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Energie
Braunkohle-Kraftwerk Schwarze Pumpe

Der Leag-Chef sorgt sich um die Folgen des Kohleausstiegs für die Region Lausitz.

(Foto: picture alliance / Andreas Frank)

Helmar Rendez im Interview Energieriese Leag plant für die Zeit nach dem Kohleausstieg

Das Ende für den Kohlestrom trifft neben RWE vor allem den Braunkohle-Förderer Leag. Konzernchef Helmar Rendez warnt im Interview davor, den Ausstieg zu überstürzen.
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DüsseldorfLeag-Chef Helmar Rendez bereitet sein Unternehmen auf die Zeit nach einem Kohleausstieg vor. „Wir arbeiten intensiv an einem Unternehmen mit Zukunft und sind keine Abwicklungsgesellschaft“, sagte der Chef des Braunkohleunternehmens dem Handelsblatt.

Die Leag AG mit Sitz in Cottbus fördert Braunkohle in Brandenburg und Sachsen und betreibt dort auch Braunkohlekraftwerke. Es ist das zweite große Braunkohle-Unternehmen in Deutschland neben der Essener RWE AG. Es sei das klare Interesse der Gesellschafter, des Managements und der Mitarbeiter, das Unternehmen weiterzuentwickeln, sagte Rendez.

Die Zukunft der Leag sieht Rendez weiterhin im Energiesektor. „Wir sind ein Energieunternehmen und wollen es auch bleiben. Wir stehen für Energiekompetenz im Osten Deutschlands. Wir haben hier 8000 Leute und die entsprechende Infrastruktur. Das ist ein gehöriges Asset“, sagte Rendez.

„Wir bauen einen der größten Stromspeicher in Deutschland, wir beschäftigen uns zugleich intensiv mit dem Thema Wärmeversorgung, mit der Digitalisierung der Energiewende, mit virtuellen Kraftwerken. Wir sind also schon auf dem Weg in die Zukunft“, ergänzte er.

Der Vorstandschef warnte zugleich vor einem zu raschen Kohleausstieg. „Das gewachsene System hat Deutschland einen enorm hohen Grad an Versorgungssicherheit gebracht. Das ist ein großer Standortvorteil und eine Basis für Wachstum und Wohlstand“, sagte Rendez.

„Das Allerwichtigste ist Planungssicherheit und genügend Zeit für den Transformationsprozess.“ Quelle: picture alliance / Patrick Pleul
Leag-Chef Helmar Rendez

„Das Allerwichtigste ist Planungssicherheit und genügend Zeit für den Transformationsprozess.“

(Foto: picture alliance / Patrick Pleul)

„In den vergangenen Jahren haben wir damit begonnen, dieses System mit hoher Geschwindigkeit im laufenden Betrieb komplett umzubauen. Das heißt, dass wir am Motor der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt herumschrauben“, sagte der Leag-Chef.

Es sei „extrem wichtig, dass wir uns immer sicher sein können, dass wir während des Umbaus auch in Zukunft zu jeder Sekunde das hohe Maß an Versorgungssicherheit erhalten können“. Das sei „extrem anspruchsvoll“.

Lesen Sie hier das komplette Interview mit Helmar Rendez

Herr Rendez, nimmt Ihre Tochter an den „Fridays for Future“-Demos für Klimaschutz teil?
Nein. Meine Tochter ist jetzt 25 Jahre alt, sie gehört also auch gar nicht mehr zum Kern der Adressatinnen und Adressaten dieser Bewegung.

Hätten Sie ein Problem damit, wenn Ihre Tochter – wie viele in Ihrer Generation – sich an Demonstrationen gegen den Klimaschutz beteiligen würde?
Nein. Ich bin aber davon überzeugt, dass sie sich von einer Stimmung, die unter anderem durch die sozialen Medien transportiert und verstärkt wird, nicht einfach vereinnahmen lassen würde.

Kann der Chef eines Braunkohleunternehmens denn die Sorgen von Klimaschützern überhaupt nachvollziehen?
Wir erleben nicht nur ein paar Wetterkapriolen, sondern weltweit eine starke Häufung extremer Wetterereignisse. Ich habe auch keinen Zweifel daran, dass ein Teil dieser Veränderung menschengemacht ist. Die Frage ist, wie man sinnvoll gegensteuert. Wir haben eine über Jahrzehnte gewachsene Struktur der Energieversorgung, die wir nun komplett umbauen. Das ist etwa so, als wollte man mit einem großen Tanker einen neuen Kurs einschlagen. Das ist ein Prozess, der sich über Jahre und Jahrzehnte hinzieht. Das Tempo, das Klimaschutzorganisationen vorschwebt, birgt enorme Risiken für das Gesamtsystem.

Welche Risiken meinen Sie?
Das gewachsene System hat Deutschland einen enorm hohen Grad an Versorgungssicherheit gebracht. Das ist ein großer Standortvorteil und eine Basis für Wachstum und Wohlstand. In den vergangenen Jahren haben wir damit begonnen, dieses System mit hoher Geschwindigkeit im laufenden Betrieb komplett umzubauen. Das heißt, dass wir am Motor der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt herumschrauben. Es ist extrem wichtig, dass wir uns immer sicher sein können, dass wir während des Umbaus auch in Zukunft zu jeder Sekunde das hohe Maß an Versorgungssicherheit erhalten können. Das ist extrem anspruchsvoll.

Bis jetzt ist es aber immer gut gegangen.
Das stimmt. Das ist aber nicht selbstverständlich, und es muss auch nicht immer so weitergehen.

Sie haben vorhin das Bild vom schwerfälligen Tanker gebraucht. Wenn der Tanker so schwerfällig ist, ist es doch umso dringender geboten, mit dem Kohleausstieg nicht noch viele Jahre zu warten.
Es geschieht ja bereits sehr viel. Der Kohleausstieg läuft bereits seit einigen Jahren, ob mit oder ohne Kohlekommission. Für die drei deutschen Braunkohlereviere gibt es jeweils klare Fahrpläne für den Ausstieg. Diese Revierpläne reichen jeweils bis in die 40er Jahre hinein und zeichnen einen schrittweisen Ausstieg vor. Es ist also keineswegs so, als würden wir nun bei null anfangen. Der Kompromiss, auf den sich die Mitglieder der Kommission Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung verständigt haben, zeigt auf, wie man versuchen will, diesen Prozess nochmals zu beschleunigen.

Wird diese Beschleunigung funktionieren?
Das kann man heute nicht abschließend sagen. Ich finde es daher sehr vernünftig, dass die Mitglieder der Kommission sich auf Revisionsklauseln verständigt haben. 2023, 2026 und 2029 sollen die Vorgaben überprüft werden.

Warum sollte man in wenigen Jahren einen oder gar zwei Schritte zurückgehen?
Wir können nur aus der Kohle aussteigen, wenn im gleichen Zuge andere Voraussetzungen erfüllt werden. Dazu zählt der Ausbau der Netze und der Aufbau von Speichern bzw. Ersatzkapazitäten, beispielsweise der Bau neuer Gaskraftwerke. Primat muss dabei sein, dass die Versorgungssicherheit gewährleistet bleibt. 2023 ist übrigens ein besonders gut gewählter Revisionszeitpunkt, weil bis Ende 2022 insgesamt zehn Gigawatt Kernkraftwerksleistung aus dem System gegangen sein werden und die ersten Braunkohlekraftwerke aus der Sicherheitsbereitschaft gefallen sein werden. Das ist dann der Lackmustest für die Systemstabilität. Auch die Preiseffekte wird man erst dann genau beurteilen können. Wenn Kohlekraftwerke vom Netz gehen und dafür neue Gaskraftwerke in Betrieb gehen, dürfte das für steigende Strompreise sorgen.

Aber der Kohleausstieg ist also auch in Ihren Augen grundsätzlich richtig, es ist nur die Frage, wie er umgesetzt wird, oder?
Ich bin nicht davon überzeugt, dass der Kohleausstieg richtig ist. Aber die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission hat dazu einen Kompromiss gefunden. Wir müssen jetzt abwarten, inwieweit diese Empfehlungen von der Regierung aufgegriffen und in Gesetzesform gegossen werden. Dann werden wir uns bemühen, diese Vorgaben zu erfüllen. Ob sie realistisch sind, da war sich ja selbst die Strukturkommission nicht sicher, sonst wären ja nicht die Revisionsklauseln aufgenommen worden.

Zeichnet das europäische Emissionshandelssystem den Kohleausstieg nicht ohnehin vor?
Der Emissionshandel funktioniert. Die Mengensteuerung sorgt dafür, dass die CO2-Emissionen des Energiesektors kontinuierlich sinken. Leider kann man das für die Sektoren, die nicht dem Emissionshandel unterliegen, nicht uneingeschränkt sagen. Im Verkehrssektor sind die Emissionen in Deutschland sogar zuletzt gestiegen. Auch der Gebäudesektor hinkt bei der CO2-Reduktion hinterher, obwohl dort Riesenpotenziale schlummern. Es gibt in diesen Sektoren keine Mengensteuerung, zugleich fehlen die Anreize. Das kann nicht funktionieren.

Die Emissionszertifikate kosten mittlerweile 20 Euro je Tonne CO2. Verdienen Sie mit Ihren Kraftwerken überhaupt noch durchgehend Geld?
Wir haben im europäischen Vergleich den modernsten Kraftwerkspark. Die Anlagen haben hohe Wirkungsgrade. Darum sind wir im Wettbewerb bestens platziert. Natürlich beobachten wir die Preisentwicklung bei den Stromprodukten und Emissionszertifikaten. Für die nächsten Jahre haben wir uns allerdings abgesichert.

Von Kraftwerken, mit denen man gutes Geld verdient, trennt man sich nur schweren Herzens. Haben Sie mit der Bundesregierung schon über das Thema Entschädigungen gesprochen?
Dafür ist es noch zu früh. Die Vorschläge der Kommission müssen erst zu konkretem Regierungshandeln werden. Die Kommission empfiehlt, bis zum 30. Juni 2020 zu einvernehmlichen Regelungen mit den Betreibern zu kommen. Ich gehe davon aus, dass wir demnächst zu ersten Gesprächen eingeladen werden.

Es wird ja auch die Rechtsauffassung vertreten, Entschädigungen seien gar nicht erforderlich. Wie stehen Sie dazu?
Es gibt verschiedenste Gutachten, die zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Meine Überzeugung ist ganz klar: Wenn der Staat mit ordnungspolitischen Mitteln in Privateigentum eingreift, entstehen Ansprüche. Über die Höhe der Ansprüche lässt sich sicher trefflich streiten. Ich glaube daher, es wäre das Beste, wenn sich die Bundesregierung mit den Betreibern vertraglich einigte.

Welches Angebot machen Sie der Bundesregierung?
Wir haben mit unserem Lausitzer Revierkonzept ja schon einen konkreten Vorschlag gemacht. Wir haben 2017 gesagt, dass wir bereit sind, Kohlereserven von 850 Mio. Tonnen nicht zu fördern. Wenn es jetzt noch schneller gehen soll, muss man schauen, welche Konsequenzen das für unser Revierkonzept beziehungsweise für unser Unternehmen hat und wie sich das mit den Kriterien Versorgungssicherheit, Preiswürdigkeit und Klimaschutz in Einklang bringen lässt. Eine einvernehmliche Lösung sollte außerdem eine gewisse Flexibilität ermöglichen. Es ist ja durchaus denkbar, dass man bei den Revisionsterminen zu dem Ergebnis kommt, nicht alle Anlagen wie ursprünglich geplant vom Netz nehmen zu können.

Die Bundesregierung stellt in Aussicht, der Strukturwandel könne am Ende so gut laufen, dass es in zwei Jahrzehnten mehr neue Jobs gibt als heute in der Braunkohle. Für wie realistisch halten Sie das?
Wenn Mitglieder der Bundesregierung solche Erwartungen wecken, müssen sie wissen, was sie damit bei den Menschen auslösen. Der Strukturwandel wird eine Riesenaufgabe. Ein Blick auf den Flughafen BER macht deutlich, was alles schiefgehen kann. Dabei ist das Projekt von der Dimension her ja gar nicht mit dem viel anspruchsvolleren Strukturwandel in den Braunkohleregionen vergleichbar.

Was braucht die Lausitz am dringendsten?
Das Allerwichtigste ist Planungssicherheit und genügend Zeit für den Transformationsprozess. Und wir brauchen dafür natürlich auch Geld. Geld alleine kauft aber keine Zukunft. Sie können nicht jedes Problem mit Geld lösen. Es braucht den festen Willen, etwas Neues zu schaffen. Wir müssen um die Akzeptanz der Menschen vor Ort kämpfen. Sie müssen den Aufbruch in die Zukunft wollen. Die Lausitz soll nach dem Willen der Politik zur Modellregion des Strukturwandels werden. Die Leag ist der ideale Partner für diese Aufgabe.

Ist die Leag dann am Ende nur noch eine Abwicklungsgesellschaft?
Wir arbeiten intensiv an einem Unternehmen mit Zukunft und sind keine Abwicklungsgesellschaft. Es ist das klare Interesse der Gesellschafter, des Managements, der Mitbestimmung und unserer Mitarbeiter das Unternehmen weiterzuentwickeln. Unser Revierkonzept soll uns auch Zeit geben, um das Unternehmen binnen einer Generation aus der Kohle herauszuführen und für neue Aufgaben bereit zu machen.

Welche neuen Aufgaben könnten das sein?
Wir sind ein Energieunternehmen und wollen es auch bleiben. Wir stehen für Energiekompetenz im Osten Deutschlands. Wir haben hier 8000 Leute und die entsprechende Infrastruktur. Das ist ein gehöriges Asset. Wir bauen einen der größten Stromspeicher in Deutschland, wir beschäftigen uns zugleich intensiv mit dem Thema Wärmeversorgung, mit der Digitalisierung der Energiewende, mit virtuellen Kraftwerken. Wir sind also schon auf dem Weg in die Zukunft.

Sie sind ein großer Grundbesitzer in der Region. Wollen Sie nicht Freiflächen-Photovoltaik-Anlagen und Windparks bauen?
Das ist eine von mehreren Optionen. Wir sehen unsere Zukunft aber nicht allein in einem Geschäftsfeld, das im Prinzip jeder Mittelständler abdecken kann. Ich sehe unsere Zukunft in komplexeren Lösungen, die das Know-how und die Erfahrung eines Energiekonzerns erforderlich machen. Wir haben eine Reihe von Ideen, die wir weiterverfolgen werden. Aber erwarten Sie jetzt keine großen Ankündigungen und bunte Prospekte. Wir gehen Schritt für Schritt voran. Wir werden sicher noch für positive Überraschungen sorgen, aber ich möchte nicht Dinge versprechen, die wir am Ende nicht halten können. Den Titel des Ankündigungsweltmeisters strebe ich nicht an.

Werfen wir mal einen Blick auf die Konkurrenz: Wie bewerten Sie den Eon-RWE-Deal?
Das war ein echter Coup. Im Moment lässt sich aber noch nicht sagen, wer von beiden der Gewinner ist.

Herr Rendez, vielen Dank für das Interview.

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