Energie

Massive Kürzungen So undurchschaubar ist Deutschlands größter Windkonzern Enercon

Enercon baut 800 Stellen in seinem Zuliefernetzwerk ab. Doch der Konzern weist die Verantwortung für Details des Jobabbaus von sich.
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Enercon: So undurchschaubar ist Deutschlands größter Windkonzern Quelle: dpa
„Wir sind Enercon“

Vor dem niedersächsischen Landtag protestieren Betriebsräte und Mitarbeiter: Enercon plant die Kürzung hunderter Stellen und fühlt sich für die Geschassten in keiner Weise zuständig.

(Foto: dpa)

Aurich/DüsseldorfJeden Morgen macht sich Heiner Kleen in seinem Haus im niedersächsischen Wiesmoor zurecht. Jeden Morgen zieht er seine Arbeitskleidung an: Hose, T-Shirt, Jacke, Schuhe. Auf jedem Kleidungsstück prangt in dunkelgrüner Schrift und Großbuchstaben der Name seines Arbeitgebers: Enercon. Jeden Morgen, seit 16 Jahren.

Der Monteur reiste für den ostfriesischen Windradbauer durch ganz Europa. Er war stolz, ein Teil von Enercon zu sein. Auf Weihnachtsfeiern betonte Gründer Aloys Wobben immer wieder: „Ihr seid Enercon. Ihr habt uns groß gemacht.“ Jedes Jahr. Jetzt auf einmal soll Heiner Kleen nicht mehr Enercon sein.

Der 40-Jährige ist einer von mehr als 800 Menschen, die von den massiven Kürzungen beim größten Windanlagenhersteller Deutschlands betroffen sind. Kleen arbeitet bei der WEC Site Services in Westerstede. Er und seine mehr als 140 Kollegen errichten die Betontürme, auf denen die Mühlen von Enercon stehen. Zum 1. November soll der Betrieb komplett dichtgemacht werden.

Weil sich der Windradbauer wegen eines kriselnden deutschen Marktes internationaler ausrichten will, fährt er die heimische Produktion massiv zurück. Und das so schnell wie möglich. Mit Geld oder Unterstützung von Enercon können Heiner Kleen und die anderen dabei nicht rechnen. Denn dem Windradbauer zufolge gehören die acht betroffenen Betriebe gar nicht zum Konzern. Von „Wir sind Enercon“ ist auf einmal nichts mehr übrig.

Die Betriebe seien als Zulieferer „eigenverantwortlich wirtschaftende Unternehmen“, heißt es als Begründung dazu aus Aurich. „Da sind die jeweiligen Geschäftsführer zuständig“, sagte Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig dem Handelsblatt. Man wolle sich bei den Entscheidungen in den Betrieben nicht einmischen.

In einem internen Schreiben an die Belegschaft, das dem Handelsblatt vorliegt, spricht die Geschäftsführung von einer „sehr emotional geführten Diskussion“. Es stehe außer Frage, „dass sich alle mitwirkenden Produktions- und Dienstleistungsunternehmen zu Recht stark mit dem gemeinsamen Produkt identifizieren und mit der Marke Enercon eng verbunden fühlen“. Die Vorwürfe, Enercon würde sich seiner Verantwortung entziehen, seien falsch.

Monteur Kleen versteht die Welt nicht mehr: „Wir haben erst neulich das 20-jährige Jubiläum eines Kollegen gefeiert. Da gab es noch eine Urkunde als Dankeschön für die Loyalität und die Mitgestaltung als langjähriger Enercon-Mitarbeiter“, erzählt er ungläubig. „Und von heute auf morgen sollen wir auf einmal nicht mehr dazugehören?“

Verhandlungen hinter verschlossenen Türen

Einem runden Tisch mit Politik und Gewerkschaften verweigert sich die Geschäftsführung unter Hans-Dieter Kettwig und Simon Wobben, dem Neffen des Enercon-Gründers, seit einem Monat vehement. Sogar ein Treffen mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ließen sie kurzfristig platzen. Gespräche mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) sollen nun hinter verschlossenen Türen laufen.

In Deutschland sei es üblich, dass ein Konzern auch für seine Mitarbeiter einstehe – unabhängig davon, in welchem Unternehmenszweig sie beschäftigt seien, sagte Weil zuvor. Aber dem SPD-Politiker sind die Hände gebunden.

So ist Enercon selbst der eigenen Branche ein Rätsel: höchst verschlossen und verschachtelt – bis hin zu seinen von ihm so titulierten „Zulieferern“. Die Ostfriesen haben die Dinge schon immer ein bisschen anders gemacht, waren schon immer ein bisschen eigen.

Wo die Turbinen der Wettbewerber einheitlich rechteckig sind, erkennt man die Enercon-Gondeln mit ihren eiförmigen Umrissen schon von Weitem. Und im Gegensatz zur Konkurrenz begannen die Auricher schon früh, sich an den von ihnen errichteten Windparks zu beteiligen und ausgefeilte Servicekonzepte anzubieten.

Mit dieser ostfriesischen Eigenwilligkeit sichert sich der Konzern Jahr für Jahr die Marktführung in Deutschland. Und auch global gesehen spielt Enercon in der höchsten Liga. Fast 1.400 Windkrafträder hat der Konzern allein im vergangenen Jahr weltweit errichtet, über fünf Milliarden Euro Umsatz allein 2016 verbucht. Damit gehören die Auricher zu den führenden Herstellern auf dem Weltmarkt.

In Deutschland kam Enercon 2017 auf einen Marktanteil von 38 Prozent. Das ist lange nicht mehr so viel wie in den Hochzeiten. Die Größten sind sie hierzulande dennoch. Gleichzeitig ist kein anderer Windkonzern so verschlossen wie Enercon.

Handelsblatt Energie Briefing
Aloys Wobben schuf ein Weltunternehmen
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1 Kommentar zu "Massive Kürzungen: So undurchschaubar ist Deutschlands größter Windkonzern Enercon"

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  • Tja, das ist dann eben die moderne Wirtschaft. Ist natürlich schöner, wenn man sich darauf verlassen kann, immer beim gleichen Konzern zu sein und mit den gleichen Leuten zu arbeiten und sich privat auch mit Arbeitskollegen zu verstehen aber wenn es hart auf hart kommt, sind börsennotierte Nicht-Familien-Unternehmen immer ihren Anlegern und auch den direkten Mitarbeitern verpflichtet und Loyalität lässt sich vor dem Aufsichtsrat, der sicher nicht über diese persönlichen Bindungen verfügt, eher schlecht argumentieren. hat natürlich alles Vor- und Nachteile aber kommt wenig überraschend.

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