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Energie

Erneuerbare Energien Wie Österreich zu Europas führender Wasserstoff-Nation werden will

Österreich will seinen Strom schon 2030 komplett aus erneuerbaren Quellen beziehen. Damit das gelingt, setzt die Industrie voll auf Wasserstoff.
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So will Österreich zur Wasserstoff-Nation werden will Quelle: OMV
Wasserstofftankstelle in Asten

Der Konzern OMV baut eine Netz von Wasserstoff-Tankstellen in Österreich auf.

(Foto: OMV)

Wien Drei der größten Konzerne Österreichs haben sich zusammengetan, um die Alpenrepublik zum Wasserstoff-Pionier Europas zu machen. Der Stromerzeuger Verbund AG, das Öl- und Gasunternehmen OMV und der Stahlkonzern Voestalpine wollen das Thema gleich mit mehreren Projekten vorantreiben – und zwar so schnell wie möglich. Ein erstes Pilotprojekt soll schon zum Jahresende starten.

„Die Welt hat ihren Energiehunger rund 170 Jahre aus fossilen Energieträgern gestillt. Jetzt kommt die nächste Revolution“ sagte Wolfgang Anzengruber, Vorstandsvorsitzender der Verbund AG, dem Handelsblatt in Wien. „Wenn wir in Richtung erneuerbare Energie gehen, können wir auf Wasserstoff nicht verzichten. Denn die Volatilität gerade bei Sonne und Wind braucht erneuerbare Energiespeicher – mit Wasserstoff ist das möglich“, ist Anzengruber überzeugt.

Österreich hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis 2030 will das Land seine Stromversorgung komplett aus grünen Quellen beziehen. Dank der zahlreichen Wasserkraftwerke beträgt der Anteil der erneuerbaren Energien in der Alpenrepublik bereits heute 75 Prozent. Doch neue Pumpspeicherkraftwerke scheinen politisch kaum durchsetzbar. Österreich braucht neue Speicher für den grünen Strom.

Darum setzt das Land auf Wasserstoff. Über die Elektrolyse kann aus Wasser mit erneuerbarem Strom Wasserstoff erzeugt werden, der bei Bedarf in Strom umgewandelt und ins Netz eingespeist werden kann. Wasserstoff kann aber auch direkt eingesetzt werden, zum Beispiel als Rohstoff in der Chemie. Es entstehen klimaneutrale Brennstoffe, die leicht speicherbar sind – allerdings mit hohen Effizienzverlusten.

In den großen Maßstab hat es die Technologie bislang nicht geschafft. Und auch in Österreich spielt grüner Wasserstoff aus erneuerbaren Energien aktuell nur eine kleine Nebenrolle in der Energiewelt. Heute wird Wasserstoff in Österreich ähnlich wie in Deutschland fast ausschließlich als Nebenprodukt der Erdgasindustrie erzeugt und hat daher keine besonders gute CO2-Bilanz.

Multitalent Wasserstoff

Der heimische Branchenprimus Verbund will das jetzt ändern. Aus der Sicht des Wiener Konzerns kann Wasserstoff einen wichtigen Beitrag zur Reduktion von Kohlendioxid (CO2) leisten. „Wasserstoff kann beispielsweise Kohle in der Stahlerzeugung ersetzen oder er kann für Bahn, Lastwagen und Autos eingesetzt werden“, sagt Vorstandschef Anzengruber.

Ein Pilotprojekt mit der Zillertal-Bahn ist in Vorbereitung. Die Schmalspurbahn in Tirol soll künftig energieautonom mit Wasserstoff betrieben werden. Der große Vorteil von Wasserstoff: Er kann dezentral erzeugt werden. „Wasserstoff ist nicht allein selig machend, doch es ist ein wichtiges Bindeglied auf dem Weg zu einem ganzheitlich erneuerbaren Energiesystem“, sagt Anzengruber. „Wir wollen unsere Wertschöpfungskette um den Wasserstoff verlängern.“

Daher strebt Verbund eine immer engere Verzahnung mit der österreichischen Industrie, etwa mit OMV und Voestalpine, an. „Wir können den Betrieb einer Wasserstoffanlage managen und grünen Wasserstoff als Energiespeicher nutzen. Für uns ist das auch ein Aspekt zur Stabilisierung unseres Stromsystems“, sagt der Konzernchef selbstbewusst. 

In der Wiener Raffinerie Schwechat wollen Verbund und OMV darum eine elektrolytische Wasserstofferzeugung für die Petrochemie errichten. Ziel sei es, die CO2-Emmission zu senken.

Auch im Bereich Mobilität wollen die Österreicher den Wasserstoff verstärkt nutzen. „Wasserstoff kann zweifelsohne einen Beitrag in der Mobilität leisten, um die Emissionen zu senken. Japan setzt bereits sehr deutlich auf diese Energie“, sagte OMV-Chef Rainer Seele dem Handelsblatt in Wien. „Wir bereiten uns vor, gemeinsam mit der Autoindustrie eine Alternative bieten zu können.“

Verbund-Chef Anzengruber ist hingegen vorsichtiger. „Ich sehe Wasserstoff noch nicht im Individualverkehr. Die Autoindustrie stellt sich gerade auf die Elektromobilität um und konzentriert sich noch weniger auf Wasserstoff.

Zudem fehlt die flächendeckende Versorgungsinfrastruktur. Die lässt sich nicht in wenigen Jahren errichten. Noch ist Wasserstoff sehr viel teurer als Elektromobilität.“

Neue Kooperationen geplant

In Linz baut Voestalpine die weltgrößte Wasserstoff-Pilotanlage. Quelle: Voestalpine
Wasserstoff zu Stahl

In Linz baut Voestalpine die weltgrößte Wasserstoff-Pilotanlage.

(Foto: Voestalpine)

In Linz bauen der Stahlkonzern Voestalpine, Verbund und Siemens eine Pilotanlage zur kohlendioxidfreien Wasserstoffherstellung in der Stahlproduktion. Mit der 18 Millionen Euro teuren Anlage, die von der EU mit zwölf Millionen Euro gefördert wird, soll der Einsatz von Wasserstoff für die Stahlerzeugung erprobt werden.

Denn bislang ist der Voestalpine der Konzern mit den höchsten CO2-Emissionen in Österreich. Wasserstoff soll einen stückweisen Abschied von der Kohle ermöglichen. „Unsere Pilotanlage zusammen mit Siemens bei der Voestalpine wird gegen Ende des Jahres den Betrieb aufnehmen“, sagt Verbund-Chef Anzengruber.

In Zukunft soll es mehr solcher Projekte geben. „Wir wollen mit anderen Unternehmen beim Thema Wasserstoff noch stärker kooperieren. Wir konzentrieren uns auf die Verwendung in der Industrie und bis zu einem gewissen Grad in der Mobilität und in der Speicherung“, kündigt Anzengruber an. 

Derzeit führt der Verbund nach eigenen Angaben Gespräche über mögliche Kooperationen beim Thema Wasserstoff mit Unternehmen beispielsweise aus der Chemie- und Zementindustrie.

Auch die Politik will den Umbau Österreichs zur Wasserstoff-Nation fördern. Der frühere Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hatte das Thema zuletzt im österreichischen Wahlkampf auf die Agenda gesetzt. Sein ist es, Österreich zum Wasserstoff-Zentrum Europas zu machen. Bei einem Besuch beim beim Autozulieferer Magna in Graz betonte er: „Wasserstoff ist eine große Chance für Österreich.“

Magna-Chef Günther Apfalter präsentierte dem Kanzlerkandidaten den Prototyp eines Wasserstoff-Autos. „Schon jetzt zeigen österreichische Unternehmen, wie man Wasserstofftechnologien in der Mobilität einsetzen kann, um die CO2-Emissionen zu reduzieren“, schwärmte Kurz, der den Klimaschutz als politisches Thema stärker besetzen will.

Der Verbund-Chef freut sich über die politische Aufmerksamkeit. „Es ist grundsätzlich gut, dass das Thema grüner Wasserstoff aufgegriffen wird, und Österreich das Wasserstoff-Zentrum Europas werden soll – auch wenn Deutschland das Gleiche sagt. Man braucht ehrgeizige Ziele“, sagt Anzengruber. Europa habe beim Wasserstoff eine große Chance, nachdem die USA das Thema bisher eher verschlafen hätten. Daher sei es richtig, wenn Österreich und Deutschland darauf einen Schwerpunkt legen.

Staat soll den Ausbau fördern

Derzeit arbeitet Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) eine Energie- und Klimaschutzstrategie aus, bei der Wasserstoff eine Schlüsselrolle spielen soll. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte bei einer Visite des Wasserstoff-Innovationszentrum in Görlitz die Wichtigkeit des Themas unterstrichen.

Stromkonzerne wie der Verbund, der als börsennotiertes Unternehmen mehrheitlich in Staatsbesitz ist, setzen stark auf die Unterstützung der neuen Regierung, die nach den Wahlen Ende September in Österreich gebildet wird. „Wenn man die Wasserstoff-Technologie beschleunigen will, wird der Staat um Förderungen nicht herumkommen“, sagt Anzengruber.

Die Energiezukunft werde teurer. Es sei nur die Frage, wie teuer. Damit sich Unternehmen und Bürger anpassen können, müsse der Staat die richtigen Voraussetzungen schaffen.

Hier beobachtet Österreich gerade die deutsche Energiepolitik mit großer Aufmerksamkeit. „In der Wasserkraft sind wir stark, doch wir müssen sie weiter ausbauen. Aber um das Ziel zu erreichen, werden wir künftig auch stark in Photovoltaik investieren. Österreich hat hier im Vergleich zu Deutschland noch Nachholbedarf. Das liegt auch an der bisherigen Förderpolitik“, ist Anzengruber überzeugt.

Österreich hat zwar bereits ein Gesetz für erneuerbare Energie auf den Weg gebracht. Doch seine Verabschiedung verzögert sich durch den Regierungswechsel. Derzeit wird das Land von einer Beamtenregierung geführt. Markteilnehmer gehen davon aus, dass die Umsetzung des neuen Gesetzes erst Mitte 2020 erfolgen wird.

Anzengruber geht das Gesetz außerdem nicht weit genug. Eines der größten Hindernisse für grünen Wasserstoff sieht er in dem niedrigen CO2-Preis. Hier setzt der Verbund-CEO auf die Politik. Statt einer CO2-Steuer, plädiert er für einen sukzessiv ansteigenden CO2-Preis. „Unser Vorschlag ist ein CO2-Mindestpreis, der jährlich steigt.

Der CO2-Preis kann aus unserer Sicht durchaus beispielsweise bei 30 Euro pro Tonne beginnen und sich jährlich um rund fünf Euro steigern. Wenn der Zertifikatspreis den Mindestpreis irgendwann schneidet, dann ist der Mindestpreis weg“, sagt der Chef des Energieunternehmens. „Aus unserer Sicht soll der EU- Zertifikatshandel weiterhin das zentrale Instrument der CO2-Bepreisung sein.“

Der Konzernchef schlägt vor, den Zertifikatshandel deutlich auszuweiten. Derzeit sind mit Energie und Industrie zwei Branchen für 40 Prozent der Emissionen verantwortlich. Künftig solle der Zertifikatshandel auch auf Branchen wie Mobilität und Gebäude mit ihrer Wärme- und Kältetechnik erweitert werden. Die Einnahmen daraus könnten in Form von Förderungen und Investitionen in Forschung und Entwicklung in der Industrie fließen.

Außerdem müsse der Strompreis deutlich steigen. Als Zahl nennt der Konzern 60 Euro pro Megawattstunde, damit Investitionen in Erneuerbare wirtschaftlich machbar seien. Das wäre eine Preissteigerung um 50 Prozent. Der Meinungsumschwung gerade in der jungen Generation helfe der Branche. „Wir haben nicht mehr viel Zeit. Zehn Jahre sind in der Energiewirtschaft nicht viel, um komplett auf erneuerbaren Strom umzusteuern und die Versorgungssicherheit dabei weiterhin zu garantieren“, warnt der Strommanager.

Mehr zum Thema Wasserstoff:

Handelsblatt Energie Briefing
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4 Kommentare zu "Erneuerbare Energien: Wie Österreich zu Europas führender Wasserstoff-Nation werden will"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Als interessierter Leser fragt man sich schon wie der Journalist Siebenhaar von dieser Zeitschrift dazu kommt den Werbetext aus der Marketingabteilung des Ölmultis OMV zu übernehmen?? Niemand denkt in Österreich daran Wassersoff als Engeriequelle in größerem Umfang einzusetzen.... (außer natürlich die Leute aus der Public relation Abtl. der OMV (mit den gleichen Sprech läuft in Österreich auch der Kanzlerkandidat KURZ durch die Lande)

  • Zum Chaos wird die Elektromobilität nicht gleich führen, aber zur Verschiebung der Umweltverschmutzung. Das Ziel die Umweltverschmutzung zu reduzieren wird dadurch sicher nicht erreicht.
    Das Unwort des Jahres 2019 "CO2-Reduzierung" will ich hier erst gar nicht weiter in den "Mund" nehmen.

  • Sehr wichtig ist das die Medien das Thema in die Schlagzeilen bringen. Die meisten Bürger haben davon noch nichts gehört. Bei VW auch die Vorstände nicht. Der Kostennachteil wird sich schnell relativieren wenn die Produktion steigt. Die Elektro Mobilität wird sicher zum Chaos führen.

  • Solche Bestrebungen würde ich mir in Deutschland auch wünschen.
    Wasserstoff sollte definitiv mehr gefördert werden, um nicht schon wieder den Anschluss an Japan bzw eben Österreich zu verpassen.

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