Energie

Kommentar Politik muss beim Kohleausstieg Augenmaß bewahren

Umweltschützer und Kraftwerksbetreiber gehen mit Maximalforderungen in die Diskussion um den Kohle-Ausstieg. Das Thema muss im Konsens beendet werden.
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Das Deutschland aus der Kohle aussteigen muss, steht fest. Doch ein konkretes Datum muss vernünftig festgelegt werden. Quelle: dpa
Kohleausstieg

Das Deutschland aus der Kohle aussteigen muss, steht fest. Doch ein konkretes Datum muss vernünftig festgelegt werden.

(Foto: dpa)

Ende 2022 wird Deutschland keinen Atomstrom mehr produzieren. Dann geht das letzte Kernkraftwerk vom Netz – und der jahrzehntelange Streit über die umstrittene Technologie ist zu Ende. Jedenfalls hierzulande. Und 2030 steigen wir dann aus der Kohle aus?

Wenn es nach Umweltverbänden geht, wäre das zu spät. Greenpeace und Co. kann der Kohleausstieg nicht schnell genug gehen. Schließlich belastet der Energieträger das Klima enorm. Kohlekraftwerke stoßen besonders viel klimaschädliches CO2 aus.

Wenn es nach den Betreibern der Kraftwerke geht, wird Deutschland noch nach 2030 Strom mit Braun- und Steinkohle produzieren. Am Wochenende bezeichnete RWE-Chef Rolf Martin Schmitz den Ausstieg bis 2030 als unrealistisch. Natürlich will der RWE-Chef noch lange mit seinen Anlagen Geld verdienen. Und: Schmitz warnt vor unabsehbaren Folgen für die Versorgungssicherheit.

Beide Seiten positionieren sich für die Auftaktsitzung der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“, der sogenannten Kohlekommission, die am Dienstag zum ersten Mal zusammenkommt. Der Arbeitsauftrag ist breit gefasst. Im Kern geht es aber um eine Frage: Wie und wie schnell kann Deutschland aus der Braunkohleförderung und Kohleverstromung generell aussteigen?

Hoffentlich hören die 28 Mitglieder der Kommission weder auf die Umweltaktivisten noch auf die Betreiber, sondern auf Experten. Unstrittig ist, dass Deutschland auch aus der Kohle aussteigen muss. Der Energieträger hat in Zeiten des globalen Klimaschutzes einfach keine Zukunft mehr.

Es gilt aber, ein vernünftiges Datum zu finden – und vor allem einen vernünftigen Ausstiegspfad. Der Kohleausstieg darf nicht überstürzt besiegelt werden, er darf aber auch nicht zu zaghaft sein.

Die Energiewende hat schon viele Pessimisten widerlegt. Der Bau von Wind- und Solaranlagen ist viel schneller vorangekommen als erwartet. Im vergangenen Jahr wurden bereits 36 Prozent des deutschen Stromverbrauchs aus erneuerbaren Quellen gedeckt. Das war noch vor wenigen Jahren als Ziel für 2020 ausgegeben. Auch die Produktionskosten von grünem Strom sind dramatisch gefallen. In der Nordsee werden die ersten Windparks geplant, die komplett ohne Subventionen auskommen sollen.

Und auch den Atomausstieg hat Deutschland bisher vergleichsweise gut verkraftet. Flächendeckende Stromausfälle, die mit dem Atomausstieg befürchtet wurden, sind ausgeblieben.

Das macht Hoffnung, Deutschland könnte weiterhin schneller vorankommen als heute absehbar. Zumal an Speichertechnologien, die zum Ausgleich der witterungsbedingten Schwankungen beim Angebot von Wind- und Solarstrom benötigt werden, unter Hochdruck geforscht wird. Zwei Netzbetreiber, einer für Strom, einer für Gas, haben beispielsweise eine vielversprechende Allianz vereinbart: Sie wollen testen, ob sich grüner Strom in großem Stil in Gas umwandeln und so speichern lässt.

Trotzdem ist der Kohleausstieg nicht trivial. Wenn 2022 das letzte Kernkraftwerk vom Netz geht, wird Deutschland wahrscheinlich fast die Hälfte des Stroms mit Windrädern, Solardächern, Wasserkraftwerken, Biomasse oder Biogas produzieren. Den Rest des Strombedarfs werden aber Gaskraftwerke decken – und in einem großen Maße Braun- und Steinkohleanlagen.

Bei allem gebotenen Tempo in Sachen Klimaschutz, auch die Versorgungssicherheit ist ein hohes Gut. Noch mögen in Deutschland flächendeckende Stromausfälle ausgeblieben sein – die Netzbetreiber müssen aber auch viel dafür tun. Kraftwerke werden kurzfristig an- oder abgefahren, und Windräder werden sogar abgeklemmt, um das schwankende Angebot an Wind- und Solarstrom stetig mit der Nachfrage in Einklang zu bringen. Im vergangenen Jahr haben diese Eingriffe die Rekordsumme von 1,4 Milliarden Euro gekostet. Je mehr Kohlekraftwerke vom Netz gehen, umso schwieriger wird diese Aufgabe.

Komplex wird insbesondere der Ausstieg aus der Braunkohleförderung im Rheinland und in der Lausitz. Die gigantischen Kohlebagger sind Umweltschützern ein besonders großes Ärgernis. Den Abbauplänen liegen aber ausgeklügelte Konzepte und Genehmigungen zugrunde. Es ist über Jahrzehnte hinweg geplant, wie sich die Bagger Meter für Meter vorarbeiten dürfen und wie die abgebauten Flächen wieder rekultiviert werden müssen. Diese Konzepte zu revidieren wird nicht einfach sein.

Letztlich gilt es, auch den Beschäftigten eine verlässliche Perspektive zu geben – und auch fair mit den Betreibern umzugehen. Es wird Schadensersatzansprüche geben, und die müssen befriedigt werden. Jahrelange Auseinandersetzungen vor Gericht wie beim Atomausstieg sollten wir uns ersparen. Das Thema Kohle sollte im Konsens beendet werden – ohne ideologische Vorfestlegung. Unter Abwägung aller Fragen wird der Kohleausstieg nicht bis 2030 gelingen. Er wird aber auch nicht bis 2040 dauern.

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  • Wir dürfen keinesfalls aus der Kohle aussteigen, bevor wir nicht eine gesicherte und bezahlbare Speicherung für Perioden ohne Wind und Sonne haben. Aus heutiger Sicht ist das Power-to-Gas, für die aber heute ca. 3-fach höhere Strompreise als für Kohlestrom erwartet werden. Selbst bei einer Mischkalkulation würde das unsere Industriestrompreise im Vergleich zu Ländern mit Atomstrom gravierend erhöhen. Das könnte das Aus in Deutschland für die Energieintensiven Industrien bedeuten. Vorausgesetzt die Kosten für Power-to-Gas könnten noch reduziert werden, müssten die entsprechenden Anlagen sowie noch einige Gaskraftwerke gebaut werden, um eine 100 %-ige Absicherung der Stromerzeugung durch Speicherung zu erreichen. Bei der Dauer der Genehmigungsverfahren in Deutschland, dem Kapitalbedarf und dem Engineering, die für den Bau dieser Anlagen benötigt werden, sehe ich selbst 2040 noch nicht als das Jahr, an dem das letzte Kohlekraftwerk vom Netz geht.

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