Energie
Frank Thelen

Alles was elektrisch ist, werde bald digital vernetzt sein, glaubt der Investor.

(Foto: Dietmar Gust, Euroforum)

Handelsblatt-Energietagung Weckruf für die deutsche Energiebranche

Ob Smartphone, Cloud oder Batterien: Deutschland hat viele Trends verschlafen. Nun droht auch die heimische Energiewirtschaft den Anschluss zu verlieren, warnt Investor Frank Thelen. Dabei böte die Energiewende Chancen.
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BerlinEs ist ein düsteres Bild, das Frank Thelen an diesem Morgen auf der Bühne der Handelsblatt-Energietagung in Berlin zeichnet. In vielen Branchen habe der Umbruch schon stattgefunden. Ob der Wandel von CD zu digital, Handy zu Smartphone oder Lexikon zu Google. „Auch die Energiewirtschaft wird in zehn bis 15 Jahren neu geschrieben“, sagt der Gründer und Investor. Aber bislang habe Deutschland jeden Wandel verschlafen. „Die nächste Revolution muss von euch kommen“, appelliert Thelen an die deutsche Energiebranche.

Harte Worte an die einstige Vorzeigenation in Sachen Energiewende, wo die Disruption der Branche längst in vollem Gange ist. RWE und Eon, die zwei größten heimischen Energiekonzerne, haben sich in radikalen Schritten aufgespalten und das Geschäft mit dezentralen Erneuerbaren Energien von jenem mit Gas- und Kohlekraftwerken getrennt.

Gleichzeitig hat die deutsche Solarbranche mit der Insolvenz von Solarworld im vergangenen Jahr ihren größten Photovoltaikkonzern verloren und in der Windbranche droht aktuell ein Kahlschlag. Aus der Sicht von Thelen droht sich die heimische Energiebranche im Klein-Klein zu verlieren und die große Revolution, die der Branche bevorsteht zu verpassen.

Alles was elektrisch ist, werde bald digital vernetzt sein, glaubt der Investor. Die technischen Grundlagen für den großen Umbruch seien schon da – von Big Data, Blockchain oder ständig wachsender Rechenkapazität. „Jetzt muss man in die Führung gehen, nicht in die Verwaltung. Sonst werdet ihr sterben“, appelliert der Unternehmer an die vor ihm sitzenden Vertreter der deutschen Energiewirtschaft. Bis jetzt habe Deutschland den Anschluss immer verpasst, warnt Thelen. Dieses Schicksal dürfe nicht auch noch die heimische Stromgilde ereilen.

Nun ist es ja nicht so, dass es keine Startups oder Innovationen in der deutschen Energiewirtschaft geben würde. „Aber die Zahl ist einfach zu klein“, sagt Thelen. Das liege aber auch an dem verschwindend geringen Risikokapital, das in die deutsche Energiebranche investiert wird, wirft ein Gast aus dem Publikum ein. Das muss der Unternehmer zugeben: „Wagniskapital, das für solche Erfindungen in Deutschland investiert wird, ist im Vergleich zu den USA und anderen quasi nicht existent, das stimmt.“

Es sollte gesetzlich vorgeschrieben werden, dass Pensionsfonds ein bis zwei Prozent in Risikokapital investieren müssten, schlägt der Investor vor. „Das wird aber schwierig solange wir keine voll funktionsfähige Regierung haben“, sagt er mit einem Seitenhieb in Richtung Bundeskanzleramt.

„Die ganze Industrie muss daran arbeiten, dass wir endlich mehr Kapital haben. Hier bekommt einer vielleicht eine Million Dollar für seine Idee. Im Silicon Valley bekommt er zehn Millionen Dollar.“ Und das müsse auch das Ziel für die deutsche Energiewirtschaft sein, sagt Thelen. Unternehmen wie die bayrische Firma Sonnen, die Batteriespeicher für Eigenheime herstellt und sie mit tausenden Ökoanlagen clever vernetzt, sind aus der Sicht von Thelen ein gutes Beispiel dafür, welche Chancen deutsche Energieunternehmen haben. Noch ist Deutschland bei der Energiewende vorne, aber die hiesige Industrie muss sich anpassen und revolutionärer denken, so Thelens Appell.

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3 Kommentare zu "Handelsblatt-Energietagung: Weckruf für die deutsche Energiebranche"

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  • Handlungsbedarf ja – Abgesang nein

    Im Beitrag werden die Problemfelder im Kontext Digitalisierung der Energiewirtschaft und Risikokapitalausstattung adressiert. Brancheninsider können diese Kritikpunkte fraglos nachvollziehen. In der digitalen Energiewelt besteht Handlungsbedarf, wollen Stadtwerke und Co. sich auf absehbare Zeit nicht mit einem wenig auskömmlichen Nischendasein zufriedengeben oder sogar gänzlich von innovativen, branchenfremden Akteuren verdrängt werden. - Ohne Frage. Nichts zu tun ist angesichts erheblicher Veränderungen im Energiesektor keine Option! Einfach den althergebrachten Kurs zu halten wäre fatal. Darin ist sich die überwiegende Mehrheit der Energiewirtschaftler nach meiner Erfahrung aber durchaus einig.

    Stadtwerke und Co. werden Utility 4.0
    Es besteht also Handlungsbedarf. Keine Frage! Aber die deutsche Energiewirtschaft ist besser aufgestellt – oder soll ich sagen weiter – als externen Beobachtern dieser Branche mithin scheint. Faktisch dominieren Margendruck, Dezentralisierung und digitale Transformation bereits seit einigen Jahren mehr und mehr den Energiesektor. So setzt aufseiten vormals monopolistisch strukturierter Unternehmen – für die noch vor Jahren echter Wettbewerb nahezu unbekannt war – ein Umdenken in Richtung verstärkter Dienstleistungs- und Kundenorientierung ein. Die Mehrheit der heutigen Energieversorgungsunternehmen (EVU) befinden sich bereits am Beginn der digitalen Transformation, bei der Energiemarkt und Informationstechnologie miteinander verschmelzen (https://www.springerprofessional.de/energie/energiebereitstellung/versorgungswerke-werden-zu-utility-4-0/7069912). Die gute Nachricht ist also, dass sich heute bereits zahlreiche Energieunternehmen in Richtung Utility 4.0 bewegen. Plakativ gesprochen bewegt sich der Energiesektor in Deutschland in die richtige Richtung.

  • Im Zusammenhang mit Kaufentscheidungen googeln rund 75 Prozent der Konsumenten und sogar 95 Prozent der B2B-Entscheider.
    Mit Hilfe der digitalen Kommunikation können Unternehmen wesentlich sparen oder Ihren Umsatz steigern. Anregungen und Hinweise dazu wie eine digitale Kommunikation in Unternehmen oder mit den Kunden aussehen kann, liefert unser Blogartikel: “Die Wirtschaftlichkeit steigern mit Hilfe der digitalen Kommunikation”. http://www.flyacts.com/blog/blogreihe-digitalisierung-1-digitale-kommunikation/

  • Der Artikel und die Auswahl des Spezialisten ist erfrischend.

    Der Satz " Unternehmen wie die bayrische Firma Sonnen, die Batteriespeicher für Eigenheime herstellt und sie mit tausenden Ökoanlagen clever vernetzt, sind aus der Sicht von Thelen ein gutes Beispiel dafür, welche Chancen deutsche Energieunternehmen haben. " Real sind im europäischen Stromnetz hunderte Millionen Haushalte, Gewerbe- und Industriebetriebe vernetzt. Ich nehme an bei dem Beispiel geht es darum Eigenheiten des Stromtarifs zulasten der Allgemeinheit auszunutzen.

    Den Anschluss hat die deutsche Energiewirtschaft seit langem verloren. Beim Bau von umweltfreundlichen, zukunftsträchtigen Kernkraftwerken ging dieser in den 80er Jahren und bei Kohle und Gaskraftwerken Anfang des Jahrtausends verloren als die gewaltige Nachfrage aus Asien zu einem entsprechenden Kapazitätsausbau in Asien geführt hat. Spätestens mit der Merkelschen Energiewende und der massenhaften Einspeisung wertlosen, umweltschädlichen Ökostroms wurde das Geschäft der Versorger zerstört und ging der Anschluss verloren.

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