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Energie

Holt Holding Vom Adlon in die JVA: Wie ein 30-Jähriger europäische Energiekonzerne betrogen haben soll

Hendrik Holt soll Windparkprojekte verkauft haben, die nur auf dem Papier existierten. Nun sitzt er in Untersuchungshaft. Ehemalige Geschäftspartner bangen um Millionen.
15.05.2020 - 11:24 Uhr 1 Kommentar
Der Jungunternehmer 2017 in Haselünne. Damals kündigte er einen Windpark in Andorra an. Quelle: picture alliance / Carmen Jasper
Hendrik Holt

Der Jungunternehmer 2017 in Haselünne. Damals kündigte er einen Windpark in Andorra an.

(Foto: picture alliance / Carmen Jasper)

Berlin, Düsseldorf Als die Polizisten am Morgen des 17. April das Adlon betraten, war es ungewöhnlich still auf den Fluren. Wegen des Coronavirus übernachteten weder Touristen noch Staatsgäste in dem Berliner Nobelhotel. Nur einige Geschäftsleute waren im Haus, darunter solche, die sich für einen längeren Zeitraum einquartiert hatten.

Einer von ihnen war Hendrik Holt, 30 Jahre alt, Chef der Holt-Gruppe aus dem emsländischen Haselünne. Um kurz nach acht Uhr standen die Beamten vor seiner Luxussuite. Sie lasen Holt einen Haftbefehl vor, dann führten sie ihn ab.

Zeitgleich schlugen die Ermittler in noch vier anderen Bundesländern zu. Am Familienanwesen der Holts, einer Villa im niedersächsischen Bakum, nahmen sie die Schwester und die Mutter des Unternehmers fest. Auch sein Bruder wurde verhaftet. Die Polizisten beschlagnahmten Bargeld, mehr als 200 Schmuckstücke und einen Mercedes AMG. Monatelang hatten sie ermittelt, nun vermeldete die Staatsanwaltschaft Osnabrück: „Fingierte Windparkbeteiligungen: Großer Schlag gegen mögliche Wirtschaftskriminelle“.

Die Beschuldigten sollen Projekte an Investoren verkauft haben, die nur auf dem Papier existieren. Die Staatsanwaltschaft spricht von einem „massiven Einsatz gefälschter Urkunden“. Die Größe des Schadens kann sie noch nicht beziffern. Insider schätzen, dass Holt und seine Partner eine zweistellige Millionensumme von ihren Geschäftspartnern kassierten. Nach Handelsblatt-Informationen bangen nun mehrere europäische Energiekonzerne um ihr Geld.

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    Laut Staatsanwaltschaft verhinderten die Ermittler wohl Schlimmeres: „Durch die konzertierte Polizeiaktion konnten weitere mögliche Betrugsopfer vor finanziellen Schäden bewahrt werden – ein Schadenseintritt stand unmittelbar bevor“. Holt hatte offenbar einen letzten, großen Deal geplant, möglicherweise im dreistelligen Millionenbereich. Wenn stimmt, was die Ermittler sagen, wäre das wohl der größte Betrugsversuch, den die Windindustrie in den vergangenen Jahren gesehen hat.

    Holts Anwalt will sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Auskunft geben dafür die Unterlagen, die das Handelsblatt in den vergangenen Wochen recherchierte.

    Geheimprojekt „Munich“

    Im Januar landete ein verlockendes Dokument auf dem Tisch ausgewählter Investoren. Sein Titel: „Project Munich“. Auf dem Deckblatt der Präsentation steht in roter Schrift: „Streng vertraulich“. Die Holt Holding, so heißt es weiter, habe mit der Sondierung des Marktes für den Verkauf von einer 1,5 Gigawatt großen Projektpipeline begonnen. Zum Vergleich: 2019 wurde in Deutschland gerade einmal ein Gigawatt neu installiert.

    „Normalerweise weiß man von Projekten in dieser Größenordnung. Aber das kam wie aus dem Nichts“, erinnert sich ein Insider. Im Februar traf er sich mit einem Vertreter der Holt Holding. Für 80 bis 90 Millionen Euro könne er sich die Rechte an den Windparks sichern, so das Angebot. Die Gruppe suche nach zwei bis drei Investoren. Allein die Anzahlungen hätten der Holt Holding also zwischen 160 und 240 Millionen Euro eingebracht.

    Wer mit Windparks Geld verdienen will, hat es nicht leicht. In Deutschland werden wegen Bürgerprotesten, drohenden Abstandsregeln und jahrelanger Verfahren schließlich kaum noch Anlagen aufgestellt. Projekte wie die von Holt sind in der Branche deswegen besonders begehrt. Er soll seinen Partnern suggeriert haben, dass er die schwer erhältlichen Genehmigungen von Bodenbesitzern und Kommunen schon in der Tasche hatte.

    Viele der 34 Windparks, die in dem Dokument aufgelistet werden, waren im Emsland geplant. Darunter auch drei, die schon 2022 ans Netz gehen sollten. Eine Sprecherin des Landkreises teilte jedoch mit, dass an den Standorten gar keine Flächen für Windkraft ausgewiesen sind. Dass sich dort in zwei Jahren die Rotoren drehen: so gut wie unmöglich. Zudem seien weder die Holt Holding noch das Projekt bekannt. Auch die niedersächsischen Landkreise Bentheim und Rotenburg/Wümme wissen von nichts.

    Die Ermittler schlugen zwar zu, bevor die ersten Millionen für „Project Munich“ flossen. Für Holts Partner aus früheren Projekten kommt jedoch jede Warnung zu spät. Wie konnte ein 30-Jähriger aus Haselünne die Manager von Stromkonzernen mit Milliarden-Umsätzen hinters Licht führen? Aus Gesprächen mit Behörden, Geschädigten und Weggefährten ergibt sich ein Bild, das Hendrik Holt als eine Art modernen Felix Krull zeigt, der in der Windbranche das ganz große Rad drehen wollte.

    Nächte an der Hotelbar

    Die Geschichte der Familiengruppe beginnt bodenständig: mit einem Traktor und zwei Anhängern. So erzählt es Holt auf der Firmenwebsite. Demnach gründete sein Großvater die Firma 1949 als Transportunternehmen. In den folgenden Jahren stellten die Holts zunächst auf Straßenarbeiten, dann auf die Erschließung von Sand- und Kiesgruben um. In den 1990er-Jahren sei der Familienbetrieb zu einem „bedeutenden Grundbesitzer gewachsen“.

    Als Hendrik Holt erstmals in der Windbranche in Erscheinung trat, war er gerade Mitte 20. Ehemalige Geschäftspartner beschreiben den Emsländer als schillernd, schrill und smart. Stets in maßgeschneiderten Zweireihern mit Einstecktuch gekleidet sei Holt als Mann von Welt aufgetreten, der trotz seiner Jugendlichkeit den „Habitus eines alten Business-Mannes“ pflegte.

    Holt sei auch für seinen extravaganten Lebensstil und lange Nächte an der Hotelbar im Adlon bekannt gewesen. Zu Geschäftsterminen, so heißt es, sei er oft zu spät aufgetaucht, manchmal gar nicht.

    Auf seinen Partner L. (63) hingegen sei stets Verlass gewesen. Der ehemalige Banker stieg 2014 als Finanzdirektor in die Holt Holding ein, hatte zu diesem Zeitpunkt allerdings schon einige Pleiten hinter sich. Da kam ihm der charismatische Emsländer Holt wohl gelegen.

    Die beiden warben fortan in der Windbranche damit, „schon vor Erhalt der Genehmigung“ mit Risikokapital in Projekte einzusteigen. Ein skurriles Duo, aber eines, das sich offenbar gut ergänzte – so erinnert sich einer, der sie mehrfach traf. Holt habe gut mit Menschen gekonnt, L. die Arbeit gemacht.

    Die sechs Anlagen in der Nähe von Kassel sind das Vorzeitprojekt der Holt Holding. Quelle: Vortex
    Windpark „Felsberg“

    Die sechs Anlagen in der Nähe von Kassel sind das Vorzeitprojekt der Holt Holding.

    (Foto: Vortex)

    Ende 2016 vermeldete die Holt Holding einen ersten Erfolg. Die Gruppe investierte in einen Windpark bei Felsberg in der Nähe von Kassel. Der damalige Vertriebschef des Herstellers Nordex, der die sechs Anlagen lieferte, schwärmt in einem Imagefilm der Holt Holding von einer „verlässlichen Partnerschaft“. Er habe die Gruppe als „fairen, kompetenten, aber auch risikobereiten“ Partner kennengelernt.

    Nach Holts Angaben ebnete er selbst den Weg für den Windpark bei Felsberg. Beteiligte berichten es anders. Holt sei „irgendwann aufgetaucht“, um eine Vermittlungsgebühr für die Flächen abzukassieren, sagt einer von ihnen. „Das war das erste und einzige Mal, dass er mit diesem Projekt zu tun hatte.“

    Energiekonzerne beißen an

    Das Duo Holt und L. konzentrierte sich fortan auf das Ausland. 2017 kündigten sie einen Windpark in Andorra mit einer Gesamtleistung von jährlich 60 Millionen Kilowattstunden an, ein Jahr später die Übernahme weiterer Projekte in Frankreich. 2019 gründete die Holt Holding ein Joint Venture mit dem tschechischen Energiekonzern CEZ, um Windparks mit einer Leistung von 110 Megawatt zu bauen. Dann verkaufte sie dem Versorger Scottish and Southern Energie (SSE) vermeintliche Projekte mit einem Investitionsvolumen von 120 Millionen Euro.

    Jeden dieser Schritte feierte Holt demonstrativ auf der Firmenwebseite. Doch es blieb bei Absichtserklärungen und Ankündigungen. Vollzugsberichte? Fehlanzeige.

    Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt: Die Optionen auf potenzielle Windflächen, die Holt und L. ihren Geschäftspartnern andrehten, habe es nie wirklich gegeben. Sie sollen jahrelang alle möglichen Dokumente gefälscht haben: von der Unterschrift der Bürgermeister bis zu den Zusagen der Landeigentümer. Auch an Holts Doktortitel gibt es Zweifel. Ein entsprechender Prozess läuft vor dem Amtsgericht Meppen.

    Dass Holt sich seine Partner vor allem im Ausland suchte, dürfte kein Zufall sein. Sein falsches Spiel wäre in der Heimat wahrscheinlich schneller aufgefallen. Auf der Firmenwebsite brüstet sich die Holding mit einem angeblichen Investitionsvolumen von 2,2 Milliarden Euro und einer Projektpipeline mit einer Leistung von mehr als 2000 Megawatt.

    Ein so großer Player hätte deutschen Experten bekannt sein müssen. Das war Holt aber nicht. Es gibt nur wenige bedeutende Windparkentwickler in Deutschland. Die meisten kennen nicht einmal seinen Namen.

    Skepsis hätte auch das Firmenkonglomerat auslösen müssen: Eine Holding in Andorra ersetzte die ursprüngliche Firma aus Haselünne. Holt gründete Filialen in Frankreich, den Niederlanden, Portugal und im Libanon. Wer die Adresse des deutschen Ablegers googelt, landet bei einer Tankstelle in Osnabrück. Jahresabschlüsse und Bilanzdaten liegen nicht vor.

    Wo ist der Finanzdirektor?

    Im Oktober 2019 wurde die deutsche „H. und H. Holding GmbH“ nach Bautzen verlegt und in „RUPR Beteiligungen GmbH“ umbenannt, die Geschäftsführung übernahm ein Jamal I., der angeblich in Beirut wohnte. Finanzdirektor L. blieb als „Sonderbevollmächtigter“ an Bord.

    Ahnten Holt und sein Partner, dass die Staatsanwaltschaft hinter ihnen her war? Wollten sie mit der Firmen-Rochade Spuren verwischen?

    Der Joint-Venture-Partner CEZ wurde jedenfalls skeptisch und fragte nach, was es mit dem neuen Namen und dem neuen Geschäftsführer auf sich hatte. „Anschließend hörten die Vertreter von Holt auf, mit uns zu kommunizieren“, sagte CEZ-Sprecher Roman Gazdík vor wenigen Tagen der tschechischen Wirtschaftszeitung „Hospodářské Noviny“. Sie schreibt auch, dass rund drei Millionen Euro nach Deutschland geflossen sein sollen. CEZ kommentiert die Summe nicht.

    Im Februar traf sich Hendrik Holt mit Präsident Mnangagwa und verkündete Investitionen von sieben Millionen Dollar in Afrika. Quelle: Reuters
    Simbabwes Präsident Emmerson Mnangagwa

    Im Februar traf sich Hendrik Holt mit Präsident Mnangagwa und verkündete Investitionen von sieben Millionen Dollar in Afrika.

    (Foto: Reuters)

    Während die Tschechen nervös wurden, suchten Holt und L. die Nähe zur Politik. Im Februar 2020 veranstalteten sie als Sponsor der Münchner Sicherheitskonferenz ein Lunch-Event im Hotel Bayerischer Hof, an dem unter anderem EU-Energiekommissarin Kadri Simson teilnahm. Zwei Monate später flog das Duo nach Simbabwe, um Präsident Emmerson Mnangagwa zu treffen. Die Deutschen kündigten an, sieben Millionen Dollar in dem afrikanischen Land investieren zu wollen.

    Die Ermittler in Osnabrück verfolgten die Reise mit Argwohn. Laut Staatsanwaltschaft sollen zwei Beschuldigte versucht haben, einen ausländischen Diplomatenausweis zu erlangen, um fortan Immunität zu genießen.

    Ein Sprecher der Münchner Sicherheitskonferenz teilte mit, dass der Sponsoring-Vertrag mit Holt im Zuge der Ermittlungen ausgesetzt wurde. CEZ hat inzwischen Strafanzeige gestellt, der schottische Versorger SSE alle Projekte mit dem Emsländer gestoppt. Die Schotten bangen um einen einstelligen Millionenbetrag, den sie bereits an die Holt Holding überwiesen haben.

    Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sieben Personen. Ein Beschuldigter ist flüchtig. Viel spricht dafür, dass es sich um den sonst so verlässlichen Finanzdirektor L. handelt. Die Behörde hat einen Mercedes AMG beschlagnahmt. Auf seinem Facebook-Profil gibt es ein Bild, das L. vor einem solchen Luxus-Sportwagen zeigt. Ehemalige Geschäftspartner vermuten, dass er sich in Beirut aufhält, wo die Holding ein Büro hat.

    Holt ist heute nicht mehr im Adlon anzutreffen, sondern in der JVA Oldenburg. Sein Strafverteidiger sagt nach Rücksprache mit dem Mandanten, dass er „keinerlei Angaben“ gegenüber der Presse machen werde.

    Die Staatsanwaltschaft rechnet wegen „der besonderen Komplexität der Sache“ mit einem langwierigen Verfahren. Der nächste Schritt, so heißt es aus der Behörde, stehe frühestens zur Haftprüfung in sechs Monaten an.

    Mehr: Die 1000-Meter-Regel bremst den Windkraft-Ausbau

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