Energie

Gazprom fühlt sich unschuldig Weniger russisches Gas für Deutschland

An dem Tag, an dem die EU über schärfere Sanktionen gegen Russland berät, kommt weniger russisches Gas in Europa an. Auch Deutschland ist von den Lieferungen abhängig. Dreht Moskau jetzt am Gashahn?
Update: 10.09.2014 - 16:56 Uhr 59 Kommentare
PGNiG will prüfen, ob die Reduzierung der Lieferungen technische oder handelsbezogene Gründe hat. Quelle: Reuters

PGNiG will prüfen, ob die Reduzierung der Lieferungen technische oder handelsbezogene Gründe hat.

(Foto: Reuters)

WarschauKurz vor der Entscheidung der EU-Spitzen darüber, ob die verschärften Sanktionen gegen Russland umgesetzt werden sollen, melden sowohl Polen als auch der deutsche Energieversorger Eon, dass sie deutlich weniger Gas aus Russland bekommen haben. Es gebe „verringerte Liefermengen“, erklärte ein Eon-Sprecher. Die Gründe dafür ließ das Unternehmen offen.

Um knapp ein Viertel hat nach Angaben Polens der russische Versorger Gazprom auch seine Gaslieferungen an das deutsche Nachbarland gekürzt. Wie der polnische Versorger PGNiG am Mittwoch mitteilte, wurden am Vortag um 24 Prozent reduzierte Lieferungen im Vergleich zur bestellten Menge aus Russland registriert.

Das Gas erreicht Polen über die Transitländer Ukraine und Weißrussland. Es wird laut PGNiG nun geprüft, ob die Reduzierung der Lieferungen technische oder handelsbezogene Gründe habe. Polen steht dem russischen Vorgehen im Ukraine-Konflikt kritisch gegenüber. RWE Tschechien dagegen meldete keine Lieferreduzierungen.

Gazprom hat Vorwürfe einer gedrosselten Lieferung an Polen zurückgewiesen. „Diese Mitteilungen sind unkorrekt. Zurzeit wird nach Polen genauso viel gepumpt wie an den vergangenen Tagen: 23 Millionen Kubikmeter“, sagte Firmensprecher Sergej Kuprijanow der Agentur Interfax in Moskau. Gazprom würden zahlreiche Anfragen aus dem Westen vorliegen, die Mengen zu erhöhen. „Wir liefern, soviel wir können. Allerdings müssen wir auch die Speicher in Russland füllen“, sagte er.

Mit der Reduzierung der Gaslieferungen an Polen wächst auch die Sorge in den baltischen Staaten, die zu 100 Prozent von russischem Gas abhängen. Der Ukraine hatte Russland schon mehrfach den Gashahn zugedreht und drohte jüngst, die Lieferungen nach Europa so weit herunterzufahren, dass kein Gas mehr für den üblichen Reexport der Europäer (etwa RWE) in die Ukraine übrig wäre. Dabei wird erstmals nach Deutschland geliefertes Gas zurückgeschickt in die Ukraine.

Michael Murphy, ein Sprecher von RWE in Essen, lehnte es gegenüber der Agentur Bloomberg ab, mögliche Auswirkungen auf den Reexport in die Ukraine nach Polen zu kommentieren. RWE kommt bei den Rücklieferungen eine Schlüsselrolle zu. 2013 hatten das Unternehmen 2,1 Milliarden. Kubikmeter Gas über Polen und Ungarn zurück an die Ukraine geliefert. Eon teilte mit, wegen gut gefüllter Gasspeicher sei die aktuelle Drosselung aber nicht besorgniserregend.

Im Juni hatte Russland bereits seine Gaslieferungen in die Ukraine gekappt, weil sich die beiden Länder nicht auf einen Preis dafür geeinigt hatten. Die EU versucht seitdem, zu vermitteln. Sollte das nicht gelingen, droht der Ukraine eine ernste Unterversorgung im Winter.

Gazprom-Chef Alexij Miller hatte die Reexporte jüngst einen „halb betrügerischen Mechanismus“ genannt. Putin hatte Europa Anfang Juli ebenfalls gewarnt, solche Reexporte dürfe es nicht geben. Man könne nicht einfach „Gas durch die gleiche Röhre in die andere Richtung leiten“. Die Ukraine hat 2013 50,3 Milliarden Kubikmeter Gas verbraucht, etwa die Hälfte davon kam aus Russland.

Deutschland hat Russland im Gegensatz zur Ukraine selbst während des Kalten Krieges stets beliefert. Die Bundesrepublik müsse trotz wachsender Spannungen keine Lieferstopps befürchten, sagte jüngst der Chef des russischen Energieriesen Rosneft, Igor Setschin, dem „Spiegel“ und fügte hinzu: „Rosneft und andere russische Unternehmen werden sich streng an ihre Lieferverträge halten, die mit Krediten und Vertragsstrafen abgesichert sind.“

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59 Kommentare zu "Gazprom fühlt sich unschuldig: Weniger russisches Gas für Deutschland"

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  • ..
    GAZPROM-LIEFERUNGEN
    ...................
    WER SELBST SANKTIONEN DURCHFÜHRT -
    MUSS AUCH DEREN REAKTIONEN EINKALKULIEREN.!!
    ..
    gazprom-aktionär
    ..

  • @ C. Falk

    "Gorbatschow war in der Tat ncht der klassische Geopolitiker sondern eher ein Visionär, deshalb ist er auch gescheitert und eine Episode in der russischen und internationalen Politik geblieben, was ich persönlich bedauere."

    Das sehe ich leicht anders. Gorbatschow ist nicht gescheitert, weil er ein Visionär war. Er ist gescheitert, weil der bedeutende zivilisatorische Impuls, den er aus Russland/Ex-Sowjetunion in die Welt sendete, überhaupt nicht verstanden wurde. Er ist sozusagen eine (wenn auch aus der Not einer untergehenenden Supermacht geborene) Erfindung die zu früh kam. Hier kann ich die Amerikaner (und die EU-Vasallen in ihrer Schleimspur!) die diesen Impuls durch ihr borniert-überhebliches Festhalten an mittelalterlicher Machtpolitik nicht aus der Verantwortung entlassen! Letztlich ist dieser zivilisatorische Impuls so bedeutend wie seinerzeit die französische oder amerikanische Verfassung und die Zeit für diesen Impuls wird kommen, einfach weil es in dieser kleine gewordenen Welt sonst nur die Alternative Barbaraei gäbe, deren erste Ansätze gerade in der Ukraine ihr hässliches Haupt wieder erheben.

  • Also die Yamal-Pipeline get von Russland über Weißrussland nach Polen und dann weiter nach Deutschland.
    Die Ukraine kann da nichts abzwacken, weil Sie einfach keinen Zugriff hat. Entwerder die Russen schicken weniger oder die Weißrussen lasser weniger durch.

  • "Selbstberauschung an Universalität seiner liberalen Ideale" trifft so ziemlich den Kern, obwohl ich mich selber als einen liberalen "Geist" bezeichnen würde.

    Zu einem tatächlich freien und liberalen Denken gehört allerdings auch immer ein Hinterfragen seiner eigenen Positionen ob sie noch genügend "Wirklichkeitssinn"
    oder nur noch phantasierten "Möglichkeitssinn"(Robert Musil, Mann ohne Eigenschaften) als Richtschnur für ihr politisches handeln begreift.

  • Der Westen droht über die Selbstberauschung an der Universalität seiner liberalen Ideale sogar den Sinn für seine Interessen zu verlieren. Er braucht Russland in Zukunft als militärischen Partner gegen den Islamismus, als Wirtschaftspartner gegen China und heute schon unabdingbar für eine gesicherte Enegieversorgung. Dies alles den Interessen Kiews nachzuordnen ist ein Vorgang, der dringend einer nüchternen Überprüfung bedürfte.

  • @ net shadow:
    Ich habe keine Angst vor den Russen, und ich fürchte mich auch nicht vor den Chinesen.
    Und ich weiß, was die Sowjets unter Stalin den Menschen angetan haben (lesen Sie beispielsweise Solschenizyns "Archipel Gulag") und die Chinesen unter Mao (z.B. "Schwarzbuch des Kommunismus").
    Die amerikanische Verfassung ist nach weit über zweihundert Jahren immer noch die beste auf der Welt - aber sie wurde sukzessive von den Architekten des Dollar basierten Schuldgeldsystems korrumpiert. Und jetzt streben die USA eine Welt an, in der beispielsweise ein Edward Snowden nicht leben möchte, und vor der er vehement warnt.
    Und letztendlich ist diese Entwicklung der Vereinigten Staaten eben auch systembedingt und zwangsläufig:
    http://www.youtube.com/watch?v=EdSq5H7awi8&list=PLE88E9ICdipidHkTehs1VbFzgwrq1jkUJ

  • Gorbatschow war in der Tat ncht der klassische Geopolitiker sondern eher ein Visionär, deshalb ist er auch gescheitert und eine Episode in der russischen und internationalen Politik geblieben, was ich persönlich bedauere.

    Sein Politik hat allerdings weitreichende Konsequenzen gezeitigt, Russland hat mit dem Verschwinden der Sowjetunion seinen Status als Supermacht verloren und muss kämpfen im Zangengriff EU/Nato einerseits, China anderseits, wenigstens ansatzweise mit der Gründung einer eurasischen Union den Anschluß nicht ganz zu verlieren als halbwegs souveräner Staat, der fähig ist eigene Interessen zu verfolgen und durchzusetzten.

  • @ net shadow
    Nachtrag: Ach ja, und was die Amerikaner bzw. die Mit-Eigentümer der FED Europa in der JÜNGEREN Vergangenheit angetan haben, können Sie auch hier nachlesen:
    "Was wir mit dem Währungskrieg seit Ende des Jahres 2009 gesehen haben, der Dollar gegen den Euro, wurde just zu dem Zeitpunkt initiiert, als die chinesische Regierung über die Verschiebung großer Währungsreserven aus dem Dollar in andere Währungen sprach – was der Euro bedeutet -, und just zu dem Zeitpunkt...siehe da explodierte Griechenland unter den Radarschirmen der Welt-Hedgefonds und Devisenhändler, und diese konzentrierte sich sofort auf die Euro-Frage, und dann stellt sich heraus, dass die Berater der konservativen griechischen Regierung im Zeitraum von 2002, als sie es durch Betrug in die Euro-Zone schafften – etwas, das nie hätte erlaubt werden dürfen, aber wurde – Goldman Sachs war. Goldman Sachs beriet sie bei anspruchsvollen Derivate-Swaps, die es ihnen ermöglichten, ihre Staatsschulden zu verstecken und sich unter den Maastricht-Kriterien zu qualifizieren."
    http://www.larsschall.com/2011/03/30/wir-sind-inmitten-einer-epochalen-tektonischen-verschiebung-%E2%80%93-teil-2/
    Und ein führender Ex-Mitarbeiter dieses "Vereins" hütet jetzt die gemeinsame europäische Währung.
    Ja, Herr net shadow, da kann man sich als Europäer wirklich nur noch artig beim "Herrn und Meister" bedanken...

  • @ C. Falk

    "Ich bin der Meinung, dass Geopolitik niemals aufgehört hat praktiziert zu werden."

    Naja, gerade in Bezug auf Russland, das die Schreibkräftchen die die ehrbaren Journalistenstuben des Medienmainstreams gekapert haben, gerade ziemlich unsachlich mobben, war es eben anders! Zusammen damit, dass man uns mit den Amis den Bock als Gärtner verkauft, ist das ja das doppelt tragische! Ich finde die Situation im verlinkten Artikel ziemlich treffend beschrieben:

    "Gorbatschows Skepsis gegenüber der klassischen Geopolitik drückte sich noch in anderen Aspekten seiner Politik aus, wie beispielsweise dem Rückzug aus Osteuropa und die an wenige Bedingungen geknüpfte Vereinigung Deutschlands. Beide Handlungen machten aus geopolitischer Perspektive kaum Sinn. Denn deren Lehrsätze sehen so etwas wie eine „freiwillige Aufgabe von Macht“ gar nicht vor. Gorbatschow dagegen sah sie als vertrauensbildende Maßnahmen an und wollte auf der Grundlage des so hergestellten Vertrauens die außenpolitische Vision eines gemeinsamen Hauses Europas begründen. Es ging ihm letztlich darum, nicht nur den Kalten Krieg, sondern auch die Spuren des Zweiten Weltkrieges endgültig zu überwinden. Seine Politik stellte somit den ersten Versuch in der jüngeren Geschichte dar, aus der Zwangslogik der Geopolitik auszubrechen. Gorbatschows Versuch, eine dauerhafte Friedensordnung zu schaffen, scheiterte schließlich, weil er im Westen keinen Partner hatte. Seine Friedensinitiative wurde nicht als Chance, sondern – ganz im Sinne der geopolitischen Logik – als Schwäche gedeutet. Damit war ein für das 20. Jahrhundert einmaliger und für das 21. Jahrhundert potentiell wegweisender Versuch fehlgeschlagen."

    https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2013/maerz/die-rueckkehr-der-geopolitik

  • @Andrea merker

    Zustimmung. Richtig lag Helmut Schmidt "Sanktionen sind dummes Zeug".

    Wer einmal in diesen Zug eingestiegen ist kann dann aus seinem Abteilfenster eine Art Eigendynamik der Entwicklung beobachten, die u.U. zu den Entwicklungen führt, die Sie beschrieben haben.

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