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Energie
Aktivistin Luisa Neubauer

Die 23-jährige Klimaschützerin spricht auf der RWE-Hauptversammlung. Währenddessen demonstrieren draußen die Schüler gegen den Konzern und den Klimawandel.

(Foto: Reuters)

Hauptversammlung des Energiekonzerns Feindbild RWE: Schüler protestieren auf der Hauptversammlung des Energiekonzerns

Konzernchef Schmitz will RWE zum führenden Produzenten von grünem Strom machen. Vor der Grugahalle in Essen demonstrieren Aktivisten und Schüler gegen den Kohlekonzern.
Update: 03.05.2019 - 12:51 Uhr 1 Kommentar

EssenSchon um kurz nach zehn Uhr hört man die ersten Schülerinnen und Schüler: „Keep coal in the ground.“ „Hambi bleibt“, hallt es aus den Tunneln der U-Bahn-Haltestelle an der Essener Grugahalle. Hier hält der Energiekonzern RWE an diesem Freitag seine Hauptversammlung ab.

Schon vor mehr als einem Jahr hatte Deutschlands größter Stromproduzent das Aktionärstreffen auf den 3. Mai terminiert, einen Freitag – und damit den Klimaschützern eine Steilvorlage geliefert. Denn seit Monaten ist der Freitag fester Protesttag der jungen Klimabewegung von „Fridays for Future“. Ein paar Hundert Schüler sind zur Grugahalle gekommen: Immer mehr laufen die Treppen aus dem Untergrund hoch und stellen sich mit Plakaten und Transparenten zu den demonstrierenden Mengen.

In der Halle wirbt RWE-Chef Rolf Martin Schmitz vor den Aktionären für den geplanten Umbau des Versorgers zum Ökostromerzeuger. „Sauberen und sicheren Strom zu erzeugen – dieses Ziel treibt uns an“, sagt der Manager auf der Hauptversammlung. „Wir wollen der Wachstumsmotor für die Energiewelt von morgen sein.“

Draußen formieren sich die Demonstranten. Unter ihnen sind auch Paula und David, 16 und 18 Jahre alt, aus dem Ruhrgebiet. Seit Februar sind sie jeden Freitag auf den Demos mit dabei. Eigentlich habe sie bald Prüfungen und wollte diesen Freitag aussetzen, sagt die Wuppertalerin, aber das hier sei so wichtig, da konnte sie nicht wegbleiben.

„Auch wenn RWE jetzt bald einer der größten Erneuerbaren-Energieerzeuger ist, das reicht nicht, solange noch Kohle verbrannt wird“, sagt Paula wütend. Auch David ist frustriert: „Niemand tut was, dabei sehen wir doch schon die Folgen“, sagt der Abiturient aus Essen. Beide wollen solange auf die Straße gehen, bis sich wirklich was ändert. Bis ihre Forderungen umgesetzt werden.

Kein anderes Unternehmen steht in Deutschland so sehr als Symbol für die alte Energiewelt wie RWE. Schließlich produziert RWE nicht nur Kohlestrom, sondern fördert auch im großen Stil Braunkohle. 

Genau deswegen steht der Energiekonzern nun schon seit Monaten unter Dauerbeschuss. Erst durch die Proteste rund um die geplante Rodung des Hambacher Forstes („Hambi“) nahe Köln. Nun, am Tag der Hauptversammlung, rückt RWE in den Fokus der Fridays-for-Future-Bewegung.

„Kein Konzern in Europa trägt mehr Verantwortung für die Klimakrise. Sie verkaufen ihre Verantwortung für ein paar Cent Rendite“, sagte Luisa Neubauer auf der Hauptversammlung. Die Schülerin von der Fridays-for-Future-Bewegung appelliert an die Aktionäre: „Sie alle hier haben ein Stimmrecht, werden Sie nicht zum stillen Komplizen von RWE-Chef Schmitz. Jede Person hier in diesem Raum trägt Verantwortung, werden sie ihr gerecht. Schalten Sie ab, noch in diesem Jahr und gänzlich bis 2030.“ Neubauer erhielt ihr Rederecht über den Dachverband der Kritischen Aktionäre.

RWE-Chef Schmitz begrüßt die Demonstration der jungen Schüler höflich. „Klima- und Umweltschutz sind Herausforderungen für alle Generationen, eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. Dafür lohnt es sich, seine Stimme zu erheben“, sagt er in seiner Rede zur Eröffnung der RWE-Hauptversammlung am Freitagmorgen. „Ich finde es daher gut, dass sich Schülerinnen und Schüler dafür interessieren.“

Deutschlands größter Stromproduzent verkörpert all das, was die ambitionierten Klimaaktivisten am liebsten verbannen würden. Seit der Abspaltung der Tochter Innogy 2016 erfolgt die Stromproduktion bei RWE ausschließlich mit konventionellen Kraftwerken– also Gasanlagen und eben Atom- und Kohlekraftwerken.

Konzernchef Schmitz setzt auf Tauschgeschäft mit Eon

Die Empfehlungen der Kommission für einen Ausstieg aus der schmutzigen Kohleverstromung bis 2038 stießen deswegen gerade bei RWE-Chef Schmitz auf keine große Begeisterung – aber er akzeptiert sie, wie er auf der Hauptversammlung wieder betont.

Von den Forderungen der jungen Demonstranten, den Kohleausstieg schon bis 2030, anstatt wie empfohlen erst 2038, zu vollziehen, hält Schmitz bekanntlich ebenfalls wenig.

Er setzt seine Hoffnungen auf das geplante Tauschgeschäft mit dem Rivalen Eon. Dann bekommt RWE nicht nur die Erneuerbare-Energien-Sparte zurück, für die nach der Aufspaltung Innogy zuständig war. Der Energiekonzern bekommt zusätzlich auch Anlagen und Projekte von Eon.

„Fridays for Future hebt ein Thema deutlich hörbar auf die Tagesordnung und rückt es so ins Bewusstsein aller. Doch zum Fordern gehört auch Machen. Dafür stehen wir bei RWE. Wir haben die Weichen in diese Richtung gestellt. Dabei werden wir Visionen und Machbares im Auge behalten“, betont Schmitz am Freitag.

Die „neue RWE“ werde zu „einem global führenden Unternehmen im Geschäft mit erneuerbaren Energien“, schwärmt Vorstandschef Schmitz schon – und unterlegt die Behauptung mit Fakten: RWE werde zum drittgrößten Produzenten von Strom aus erneuerbaren Energien in Europa.

Bei Offshore-Windkraft werde RWE sogar zur Nummer zwei – weltweit. Ab 2020 will RWE pro Jahr 1,5 Milliarden Euro netto in das neue Geschäft investieren und die Kapazitäten Jahr für Jahr um zwei bis drei Gigawatt aufstocken.

Auch Protestgruppen von Greenpeace, Urgewald und der „HambiBleibt-Bewegung“ haben sich am Freitag in Essen versammelt. „Hört, was Greta sagt“, singt ein grauhaariger Gitarrenspieler, und die Menge grölt mit. Den plötzlichen Wandel des RWE-Chefs kauft ihm hier niemand ab.

Die Nichtregierungsorganisation (NGO) Urgewald fordert sogar seinen Rücktritt. „Sorgt endlich in eurem Konzern für einen Bewusstseinswandel und einer Betriebskultur, die zu eurem neuen Geschäftsmodell passt“, ruft ein Demonstrant. „Eine Fünf in Mathe ist nicht so schlimm, wie eure Sechs im Klimaschutz“, steht auf einem der Plakate.

Kohleausstieg vor 2030 nicht zu schaffen

Ganz unrecht haben die Aktivisten damit nicht. Mit neun Gigawatt machen die grünen Kapazitäten bei RWE zukünftig nicht einmal ein Viertel der insgesamt 38 Gigawatt aus, die der Konzern aktuell in Atom-, Gas- und Kohlekraftwerken installiert hat. Nicht nur die protestierenden Schüler erhöhen deshalb den Druck auf das Essener Unternehmen.

Auch Nichtregierungsorganisationen melden sich anlässlich der Hauptversammlung zu Wort. „RWE läuft aufgrund seiner hohen CO2-Last Gefahr, schnell an Rentabilität zu verlieren. Der Konzern muss einen Fahrplan für einen Kohleausstieg bis 2030 vorlegen. Andernfalls sollten sich Investoren von RWE trennen“, fordert Kaarina Kolle, Koordinatorin für Finanz- und Energiethemen beim Netzwerk Europe Beyond Coal. Auch nach dem Tausch mit Eon bleibe RWE der größte Kohlekraftwerksbetreiber Europas.

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns unsere Zukunft klaut“, skandieren Schüler seit Wochen im ganzen Land. In einem Protestzug ziehen sie von der Grugahalle ins Stadtzentrum von Essen und weiter zur RWE-Zentrale.

Schmitz hatte mehrfach betont, dass ein Ausstieg aus dem fossilen Energieträger bis 2030 nicht zu schaffen sei. „Wenn die Politik vorzeitig aus der Kohleverstromung aussteigen will, muss sie ein Preisschild dran machen, auf dem steht: So viele Arbeitsplätze müssten wir streichen, um so viel wird der Strompreis steigen“, sagte der Manager in einem Interview. Wer zu früh aus der Kohle aussteige, werde dafür teuer bezahlen.

Dabei belastet der geplante Kohleausstieg die Geschäfte von RWE heute schon: 2019 wird das Ergebnis weiter sinken – unter anderem wegen des Stillstandes in Hambach. Schon 2018 war das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) für „RWE stand-alone“, also für das Kerngeschäft und die Dividende von Innogy, von 2,1 Milliarden Euro auf 1,5 Milliarden Euro zurückgegangen.

Bei den Aktionären kommt der Strategieschwenk dagegen gut an. RWE habe durch den Deal mit Eon wieder eine „klare Zukunftsperspektive“ gewonnen, sagte Thomas Deser, Portfoliomanager bei Union Investment: „Der Dinosaurier RWE hat die politische Eiszeit überlebt und wird durch einen spektakulären Befreiungsschlag jetzt zum Global Player bei den erneuerbaren Energien.“

Das sei zu begrüßen, weil die CO2-Risiken im Geschäftsmodell verringert würden. Mehr Nachhaltigkeit bedeute auch „bessere Perspektiven am Kapitalmarkt“. „RWE schickt sich an, vom Saulus zum Paulus der Energiebranche zu werden.“

„Reputationsschaden“ durch den Hambacher Forst

Auch die Kleinaktionäre wollen, dass der Deal zustande kommt, wie Thomas Hechtfischer, Geschäftsführer bei der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz betonte: „Dann hat RWE wieder eine Wachstumsstory. Joachim Kregel von der Deutschen Schutzgemeinschaft der Kleinanleger (SDK) hofft, „dass der Deal bald umgesetzt wird“.

Tatsächlich ist das noch nicht sicher. Zwar hat RWE inzwischen alle Genehmigungen vorliegen. Eon kämpft aber noch um die Zustimmung der EU-Kommission. DSW-Vertreter Hechtfischer sieht deshalb noch „Nebelschwaden“.

Auch die kommunalen Aktionäre, die aktuell noch rund 20 Prozent der Anteile halten, lobten die neue Strategie. „Das neue und erweiterte Geschäftsmodell überzeugt in Struktur und Form“, sagte Ernst Gerlach, Geschäftsführer beim Verband der kommunalen RWE-Aktionäre (VKA). Der Schwenk von fossiler zu regenerativer Stromerzeugung eröffne RWE eine „verantwortungsbewusste Zukunftsperspektive.“

Selbst Vertretern institutioneller Anleger geht der Umbau zur „neuen RWE“ aber nicht schnell genug: „Die Klimakrise ist längst eine reale Bedrohung für uns und für zukünftige Generationen – und gerade Energiekonzernen kommt hierbei eine Schlüsselfunktion zu“, sagte Winfried Mathes von der Fondsgesellschaft Deka Investment: „Wir werden die Entwicklung bei RWE daher weiter sehr aufmerksam und kritisch verfolgen.“

Nach seinen Worten hat das Management beim Konflikt um den Hambacher Forst einen „Reputationsschaden“ in Kauf genommen. Die Deka stimmt sogar gegen die Entlastung des Vorstands – versteht das aber eher als Warnschuss: „Wir möchten, dass diese Nichtentlastung als Anreiz verstanden wird, RWE endlich auf eine nachhaltige Basis zu stellen.“

Im Herbst war der Konflikt um die Kohle eskaliert. Waldbesetzer verhinderten die Rodung des Hambacher Forstes, mit der RWE Platz für die Braunkohlebagger im benachbarten Tagebau schaffen wollte. Teilweise kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Aktivisten und Polizei. Dabei kam es auch zu einem tragischen Zwischenfall: Ein Journalist, der über die Waldbesetzungen berichtete, stürzte von einem Baumhaus ab – und starb.

Auf der Hauptversammlung nahm Aufsichtsratschef Werner Brandt aber die Gelegenheit für ein versöhnliches Zeichen an. Er akzeptierte den Antrag eines Aktionärs für eine Gedenkminute für den verstorbenen Journalisten. Vorstand, Aufsichtsrat und die Aktionäre erhoben sich in der Essener Grugahalle. Für eine Minute ruhte der Konflikt um die Kohle

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1 Kommentar zu "Hauptversammlung des Energiekonzerns: Feindbild RWE: Schüler protestieren auf der Hauptversammlung des Energiekonzerns"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • "Schon um kurz nach zehn Uhr hört man die ersten Schülerinnen und Schüler:..."
    Gibt es in Essen keine Schulpflicht?
    ... Wozu Schule? Im Sozialismus gibt es für jeden einen Job!... Richtig, Herr Kühnert?

    Vielleicht habe ich einen etwas überzeichneten, satirischen Stil - aber wenn die Handelsblatt Zensur meint den Kommentar löschen zu müssen, dann frag ich mich, ob es sinnvoll ist, Handelsblatt Leser und Zahler zu sein!

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