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Energie

Erneuerbare Energien Windanlagenbauer Senvion geht das Geld aus

Der Windanlagenbauer leidet nicht nur wie die gesamte Branche unter dem harten Preiskampf. Die Probleme der Hamburger sind hausgemacht.
Update: 15.03.2019 - 13:06 Uhr Kommentieren
Ohne zusätzliche Finanzspritze kann der Konzern bei dem investitionsreichen Windgeschäft nicht mehr lange mithalten. Quelle: dpa
Windkraftanlagen von Senvion

Ohne zusätzliche Finanzspritze kann der Konzern bei dem investitionsreichen Windgeschäft nicht mehr lange mithalten.

(Foto: dpa)

DüsseldorfRote Zahlen, wachsende Schulden und ein Aktienkurs im freien Fall – der Hamburger Windanlagenbauer Senvion steckt tief in der Krise. Eigentlich genau der richtige Zeitpunkt für den Auftritt der Spezialisten des US-Hedgefonds Centerbridge. Die Finanzinvestoren kaufen angeschlagene Unternehmen auf, sanieren und verkaufen sie dann zu einem höheren Preis weiter.

Nur hat Centerbridge Senvion schon längst gekauft – und zwar vor vier Jahren. Mit dem Windkonzern scheinen sich die Investmentexperten nun allerdings etwas verschätzt zu haben.

Dabei hatten die Vermögensverwalter aus den Staaten große Pläne für den Turbinenhersteller. 2015 kauften sie den Hamburger Konzern für 400 Millionen Euro von dem indischen Windriesen Suzlon. Für Senvion war es bereits der zweite Besitzerwechsel innerhalb weniger Jahre – und für Suzlon am Ende ein Verlustgeschäft von mehreren hundert Millionen Euro.

Nun könnte es Centerbridge ähnlich ergehen. Denn anders als der Rest der Branche kämpfen die Hamburger nicht nur mit einem kriselnden Windkraftmarkt – Senvions Probleme sind hausgemacht.

Seit zwei Jahren muss die Windbranche um die Höhe der staatlichen Zuschüsse kämpfen. Wo es früher feste staatliche Vergütungen gab, bekommt in vielen Ländern mittlerweile nur noch derjenige mit dem günstigsten Preis den Zuschlag. In der Folge herrscht ein harter Wettbewerb, bei den Turbinenbauern brechen die Aufträge auf dem wichtigen deutschen und auch auf dem europäischen Markt weg.

Heimische Weltmarktführer wie Siemens Gamesa und Nordex streichen tausende Stellen und verbuchen sinkende Umsätze, können sich aber mit vollen Auftragsbüchern in ausländischen Märkten absichern. Auch bei Senvion füllen sich die Orderbücher – vor allem in Lateinamerika, Australien und Asien. Aber den Hamburgern geht das Geld aus.

Gewinnwarnungen, Finanzierungssorgen und Lieferprobleme haben den Aktienkurs des Windkonzerns innerhalb eines Jahres um 84 Prozent abstürzen lassen. Im Februar musste Senvion schließlich die Veröffentlichung seines Geschäftsberichts verschieben, weil die Kreditgeber einen Sanierungsplan fordern bevor noch mehr Geld in den angeschlagenen Konzern fließt.

Am Ende des dritten Quartals 2018 hatte das Unternehmen gerade mal 144 Millionen Euro an Kapital, bei einer Nettoverschuldung von 1,2 Milliarden Euro. Mit der finanziellen Stabilität sinkt auch die Eigenkapitalquote in derselben Zeit auf nicht mal mehr elf Prozent.

Einen Gewinn hat Senvion seit vier Jahren nicht mehr erwirtschaftet. Ohne zusätzliche Finanzspritze kann der Konzern bei dem investitionsreichen Windgeschäft nicht mehr lange mithalten. Dabei galt Senvion einst als aussichtsreiches Unternehmen in einem wachsenden Markt.

Konzentration auf den deutschen und europäischen Markt

Als Suzlon den Konkurrenten aus Deutschland 2007 übernahm, war die Strategie klar: Während der indische Mutterkonzern sich auf die Wachstumsmärkte konzentrierte, sollte Senvion den starken deutschen und europäischen Markt bedienen.

„Unter Suzlon hatte sich Senvion vorrangig auf seinen Heimatmarkt und andere europäische Märkte konzentriert. In Wachstumsmärkten wie Argentinien oder den USA war man kaum bis gar nicht präsent“, erklärt Guido Hoymann, Leiter der Aktienanalyse beim Frankfurter Bankhaus Metzler.

Aber 2014 boomte der europäische Windmarkt, und auch der deutsche Markt verbuchte in diesem Jahr einen Rekordzubau von 5188 Megawatt. Als Suzlon das Tochterunternehmen zum Verkauf stellte, war Senvion mit einem Gewinn vor Zinsen und Steuern von 101 Millionen Euro noch profitabel.

„Das weltweite Marktumfeld für Erneuerbare Energien ist vielversprechend für einen Windturbinen-Hersteller", sagte der damalige Centerbridge-Chef, Stefan Kowski hoffnungsvoll. Und der Plan schien aufzugehen.

Die US-Investoren machten den früheren Chef des Industrie- und Automobilzulieferers Schaeffler, Jürgen Geißinger, zum neuen Vorstandschef. Der damals 56-Jährige sollte Senvion an die Börse bringen und nun auch endlich die Internationalisierung vorantreiben. Das ist ihm auch gelungen.

„Aber in der Zwischenzeit sind viele Marktanteile an die Konkurrenz verloren gegangen. Vestas, Siemens Gamesa und Nordex haben sich schon deutlich früher auf Wachstumsmärkte und Kosteneffizienz konzentriert.“, sagt Experte Hoymann. Drei Jahre lang versuchte der Konzern die Versäumnisse aufzuholen, aber die Expansion ins Ausland lief für Senvion alles andere als rund und offenbarte massive operative Schwächen im eigenen Haus.

Aus Unternehmenskreisen heißt es, man war der Auffassung alle Geschäfte aus der Hamburger Zentrale aus steuern zu können. Das habe sich allerdings gerade in Märkten wie Indien als Fehler erwiesen. Operative Entscheidungen hätten in der Folge einfach zu lange gedauert und Investitionen seien zu lange zurückgehalten worden. Senvion konnte seine Windräder nicht wie versprochen produzieren.

Für den Verzug bei angekündigten Projekten musste der Windanlagenhersteller obendrauf noch Strafzahlungen leisten, die den ohnehin schon angeschlagenen Konzern noch tiefer in die Bredouille brachten. Am Ende hätte man sogar einzelne Zulieferer nicht mehr bezahlen können, berichtet ein Insider. Hinzu kam dann auch noch ein bisschen Pech: die Entdeckung einer Kriegsbombe aus dem Zweiten Weltkrieg hielt die Installation von Windrädern an einem weiteren Standort auf.

Fehler, die vermeidbar gewesen wären, meint Windexperte Dirk Briese, vom Marktforschungsunternehmen Windresearch. Für ihn ist die aktuelle Lage des Konzerns existenzbedrohend: „Centerbridge muss jetzt schon viel Geld reinstecken, um das Unternehmen wieder auf Kurs zu bekommen. Und es gibt natürlich auch als Investor einen Punkt, an dem man irgendwann die Reißleine zieht“, sagt Briese.

Mehrere Wechsel in der Chefetage

Jürgen Geißinger zog die Reißleine bereits im Mai 2018, als er seinen Chefposten bei Senvion aufgab. „Im Einvernehmen mit Centerbridge“, heißt es bei Senvion. Brancheninsider berichten allerdings von Unstimmigkeiten zwischen den US-Investoren und dem früheren Vorstandschef. Centerbridge habe zu wenig Geld in das Unternehmen und dessen Sanierung gesteckt.

Außerdem habe es im vergangenen Jahr zwei Kaufangebote für den Hamburger Windkonzern gegeben, die von Centerbridge jedoch ausgeschlagen worden seien – sehr zum Missfallen von Geißinger. Der Ex-Manager besitzt selbst einen nicht unwesentlichen Anteil an Senvion, der ihm im Falle eines Weiterverkaufs wohl eine ordentliche Summe eingebracht hätte.

Zu den Problemen im operativen Geschäft kam im vergangenen Jahr mehr als nur ein Wechsel in der Chefetage. Nach Geißingers Weggang leitete Finanzchef Manav Sharma vorrübergehend die Geschäfte. Als der neue Vorstandschef Yves Rannou im Januar seinen Posten übernahm, verließ Sharma Senvion allerdings komplett. Finanzvorstand ist seitdem Hans-Jürgen Wiecha.

Experten sind sich einig, dass Senvion es trotz der kritischen Lage noch schaffen könne, „aber nur, wenn man die internen Probleme jetzt auch kurzfristig in den Griff bekommt“, warnt Briese.

Firmenchef Rannou, der vorher die Wasserkraftsparte beim amerikanischen Konkurrenten GE leitete, gibt sich optimistisch. Senvion verfüge über ein „starkes Auftragsbuch von fast fünf Milliarden Euro“, ein profitables und wachsendes Servicegeschäft sowie „einen klaren Fahrplan, wie wir das Unternehmen mittelfristig wieder in die Erfolgsspur bringen", sagte er im Februar.

Auch Mehrheitseigner Centerbridge sicherte der Senvion-Führung unlängst seine Unterstützung zu. „Wir sind davon überzeugt, dass Senvion nach einer erfolgreichen Transformationsphase wieder ein starkes und profitables Unternehmen sein wird", ließ die Investmentgesellschaft verlauten.

Um wieder stark und profitabel zu werden brauchen die Hamburger aber zunächst einmal Geld. Centerbridge hatte erst Ende vergangenen Jahres 62,5 Millionen Euro in Form einer Kapitalerhöhung gesammelt, viel ist davon allerdings nicht mehr übrig.

In einigen Wochen, wenn der Sanierungsplan vorliegt, wollen die Kreditgeber über die weitere Finanzierung des Windkonzerns entscheiden. Noch ist nicht klar, woher die jetzt nötige Finanzspritze zu welchen Konditionen kommt. Und die Zeit ist knapp.

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