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Energie

Kernenergie Russland will mit einem neuen Brennstoff die Atomenergie revolutionieren

Trotz Tschernobyl und Fukushima setzt die russische Atombehörde Rosatom auf die Kernkraft. Mit einer neuen Technologie will sie den Markt aufmischen.
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Rosatom verspricht eine neue Generation von sicheren Reaktoren. Quelle: imago/ITAR-TASS
Kraftwerksprojekt in Weißrussland

Rosatom verspricht eine neue Generation von sicheren Reaktoren.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Moskau Der Beton ist grau und vergilbt, die großen Fassadenfenster fehlen seit Jahren, und die riesigen Lettern, die einst als blau-rote Leuchtreklame das Kulturhaus „Energetik“ von Pripjatj anpriesen, rosten nutzlos vor sich hin.

Auf den bröckelnden Treppen drängen sich keine Männer und Frauen in Abendgarderobe und Hackenschuhen, um noch rechtzeitig zur Vorstellung zu kommen. Stattdessen wachsen Pappeln durch den löchrigen Asphalt und nehmen Meter um Meter die einstige sowjetische Vorzeigestadt in ihren Besitz.

1986 lebten in Pripjatj 50.000 Menschen. Heute ist der Ort im nördlichen Umland der ukrainischen Metropole Kiew eine Geisterstadt. Nur gelegentlich wird die Ruhe von Touristen gestört.

Seit einigen Jahren erlebt der Katastrophentourismus rund um den nur wenige Kilometer entfernten Unglücksreaktor von Tschernobyl einen Aufschwung. Zum dauerhaften Leben ist die Radioaktivität auch mehr als 30 Jahre nach dem Reaktorunglück noch viel zu hoch. Ein Kurzbesuch als Gänsehauterlebnis mit Gruselcharakter gilt hingegen als ungefährlich.

Die Gefahr selbst ist nicht zu sehen, nur zu erahnen. Doch die Folgen eines GAU – des größten anzunehmenden Unfalls – sie sind hier so gut zu besichtigen wie an wenigen Orten sonst. Tschernobyl war der erste schwere Schlag für das Image der Atomindustrie. Der zweite erfolgte 2011 im japanischen Fukushima.

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Auch dort stellte sich die behauptete Sicherheit als Fiktion heraus, obwohl Japan technologisch wesentlich weiter entwickelt ist, als es die Sowjetunion war.

Die russische Atombehörde Rosatom setzt trotzdem auf diese gefährliche Form der Energieerzeugung. Sie kündigt sogar eine Revolution in der Kernenergie an. Angeblich steht die Schaffung eines neuen sicheren Brennstoffs kurz bevor. Damit will Russland den seit den beiden Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima krisengeschüttelten Brennstoffmarkt aufmischen.

Neue Meiler in Russland

Nach den beiden Unfällen stieg weltweit die Skepsis in Sachen Atomenergie. In Deutschland wurde der beschlossene Atomausstieg als Reaktion auf Fukushima stark forciert. Die Regierung Merkel nahm beschlossene Laufzeitverlängerungen von Kernkraftwerken wieder zurück.

Doch Russland stellt sich gegen den Trend. Während weltweit in den letzten 20 Jahren der Anteil der Atomkraft am Energiemix von 18 auf zehn Prozent gesunken ist, soll er in Russland nach einem Versprechen von Präsident Wladimir Putin von derzeit 18,9 auf eine Quote zwischen 20 und 30 Prozent steigen.

Dazu wird kräftig gebaut: Zu den 35 bestehenden sollen in nächster Zeit noch einmal fast 20 neue Meiler dazukommen. Nicht nur im eigenen Land will die Atombehörde Rosatom expandieren. Die Atomkraft soll zum Exportschlager werden, auch weil Konkurrenten wie Siemens aus der Technologie ausgestiegen sind.

In Russland ist ein transportabler Atomreaktor auf einem Schiff unterwegs. Quelle: imago/ITAR-TASS
Mobiler Meiler

In Russland ist ein transportabler Atomreaktor auf einem Schiff unterwegs.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Um den Absatz anzukurbeln, verteilt Moskau freigiebig Baukredite an ausländische Interessenten. Derzeit wird beispielsweise in Weißrussland ein AKW mit russischer Technik und russischem Geld gebaut. Außerdem macht Rosatom mit Innovationen clever PR.

So wurde der Öffentlichkeit kürzlich das erste schwimmende Kernkraftwerk der Welt präsentiert. „Akademiker Lomonossow“ heißt das Schiff, das zur mobilen Stromversorgung abgelegener Ortschaften gedacht ist und 2019 die als nördlichste Stadt Russlands geltende Siedlung Pewek anlaufen soll.

Wundermittel „toleranter Brennstoff“

Und nun glaubt Rosatom auch, den Durchbruch in der Sicherheitstechnologie geschafft zu haben. Das Wundermittel heißt „toleranter Brennstoff“ und soll die Akzeptanz der Atomkraft in der Welt wiederherstellen.

„Wichtigstes Ziel bei der Entwicklung des toleranten Brennstoffs ist es, das Entstehen von Wasserstoff auszuschließen, der sonst bei einem schweren Unfall produziert wird“, erklärt der für Forschung zuständige Vizepräsident des Atombrennstoffherstellers Tvel, Alexander Ugrjumow, dem Handelsblatt.

Eben dies sei die Hauptursache der Katastrophe in Fukushima gewesen. Dort sei wegen des Tsunamis die Kaltwasserzufuhr ausgefallen, was zur Überhitzung und zur Produktion von Wasserstoff geführt habe, der schließlich explodiert sei, führt Ugrjumow aus.

Tvel, eine Tochtergesellschaft von Rosatom, ist in Russland Monopolist bei der Herstellung von Nuklearbrennstäben und weltweit die Nummer drei in dem hart umkämpften Markt – mit einem Anteil von 17 Prozent. 72 Reaktoren in 14 Ländern werden vom Konzern beliefert, ein Milliardengeschäft. Durch die Entwicklung eines sicheren Brennstoffs könnte Tvel seine Marktposition deutlich ausbauen.

Technisch arbeiten die russischen Atomwissenschaftler dazu in vier Richtungen am neuen Brennstoff: zunächst an einer hitzebeständigen Beschichtung der Brennstoffelemente, dann an einem völligen Austausch der Ummantelung, sei es durch ein Chrom-Nickel-Molybdän-Gemisch oder Kompositmaterialien. Als vierte Stoßrichtung wird an der Modifizierung des Spaltmaterials selbst geforscht.

Testphase startet in Kürze

Die erste Variante ist laut Ugrjumow am schnellsten umzusetzen und soll bereits in Kürze im Testreaktor von Dimitrowgrad an der Wolga erprobt werden. Auf kommerzieller Basis soll der erste tolerante Brennstoff dann 2020 oder 2021 zum Einsatz kommen.

Natürlich werde auch er nicht alle Sicherheitsfragen lösen, denn dieser Komplex sei gerade im Atomsektor sehr umfangreich, und viel hänge vom „menschlichen Faktor“ ab, sagt Ugrjumow. Gleichzeitig diene die Entwicklung des toleranten Brennstoffs eben dazu, ihn auch in Havariesituationen stabil zu halten.

„Damit erlaubt es die erfolgreiche Einführung dieser Technologien, Szenarien mit schwerwiegenden Folgen auszuschließen“, meint Ugrjumow. Mit anderen Worten: Ein GAU sei damit ausgeschlossen.

Der russische Umweltschützer Wladimir Sliwjak ist diesbezüglich skeptisch. „Sie reden viel darüber, aber was wirklich dran ist, wissen wir nicht“, sagt er und klagt über die Intransparenz der Atombehörde. Die Forschungen zum toleranten Brennstoff habe Russland im Vergleich zu anderen Ländern relativ spät aufgenommen, daher sei der plötzliche Durchbruch zumindest fragwürdig, betont der Ökologe.

Tatsächlich hat die Konkurrenz von Westinghouse, General Electric und Framatome schon vor längerer Zeit mit Forschungen auf diesem Gebiet begonnen. Nur dauern die Sicherheitstests dort wohl bis 2025, heißt es. Und so hat Rosatom plötzlich die Nase vorn.

Zweifel an der Sicherheit

Schließlich verweist Sliwjak auch darauf, dass das Problem der Endlagerung mit tolerantem Spaltmaterial nicht gelöst sei. In Russland wird die Lagerung durch die Chemiefabrik Majak übernommen, eine aus Sicht von Rosatom kostengünstige Variante, die allerdings in der Vergangenheit durch Störfälle und austretende Radioaktivität mehrfach auch international für Alarm sorgte.

Nach Ansicht Sliwjaks jedenfalls ist die Atommüllfrage eine der größten Herausforderungen für die Zukunft. Ohne eine endgültige Lösung für die vollständige Wiederaufarbeitung des Mülls sei Atomkraft eine tickende Zeitbombe, so der Ökologe.

Und dennoch: Das Versprechen, zumindest die Reaktoren völlig gefahrlos betreiben zu können, hat das Potenzial, der Branche zweite Luft zu verschaffen. Rosatom braucht zum Wachstum weitere Absatzmärkte im Ausland.

Derzeit sind weltweit 450 Reaktoren in Betrieb, 60 neue im Bau und laut Ugrjumow 150 bis 160 in Planung. Nach Berechnungen von Tvel steigt so der Bedarf an Uran von derzeit 65.000 Tonnen auf 94.000 bis 122.000 Tonnen im Jahr 2035. Zur Einordnung: An der Börse hat der Rohstoff in diesem Jahr eine wahre Rally hingelegt. Inzwischen ist der Preis für ein Pfund Uran auf fast 30 Dollar gestiegen.

Auch für Rosatom laufen die Geschäfte nach dem von Fukushima verursachten Durchhänger wieder besser: Zuletzt sicherte sich der Konzern bei der China International Import Expo im November einen Auftrag über 4,3 Milliarden Dollar für den Bau von zwei neuen Reaktorblöcken beim Kraftwerk Tianwan nahe der Millionenstadt Lianyungang am Gelben Meer. Das spaltbare Material für die Meiler soll Russland später ebenfalls liefern.

Rosatom hat große Pläne

Auch in Europa hat Rosatom große Pläne: In Finnland und Ungarn ist der Konzern an Neubauprojekten beteiligt. Und bei der Ausschreibung eines Atomkraftwerks im tschechischen Dukovany hat Rosatom gerade seine Bewerbung eingereicht. Zehn bis zwölf Milliarden Euro sollen die neuen Reaktoren kosten.

Der Wettbewerb ist hart: Außer Rosatom haben sich Amerikaner, Franzosen, Chinesen, Japaner und Südkoreaner um den Bau beworben.

Die Präsentation eines „sicheren“ Brennstoffs wäre in jedem Fall gute Reklame für die Russen. Der noch aus sowjetischer Zeit stammende Reaktor in Dukovany machte nämlich zuletzt wegen einer aus Sicherheitsmängeln erzwungenen Abschaltung negative Schlagzeilen.

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