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Energie
Hochspannungsleitungen

2017 beliefen sich die Gesamtkosten aller vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber für Stabilisierungsmaßnahmen auf rund 1,4 Milliarden Euro.

(Foto: dpa)

Manon van Beek im Interview „Keine Zeit für Dispute“ – Tennet-Chefin fordert schnelleren Ausbau der Stromnetze

Der Netzbetreiber müsse „erheblichen Aufwand“ betreiben, um das Stromnetz zu stabilisieren, sagt Manon van Beek. Sie wirbt um Unterstützung, nicht nur in der Politik.
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„Die Energiewende wird weitere Stromleitungen erforderlich machen.“ Quelle: Dietmar Gust, Euroforum
Manon Van Beek

„Die Energiewende wird weitere Stromleitungen erforderlich machen.“

(Foto: Dietmar Gust, Euroforum)

BerlinDer Netzbetreiber Tennet hat 2018 einen Milliardenbetrag aufwenden müssen, um sein deutsches Stromübertragungsnetz stabil zu halten. „Wir haben auch 2018 erheblichen Aufwand betreiben müssen, um das Netz zu stabilisieren“, sagte Manon van Beek, Vorstandsvorsitzende der Tennet-Holding, dem Handelsblatt.

„Die Gesamtkosten für Tennet betrugen im vergangenen Jahr 1,03 Milliarden Euro“, sagte van Beek. Damit seien die Kosten „2018 zwar stabil geblieben, das aber auf einem hohem Niveau“, ergänzte sie.

„Von der Gesamtsumme entfallen etwa 550 Millionen Euro auf Redispatch-Maßnahmen und die Netzreserve sowie etwa 480 Millionen Euro auf Entschädigungszahlungen für Windanlagen, die wir abregeln mussten“, sagte van Beek. Die Netzbetreiber sprechen von Redispatch, wenn sie in die Stromeinspeisung von Kraftwerken eingreifen müssen, um Netzengpässe zu verhindern.

2017 beliefen sich die Gesamtkosten aller vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber für solche Stabilisierungsmaßnahmen auf rund 1,4 Milliarden Euro. Tennet hat traditionell den größten Anteil an diesen Kosten. In der Tennet-Regelzone ist der Anteil der Windstrom-Einspeisung besonders hoch, gleichzeitig besteht in der Tennet-Regelzone hoher Bedarf an zusätzlichen Leitungen. Die Kosten für die Maßnahmen werden auf alle Netznutzer umgelegt.

Nach Überzeugung der Tennet-Chefin unterstreichen die hohen Kosten die Dringlichkeit des Netzausbaus. Solange der Netzausbau den Erfordernissen der Energiewende noch nicht in vollem Umfang gewachsen sei, „müssen wir hohe Kosten für Netzstabilisierungsmaßnahmen hinnehmen“, sagte sie.

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Die Tennet-Chefin mahnte, den Ausbau der Leitungen voran zu treiben. „Es gibt keinen zeitlichen Spielraum in der Planung. Wir müssen so schnell wie möglich starten, wir haben keine Zeit für Dispute“, sagte sie.

Dabei sei Tennet auf Hilfe angewiesen: „Ohne die Rückendeckung der Bundesregierung haben wir keine Chance. Aber wir sind zugleich auf die Unterstützung aller anderen politischen Ebenen angewiesen. Auch die Länder und Kommunen müssen mitziehen.“

Lesen Sie hier das komplette Interview mit Manon van Beek

Seit September vergangenen Jahres ist Manon van Beek Vorstandsvorsitzende der niederländischen Tennet-Holding. Damit ist sie zugleich zu einer wichtigen Akteurin der deutschen Energiewende geworden. Die deutsche Tennet-Tochter betreibt das Höchstspannungsnetz in weiten Teilen Deutschlands und ist für den Bau wichtiger Stromautobahnen wie „Südlink“ und „Südostlink“ zuständig. In ihrem ersten Interview mit einem deutschen Medium spricht sie über die Folgen des Kohleausstiegs, über zusätzlichen Bedarf für Leitungen und knappe Zeitpläne.

Frau van Beek, welche Auswirkungen auf den Netzausbau haben die Beschlüsse der Kohlekommission?
Der Kohleausstieg wird die Energielandschaft – wie auch schon der Kernenergieausstieg – deutlich verändern. Wir werden uns sehr intensiv mit den möglichen Folgen für Netzausbau, Systemstabilität und Versorgungssicherheit auseinandersetzen.

Haben Sie die Vorschläge der Kohlekommission überrascht?
Nein. Es war ja für uns durchaus absehbar, dass Deutschland den Kohleausstieg beschleunigt. Auch der aktuelle Entwurf des Netzentwicklungsplans basiert auf der Annahme, dass bis 2030 mehr als 50 Prozent der heutigen Kohle-Kapazitäten vom Netz gehen. Im Übrigen spiegelt der Plan, aus der Kohleverstromung aussteigen zu wollen, einen globalen Trend wider und ist insofern nicht überraschend. Aus der konkreten Umsetzung werden sich dennoch auch für uns Herausforderungen ergeben.

Warum?
Weil sich die Stromerzeugungslandschaft recht schnell deutlich verändern wird. Insbesondere im Norden und im Osten Deutschlands wird der Anteil der erneuerbaren Energien weiter deutlich steigen, in Ostdeutschland und in Nordrhein-Westfalen wiederum werden Kohlekraftwerke vom Netz gehen. Das verändert die Erzeugungsstruktur deutlich. Der Süden und NRW werden zu Nehmerländern der Energiewende. Das bedeutet Importe aus den Ländern mit Energieüberfluss, also dem Norden und Osten, für die wir das entsprechende Stromnetz brauchen.

Macht der Kohleausstieg neue Leitungen erforderlich? Wird im neuen Netzentwicklungsplan, den die Netzbetreiber jetzt vorstellen, Bedarf für neue Gleichstrom-Übertragungsleitungen, die sogenannten „Stromautobahnen“, festgestellt?
Die Energiewende wird durchaus weitere Stromleitungen nötig machen – das wird man im neuen Netzentwicklungsplan auch sehen, bei dem wir von 65 Prozent erneuerbaren Energien 2030 ausgehen. Ganz ohne zusätzlichen Netzausbau werden wir nicht auskommen. Und wenige Gleichstromverbindungen sind effektiver und, weil komplett erdverkabelt, auch für die Menschen leichter zu akzeptieren, als es eine Vielzahl kleinerer Wechselstromprojekte wäre.

Aber das Allerwichtigste ist, jetzt so schnell wie möglich die Vorhaben umzusetzen, die ohnehin geplant sind. Das ist dringend erforderlich. Wenn es dann in der Folge darum geht, weitere Leitungen zu bauen, müssen wir besonders smart vorgehen, also auf neue Technologien setzen und auch über den Tellerrand des Stromsektors hinausschauen.

Was heißt das?
Wir müssen uns in Zukunft viel stärker darauf fokussieren, vorhandene Netze effizienter zu nutzen. Ich bin davon überzeugt, dass wir uns in den nächsten Jahren viele Innovationen und technologische Entwicklungen zunutze machen können, von denen wir im Moment erst vage Vorstellungen haben. Insbesondere die Digitalisierung wird uns neue Möglichkeiten eröffnen. Auch Energiespeicher werden eine größere Rolle spielen.

Wie geht es mit den wichtigsten Tennet-Projekten, den Stromautobahnen von Nord- nach Süddeutschland, voran?
Ende Februar werden wir unsere Vorschläge für den Erdkabel-Korridor des Südlink-Projektes präsentieren. Für den Südostlink haben wir damit bereits begonnen.

Wann beginnt der Bau?
Das hängt vom Genehmigungsverfahren ab. Südlink ist ein Zehn-Milliarden-Euro-Vorhaben und das größte Netzausbauprojekt in Deutschland. Wir betreten mit der Hochspannungs-Gleichstrom-Erdverkabelung technologisches Neuland und bewegen uns zudem in einem sehr ehrgeizigen Zeitplan. Wir können das nur schaffen, wenn wir Akzeptanz bei den Menschen vor Ort haben und zugleich von der Politik unterstützt werden.

Bundeswirtschaftsminister Altmaier unterstützt Sie kräftig. Hilft das?
Das ist äußert wichtig. Ohne die Rückendeckung der Bundesregierung haben wir keine Chance. Aber wir sind zugleich auf die Unterstützung aller anderen politischen Ebenen angewiesen. Auch die Länder und Kommunen müssen mitziehen. Es gibt keinen zeitlichen Spielraum in der Planung. Wir müssen so schnell wie möglich starten, wir haben keine Zeit für Dispute.

Wann werden Südlink und Südostlink fertiggestellt sein?
So schnell wie möglich. Aber es hängt eben davon ab, wie schnell die Verfahren sind und ob es Klagen gibt.

Speicherlösungen erhöhen die Flexibilität des Netzes, reduzieren die Spitzenbelastung für unser Netz und machen es so sicherer. Manon van Beek, CEO Tennet-Holding

Die Bundesregierung will, dass die Leitungen 2025 fertig sind …
Das wollen wir auch, aber wir haben das nicht komplett selbst in der Hand. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, warum das so ist. Bei der Hochspannungsleitung von Doetinchem nach Wesel hat uns das Planungs- und Genehmigungsverfahren acht Jahre Zeit gekostet, die Umsetzung nur zwei Jahre. Daran wird deutlich, dass wir extrem abhängig sind von politischer Unterstützung und Akzeptanz vor Ort. Anderenfalls ziehen sich die Planungs- und Genehmigungsverfahren über viele Jahre hin.

Das existierende Netz gerät derweil an seine Grenzen. Sie müssen es mit hohem Aufwand stabil halten. Wie waren Ihre Kosten für Netz- und Systemsicherheitsmaßnahmen 2018?
Wir haben auch 2018 erheblichen Aufwand betreiben müssen, um das Netz zu stabilisieren. Die Kosten dafür sind 2018 zwar stabil geblieben, das aber auf einem hohem Niveau. Die Gesamtkosten für Tennet betrugen im vergangenen Jahr 1,03 Milliarden Euro. Das entspricht ungefähr dem Wert von 2017. Von der Gesamtsumme entfallen etwa 550 Millionen Euro auf Redispatch-Maßnahmen und die Netzreserve sowie etwa 480 Millionen Euro auf Entschädigungszahlungen für Windanlagen, die wir abregeln mussten.

Wird sich das ändern?
Wir stehen in der Verantwortung, das Netz effizient zu betreiben. Unser Ziel ist es, die Kosten für die Allgemeinheit so gering wie möglich zu halten. Solange aber der Netzausbau den Erfordernissen der Energiewende noch nicht in vollem Umfang gewachsen ist, müssen wir hohe Kosten für Netzstabilisierungsmaßnahmen hinnehmen. Erst wenn der Netzausbau vorangeht, wird sich daran etwas ändern. Das unterstreicht die Bedeutung des Netzausbaus. Der Ausbau, so wie er im Gesetz vorgezeichnet ist, ist kein Luxus, er ist vielmehr dringend erforderlich.

Tennet will eine Power-to-X-Anlage bauen, in der mittels Windstrom Wasserstoff produziert wird. Ist das die Aufgabe eines Netzbetreibers?
Als Übertragungsnetzbetreiber, der grenzüberschreitend tätig ist, haben wir einen sehr guten Überblick darüber, wie sich der europäische Strommarkt entwickelt. Ich sehe es als unsere Pflicht, aufzuzeigen, welche Möglichkeiten es gibt, um das Gesamtsystem effizienter zu machen. Wenn wir 2030 einen Anteil von 65 Prozent erneuerbarer Energie haben, brauchen wir neben dem Netzausbau auch neue Speicher- und vielleicht sogar alternative Transportlösungen. Die Umwandlung von Strom aus erneuerbaren Quellen in Wasserstoff ist nach unserer Überzeugung eine dieser Lösungen.

Aber das wird sich nicht rechnen.
Wir glauben fest daran, dass der Markt zu den besten Lösungen führt. Um aber beispielsweise das Thema Power to X voranzubringen, ist ein Anschub erforderlich, damit sich ein Markt entwickeln kann. Wir wollen Wege aufzeigen, wie man Power to X zu einem Teil der Lösung machen kann, ohne dass wir selbst ein Player in diesem Markt werden wollen.

Welche Anwendungsfälle sehen Sie?
Wenn Sie beispielsweise die enormen Potenziale der Offshore-Windkraft in der Nordsee ausnutzen wollen, bietet sich Power to X an. Warum soll man nicht Offshore-Windkraft und Wasserstoff-Produktion in einer Ausschreibung miteinander verbinden und der Preis für die Wasserstoff-Produktion entscheidet über den Zuschlag? Ich bin davon überzeugt, dass es zu einer raschen Kostendegression käme. Es könnte sich ein Markt für Power to X entwickeln.

Was bedeutet das für das Netz?
Speicherlösungen erhöhen die Flexibilität des Netzes, sie reduzieren die Spitzenbelastung für unser Netz und machen das Netz so sicherer. Am Ende könnte das zur Folge haben, dass wir weniger zusätzliche, über den aktuellen Bedarf hinausgehende Netze bauen müssen. Das würde für mehr Akzeptanz sorgen und die Systemkosten insgesamt reduzieren. Aber genau können wir das erst sagen, wenn wir es auch ausprobieren. Darum stehen wir bereit, das Thema Power to X voranzutreiben. Wir möchten gerne die Potenziale aufzeigen und es dann dem Markt überlassen, daraus das Optimale zu machen.

Der Regulierer ist skeptisch.
Ja, das stimmt. Wir werden gerne weiter mit der Bundesnetzagentur über das Thema diskutieren.

Frau van Beek, vielen Dank für das Interview.

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