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Energie

Kampf gegen Erderwärmung „Meilenstein“ für den Energiesektor: IEA-Experten fordern Investitionsstopp für Öl- und Gasprojekte

Die Internationale Energieagentur fordert radikalere Schritte, um das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen. Das Aus für den Verbrenner bis 2035 gehört dazu.
18.05.2021 Update: 18.05.2021 - 12:04 Uhr 7 Kommentare
Die radikalen Änderungsvorschläge der IEA könnten den Druck auf die Ölkonzerne weiter erhöhen. Quelle: dpa
Ölleitung

Die radikalen Änderungsvorschläge der IEA könnten den Druck auf die Ölkonzerne weiter erhöhen.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Wenn die Regierungen so weitermachen wie bisher, wird die Welt bis 2050 in keinem Fall das Ziel der Klimaneutralität erreichen können. Das ist das Ergebnis einer Studie der Internationalen Energieagentur (IEA). Die Experten aus Paris fordern deswegen eine beispiellose Transformation des Energiesektors – und zwar ab sofort. Die Art und Weise, wie Energie weltweit produziert, transportiert und genutzt wird, müsse sich fundamental ändern, warnen sie.

Der radikalste Punkt: Ab heute dürfte es de facto keine Investitionen in neue Öl-, Gas- und Kohleprojekte mehr geben, schreiben die Autoren. „Das ist ein Wendepunkt für die Internationale Energieagentur“, sagt Experte John Feddersen von dem Energieberatungsunternehmen Aurora Energy aus London im Gespräch mit dem Handelsblatt. 

Denn die IEA war in den 1970er-Jahren ursprünglich als Antwort auf die globale Ölkrise gegründet worden. Sie sollte Prognosen und Analysen mit Blick auf den internationalen Öl- und Gasmarkt erstellen, damit es nicht noch einmal zu einer solchen Krise kommt. Jahrelang hatte die Organisation den Aufschwung der Erneuerbaren unterschätzt und war dafür heftig kritisiert worden. 

Im vergangenen Jahr dann räumte der vielbeachtete „World Energy Outlook“ endlich den Siegeszug der Erneuerbaren ein. „Dass die IEA nun sogar sagt, dass das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels noch möglich ist, ist der nächste wichtige Punkt“, sagt Feddersen. IEA-Chef Fatih Birol nannte den jüngsten Bericht bei der Vorstellung am Dienstag selbst „einen Meilenstein“. 

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    Um die Klimaziele noch erreichen zu können, sehen die Experten allerdings nur noch einen „schmalen Pfad“. So müssten die am wenigsten effizienten Kohlekraftwerke bis 2030 abgeschaltet und die verbleibenden Kohlekraftwerke, die bis 2040 noch in Betrieb sind, nachgerüstet werden. Es brauche außerdem eine Politik, die den Verkauf von Neuwagen mit Verbrennungsmotor bis 2035 beende, schreibt die IEA.

    Der IEA-Bericht sieht vor, dass die am wenigsten effizienten Kohlekraftwerke bis 2030 abgeschaltet werden. Quelle: Bloomberg
    Kohlekraftwerk in Polen

    Der IEA-Bericht sieht vor, dass die am wenigsten effizienten Kohlekraftwerke bis 2030 abgeschaltet werden.

    (Foto: Bloomberg)

    Die radikalen Änderungsvorschläge der IEA könnten den Druck auf die Ölindustrie weiter erhöhen. Zwar planen viele der fossilen Milliardenkonzerne mehr Investitionen in Erneuerbare und bereiten sich damit auf ein neues Geschäftsmodell für die Zukunft vor. Die wenigsten aber schrauben ihre Investitionen in neue Öl- und Gasprojekte wirklich herunter. Das planen bislang nur ein paar der europäischen Großkonzerne wie BP

    Der britische Ölriese plant, seine Öl- und Gasproduktion in den nächsten Jahrzehnten um 40 Prozent zu reduzieren. Für den Ölkonzern ist das ein radikaler Schritt – mit dem er mittlerweile aber nicht mehr allein dasteht: Auch der Konkurrent Shell will deutlich weniger Geld in die Förderung und Produktion von Öl und Gas stecken und stattdessen mehr in erneuerbare Energien investieren – genauso wie TotalEquinor und Eni. Ein Stopp der Investitionen in neue Ölprojekte ist bislang allerdings bei keinem der Konzerne vorgesehen. 

    Ölverbrauch muss drastisch sinken

    Dabei ist das Ende des Erdölzeitalters schon längst eingeläutet. Laut IEA hat der globale Ölverbrauch seinen Höhepunkt überschritten – das Niveau von 2019, prognostizieren die Experten, werde nicht mehr erreicht. Wegen der Corona-Pandemie ist es 2020 zu einem noch nie da gewesenen Nachfrageeinbruch gekommen. Die ist zwar mittlerweile wieder angestiegen, trotzdem rechnet die IEA damit, dass der Verbrauch bis 2030 um 18 Prozent niedriger ausfallen wird als 2020. 

    Bis 2050 könnte die weltweite Nachfrage insgesamt um drei Viertel zurückgehen. Das würde zu einem drastischen und dauerhaften Rückgang der Ölpreise führen. Bis 2030 rechnen die Experten mit einem Preis von nur noch 35 Dollar je Barrel der Nordseesorte Brent. Zum Vergleich: Der Brent-Preis ist im Moment mit 70 Dollar knapp doppelt so hoch. Der Verbrauch von Erdgas soll ebenfalls gegen Ende des Jahrzehnts seinen Höhepunkt erreichen und danach stark sinken. 

    Deswegen müsse die Politik auf einen massiven Einsatz aller verfügbaren sauberen und effizienten Energietechnologien setzen und gleichzeitig Innovationen global beschleunigen. „Es handelt sich bei dieser Transformation um die vielleicht größte Herausforderung, der sich die Menschheit jemals gestellt hat“, sagte Birol am Dienstag.

    Und diese Transformation kostet Geld: Fünf Billionen Dollar müssten jedes Jahr weltweit in die Energiewende investiert werden. Aktuell werden jährlich jedoch gerade einmal zwei Billionen Dollar in nachhaltige Energien investiert. Im Jahr 2050 müsse der Energiesektor weitgehend auf erneuerbaren Energien statt fossilen Brennstoffen beruhen. Zwei Drittel der gesamten Energieversorgung im Jahr 2050 würden dann aus Wind, Sonne, Bioenergie, Geothermie und Wasserkraft stammen, schreiben die Expertinnen und Experten. 

    IEA-Szenario: Stärkste Energiequelle wäre die Solarenergie

    Während die Solarenergie heute ein Prozent der weltweiten Energienachfrage deckt, wären es 2050 über 20 Prozent. „Damit wäre die Solarenergie die am schnellsten wachsende Energiequelle“, sagte Birol. 

    Bis 2030 müssten dafür 630 Gigawatt Solarenergie installiert werden. Damit das passiert, müsste allerdings ab heute jeden Tag ein Projekt vom Ausmaß des derzeit größten Solarparks der Welt gebaut werden. Autos würden hauptsächlich mit Strom betrieben, die Luftfahrt würde weitgehend auf Biokraftstoffe und synthetische Kraftstoffe setzen.

    Die größten Emissionsminderungen kommen bis 2030 durch Technologien zustande, die schon jetzt verfügbar sind. Ab 2050 müsste dann fast die Hälfte der CO2-Reduktionen mithilfe von Innovationen erreicht werden, die aktuell noch im Anfangsstadium sind. Beispiele dafür sind grüner Wasserstoff, Technologien zur CO2-Abspaltung und Energiespeicher. 

    Grafik

    Der Pfad auf dem Weg zur Klimaneutralität wurde mit Blick auf die bevorstehende internationale Klimakonferenz der Vereinten Nationen im britischen Glasgow entwickelt und soll als Leitfaden für die Verhandlungen der 26 Länder im November dienen. 

    Der Bericht der IEA zeichnet kein Bild unserer Zukunft, sondern zeigt auf, was jetzt passieren muss, damit die globale Erwärmung noch eingegrenzt werden kann. Läuft alles so weiter wie bislang geplant, wird dieses Ziel allerdings weit verfehlt.

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    7 Kommentare zu "Kampf gegen Erderwärmung: „Meilenstein“ für den Energiesektor: IEA-Experten fordern Investitionsstopp für Öl- und Gasprojekte"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Richtig - wir müssen nicht mehr Gelder in sterbende und veraltete Energiegewinnung bzw. -Herstellung investieren. Sensationelle Alternativen stehen mit der Neutrinovoltaic bereit. Die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften hatte bereits im Januar 2021 in einer  von Daimler Benz beauftragten Studie die Effizienz der Technologie und  die im Patent deklarierten Eigenschaften der "Neutrino-Voltaik" bestätigt. Es ist also möglich mit einem selbstladenden PICar eine saubere und ehrliche Elektromobilität, ohne Stopps an Ladesäulen zu erschaffen.  Der einstige BundesVerkehrsminister a.D., Prof. KRAUSE veröffentlichte dazu kürzlich: "Das ewige Licht - Der Beginn eines neuen Zeitalters"  Er begründet eindringlich, die günstigste und sauberste Variante der Energienutzung basiert auf Neutrino Technologie. Eine mobile und dezentrale Energienutzung über die Neutrinovoltaic kann jetzt möglich werden, denn sie wird die Photovoltaik ergänzen und ablösen, denn sie kann auch in vollkommener Dunkelheit Energie wandeln. Die Patente der Berliner Neutrino Energy Group sind bereit. Die Einführung der Neutrinovoltaik zur Gewinnung von elektrischem Strom unter dem Einfluss verschiedener elektromagnetischer Strahlung, einschließlich hochenergetischer kosmischer Neutrinos basiert auf neueste Forschungsergebnisse. Die auf Neutrinovoltaik-Technologie basierenden DC-Neutrinoquellen sind sehr kompakt und wetterunabhängig, erzeugen in einem Grundmodus 24h x 365 Tage Strom und können in Gerätegehäuse oder sogar in Elektroautos eingebaut werden. Mobile, dezentrale Haushaltsenergie und unendliche Reichweite für die Elektromobilität. Die indische Regierung hat für die Entwicklung des selbstladenden Pi-Cars 2.5 Milliarden Dollar für das C-met Institut in Zusammenarbeit mit der Neutrino Energy Group im März 2021 vertraglich zugesichert.



    • In der vom BDI in Auftrag gegebenen Klimapfadestudie von 2019 wurde vorgerechnet, dass Deutschland für die Erreichung von 95% CO2-Reduktion bis 2050 circa 2,3 Billionen Euro für zusätzliche Investitionen ausgeben müsste. Bei einem Anteil von knapp 2% an den globalen THG-Emissionen hätten diese Investitionen für das Klima keinen Effekt. Würde Deutschland bis 2050 nur 60% oder 80% Emissionen einsparen könnten zwischen 1 - 1,8 Billionen für den Klimaschutz in Entwicklungsländern bereit gestellt werden.
      So kommt es zu dem Paradoxon, dass je mehr Deutschland für ein im globalen Maßstab irrelevantes Ziel national investiert, desto mehr Investitionen werden dem Klimaschutz dort entzogen, wo sie den größten Effekt hätten. Die neueste Absicht, Klimaneutralität schon 2045 zu erreichen macht die Bilanz noch schlechter.
      Aber Politiker lieben (teure) Symbole und dafür schalten sie das rationale Denken schnell einmal aus.

    • Tja, das thema Klimaneutralität sollte aber von vielen Seiten genauer beobachtet werden. Die Automobilindustrie schicken hier wieder ihre Vebrände vor: https://verbandsbuero.de/wir-bekennen-uns-zum-ziel-der-klimaneutralitaet-bis-2050-aber-dafuer-braucht-es-die-richtigen-rahmenbedingungen-seitens-der-politik/

    • @Herr Ulf-Elmar Böttcher
      In Entwicklungsländern ist der Preis von 35 Doller noch zu hoch. Dort wäre das CO2-Vermeidungs-Potential hoch und locker finanzierbar, würde man etwas moderner denken (sich trauen).

    • Bei einem Preis von 35 Dollar werden kaum Alternativen ökonomisch darstellbar......

    • Die IEA soll auch gleich noch konkret vorschlagen, wie man das finanzieren sollte. Dazu gibt es nur einen Weg, den Weg über die Notenbanken, d.h. EZB, Fed, BoE, BoJ usw.. Es wird nur mittels Geldschöpfung finanzierbar sein, ansonsten droht Verarmung der Gesellschaften und massive Gegenwehr. Finanziert man diese Mammut-Aufgabe über Schöpfgeld, könnte die Weltkonjunktur angekurbelt werden für einen langlaufenden Zyklus. Eine neue Kondratiew-Welle also. Laufzeit der Bonds: 100 Jahre, Zinsen Null. Es müssten aber auch finanzielle Mittel für die Entwicklungsländer bereit gestellt werden. Kohlekraftwerke sollten in Entwicklungsländern nicht mehr gebaut werden. Man hätte in Entwicklungsländern die einmalige Chance, mit Dezentral zu starten, teure Netze würden entfallen, Rohstoffe gespart werden. Sogar Entwicklungsländer würden einen Sprung nach vorne machen, mit Hilfe der modernsten Technik der entwickelten Länder.

    • Der Bericht von Fr. Witch liest sich wie "Grimms Märchen".
      Nicht dass ich das Klimaproblem in Abrede stelle, mitnichten. Aber so wie die Argentur jahrelang mit den erneuerbaren daneben gelegen ist wird jetzt der radikale Wandel gefordert.
      Passt bei Deutschland im Moment gut ins Bild, aber vielleicht sollten die Kollegen mal nach China schauen um zu sehen wie viele Kohlekraftwerke im Bau bzw. in Planung sind.
      Deshalb ist die Studie das Papier nicht wert auf dem sie steht.
      Sie können allerdings auch in zwanzig Jahren darauf verweisen: Wir haben das 2021 schon gesagt

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