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Energie
Sibirien

Nicht viele Straßen führen durch die verschneite Landschaft nördlich des Polarkreises. Am schnellsten bewegt man sich hier tatsächlich mit dem Hubschrauber.

Nowy Urengoi Russlands Gashauptstadt trotzt der sibirischen Kälte – und der Weltpolitik

Nowy Urengoi ist in Sibirien aus dem Nichts entstanden, bezahlt vom russischen Gasriesen Gazprom. Politische Krisen sind besonders dort nicht gut fürs Geschäft.
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Nowy Urengoi Mitten im Nirgendwo zieht sich eine Straße durch die unendlich wirkende Schneelandschaft im Norden Sibiriens. Nur ein paar dunkle Lärchenwälder durchbrechen die weiße Decke hier und da. Acht Monate im Jahr herrscht in der Gegend am Polarkreis tiefster Winter, Temperaturen bis minus 40 Grad sind keine Seltenheit. An diesem Mittwoch im November sind es 33 Grad unter null. Für Din Kadaev ein ganz normaler Arbeitstag.

Dick eingepackt, mit gelber Jacke, blauer Mütze und Handschuhen stapft der 40-jährige Russe, umrahmt von meterhohen Rohren, durch den Schnee. Kadaev ist Leiter der Gasaufbereitungsanlage 31 von Achimgaz, einem Joint Venture zwischen dem deutschen Öl- und Gasunternehmen Wintershall und Gazprom Dobycha Urengoi, einer Tochter von Russlands Energieriesen Gazprom, dem größten Gasproduzenten der Welt. Hier wird das geförderte Gas verarbeitet und über Fernleitungen nach Europa verteilt.

Mit der Eskalation im Ukrainekonflikt ist die Diskussion um die Abhängigkeit Europas von russischem Gas neu entbrannt. Die geplante Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 steht massiv in der Kritik - auch in Deutschland. Während Grünen-Chefin Annalena Baerbock fordert, den Bau des Projektes angesichts der Krim-Krise einzustellen, verteidigt Außenminister Heiko Maas (SPD) das Projekt. Schon durch das Vorgängerprojekt liefert Gazprom Erdgas direkt nach Deutschland. Mit der zweiten Pipeline soll die Kapazität nun verdoppelt werden.

Während in Brüssel und Berlin die Debatten immer hitziger werden, geht die Arbeit in der Eislandschaft Nordsibiriens ungestört weiter. Unter Arbeitsbedingungen, die für Außenstehende unvorstellbar wirken. Din Kadaev kennt es nicht anders. Wenn er morgens seine Schicht um halb neun beginnt, ist es dunkel. Und auch wenn er nach zwölf Stunden Feierabend macht, ist von der Sonne nichts zu sehen. In den kalten Wintermonaten scheint sie nur ein bis zwei Stunden am Tag. Ganz anders als an den 35 Sommertagen im Jahr, an denen es fast durchgehend taghell ist.

Gasförderung in Sibirien – Arbeiten und Leben bei -33 Grad

Kadaev sind die dunklen Monate aber lieber: „Polarnächte sind doch auch sehr romantisch“, sagt der breitschultrige Mann lächelnd, die dunklen Augenbrauen schon mit weißkristallenem Frost überzogen.

Die Kälte fühlt sich auf den erröteten Wangen an wie winzig kleine Schnitte auf der Haut. „Wenn wir länger als eine Stunde an der frischen Luft arbeiten, müssen wir uns erst einmal wieder 15 Minuten drinnen aufwärmen, bevor es wieder rausgeht“, erklärt Kadaev. Nach der Arbeit steht dann noch eine 40-minütige Busfahrt in seine Heimatstadt Nowy Urengoi an. Jeder, der draußen auf den Feldern arbeitet, wohnt in der sibirischen Kleinstadt – drum herum ist nur Niemandsland.

Die Gashauptstadt des Landes

Anfang der 70er-Jahre ist im Norden Russlands eine Stadt aus dem Nichts entstanden. Heute wird Nowy Urengoi oft auch als Gashauptstadt des Landes bezeichnet. 1966 entdeckten Geologen in der fast ganzjährig schneebedeckten Tundra das größte Gasfeld der Welt. Zehn Jahre später stampfte die sowjetische Führung hier eine Stadt aus dem Boden, in der heute über 110 000 Menschen leben.

Fast jeder hier arbeitet direkt oder indirekt für Gazprom, den halbstaatlichen Monopolisten der Branche. Der Milliardenkonzern kümmert sich um seine Angestellten, garantiert die Betreuung in eigenen Kindergärten sowie Schulen und sorgt für Unterhaltung im Kulturhaus. Hier können die Kleinen nach der Schule tanzen, singen oder Miniatur-Bohrtürme aus Holz bauen, die öffentlichkeitswirksam auf den Regalen im Bastelzimmer ausgestellt werden.

Ohne das Gasgeschäft würde es Nowy Urengoi nicht geben, das lernt hier schon jedes Kind. Spezielle Förderklassen sollen früh das nötige Interesse an der Industrie wecken – schließlich locken gut bezahlte Arbeitsplätze. Nur auf einen Friedhof meinte man bis vor wenigen Jahren verzichten zu können.

Din Kadaev ist Leiter der Gasaufbereitungsanlage 31 von Achimgaz, einem Joint Venture zwischen Wintershall und Gazprom Dobycha Urengoi, einer Tochter des russischen Energieriesens Gazprom. Quelle: Wintershall / Frank Herfort
Din Kadaev

Din Kadaev ist Leiter der Gasaufbereitungsanlage 31 von Achimgaz, einem Joint Venture zwischen Wintershall und Gazprom Dobycha Urengoi, einer Tochter des russischen Energieriesens Gazprom.

(Foto: Wintershall / Frank Herfort)

Der Anteil der unter Achtzehnjährigen beträgt über 25 Prozent. Doch immer mehr Bewohner entscheiden sich dafür, auch ihre Rentenzeit im sibirischen Dauerfrost statt im wärmeren Süden zu verbringen. Also gibt es in Nowy Urengoi jetzt auch einen Friedhof.

„Mit unserer Wärme im Herzen und unserer Offenheit gleichen wir die Kälte hier aus“, heißt es an jeder Ecke. Nur über Politik spricht niemand gern. Aber die kriselnden Beziehungen zwischen Russland und Europa besorgen die Bewohner, besonders wegen des Wiederaufflammens der Krise auf der Krim.

Nach der Kaperung von drei ukrainischen Marineschiffen durch russische Grenzschutzboote im Asowschen Meer war die Situation eskaliert – die Ukraine hat für 30 Tage das Kriegsrecht über einige Landesteile verhängt. „Wir sehen diese Ereignisse mit großer Besorgnis. Einseitige, voreilige Schritte sollten jetzt vermieden werden“, appelliert Thilo Wieland, Russlandchef von Wintershall. Die Situation zeige, dass man von einer Stabilität in der Region noch weit entfernt sei.

Lange standen Gas und Pipelines für eine unverrückbare Verbindung in Europa. Doch die Gasdiplomatie wird rauer. Pipelinepläne platzen über Nacht, Milliardengeschäfte stehen auf der Kippe. Und der Konflikt zwischen Moskau und Kiew wird zur Zerreißprobe der ohnehin schon abgekühlten Beziehungen zwischen Russland und Deutschland.

Als gäbe es die Krise gar nicht, schießt bei Nowy Urengoi unablässig Gas aus bis zu 4 000 Meter Tiefe. Durch Tausende Kilometer Pipeline fließt es an Sankt Petersburg vorbei. Es lässt Finnland rechts und Polen links liegen und taucht an der deutschen Ostseeküste wieder auf und strömt in Millionen deutsche Häuser. Mehr als ein Drittel seines Gases bezieht die EU über Pipelines aus Russland, einen Großteil davon aus Nowy Urengoi.

Banger Blick gen USA

„Natürlich verfolge auch ich die Nachrichten, die Politik hat schließlich direkte Auswirkungen auf uns hier“, sagt Betriebsleiter Kadaev. Eigentlich stammt er aus einem kleinen Dorf in der Region Baschkirien, im westlichen Teil des Landes gelegen. Seine Eltern kamen mit ihm in den 80er-Jahren nach Sibirien, als die Regierung junge Leute in Massen dazu aufrief, beim Aufbau der russischen Gasindustrie zu helfen.

„Aber mein Vater ist Ukrainer“, erzählt Kadaev. Die aktuelle Situation besorge ihn deswegen ganz besonders. Er hofft, dass sich die Lage bald entspannt. Die Antworten sind kurz, das Lächeln ist verschwunden. So richtig darüber reden will er nicht. Dass sich Europa zusehends vom östlichen Lieferanten abwendet, macht Russlands Gasindustrie Angst.

50 Kilometer von Nowy Urengoi entfernt zieht sich ein Gasfeld nach dem nächsten durch die Gegend am Polarkreis.
Gashauptstadt

50 Kilometer von Nowy Urengoi entfernt zieht sich ein Gasfeld nach dem nächsten durch die Gegend am Polarkreis.

70 Prozent der russischen Exporte entfallen auf Öl und Gas. Die Erträge aus dem Handel mit den Rohstoffen stehen für mehr als die Hälfte des russischen Staatshaushalts. Seit dem Streit um die ukrainische Halbinsel Krim vor vier Jahren haben viele Investoren ihre Milliarden aus Russland abgezogen. Der Blick wendet sich nun auch gen USA.

Das Land will Russland als Gasexporteur Nummer eins ablösen und Flüssigerdgas (LNG) an die Häfen Europas liefern. Noch ist Pipelinegas allerdings die billigere Alternative. Die Europäische Union sieht die wachsenden Gasimporte aus Moskau immer kritischer und will ihre Rohstoffabhängigkeit von Russland mit allen Mitteln verringern.

Angst vor Abhängigkeit

Von einer besorgniserregenden Abhängigkeit könne aber keine Rede sein, meint Achimgaz-Vorstand Ingo Neubert. Der deutsche Physiker lebt schon seit sieben Jahren in Nowy Urengoi. Er ist überzeugt, dass „Gas da ist, um Geld zu verdienen, und nicht als politisches Mittel“. Schließlich sei das Gas aus Russland auch in den problematischsten Zeiten immer in Deutschland angekommen.

Dass wegen der Krimkrise nun schon wieder der Bau der neuen Ostseepipeline Nord Stream 2 in der Kritik steht, kann der Manager nicht nachvollziehen.

Die gut 1 200 Kilometer lange Pipeline soll russisches Erdgas durch die Ostsee nach Deutschland leiten. Das Projekt, an dem neben Gazprom, der österreichischen OMV, dem britischen Ölkonzern Shell und der französischen Engie auch die deutschen Konzerne Uniper und Wintershall beteiligt sind, gerät immer mehr zum Politikum. Kritiker warnen vor einer gefährlichen Abhängigkeit vom Gaslieferanten unter Kreml-Kontrolle.

Schon heute beherrscht Russland fast 40 Prozent des deutschen Gasmarktes, mit Fertigstellung der neuen Pipeline könnte der Marktanteil auf 60 Prozent steigen. Das Monopol zur Beförderung von Erdgas durch die Pipeline liegt bei Gazprom. Die EU-Kommission fordert aber, dass auch andere Unternehmen Gas über Nord Stream 2 befördern können sollen.

Auch Polen, das Russland seit Sowjetzeiten als größte Bedrohung betrachtet, wehrt sich gegen den Bau der neuen Pipeline, ebenso wie die baltischen Staaten. Polen und die Ukraine verdienen Milliarden an der Weiterleitung des Brennstoffs Richtung Westeuropa, also auch nach Deutschland.

Eigentlich ist die sibirische Jamal-Halbinsel das Gebiet der Nenzen. Hier lebt das indigene Nomadenvolk mit seinen Rentierherden auch heute noch.
Niemandsland

Eigentlich ist die sibirische Jamal-Halbinsel das Gebiet der Nenzen. Hier lebt das indigene Nomadenvolk mit seinen Rentierherden auch heute noch.

Nord Stream 2 würde die beiden Länder umgehen. „Natürlich ist das Hauptziel Russlands, eben nicht mehr abhängig von Transitländern wie der Ukraine und Polen zu sein“, erklärt Neubert. Er sehe auch die Sorgen und Diskussionen um das Projekt in Deutschland, „aber durch Pipelinenetze, Riesenspeicher und LNG-Terminals gibt es heute doch mehr Auswahl auf dem Gasmarkt als je zuvor“.

Vielen Bewohnern in Nowy Urengoi ist das Thema längst zu kompliziert geworden. „Man weiß ja doch nicht, was stimmt“, sagt eine junge Frau im Pelzmantel, den hier viele tragen. Auch Din Kadaev will sich über die internationalen Krisen nicht länger den Kopf zerbrechen. „Es ist Aufgabe der Politiker, das zu regeln“, er habe schließlich einen wichtigen Job, nämlich das Gas aus dem Norden Sibiriens in den Rest der Welt zu befördern.

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1 Kommentar zu "Nowy Urengoi: Russlands Gashauptstadt trotzt der sibirischen Kälte – und der Weltpolitik"

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  • "Die EU" ist besorgt etc. Wer ist denn diese EU? Die Polen und die Balten? Gluecklicherweise
    ist die EU fuer die Pipeline in internationalen Gewaessern nicht zustaendig. In den nationalen Gewaessern hab die Anrainerstaaten das Projekt genehmigt mit Ausnahme
    von Daenemark, das noch keine Entscheidung traf, aber die daenischen Gewaesser koennen ohne grosse Mehrkosten umgangen werden. "Die Pipeline sollte auch Gas anderer
    Provenienz befoerdern". Von wo denn? Es gibt keinen Ostseestaat ausser Russland, der
    Gas zu verkaufen hat.

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