Energie
Schlechte Zahlen

Die deutsche Windbranche baut immer mehr Stellen ab.

(Foto: dpa)

Erneuerbare Energien Die deutsche Windbranche steht vor einer schweren Krise

Dem Preisverfall beim Windstrom fallen zahlreiche Arbeitsplätze zum Opfer. Enercon baut mehr Stellen ab, die Branchenstimmung ist auf einem Tief.
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DüsseldorfEinst war er die Hoffnung der Energiewende – jetzt droht der deutsche Windmarkt zu implodieren. Immer wieder melden namhafte Unternehmen massenweise Stellenstreichungen. Erst am Mittwoch kündigte Branchenriese Enercon den Wegfall von 275 weiteren Jobs an. Bundesweit werden bei dem Auricher Konzern nun insgesamt 835 Arbeitsplätze gestrichen.

Damit reagiere man auf die nationalen Marktveränderungen. Aufgrund von mangelnden Aufträgen auf dem Heimatmarkt müsse man bestehende Verträge mit Zulieferern reduzieren. Der Weltkonzern will sich jetzt „konsequent auf internationale Märkte ausrichten“.

Was strategisch gesehen die richtige Entscheidung ist, schmerzt die heimische Industrie. Auslöser der Krise ist der dramatische Preisverfall für Windstrom. Was politisch gewollt war, um die Kosten der Energiewende zu senken, trifft jetzt die eigenen Hersteller: Statt einer festen Vergütung auf 20 Jahre bekommt derjenige mit dem niedrigsten Gebot den Zuschlag. Das Ausschreibungsverfahren erhöht den Preisdruck, während sich Investoren wegen politischer Unwägbarkeiten zurückhalten.

„Ich schaue mit großer Sorge auf die Entwicklungen in der deutschen Windbranche“, sagt Philipp Vohrer, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE). Das Ziel der Bundesregierung sei es eigentlich gewesen, den Ausbau zu beschleunigen. Stattdessen verlangsame man ihn. Die Ausbauzahlen sprechen für sich: Im vergangenen Jahr sind 5300 Megawatt (MW) neu dazugekommen, dieses Jahr nur noch 3500 MW und im kommenden Jahr gerade einmal 1500 MW.

Es seien einfach zu wenig Projekte in Planung. „Deswegen bräuchte es unbedingt die im Koalitionsvertrag versprochenen Sonderausschreibungen“, warnt Vohrer. Für die Windkraft an Land hatte die schwarz-rote Koalition eigentlich Sonderausschreibungen von vier Gigawatt für 2019 und 2020 im Koalitionsvertrag festgehalten. Aber bis jetzt hat sich nichts getan.

Das könnte fatale Folgen für die deutsche Windbranche haben. Mittlerweile hängen immerhin über 143.000 Jobs an dem grünen Industriezweig. „Die Windenergiebranche ist heute tief im deutschen Mittelstand verwurzelt“, sagt der AEE-Chef.

Auch die Zulieferer sind betroffen

Wegen der Auftragsflaute müssen aber seit anderthalb Jahren immer mehr Zulieferer hunderte von Mitarbeitern entlassen. So sind im vergangenen Jahr allein in Hamburg 1000 Stellen weggefallen. In ganz Norddeutschland kommen noch einmal 1000 Jobs dazu. Bundesweit geht der Bundesverband für Windenergie (BWE) mittlerweile von einer fünfstelligen Zahl für 2017 aus. Manche schließen sogar ganze Werke: Senvion in Husum, Powerblades in Bremerhaven und Carbon Rotec in Lemwerder bei Bremen.

Auch bei Enercon sind die Zulieferer betroffen, die meist exklusiv für die Windkraftanlagen-Hersteller produzieren. Mit einem Umsatz von jährlich rund fünf Milliarden gehört Enercon zu den Top 5 der erfolgreichsten Windkonzerne weltweit. Nicht wenige seiner Zulieferer arbeiten exklusiv für das Unternehmen in Ostfriesland, entsprechend hart bekommen sie jetzt die Einschnitte zu spüren. Allein beim Rotorblattfertiger Aero aus Aurich, fallen 130 Stellen weg. Noch schlimmer trifft es die WEC Turmbau in Emden, hier verlieren 190 Mitarbeiter ihre Jobs, bei WEC in Westerstede wird der Betrieb ab dem dritten Quartal dieses Jahres gar komplett eingestellt. Hier sind noch einmal 150 Angestellte betroffen.

Am Hauptstandort von Enercon in Aurich sollen bei insgesamt drei Betrieben rund 130 Jobs gestrichen werden. Außerdem verlieren zusätzlich 130 Beschäftigte der WEC Turmbau GmbH in Magdeburg in Sachsen-Anhalt ihren Job. Damit fallen allein in Niedersachsen mehr als 700 und bundesweit 835 Stellen weg.

Die Gewerkschaft warnte Enercon „vor einem Kahlschlag auf Kosten der Beschäftigten“. „Das Unternehmen darf jetzt nicht versuchen, Entlassungen von hunderten Mitarbeitern und die Schließung von Standorten innerhalb kürzester Zeit durchzuziehen“, sagte Meinhard Geiken, Bezirksleiter der IG Metall Küste. Am kommenden Mittwoch wollen sich alle Betriebsräte in Aurich treffen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Die Gewerkschaft forderte einen Sozialplan und verlangt, dass Mitarbeiter weiterqualifiziert werden.

Enercon betonte in einer Mitteilung, dass man sich natürlich „klar zur Wertschöpfung im Heimatmarkt und in der Region“ bekenne, aber eben nur insofern, wie es im Rahmen des internationalen Geschäfts möglich sei. „Die Erneuerbaren Energien werden sich immer stärker zu einem verlässlichen und nachhaltigen Partner in der Energieerzeugung entwickeln. Sollte Deutschland jedoch den Fehler machen, die Klimaziele und die von der EU festgesetzten Ziele nicht zu erfüllen, so werden weitere Einschnitte an der Windenergieindustrie in Deutschland nicht vorbeigehen“, warnte Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig.

Gewerkschaft wirft dem Minister Untätigkeit vor

Die Stimmung bei den Beschäftigten der deutschen Windkraftunternehmen ist erwartungsgemäß extrem angespannt. Bei ihrer jährlichen Umfrage fährt die IG Metall Küste den schlechtesten Wert seit Beginn der Befragung vor vier Jahren ein: 65 Prozent der Beschäftigten rechnen mit einer negativen Marktentwicklung, im Vorjahr waren es noch 20 Prozent weniger. Bis Ende des Jahres erwarten die Betriebsräte in fast der Hälfte aller befragten Unternehmen einen Personalabbau.

„Gerade wo die Windbranche langsam aus der Fördernotwendigkeit rauskommt, bremst man den Ausbau der Anlagen“, sagt AEE-Geschäftsführer Vohrer. Dafür habe er kein Verständnis. Während die weltweite Windindustrie boomt, drohe dem deutschen Markt nach Jahren des Dauerwachstums eine herbe Flaute.

Mit seinem „Nichtstun“ gefährde Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier weitere Investitionen, Standorte und Arbeitsplätze einer Zukunftsbranche, warnte Gewerkschaftler Geiken.

Klarheit und Transparenz seien die Voraussetzung dafür, dass es zu keinem Fadenriss komme und Arbeitsplätze und vor allem Know-how der Hochtechnologiebranche erhalten bleiben, sagt auch Vohrer. Falls nach der Sommerpause das Gesetz auf den Weg gebracht würde, könnte der negative Trend noch gestoppt werden, schätzt man in der Branche.

Allerdings reicht vielleicht selbst ein stärkerer Ausbau bei der Windenergie nicht aus, um die von der Bundesregierung geplanten Klimaziele bis 2030 zu erreichen. Denn ab 2020 könnten mehr und mehr alte Windkraftanlagen abgeschaltet werden, weil deren Förderung nach 20 Jahren ausläuft und sie nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben sind.

Bis 2023 stehen rund 14 Gigawatt installierte Leistung auf der Kippe, mehr als ein Viertel aller Windkraftwerke in Deutschland

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