Energie

Erneuerbare Energien Nach ihrer schweren Krise ruft die gebeutelte Solarbranche ihr Comeback aus

Der deutsche Solarmarkt wächst nach Jahren der Krise endlich wieder. Die Branche setzt mittlerweile auf völlig neue Geschäftsmodelle.
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Die Nachfrage nach Photovoltaikanlagen steigt in Deutschland wieder. Quelle: imago stock&people
Solaranlagen

Die Nachfrage nach Photovoltaikanlagen steigt in Deutschland wieder.

(Foto: imago stock&people)

DüsseldorfWer in der Solarbranche nach der Krise der vergangenen Jahre fragt, erntet oft betretenes Schweigen. Zu schmerzhaft war der Verlust von 100.000 Arbeitsplätzen und die zahlreichen Insolvenzen deutscher Branchengrößen, von Solarworld bis Phoenix Solar.

Nur Detlef Neuhaus, Chef des Modulherstellers Solarwatt, hört gar nicht mehr auf zu reden. „Die Krise war das Beste, was uns je passieren konnte“, ist er überzeugt. Und das, obwohl er mit Solarwatt selbst eine Insolvenz hinter sich hat. Nun sei das Schlimmste aber überstanden, da ist sich Neuhaus sicher.

Und die Zahlen geben ihm recht. In den ersten Monaten dieses Jahres ist die Nachfrage nach Solarstromanlagen schon deutlich gestiegen. Von Januar bis März 2018 hat die Bundesnetzagentur neue Photovoltaik-Systeme mit einer Gesamtleistung von rund 580 Megawatt registriert. Damit ist der deutsche Photovoltaikmarkt laut dem Bundesverband Solarwirtschaft im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 65 Prozent gewachsen.

Auf der Intersolar, der größten Solarmesse der Welt, die seit diesem Mittwoch in München läuft und bis Freitag mehrere zehntausend Besucher anlocken dürfte, strotzt die deutsche Photovoltaikindustrie deshalb wieder vor Zuversicht.

Seitdem die üppigen Subventionen massiv gekürzt wurden, und chinesische Billigmodule den europäischen Markt geflutet haben, herrscht auch in Deutschland ein harter Preiskampf. Dadurch sind die Kosten zuletzt dramatisch gefallen. Schon heute ist die Sonne in manchen Regionen der Welt die günstigste Stromquelle – laut einer aktuellen Studie des ISE-Fraunhofer-Instituts auch in Deutschland.

Das hat aber auch dazu geführt, dass der verbliebene Rest der deutschen Solarbranche auf ein Fünftel ihrer einstigen Größe abgeschmolzen ist. Nun wächst sie aber auf diesem niedrigen Niveau zumindest wieder. Der Bundesverband Solarwirtschaft rechnet für die kommenden Jahre sogar mit zweistelligem Wachstumsraten.

Auch Solarwatt-Chef Neuhaus glaubt daran, dass seine Branche die Talsohle nun durchschritten hat. Allerdings nicht mit der Produktion von einfachen Solarpaneelen. „Der Kampf um die Modulproduktion ist verloren, schon seit vielen Jahren“, gibt er zu. Die Zukunft für die deutsche Photovoltaikindustrie sieht er im Energiemanagement und in Solarspeichern. Eine Umstrukturierung, die Solarwatt-Großaktionär Stefan Quandt zur Bedingung machte, als er das Unternehmen vor einigen Jahren vor der Pleite rettete.

Sonnenland ist abgebrannt
Solarboom durch das EEG
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Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hatte in Deutschland einen Solarboom ausgelöst. Jede produzierte Kilowattstunde Sonnenstrom wurde anfänglich mit mehr als 50 Cent vom Staat vergoldet. Doch spätestens ab 2009 wurde es schwierig. Die üppigen Subventionen riefen asiatische Firmen auf den Plan. Chinesische Hersteller bauten Fabrik um Fabrik. Eine Pleitewelle erfasste die heimische Photovoltaikbranche. Ein Überblick.

Solarworld
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„Das ist der größte denkbare Massenmarkt der Zukunft, denn das einzige Produkt, das alle Menschen zu allen Zeiten immer brauchen, ist Energie“, schrieb Frank Asbeck 2009 in seinem Buch „Eine solare Welt“. Damit hatte er vielleicht Recht – doch sein Konzern Solarworld ging im Mai 2017 trotzdem pleite. Die Konkurrenz aus China warf spottbillige Solarmodule auf den Markt, Solarworld konnte damit nicht mithalten. Solarworld war mit einer jährlichen Fertigungskapazität von 1,5 Gigawatt gegenüber chinesischen Konkurrenten mit der vierfachen Produktionskapazität schlichtweg zu klein, um dauerhaft überleben zu können.

CSG Solar
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Auch CSG Solar war einfach zu klein, um zu überleben. Im März 2006 wurde die 9000 Quadratmeter große Produktionsanlage in Thalheim eingeweiht. Nur zwei Jahre später musste das Unternehmen die Produktion einstellen, sich von 124 der 164 Beschäftigten trennen. Die Forschungs- und Entwicklungsarbeit setzte CSG Solar aber fort.

Sontor
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Sachsen-Anhalt galt lange als Solar Valley in Deutschland. Doch seit mehreren Jahren müssen immer mehr Solarfirmen aufgeben. Einst lieferte die Branche dort über 3000 Arbeitsplätze – die meisten davon sind mittlerweile weggefallen. Um sich vor der Pleite zu retten, hatte sich Sontor aus Bitterfeld 2009 mit Sunfilm zusammengeschlossen – und konnte so überleben.

Solon
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Solon war einst einer der größten Solaranlagenhersteller Europas. 2011 ging das Unternehmen das erste Mal pleite, das indisch-arabische Unternehmen Microsol rettete Solon vor dem Aus und nannte es Solon International. Doch 2014 musste Solon zum zweiten Mal Insolvenz beantragen.

Odersun
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Odersun sollte ein strahlendes Aushängeschild der Brandenburger Wirtschaft werden und seinen Solarmodulen den Markt verändern. Doch es kam anders als erhofft. Odersun lieferte kein marktfähiges Produkt. 2010 meldete Odersun Insolvenz an. 2013 wurde ein Ermittlungsverfahren gegen das Unternehmen eingeleitet. Der Vorwurf: Insolvenzverschleppung.

Sovello
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2005 wurde Sovello als Joint-Venture von Q-Cells, Evergreen Solar und Renewable Energy Corporation ASA gegründet. Anfangs startete das Solarunternehmen durch, doch bis 2012 stieg Sovello immer weiter ab und musste Insolvenz beantragen. Im August 2012 wurde bekannt gegeben, dass das Unternehmen die Produktion komplett einstellt und allen Mitarbeitern kündigen muss.

Quandt verordnete der Firma ein völlig neues Geschäftsmodell: vom reinen Solarmodulhersteller hin zum Anbieter von intelligenten Energiesystemen. Fast ein Viertel der damals mehr als 430 Mitarbeiter musste im Zuge der Sanierung gehen. Batteriespeicher wurden als Zukunftssegment identifiziert.

Heute, fast sechs Jahre, nachdem Quandt mehr als 90 Prozent der Anteile von Solarwatt übernommen und fünf Millionen Euro in Form eines Darlehens zugeschossen hat, zeichnet sich ab, dass sich der lange Atem auszahlen könnte. Noch schreibt Solarwatt zwar rote Zahlen, schon in zwei Jahren will der Konzern allerdings wieder Gewinn machen. Das Geschäft mit den Speichern soll einen wesentlichen Teil dazu beitragen.

Allein in Deutschland sind im vergangenen Jahr laut dem BSW mehr als 30.000 neue gewerbliche und private PV-Speichersysteme neu hinzugekommen. Damit sind hierzulande schon über 80.000 Solarbatterien installiert – Tendenz steigend. Für den globalen Speichermarkt erwartet die US-Beratungsfirma Cairn Energy Research Advisors sogar eine Verdopplung auf 13 Milliarden Dollar bis 2020.

Den Kampf um die Produktion mag die deutsche Solarindustrie verloren haben. Der Kampf um den Solarspeichermarkt hat gerade erst begonnen. Weltmarktführer ist aktuell noch ein deutsches Unternehmen: Das Start-up Sonnen aus dem Allgäu.

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