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Energie

Erneuerbare Energien Der Traum von der Rückkehr der deutschen Solarindustrie

Der Mittelpunkt der globalen Solarproduktion ist China. Jetzt sehen erste Unternehmen eine Chance, die Industrie zurück nach Deutschland zu holen.
29.07.2020 - 13:15 Uhr 1 Kommentar
Über 60 Prozent der weltweit verkauften Module kommen mittlerweile aus China. Zwischenzeitlich waren es sogar 90 Prozent.  Quelle: dpa
Photovoltaik

Über 60 Prozent der weltweit verkauften Module kommen mittlerweile aus China. Zwischenzeitlich waren es sogar 90 Prozent. 

(Foto: dpa)

Remagen, Düsseldorf Wenn Frank Asbeck auf seinem barock anmutenden Jagdschloss mitten im Remagener Wald von den „alten Zeiten“ erzählt, schweift sein Blick schon mal in die Ferne. Auf Gut Calmuth, wo das Who’s who aus Politik und Wirtschaft einst zusammenkam, um ihn zu feiern, ist er am liebsten. Hier war er der Sonnenkönig, der Solarworld-Chef, der die deutsche Solarindustrie zum Weltmarktführer gemacht hat.

Heute sitzt der gebürtige Westfale auf einer dunkelbraunen Holzgarnitur in seinem 500 Hektar großen Freizeitrefugium am Rhein. Den Anzug hat er gegen Hemd und Sandalen getauscht. Nur die stets geliebte Lederhose ist geblieben. „Ich stehe jetzt auf der anderen Seite“, sagt er halb lächelnd. Nach der zweiten Insolvenz von Solarworld 2018 habe er erst einmal eine Auszeit gebraucht. Heute zeigt sich der weltweit bekannte Solarunternehmer nur noch selten in der Öffentlichkeit. 

Frank Asbeck steht wohl wie kein Zweiter für den kometenhaften Aufstieg und den gleichsam steilen Fall der deutschen Solarindustrie. Zu Hochzeiten war es die Firma Solarworld, die Ende der 90er gemeinsam mit heimischen Größen wie Solon und Q-Cells den Weltmarkt beherrschte. Aber die globale solare Revolution findet nun ohne den Sonnenkönig statt. Von der Vorzeigeindustrie ist kaum etwas geblieben. „Die Solarindustrie in Deutschland ist gestorben. Und sie wird hier auch nicht mehr wiederkommen“, ist Asbeck überzeugt.    

Ein Maschinenbauer sieht das komplett anders – und will jetzt das Gegenteil beweisen. Meyer Burger ist eines der wenigen Unternehmen, die die Krise überlebt haben. Der Gewinn blieb die vergangenen acht Jahre allerdings meistens aus. Deswegen unternimmt der neu ernannte CEO Gunter Erfurt jetzt einen wagemutigen Versuch: Er will den Maschinenlieferanten zum Produzenten umbauen.

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    „Früher haben wir unsere Technologie in Europa, Asien und speziell auch nach China verkauft. Jetzt bauen wir unsere eigene Fertigung für Solarzellen und Module auf“, sagt Erfurt im Gespräch mit dem Handelsblatt. Und die will das in der Schweiz beheimatete Unternehmen nicht in China, sondern in Deutschland ansiedeln.

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    Schon werden Jubelrufe nach einer zweiten Chance für den Traum von der europäischen Solarindustrie laut. So wie früher, als Europa und vor allem Deutschland in der Branche noch weltweit den Ton angaben. Doch kann das wirklich gelingen? Aktuell ist die Solarindustrie trotz boomender Nachfrage hierzulande nur noch ein Schatten ihrer selbst. Von den einst über 130.000 Beschäftigten sind gerade einmal knapp 30.000 übrig.

    Während die Nachfrage nach Solarenergie in den vergangenen Jahren weltweit immer weiter gestiegen ist, implodierte zeitgleich der deutsche Markt. Seitdem die üppigen Subventionen massiv gekürzt wurden, herrscht ein harter Preiskampf. Gewonnen haben ihn Photovoltaik-Firmen aus China, die zwischenzeitlich mehr als 90 Prozent der weltweit verkauften Module herstellten. 

    Die Kosten zur Herstellung von Sonnenergie sind in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 85 Prozent gesunken. Preise, die auf dem deutschen Markt 2012 für einen Kollaps sorgten. Solarworld, Phoenix Solar, Centrosolar, Solar Millennium – die Liste gescheiterter Photovoltaik-Unternehmen ist lang geworden im Geburtsland der Energiewende.

    „China ist auch deswegen in der Solarbranche so stark geworden, weil Deutschland und Europa ihre Technologien exportiert haben. Auch wir haben unseren Teil dazu beigetragen“, sagt Meyer-Burger-Chef Erfurt. Das Schweizer Unternehmen ist weltweit bekannt. Kaum ein Solarmodul kommt ohne seine Technologie aus. Aber, so beschreibt es der gebürtige Chemnitzer selbst, „wir wurden Opfer unseres eigenen Erfolgs“. 

    Denn die Maschinenbauer der Solarindustrie, die Ex-Solarworld-Chef Asbeck einst „die Totengräber der Branche“ nannte, verkauften ihre Technologie in die ganze Welt – auch nach China. Dort wurden die Anlagen bald kopiert und billiger weiterverkauft. Meyer Burger gingen die Kunden aus.

    Zurück in der Herzkammer

    Seit acht Jahren schreiben die Schweizer fast nur noch rote Zahlen. Von den 2800 Mitarbeitern sind noch 800 übrig, der Umsatz ist von 1,3 Milliarden auf 260 Millionen Franken (circa 241 Millionen Euro) geschrumpft. Jetzt tritt das Unternehmen die Flucht nach vorn an. 

    Statt anderen die Maschinen für deren Fabriken zu liefern, will Meyer Burger nun selbst Solarmodule und Zellen herstellen. Und zwar in der einstigen Herzkammer der deutschen Solarindustrie: in den ehemaligen Produktionsstätten von Solarworld und Sovello im sächsischen Freiberg und in Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt.

    Schon ab 2021 soll die Produktion mit 400 Megawatt im Jahr starten. Bis 2022 sollen die Kapazitäten auf 1,4 Gigawatt für Solarzellen und 0,8 Gigawatt für die Modulproduktion ausgeweitet werden. Langfristig soll das Volumen dann auf fünf Gigawatt jährlich wachsen. Knapp 154 Millionen Euro will das börsennotierte Unternehmen über eine Kapitalerhöhung in die Neuausrichtung investieren. Dabei setzt Meyer Burger auf einen Technologievorsprung: Die eigens entwickelte Heterojunction-Technologie soll laut Erfurt mindestens zehn Prozent mehr Leistung bringen als die der Konkurrenz.  

    Für Meyer Burger ist es die letzte Chance, das eigene Geschäft zu bewahren, für die Branche ist es ein Hoffnungsschimmer. Seit Jahren wird immer mal wieder über die Rückkehr der europäischen Solarindustrie sinniert.

    Jetzt schließen sich Verbände und Unternehmen zusammen, um die glorreichen Zeiten wiederaufleben zu lassen. Unter dem Label „Solar Manufacturing Accelerator“ haben sich Maschinenbauer, Modulproduzenten und Zulieferer mehrere Länder zusammengetan, um die Wertschöpfungskette der Zukunftsindustrie wieder nach Europa zu holen. 

    Es ist nicht der erste Versuch eines Wiederaufbaus. Jetzt seien die Voraussetzungen aber anders, heißt es von den Verbänden. Sie setzen ihre Hoffnung vor allem auf das richtige Timing und Rückendwind durch den Green Deal der EU.

    „Durch Corona und Fridays for Future kommt ein neues Denken auf. On top kommt der Handelskrieg zwischen den USA und China, die Abhängigkeit durch Globalisierung wird neu durchdacht, und auch die CO2-Emissionen sind bei einer regionalen Produktion deutlich geringer“, glaubt auch Andreas Bett, Vorsitzender des Fraunhofer Instituts für solare Energieforschung (ISE). Die Freiburger Wissenschaftler haben in den vergangenen Jahren viel Forschung auf dem Feld betrieben.

    Bett ist überzeugt, dass eine wirtschaftliche Modulproduktion mittlerweile auch in Europa betrieben werden kann – eben weil sie so billig geworden ist. „Es gibt einen Technologiesprung, gewisse Stabilität plus ein massives Marktwachstum, und die Gesamtkosten sind gegenüber den Logistikkosten niedriger – das ist der Unterschied.“ Außerdem sei der Automatisierungsgrad in der PV-Produktion so hoch, dass Personalkosten so gut wie keine Rolle mehr spielten.

    SMA schließt Fabrik in China 

    Auch der deutsche Solarkonzern SMA hat vor einem Jahr beschlossen, seine Fabrik in China dichtzumachen und seine Wechselrichter ausschließlich in Deutschland zu produzieren. Die Entscheidung von Meyer Burger kann man deswegen in Kassel gut nachvollziehen. „Wir haben hier die technologische Expertise. Die politischen Rahmenbedingungen geben uns außerdem derzeit Rückendeckung“, sagt Finanzvorstand Ulrich Hadding im Gespräch mit dem Handelsblatt. Ob das jetzt der Wiedereinstieg in eine blühende Solarindustrie sei, bleibe abzuwarten. „Aber denkbar wäre es schon.“ 

    Auch der Modulhersteller Solarwatt redet von einer zweiten Chance. In Dresden entsteht derzeit eine neue Fertigungsanlage für Module, auch eine neue Speicherproduktion ist geplant. Rund zehn Millionen Euro will Solarwatt-Chef Detlef Neuhaus investieren.  

    Hoffnungsvoll geredet wird derzeit viel. Praktisch sind die Produktionskapazitäten für die solare Wertschöpfungskette in Europa seit Jahren rückläufig. „Es gib wenig Gründe, davon auszugehen, dass es zu einem neuen Frühling in der europäischen Solarindustrie kommt. Auch wenn es mit Blick auf die Klimaziele genug Bedarf gäbe“, meint Götz Fischbeck von der Beratungsagentur Smart Solar Consulting. Gegen die Marktmacht aus China sei ein Ankommen nahezu unmöglich, sagt der Experte.

    „Chinesische Firmen sind preislich bereit, alles zu unterbieten, auch wenn es wirtschaftlich keinen Sinn ergibt.“ Schon mehrfach hat die Regierung in Peking bewiesen, dass sie viel zu zahlen bereit ist, wenn es darum geht, die eigene PV-Industrie an der Weltspitze zu halten. „Unternehmen wie Yingli oder CSUN wurden am Leben erhalten, die eigentlich schon längst tot waren. Oder es ist ein staatliches Unternehmen eingestiegen wie bei Jolywood“, erklärt Fischbeck. Deswegen müsse sich Meyer Burger auf einen harten Preiswettbewerb einstellen.

    Und der könnte zum Problem werden, wenn die Preise wieder unter die Produktionskosten sinken. „In einer Industrie, die von chinesischen Herstellern dominiert wird, verdient keiner mehr Geld“, sagt der Solarexperte. Deswegen ist er überzeugt, dass ein Projekt wie das von Meyer Burger ohne „staatliche Flankierungsmaßnahmen“ langfristig nur sehr geringe Erfolgschancen hat.

    Gunter Erfurt will sich davon nicht unterkriegen lassen. Schließlich habe man schon Kaufabsichtserklärungen von potenziellen Kunden aus Europa und den USA von über zwei Gigawatt pro Jahr in der Pipeline. „Wenn wir das schaffen, schreiben wir Industriegeschichte“, sagt Erfurt mit einem breiten Lächeln.

    Noch einmal Industriegeschichte schreiben, ja, das wäre schön, sagt Frank Asbeck zu den Ambitionen seines ehemaligen Solarworld-Managers. Viele Jahre haben die beiden eng zusammengearbeitet, bevor Erfurt 2015 zu Meyer Burger wechselte. Den Erfolg scheint Asbeck seinem ehemaligen Weggefährten ehrlich zu wünschen. Nur daran zu glauben fällt ihm sichtlich schwer.

    Die Dynamik der Chinesen habe er selbst damals jedenfalls lange Zeit unterschätzt, seufzt er mit hochgezogenen Augenbrauen. „Der technologische Vorsprung kann für eine gewisse Zeit helfen, schwindet aber ganz schnell“, sagt Asbeck, und nimmt einen kurzen Schluck aus seinem Weinglas. Aber da sei er ja nun mal auch ein „gebranntes Kind“.

    Mehr: So lässt sich Solarstrom vom eigenen Hausdach verkaufen.

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