Die andauernde Blockade des deutschen Windenergiemarkts sei für Enercon „eine äußerst unbefriedigende Situation“.

Koalition streitet über Abstandsregeln
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5 Kommentare zu "Erneuerbare Energien: Ausbau der Windkraft bricht dramatisch ein"

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  • Wer zählt die vielen Klagen rücksichtloser Windbarone gegen die Interessen der Bürger? Da ging es nicht nur um grün, sondern um Profit, bei manchen nur, bei anderen auch. Dass jetzt Bürger den grünen Spieß umdreheh, der vorher die Fertigstellung von Autobahnen verhindert hat (A33), ist kein Wunder. Wer noch nie durch die Region südlich Paderborn gefahren ist, hat keine Ahnung.

  • Wir haben alle Technologien für eine nachhaltige Produktion von Strom zur Verfügung. Das einzige Hindernis ist und bleibt der Mensch, vor allem der komfortable Mensch. Windkraft ja - aber nicht bei mir. Strom will ich billig und erneuerbar - aber keine Stromtrasse, da gehen ja ein paar Meter Land dafür drauf. Landschaft mit Windkraftwerken ist ja so furchbar verschandelt. Klingt für mich wie "wasch' mir den Pelz aber mach' mich nicht nass". Wir haben Wind, Solar, Wasser, Gezeitenkiraft, Biogas und bald auch den Wasserstoff, den ich persönlich für die bisher zukunftsträchtigste Variante halte. Die anderen sehe ich mehr als Übergangstechnologie, vielleicht mal abgesehen von der Windkraft. Also wo bitte ist das Problem, von den ewigen Bremsern mal abgesehen? Natürlich muss es schadensfrei und gesundheitsverträglich umgesetzt werden - aber dann bitte auch "Egomanenfrei". Wir wollen doch von der umweltfreundlichen, aber für Menschen hochgefährlichen Kernenergie mit ihrem Entsorgungs oder besser Verklappungsproblem weg, damit wir keine tickende Zeitbombe in Form von strahlenden Rostfässern in diversen Salzminen unseren Kindern hinterlassen. Doch da höre ich in diesen Kommentaren seltsamerweise keinerlei Töne heraus. Dass wir keinen echten politischen Willen dahinter finden, ist schon bedenklich genug, aber bezeichnend für die fehlende Profession in diesem Bereich. Der Bürger sollte ein wenig mehr Interesse aufbringen, den Blick über den Tellerrand trainieren und sich klar werden, was er will und was wir brauchen bzw. was die Zeichen der Zeit sind. Weg von der Schmutzkohle, den fossilien Energieträgern und der auf Jahrzehntausende strahlenden Atomabfälle. Wer hier 1 + 1 zusammenzuzahlen bereit ist, kommt meines Erachtens ganz schnell dahin, wo nunmal fast ausschließlich die Grünen stehen, auch sie sich in der Elektromobilität eindeutig verlaufen haben. Aber besser ist es doch, "einigermaßen richtig, als genau falsch zu handeln".

  • Wir haben genug Propeller die die Landschaft versauen. Und als Verbraucher habe ich von den Grünen Subventionen die Nase voll.

  • Heute ist es einfach schick, gegen jedes und alles zu klagen. Ich erinnere: eigentlich war es anders: als Atomkraftwerke gebaut wurde, Müllverbrennungsanlagen und vieles anderes. Das geht bei Industriegebieten weiter. In dicht besiedelten Regionen mit nicht mehr ganz so viel unverbauter Natur kann man natürlich man natürlich dafür Verständnis haben. Bei Windkraftanlagen ist es meistens so, dass die Investoren ganz woanders herkommen und die Anlieger eigentlich keinen Vorteil haben, sondern sich die Landschaft erheblich verändert.

  • Not in my backyard - genau wie auch beim Ausbau der Bahn. Und dann ist da noch die
    Sache mit dem Schreddern der Voegel. Und Stromautobahnen natuerlich auch nicht.
    Wenn unsere Regierungen gleich welcher Couleur sich nicht durchsetzen wird aus
    Modernisierung nix und wir fallen definitiv zurueck.

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