Energie

Hambacher Forst Die Bechsteinfledermaus – dieses Tier hat fast eine Milliarde Euro Börsenwert vernichtet

Sie ist klein, lebt im Hambacher Forst und ist der Schrecken für die RWE-Aktionäre: die Bechsteinfledermaus. Ein Geldvernichter im Porträt.
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Eine Bechsteinfledermaus verlässt ihre Höhle. Quelle: dpa
Bechsteinfledermaus

Eine Bechsteinfledermaus verlässt ihre Höhle.

(Foto: dpa)

DüsseldorfDen Naturschutzgedanken trägt sie in ihrem Namen: die Bechsteinfledermaus. Ihr Namensgeber, der deutsche Naturforscher Johan Matthäus Bechstein, setzte sich im 19. Jahrhundert – lange bevor es Greenpeace und BUND gab – für den Erhalt der fliegenden Säugetiere ein.

Gut 200 Jahre später hätte ihm die heutige Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Münster zu der geplanten Rodung im Hambacher Forst ein Lächeln in Gesicht gezaubert.

Das Gericht gab am heutigen Freitag einem Eilantrag des Naturschutzvereins BUND statt, das Waldstück zwischen Aachen und Köln vorerst nicht roden zu lassen – vor allem wegen der Bechsteinfledermaus. Denn – ähnlich wie der Juchtenkäfer in Stuttgart und der Schierlings-Wasserfenchel in Hamburg – ist sie der argumentative Trumpf der Naturschützer, um das industrielle Vorhaben zu verhindern. Sie argumentieren, dass das Vorkommen der Tiere im Hambacher Forst ihm Qualitäten eines europäischen Schutzgebietes verleihe.

Dem Energiekonzern RWE, der das Gebiet für seinen Braunkohleabbau benötigt, entsteht somit ein Millionenschaden. Das Ergebnis vor Steuern (Ebitda) der Braunkohle- und Kernenergiesparte werde ab 2019 jährlich mit einem dreistelligen Millionenbetrag belastet, teilte der Konzern per Ad-hoc-Mitteilung mit. An der Börse hat das Tier bereits für einen Wertverlust gesorgt.

So verloren die RWE-Aktien am Freitag gut 8,5 Prozent an Wert – auf die Gesamtanzahl der Aktien (522,6 Millionen Stück) gerechnet, ergibt das einen Verlust von über 900 Millionen Euro. Doch was macht den kleinen Säuger so besonders schützenswert? Die wichtigsten Fakten zum fliegenden Geldvernichter im Überblick:

Ein pelziges Langohr

Die Bechsteinfledermaus hat große Ohren, eine rosa-braune Nase und kleine schwarze Knopfaugen. Mit einem Gewicht zwischen sieben und zwölf Gramm und einer Flügelspannweite von 25 bis 30 Zentimetern gehört sie zur mittleren Gewichtsklasse unter den 25 Fledermausarten in Deutschland. Dabei zeichnet sie sich auch sonst durch keine allzu auffälligen äußeren Merkmale aus. So sind ihre Ohren zwar lang – aber nicht so lang wie jene des Braunen Langohrs. Und sie ist haarig, aber nicht so wie die Fransenfledermaus.

Gefährlich nur für Insekten

Bevor sie für die RWE-Bilanz gefährlich wurde, führte die Bechsteinfledermaus eine eher unauffällige und friedliche Existenz. Wie auch andere einheimische Fledermausarten ernährt sich die Bechsteinfledermaus von Insekten. Dabei fängt sie diese beim langsamen Fliegen.

Braucht viele Quartiere

Das Besondere an der Bechsteinfledermaus: Sie ist ein Mietnomade. Im Sommer beziehen die kleinen Säuger Quartiere in Baumhöhlen. Dabei wechseln die Fledermäuse ihr Quartier im Sommer bis zu 50 Mal. Damit das klappt, brauchen sie Eichen- und Buchenwälder mit einem hohen Anteil an Totholz – dort fühlen sich die Tiere besonders wohl. Weil sie einen ganz speziellen Lebensraum benötigen, können die Tiere ihn nicht einfach so wechseln – das trägt mit zu ihrer Gefährdung bei.

Geografisch kommt die Bechsteinfledermaus in Mitteleuropa und besonders in Deutschland vor. Neben dem Hambacher Forst bewohnen die Tiere laut NABU auch Nordbayern, Baden-Württemberg und Hessen.

Selten, gefährdet, geschützt

Die Bechsteinfledermaus steht auf der Roten Liste der bedrohten Tier- und Pflanzenarten und ist dort als „potenziell gefährdet“ eingestuft. Über die Gesamtpopulation der Fledermäuse gibt es nur wenige Informationen. Aber, heißt es weiter in der Begründung der Roten Liste für die Einstufung, man nehme an, dass die Zahl der Fledermäuse zurückgeht. Grund sei der Rückgang der Wälder, die für die Tiere als Lebensraum in Frage kommen. Auch durch die EU-Gesetzgebung ist die Fledermaus geschützt. So ist die Art in einem Anhang der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union erwähnt und damit besonders geschützt. Das bedeutet, dass die Tiere weder direkt getötet werden dürfen noch ihre Lebensstätten beschädigt oder zerstört werden dürfen.

Hambacher Forst ist die Babystube der Bechsteinfledermaus

Auch, wenn die Gesamtpopulation nicht besonders gut erforscht ist – die Fledermaus-Kolonie im Hambacher Forst ist es schon. Seit 2005 gibt es den den Arbeitskreis „Bewahrung der Vorkommen von Fledermäusen im Bereich des Tagebaus Hambach und seinem Umfeld“, in dem neben den Umweltschützern von NABU und BUND auch Vertreter von RWE sitzen.

Inzwischen seien mehr als 500 Fledermäuse beringt und mit Peilsendern ausgestattet worden, heißt es in dem konzerneigenen Artenschutzkonzept des Tagebaus Hambach. Naturschützer heben einen weiteren Aspekt hervor: In Hambach befindet sich eine von zwei Kinderstuben dieser Art in ganz Nordrhein-Westfalen. Hierhin ziehen sich die Fledermausweibchen zurück, um Nachwuchs großzuziehen.

RWE wünscht sich eine Umsiedlung

Weil der Tagebau im Hambacher Forst die Bechsteinfledermaus in ihrer Existenz gefährdet, will RWE sie in die umliegenden Wälder umsiedeln – etwa die Steinheide, den Dickbusch und den Lörsfelder Busch. Außerdem sollen landwirtschaftlich genutzte Flächen fledermausfreundlich umgestaltet werden. Naturschützer halten dagegen, dass die Fledermaus nur in dem vorhandenen Wald weiter gedeihen kann und dass sich eine Umsiedlung negativ auf das Brutverhalten der Art auswirken könnte.

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