Energie

Lira-Verfall Warum Stromerzeuger zum Risiko für die Türkei werden

Die Lira fällt schneller, als die türkischen Unternehmen ihre Preise anpassen können – und dürfen. Besonders im Energiesektor steigt der Druck.
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„Der Verfall der Lira lässt Verbraucherpreise dramatisch steigen“

IstanbulDie türkischen Stromerzeuger entwickeln sich zu einem der größten Risiken für die Banken des Landes. Nachdem sie in den vergangenen 15 Jahren Milliarden von Dollar in neue Projekte und Deals investiert haben, bringt sie die schwächelnde Lira in Bedrängnis. Die Landeswährung wertet schneller ab, als die Versorger die Strompreise erhöhen können.

Viele verdienen deswegen deutlich weniger pro Jahr als das, was sie in Fremdwährungskrediten zurückzahlen müssen. „Kraftwerke ohne Stromabnahmeverträge haben eine Gesamtschuld von fast drei Milliarden Dollar an die Banken zurückzuzahlen, was fast 2,5 Milliarden Dollar mehr ist als die Barmittel, die sie generieren können“, sagte Cem Asik, Vorsitzender des türkischen Stromerzeugerverbands.

Die missliche Lage der Versorger zeigt die weitreichenden Auswirkungen der schwächelnden Lira. Seitdem Präsident Recep Tayyip Erdogan sein Land in Richtung Autoritarismus bewegt, verliert die Landeswährung kontinuierlich an Wert. Gegenüber dem Dollar notiert die türkische Lira seit 2010 rund 69 Prozent schwächer.

Erdogans Griff nach der absoluten Macht gipfelte diese Woche mit seiner Vereidigung für eine fünfjährige Amtszeit als Präsident mit erweiterten Befugnissen und der Ernennung seines Schwiegersohns Berat Albayrak zur Überwachung der Wirtschaftspolitik. Anleger reagierten darauf nervös. Die Lira sackte in der Sekunde, in der Albayrak nominiert wurde, um mehrere Prozent ab.

„Die Lira-Abwertung in den letzten Jahren war unerwartet, aber das ist nicht der einzige Faktor“, sagte Zümrüt Imamoglu, Chefökonom des türkischen Industrie- und Handelsverbandes Tüsiad. „Während die Kosten aufgrund des Währungsschocks steigen, können Unternehmen ihre Preise aufgrund staatlicher Regulierung und Preisobergrenzen nicht entsprechend anpassen, was wiederum finanzielle Probleme in den Bilanzen der Unternehmen verursacht.“

Ein von der Boston Consulting Group für Tüsiad im April vorgelegter Bericht zeigte, dass Stromkonzerne 4,3 Milliarden Dollar pro Jahr zur Kostendeckung und 2,6 Milliarden Dollar für ihre ausstehenden Kredite erwirtschaften müssen.

Versorger sind die Achillesferse der türkischen Wirtschaft

Die Energiebranche ist zwar nicht der einzige Sektor in dem Land, der unter der schwachen Lira ächzt. Große Konzerne wie Yildiz, zu denen die Nahrungsmittelhersteller Ülker und der Schokoladenproduzent Godiva gehören, leiden ebenfalls unter einer milliardenschweren Schuldenlast. Der Konzern brachte deswegen eine weitere Tochterfirma, die Discountkette Sok, vor kurzem an die Börse. Andere Großfirmen verscherbeln gleich ihr Tafelsilber.

Doch die Energieversorgung ist die Achillesferse der türkischen Wirtschaft. Das Land ist, was konventionelle Energieträger wie Öl und Gas angeht, komplett auf Importe angewiesen. Gleichzeitig führen viele Pipelines an der Türkei vorbei oder sogar durch das Land hindurch.

Erst vor Kurzem eröffnete mit der Transanatolischen Pipeline Tanap eine gigantische Verbindung, die Erdgas aus dem Kaspischen Meer bis nach Italien transportieren soll.

Von den 95 Milliarden Dollar, die seit 2003 in den Sektor investiert wurden, sind nach den Verbandsdaten rund 51 Milliarden Dollar Schulden, die noch bezahlt werden müssen. Das sind 15 Prozent der 340 Milliarden Dollar, die die nationale Zentralbank ausweist, was ausländische Schulden von Nicht-Finanzunternehmen angeht.

Das Problem: Eine Besserung der Lage ist vorerst nicht absehbar. Niemand weiß, wie Erdogan in Zukunft die Wirtschaftspolitik gestaltet. Schlimmer noch: Wenn er über Wirtschaft redet, dann oft in dem Zusammenhang, dass Unternehmen noch besseren Zugang zu neuen Krediten haben sollten. Wie die Unternehmen diese Kredite, die oft in Dollar abgerechnet werden, zurückzahlen sollen, scheint den mächtigen Präsidenten weniger zu interessieren.

Die Währungsschwäche hat indes zu einem Missverhältnis zwischen Einkommen und steigenden Kreditkosten geführt. Ende Mai 2010 lag der durchschnittliche Strompreis pro Megawattstunde auf dem staatlich vermittelten Strommarkt noch bei 81 Dollar. Jetzt sind es nur noch 45 Dollar. Einige Stromproduzenten sahen sich daher gezwungen, ihre Kredite mit den Hausbanken neu zu verhandeln.

Hersteller, die über Einkaufsgarantien oder langfristige Vereinbarungen mit der Regierung verfügen, müssen den Banken nach Angaben des Branchenverbands jährlich fast vier Milliarden Dollar zurückzahlen.

Die türkische Führung will gegensteuern – zum Beispiel mit Atomkraftwerken. Eines wird bereits gebaut, ein weiteres ist in Planung, ein drittes bisher nur ein Gedankenspiel. Das würde die Energieabhängigkeit der Türkei massiv absenken. Es klingt logisch – wenn nicht das große Risiko eines Super-GAU in dem erdbebengefährdeten Gebiet bestünde.

Nach Ausnahmezustand droht eine Pleitewelle

Längst staut die Türkei deswegen auch große Flüsse wie Euphrat und Tigris, die beide in dem Land entspringen. Das Problem hier ist wiederum politischer Art: Die Flüsse fließen nach Syrien und in den Irak. Dort kommt wegen der Staudämme weniger Wasser an, was für Verteilungskämpfe sorgt. Auch der Syrienkonflikt soll unter anderem entstanden sein, weil sich verschiedene Gruppen um das verfügbare Wasser gestritten haben. Doch auch die kühnsten Ideen ändern nichts daran, dass der Sektor derzeit am Rand der Klippe steht.

Nach Angaben der Bankenaufsicht ist die Energiewirtschaft der am viertstärksten verschuldete Sektor nach der Industrie, dem Großhandel und dem Baugewerbe. Als vorübergehende Abhilfe in diesem Jahr erhalten Kraftwerke, die effizient arbeiten, eine Kompensation von der Regierung, sobald ihre Kosten den Marktpreis für Strom dennoch überschreiten. Die staatliche Stromgesellschaft Türkiye Elektrik Iletim AS hat für das Programm 2018 eine Obergrenze von 1,4 Milliarden Lira (298 Millionen Dollar) festgelegt, die für lokale Kohlekraft- und Gaskraftwerke bestimmt ist.

Diese Unterstützung werde nicht von der Regierung geleistet, sondern von anderen Stromerzeugern und den Verbrauchern im Allgemeinen, sagte Asik. Doch das deckt womöglich auch nicht alle Verluste.

Inländische Banken sind Angaben von JP Morgan Chase & Co. zufolge am stärksten von Krediten in Fremdwährung betroffen. „Eine realistische Schätzung der notleidenden Kredite liegt bei sieben bis acht Prozent“, sagte Atilla Yesilada, Ökonom bei Global Source Partners in Istanbul, der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Es gibt auch kein realistisches Szenario für niedrigere Kreditzinsen bis 2020. Wir können getrost von einer Pleitewelle nach dem Ende des Ausnahmezustands ausgehen.“

Mindestens 6,1 Milliarden Dollar an Krediten, die von Energieunternehmen aufgenommen wurden, sind bereits umstrukturiert oder refinanziert worden, darunter etwa vier Milliarden Dollar an Schuldtiteln der Firma Bereket Enerji, die bereits Kraftwerke verkauft, um ihre Verbindlichkeiten zu reduzieren.

Unternehmen aus verschiedenen Branchen haben zugestimmt oder befinden sich immer noch in Verhandlungen, um Darlehen in Höhe von mindestens 24 Milliarden Dollar umzuschulden. „All diese Umstrukturierungen und der Anstieg der Kredite in den Portfolios der Banken signalisieren, dass hier eine Bombe tickt“, sagt der Ökonom Yesilada.

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