Energie

Interview zum Kohleausstieg „Deutschland muss sich zu jeder Tages- und Nachtzeit selbst mit Strom versorgen können“

VKU-Chefin Katherina Reiche betont die Bedeutung von Kohlekraftwerken für eine sichere Stromversorgung. Und warnt davor, sich auf andere zu verlassen.
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Kohleausstieg: „Deutschland muss sich selbst mit Strom versorgen können“ Quelle: dpa
Braunkohlekraftwerk

Der Anteil an der Energieerzeugung aus Kohle ist noch hoch.

(Foto: dpa)

BerlinDie Bedeutung von Stein- und Braunkohle zur Stromerzeugung sinkt für die Stadtwerke kontinuierlich. Katherina Reiche, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Kommunaler Unternehmen (VKU), warnt aber dennoch vor einem übereilten Aus für die Kohle.

Mit ihrer Auffassung dürfte sie in der von der Bundesregierung eingesetzten Kohlekommission, der Reiche selbst angehört, auf Widerstand stoßen. Dort haben die Befürworter eines raschen Kohleausstiegs großes Gewicht. 

Frau Reiche, wie wichtig sind Kohlekraftwerke für die Versorgungssicherheit?
Die Kohlekraftwerke spielen für eine sichere und preisgünstige Stromversorgung nach wie vor eine sehr wichtige Rolle. Braun- und Steinkohlekraftwerke stehen für rund 40 Prozent der Stromerzeugung in Deutschland, allein die Braunkohle hat einen Anteil von knapp 25 Prozent. Man kann diese Kapazitäten nicht über Nacht ersetzen, wenn man die Versorgungssicherheit nicht gefährden will. Zusätzlich erschwert wird die Situation durch den beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie. 2022 wird das letzte Atomkraftwerk vom Netz gehen. Wir müssen also behutsam vorgehen.

Die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete ist seit 2015 Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Kommunaler Unternehmen. Quelle: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt
Katherina Reiche

Die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete ist seit 2015 Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Kommunaler Unternehmen.

(Foto: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt)

Kann man Versorgungssicherheit in Zeiten eines zusammenwachsenden europäischen Strommarktes überhaupt noch durch die nationale Brille betrachten?
Dazu verweise ich auf eine der jüngsten Veröffentlichungen der Bundesnetzagentur. Die Netzagentur betont, dass es keine belastbaren Analysen gibt, die belegen würden, dass sich eine Unterdeckung in den Jahren 2030 oder 2035 durch Strombezug aus dem Ausland ausgleichen ließe. Ich kann nur davor warnen, darauf zu hoffen, dass sich im Engpassfall noch irgendwo in Europa eine Kilowattstunde Strom finden lassen wird. Eine Industrienation wie Deutschland muss sich zu jeder Tages- und Nachtzeit auch in Extremsituationen selbst mit Strom versorgen können.

Sie repräsentieren in der Kohlekommission die Stadtwerke. Welche Bedeutung hat die Kohle in den Mitgliedsunternehmen des VKU?
Eine deutlich zurückgehende. Für unsere Unternehmen spielt die gekoppelte Erzeugung, also die Produktion von Strom und Wärme in Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), eine zentrale Rolle. Viele unserer Unternehmen sind dabei oder planen, den Brennstoff in ihren Anlagen von Braun- oder Steinkohle auf das wesentlich CO2-ärmere Erdgas umzustellen. Aber auch das ist ein Prozess, den man nicht von heute auf morgen abwickeln kann. Für alle unsere Mitgliedsunternehmen, egal ob sie Kohlekraftwerke betreiben oder Gas-Kraftwerke und Erneuerbare-Energien-Anlagen, ist vor allem Planungssicherheit wichtig. Sie erhoffen und erwarten sich daher von der Kommission sichere Rahmenbedingungen für ihre bereits getätigten und kommenden Investitionen.

Nach welchem Muster soll ein Ausstieg erfolgen?
Es darf nicht nur darum gehen, beliebige Kraftwerke vom Netz zu nehmen. Leitschnur muss deshalb die C02-Intensität der Stromerzeugung sein, so dass Anlagen ohne Wärmeauskopplung vor KWK-Anlagen vom Netz gehen müssen. KWK-Anlagen stehen für eine ganz besonders effiziente und klimafreundliche Form der Strom- und Wärmeerzeugung. Ihre Bedeutung wird im Energieversorgungssystem der Zukunft noch deutlich steigen. Davon sind wir überzeugt.

Das sind die die Pläne der Kohlekommission für den Ausstieg

Umweltschützer fordern eine „Trophäe“ und möchten möglichst noch vor 2020 Stilllegungen von Kohlekraftwerken sehen. Wie stehen Sie dazu?
Symbolische Diskussionen helfen uns nicht weiter. Im Gegenteil: Vorschnelle Abschaltungen stellen die Sicherheit des Gesamtsystems infrage. Wir müssen uns an energiewirtschaftlichen Notwendigkeiten, also an der Versorgungsicherheit, der Bezahlbarkeit und natürlich auch an den Kriterien des Klimaschutzes orientieren.

Werden Erzeugungskapazitäten knapp?
Die Szenarien der Bundesnetzagentur lassen keinen anderen Schluss zu. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sich bis 2030 die Braunkohle- und Steinkohleerzeugungskapazitäten um jeweils die Hälfte verringern. Das lässt sich nur kompensieren mit einem Zubau flexibler Gaskraftwerke und zusätzlichen Kapazitäten bei den erneuerbaren Energien. Ich sehe eine enorme Herausforderung darin, das innerhalb von nur gut einer Dekade zu bewerkstelligen.

In den Braunkohlerevieren sind die Sorgen groß. Wie soll die Kommission damit umgehen?
Ich rate dringend dazu, den Interessen der betroffenen Regionen und ihrer Bevölkerung große Aufmerksamkeit zu widmen. Die Kommission wird sich ganz zu Beginn ihrer Arbeit intensiv mit dieser Frage befassen müssen. Es geht um die Zukunftsperspektiven ganzer Landstriche, um die Zukunft von Arbeitnehmern und ihren Familien, um Unternehmen und um die Sicherung von Wertschöpfungsketten. Wir brauchen auch in Zukunft Wachstum und wettbewerbsfähige Arbeitsplätze in der Lausitz oder im rheinischen Revier.

Die Situation im rheinischen Revier ist dabei eine ganz andere als in der Lausitz. Wie kann man dem Rechnung tragen?
Die Lage in der Lausitz ist sicher schwieriger als im rheinischen Revier. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass sich NRW seit Jahrzehnten in einem permanenten Strukturwandel befindet. Es ist daher auch dort nicht einfach, neue Perspektiven zu schaffen. Man kann nicht auf der einen Seite nur raus wollen aus der Kohle – ohne zugleich aufzuzeigen, wo sich wachstumsorientierte Möglichkeiten auftun.

Würden Sie einem jungen Menschen heute noch empfehlen, seine berufliche Zukunft in der Kohlebranche zu suchen?
Auf jeden Fall. Ingenieure oder Kraftwerkstechniker werden langfristig interessante Aufgaben zu lösen haben, auch jenseits der Kohle. An der BTU Cottbus-Senftenberg oder an der RWTH Aachen wird hervorragende wissenschaftliche Arbeit geleistet. Die Absolventen haben sehr gute Berufschancen. Wir sollten bestrebt sein, moderne, flexible Kraftwerkstechnologie als Exportschlager aufrechtzuerhalten. Flexible und effiziente Kraftwerke wird man weltweit auf lange Sicht als Ergänzung zu den volatilen erneuerbaren Energien brauchen. Für Ingenieure und Techniker, die dieses Thema beherrschen, sehe ich gute Perspektiven.

Wie wird sich das Aus der Kohle auf die Strompreise auswirken?
Der Börsenstrompreis dürfte sich tendenziell erhöhen. Für den Endkundenpreis sind zusätzlich weitere Faktoren entscheidend, etwa die Kosten für den Netzausbau. Gleichzeitig wirken sich steigende Börsenstrompreise dämpfend auf die EEG-Umlage aus. Unter dem Strich muss man wohl von weiter steigenden Strompreisen für Endkunden ausgehen.
Frau Reiche, vielen Dank für das Gespräch.

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