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Erneuerbare Energien Enercon-Chef warnt vor weiterem Jobabbau in der Windbranche

Während das Geschäft mit dem Wind international boomt, droht der deutsche Markt einzubrechen. Enercon reagiert mit einem harten Kurswechsel.
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Enercon: Chef warnt vor weiterem Jobabbau in der Windbranche Quelle: Reuters
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Der Auricher Konzern reagiert viel später auf die Auftragsflaute im deutschen Windmarkt, als seine Konkurrenten - obwohl es ihn am schlimmsten trifft.

(Foto: Reuters)

AurichVor vier Wochen saß Rainer Hüring noch mit seinen Kollegen der Firma Aero Ems beim Sommerfest am Kanal zusammen. Sein Chef machte Pläne für das kommende Jahr, beruhigte die Belegschaft, alles sei gut. Drei Wochen später erfährt der 42-Jährige, dass von den fast 300 Mitarbeitern des Unternehmens nur noch 50 bleiben sollen. Der Betrieb aus Haren in Niedersachsen stellt Rotorblätter für Windräder her und hat nur einen großen Auftraggeber: Enercon.

Was die Mitarbeiter schon länger befürchteten, schlug sich in der vergangenen Woche mit voller Wucht nieder: Der Windradbauer aus dem ostfriesischen Aurich kündigte massive Stellenkürzungen an. Neben den Mitarbeitern der Aero Ems sind noch sechs weitere Betriebe betroffen – mehr als 800 Arbeitsplätze werden deutschlandweit gestrichen.

Und das könnte erst der Anfang gewesen sein. „Wenn sich nichts ändert, wird das auch noch andere Zulieferer treffen“, warnt Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig im Gespräch mit dem Handelsblatt. Was in den nächsten Monaten noch passiert, könne er nicht sagen. „Die Situation ist absolut negativ für die gesamte Branche“.

„Die Situation ist absolut negativ für die gesamte Branche.“ Quelle: Photothek/Getty Images
Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig

„Die Situation ist absolut negativ für die gesamte Branche.“

(Foto: Photothek/Getty Images)

Enercon ist nur einer von vielen deutschen Windkonzernen, der massenweise Stellen streicht. Bei Nordex, Senvion und Siemens Gamesa sind im vergangenen Jahr 800 Jobs allein in Deutschland weggefallen. Bundesweit geht der Verband für Windenergie (BWE) mittlerweile von einer fünfstelligen Zahl für 2017 aus. Der deutsche Windmarkt, einst die Hoffnung der Energiewende, droht zu implodieren.

Auslöser der Krise ist der dramatische Preisverfall für Windstrom. In den letzten drei Jahren hat sich der Preis pro Kilowattstunde mehr als halbiert. Was politisch gewollt war, um die Kosten der Energiewende zu senken, trifft jetzt die eigenen Hersteller: Statt einer festen Vergütung auf 20 Jahre bekommt derjenige mit dem niedrigsten Gebot den Zuschlag.

Auftragsflaute auf dem deutschen Markt

Das Ausschreibungsverfahren erhöht den Preisdruck, während sich Investoren wegen politischer Unwägbarkeiten zurückhalten. „Die schwierige Situation auf dem deutschen Markt ist zwar schon länger absehbar, aber so schnell kann eine Produktion eben nicht umgestellt werden“, erklärt Dirk Briese, Geschäftsführer bei Windresearch.

Denn der Zubau wird rationiert. Nur 2800 Megawatt pro Jahr hat die Bundesregierung für Windkraft an Land zukünftig vorgesehen. Mühlen mit einer fast doppelt so großen Gesamtleistung wurden aber in der jüngeren Vergangenheit jährlich auf Hügel und Kuppen gestellt. In der Folge herrscht bei den Windkonzernen Auftragsflaute auf dem deutschen Markt.

Das trifft Marktführer Enercon nun besonders hart. Der Auricher Konzern hatte einen Großteil seines Umsatzes stets in der Heimat erwirtschaftet und auch hier produzieren lassen. Jetzt muss sich der Branchenriese eine neue Strategie überlegen. „Wir haben immer viel Wert daraufgelegt, dass ein Hauptanteil der Lieferanten hier produziert. Aber so wie der Hauptteil unserer Wettbewerber müssen auch wir uns jetzt breiter im Lieferantenbereich aufstellen. Allein mit deutschen Herstellern können wir den Preiskampf nicht gewinnen“, sagt der Enercon-Chef.

Also machen die Ostfriesen das, was Nordex, Senvion und Co. schon deutlich früher begonnen haben: Sie konzentrieren sich auf ausländische Märkte. Dafür fährt der niedersächsische Windkonzern seine Produktion in Deutschland drastisch zurück, und will künftig mehr mit lokalen Zulieferern vor Ort zusammenarbeiten.

„Es ist überraschend, dass Enercon jetzt erst diese Maßnahmen verkündet“, sagt Warburg-Research Analyst Arash Roshan Zamir. Die Ostfriesen hätten zwar immer ein hochprofitables Unternehmen gehabt, „mit Margen von denen andere in der Branche nur träumen können“. Aber jetzt müssten sie in Märkte, in denen Vestas, Siemens Gamesa und Co. sich schon längst einen Namen gemacht haben.

Während der deutsche Markt einzubrechen droht, boomt das Geschäft mit dem Wind in anderen Ländern. Vor allem in Brasilien, Marokko und der Türkei erhofft sich der Enercon-Chef gute Chancen. „Das wird schwierig“, erklärt Analyst Zamir. Gerade in den von Kettwig genannten Märkten komme es oftmals auf kostengünstige und einfache Turbinen an. Enercon habe den Großteil seines Umsatzes hingegen stets mit kostspieligen Komplettlösungen erwirtschaftet.

Die Herausforderungen streitet auch Kettwig nicht ab. „Wenn man über die Hälfte seines Umsatzes in Deutschland macht, lässt man natürlich hier und da eine internationale Entwicklung liegen. Jetzt müssen wir uns sputen. Aber wir sind auf einem guten Weg“, glaubt er. „Es ist auf jeden Fall der einzig richtige Weg“, sagt Analyst Roshan Zamir. Gleichzeitig bekenne man sich klar zur Wertschöpfung im Heimatmarkt, aber eben nur insofern, wie es im Rahmen des internationalen Geschäfts möglich sei.

Trotzdem plädiert der Enercon-Chef für eine schnelle Umsetzung der Sonderausschreibungen, die CDU und SPD im Koalitionsvertrag festgehalten hatten. Insgesamt vier Gigawatt sollen Windenergie an Land, Photovoltaik und Offshore bis 2020 zusätzlich ausbauen können. Laut einer Antwort der Regierung auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion soll dafür noch in diesem Herbst ein Vorschlag vorliegen.

Enercon-Chef appelliert an die Politik

Die verlorenen Arbeitsplätze aber bringt das in Kettwigs Augen nicht wieder. Nun sei es an der Politik, Schlimmeres zu verhindern. „In diesen Zeiten muss die Regierung verstehen, dass ein Desaster droht, wenn jetzt nichts passiert. Die zögerliche Haltung in Berlin hat dramatische Auswirkungen.“ Schließlich säßen noch unzählige Zulieferer in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. „Es geht nicht nur um unsere Region in Niedersachsen“, warnt der 60-Jährige. Mittlerweile hängen über 143.000 Jobs an dem grünen Industriezweig.

Auch Rainer Hüring und seine Kollegen fürchten, dass die 835 Stellen noch nicht alles waren. Am vergangenen Mittwoch haben sich die Betriebsräte mit der IG-Metall zusammengesetzt. Sie warnen Enercon vor einem „Kahlschlag“. Mit jedem Mitarbeiter und jedem Standort verliere das Unternehmen wichtiges Know-how und gefährde damit die eigene Zukunft.

Die Zukunft für die Rotorblattfertigung in Haren jedenfalls scheint besiegelt: Die Verträge der verbleibenden 50 Mitarbeiter laufen nur bis Mitte 2019. „Das ist eine Kiste auf Zeit“, sagt Hüring.

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