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Energie

Kritik an Linde-Fusion mit Praxair „Selten wurde ein Konzern so ins Chaos gestürzt“

Die Fusion mit Praxair droht den Linde-Konzern zu zerreißen. Auf der Hauptversammlung warb Vorstandschef Belloni noch einmal für den Deal. Chefaufseher Reitzle trifft die Kritik der Investoren mit voller Wucht.
Update: 10.05.2017 - 17:17 Uhr 9 Kommentare
Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle wird von Investoren und Aktionärsschützer wegen des Praxair-Deals attackiert – vor allem wegen seiner Verhandlungsführung. Quelle: dpa
LindeHauptversammlung

Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle wird von Investoren und Aktionärsschützer wegen des Praxair-Deals attackiert – vor allem wegen seiner Verhandlungsführung.

(Foto: dpa)

München Kritik von den Fusionsgegnern ist Wolfgang Reitzle ja schon gewohnt. Es gehe bei dem Projekt doch nur darum, den Aufsichtsratschef zu befriedigen, wetterte IG-Metall-Bezirkschef Jürgen Wechsler vor wenigen Tagen vor der Linde-Zentrale. Da werde ein Traditionskonzern verscherbelt, damit Reitzle einen schönen Posten als Chairman bekomme, so der Vorwurf der Protestierenden.

Doch schmerzhafter war womöglich die Kritik der Investoren, die den Deal wirtschaftlich grundsätzlich positiv sehen. „Die Fusionsbemühungen mit Praxair waren bislang wahrlich keine Glanzleistung“, sagte Winfried Mathes von Deka Investment am Mittwoch auf der Hauptversammlung des Dax-Konzerns. Die Informationspolitik sei „gelinde gesagt eine Katastrophe“. Hendrik Schmidt von der Deutschen Asset Management warf Reitzle vor, dass er öffentlich mit dem Einsatz seines Doppelstimmrechts gedroht hatte. Dies sei unangebracht und eine Belastung für die Entscheidungen im Aufsichtsrat.

Auch Ingo Speich von Union Investment ging mit Reitzle hart ins Gericht: „Selten wurde ein Konzern so ins Chaos gestürzt wie Linde durch die angestrebte Fusion mit Praxair.“ Er vermisse eine klare Rollenverteilung zwischen Vorstand und Aufsichtsrat. Er wolle die Fusion – aber nicht um jeden Preis.

„Wenn Sie sich die Zustimmung der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat nur durch so massive Zugeständnisse erkaufen können, dass das neue Unternehmen langfristig geschwächt wird und die Kapitalmarktlogik nicht mehr gegeben ist, dann sollten Sie die Fusionsverhandlungen abbrechen.“ Es gehe darum, „Linde konstruktiv nach vorne zu bringen, nicht sich selbst ein Denkmal zu setzen“.

Linde und Praxair wollen sich zum weltgrößten Gasekonzern zusammenschließen. Das neue Unternehmen soll Praxair-Chef Steve Angel aus den USA heraus führen. Kritiker klagen, dass es sich bei der Fusion unter Gleichen de facto um eine Übernahme durch die Amerikaner handelt. Praxair ist nach Umsatz der kleinere Partner, aber profitabler. Bei dem Zusammenschluss sollen beide Unternehmen 50:50 bewertet werden.

Im Streit um Führung und Fusion hatte Finanzvorstand Georg Denoke seinen Hut nehmen müssen, auch Vorstandschef Wolfgang Büchele warf schließlich hin. Fondsmanager Speich sprach von einem Führungschaos, „das im Ausland für Kopfschütteln gesorgt und das Ansehen der deutschen Industrie beschädigt hat“.

Reitzle nahm zu den Vorwürfen früh Stellung. Dabei ging er auch noch einmal auf das Führungschaos im vergangenen Jahr ein. Das Verhältnis zwischen dem geschassten Finanzvorstand Denoke und anderen Vorständen um den früheren Chef Büchele sei „nicht frei von Konflikten“ gewesen. Die fundamental unterschiedlichen Auffassungen im Vorstand zur Fusion hätten einer Klärung bedurft.

Nicht alle waren überzeugt vom Agieren des Aufsichtsrats um Reitzle in den vergangenen Monaten. Doch verlief das Aktionärstreffen trotz der unterschiedlichen Ansichten weitgehend ruhig. Viel Applaus gab es aber für Daniela Bergdolt, Vize-Präsidentin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Sie fragte: „Warum ist dieser Zusammenschluss wirklich sinnvoll?“ Sie sehe es ja grundsätzlich positiv, wenn Linde in der Branchenkonsolidierung eine aktive Rolle spielen wolle.

Doch informiere Linde nicht genug. „Wir wissen zu wenig.“ Es wirke, als wolle Linde das Projekt „durchdrücken ohne links und rechts zu schauen“. Sie kritisierte auch erneut, dass die Aktionäre nicht über die Fusion abstimmen dürfen.

Handelsblatt Energie Briefing
Linde-Chef Belloni wird persönlich
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9 Kommentare zu "Kritik an Linde-Fusion mit Praxair: „Selten wurde ein Konzern so ins Chaos gestürzt“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Wenn man über die starken deutschen Unternehmen wie Linde nachdenkt, wird einem klar, wie gut es letztendlich der gesamten deutschen Wirtschaft geht. Deutschland ist ein wirklich reiches Land, bei dem die Umverteilung zumindest besser als in vielen anderen Ländern funktioniert hat. In fast jedem Vergleich mit anderen Ländern schneidet Deutschland gut ab. Beispiele? Krankenversicherung in England, Arbeitslosigkeit in Frankreich etc. Linde ist ein bärenstarkes Unternehmen, das viel vom deutschen Wohlstand repräsentiert.

  • @Herr Hofmann Mark, 10.05.2017, 14:36 Uhr

    Jedenfalls bin ich, im Gegensatz zu Ihnen, im Niveau nicht so tief gesunken, dass ich hier fremde Leute duze.

    Sowas ist bei uns normalerweise nur in Schule und Kindergarten üblich.

  • Herr Reitzle wird nach der Fusion als Chairmann ein vielfaches seines derzeitigen Gehaltes als AR-Vorsitzender erhalten. Ich würde sagen da liegt ein klarer Interessenkonflikt vor!

  • Nur eine Bemerkung:

    Mannesmann und VODAFON lassen grüßen.
    Ebenso die dicken Abfindungen für Vorstände und Aufsichtsräte.

    Wer spricht heute noch von den damals tausenden Arbeitslosen.

  • Es ist wahrscheinlich leider wirklich so, dass wir uns im Zeitalter des Terrors, wobei ich den alltäglichen Horror in den Wirtschaftsunternehmen mit einbeziehe, befinden, und vielerorts nur noch von Brutalos (Politiker & Wirtschaftsführer) regiert werden.

    Wann hören diese schlimmen Zeiten endlich auf?

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Ein ganz übler Schacher.

    Ich behaupte, daß die Beteiligten ausschließlich an ihr eigenes Wohl denken: Reitzle an den höheren Kurs seiner eigenen Aktien und die Vorstände an mehr Geld, denn Praxxair wird die sofort feuern bei ganz fetter Abfindung..

  • Über den Kommentar von Herrn Belloni, dass viele Mitarbeiter der Fusion positiv gegenüber stehen, kann man nur den Kopf schütteln. Das ist ein schaler Versuch, die Mitarbeiter zu diskreditieren, die Ende April gegen die Fusion auf die Straße gegangen sind. Vielleicht sollte er tatsächlich mal in die Niederlassungen gehen und mit den Leuten sprechen. Dann wüßte er, daß es so gut wie niemanden gibt, der begeistert ist. Und nein, Mitarbeiter sind keine unmündigen Kinder, die von Unternehmensführung nichts verstehen; viele sind erstaunlich gut informiert und sehen, daß hier nur Herr Reizle seine Eitelkeiten befriedigen will.
    Die Medien sollten viel mehr hervor heben, welch krasse Schieflage hier besteht: der Aufsichtsrat bestimmt und der Vorstand kuscht ...

  • Weder als Aktionär noch als Münchner kann ich es befürworten, dass Herr Reitzle eine der besten Firmen der Stadt ins Ausland verschachert. Und für die Arbeitnehmer ist es ein Desaster. Schräg auch Herrn Reitzles eigener Aktiendeal. Da bleibt ein übles Geschmäckle.

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