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Energie

Ölindustrie Verlassene Bohrinseln in der Nordsee: Die 150-Milliarden-Dollar-Herausforderung

Der Ölboom in der Nordsee ist vorbei. Konzerne und Regierungen streiten über das Schicksal Hunderter Bohrinseln. Manche Plattformen sollen teilweise stehen bleiben – und gefährden die Umwelt.
4 Kommentare

Verlassene Bohrinseln – Greenpeace protestiert in der Nordsee gegen Shell

Düsseldorf Es gibt einen Tag Ende Oktober, an dem es in London ausnahmsweise mal nicht um den Brexit geht, sondern um das Schicksal alter Ölplattformen in der Nordsee. Im Mittelpunkt stehen bei einem internationalen Treffen Ende dieser Woche vier Bohrinseln des Ölkonzerns Shell.

Die britische Regierung will dem Milliardenkonzern erlauben, große Teile seiner ausgedienten Plattformen in der Nordsee stehen zu lassen. Deutschland und andere EU-Staaten wollen das verhindern. Sie fürchten schwerwiegende Folgen für die Umwelt. Für Großbritannien und auch Shell geht es bei dem Streit um viel Geld.

Fast 500 Ölplattformen stehen in der Nordsee zwischen Dänemark, Großbritannien, Norwegen und den Niederlanden. Produziert wurde hier seit den 1970er-Jahren. Aber seit der Jahrtausendwende geht die Produktion immer weiter zurück, die Vorräte sind erschöpft.

Immer mehr Bohrinseln stehen still und rotten im Meer vor sich hin. Denn der Rückbau einer Ölplattform kann bis zu mehrere Hundert Millionen Dollar kosten.

Für den Abbau aller Bohrinseln in der Nordsee rechnet das Beratungsunternehmen BCG mit Kosten von mindestens 150 Milliarden Dollar. Der Rückbau ist vor allem für Großbritannien ein aktuelles Thema. „Wir rechnen damit, dass in den nächsten zehn Jahren mindestens 80 bis 150 Offshoreplattformen aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegt werden“, sagt Philip Whittaker, Öl- und Gasexperte bei BCG.

Zwischen 50 und 80 Prozent der Kosten eines solchen Rückbaus könnten je nach Land an den jeweiligen Regierungen hängen bleiben, sprich am Steuerzahler. In Großbritannien sind es ungefähr 50 Prozent der Kosten, die Unternehmen mit ihrer Steuerlast verrechnen und sich so vom Fiskus zurückholen können.

Deswegen will London dem Ölkonzern Shell eine Ausnahmegenehmigung für vier Plattformen im Brent-Ölfeld erteilen – große Teile der Bohrinseln könnten demnach einfach stehen bleiben. Das Gebiet nordöstlich der Shetland-Inseln, das der Nordsee-Ölsorte Brent ihren Namen gab, gehört formal zu Großbritannien. Konkret geht es um die vier Bohrinseln Brent Alpha, Bravo, Charlie und Delta.

Shell hält Vorgehen für die umweltverträglichste Lösung

Bei drei der Plattformen würden neben der bis über die Wasseroberfläche reichenden Trägerkonstruktion auch Öltanks und Bohrkammern im Meer verbleiben, laut einem Gutachten der Bundesregierung gefüllt mit 640.000 Kubikmeter ölhaltigem Wasser sowie 40.000 Kubikmeter ölhaltigem Sediment mit einem Anteil von mehr als 11.000 Tonnen Rohöl. Sollten die Plattformen mit der Zeit marode werden, könnte das Öl ins Meer gelangen.

Deshalb hat Deutschland Protest gegen die Pläne der Briten eingelegt. Auch Schweden, Belgien, die Niederlande und Luxemburg haben sich der Beschwerde angeschlossen, und auch die Europäische Kommission hat Bedenken angemeldet.

„Die Idee, große Teile einer alten, kontaminierten Ölanlage einfach im Meer zurückzulassen, hat mich ehrlich gesagt überrascht“, sagte Staatssekretär Jochen Flasbarth vom Bundesumweltministerium zu dem Vorhaben.

Deutschland hat sogar ein unabhängiges Gutachten zu den möglichen Gefahren für die Umwelt anfertigen lassen. Shell hingegen behauptet, dass der Verbleib der Plattformen im Meer die umweltverträglichste Lösung sei.

„Shell hat die Außerbetriebnahme des Brent-Feldes in den letzten zehn Jahren intensiv vorbereitet und durch unabhängige Wissenschaftler aus ganz Europa überprüfen lassen. Wir denken, damit den besten Vorschlag mit Blick auf Sicherheit, technische Machbarkeit und Umweltverträglichkeit gemacht zu haben“, sagt ein Sprecher des Konzerns dem Handelsblatt. Das hätten auch zahlreiche Studien ergeben.

Auch der deutsche Öl- und Gaskonzern Wintershall Dea betreibt eine Offshoreplattform in der Nordsee. „Wir bauen definitiv alles von unserer Plattform Mittelplate im Wattenmeer zurück. Das Einzige, was am Ende bleibt, ist das Bohrloch, was gefüllt und versiegelt wird“, erklärt Unternehmenssprecher Michael Sasse.

So sieht es die Übereinkunft der sogenannten Ospar-Staaten (benannt nach dem Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Nordost-Atlantiks) von 1998 eigentlich auch vor. Allerdings sind Ausnahmen wie im Fall Shell möglich. Plattformen ruhen meistens auf Beinen aus Stahl, doch drei der vier Brent-Bohrinseln haben Betonpfeiler.

Keine rechtliche Handhabe für Deutschland

Als diese in den 1970er-Jahren im Meer verankert wurden, hat sich niemand vorstellen können, dass sie in Zukunft wieder geborgen werden müssten. Und weil Betonbeine viel schwieriger abzubauen sind als Stahlkonstruktionen, hofft Shell darauf, dass Großbritannien bei seiner Ausnahmegenehmigung bleibt.

Auch Vertreter des Ölkonzerns sollen an den Gesprächen in London teilnehmen. „Das Special Consultative Meeting ist eine wichtige Gelegenheit, sich den Fragen der in der Ospar vertretenen Regierungen zu stellen“, sagt der Shell-Sprecher.

Bei dem Treffen der 15 Ospar-Mitgliedstaaten am 18. Oktober wollen die Kritiker noch einmal versuchen, London umzustimmen. Viel Hoffnung auf eine überraschende Kehrtwende macht sich das Bundesumweltministerium allerdings nicht.

„Großbritannien ist auf seinem Staatsgebiet souverän und kann letztlich trotz formaler Einwände anderer Staaten allein über das Schicksal der Plattformen entscheiden“, sagt ein Sprecher des Ministeriums. Eine rechtliche Handhabe habe Deutschland letztlich also nicht.

Bereits Mitte der 1990er-Jahre wollte Shell einen seiner Öltanks, die „Brent Spar“, samt 100 Tonnen schwermetallhaltigen Ölschlamms und 30 Tonnen radioaktiver Salzkruste aus der Nordsee schleppen und in 2300 Meter Tiefe im Atlantik versenken. Damals scheiterte das Vorhaben allerdings am spektakulären Protest einiger Umweltschützer und dem beispiellosen Boykott von Shell – vor allem in Deutschland.

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4 Kommentare zu "Ölindustrie: Verlassene Bohrinseln in der Nordsee: Die 150-Milliarden-Dollar-Herausforderung"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • "...laut einem Gutachten der Bundesregierung gefüllt mit 640.000 Kubikmeter ölhaltigem Wasser sowie 40.000 Kubikmeter ölhaltigem Sediment mit einem Anteil von mehr als 11.000 Tonnen Rohöl. "
    Wenn die Bohrinseln schon stehen bleiben sollen: warum können dann nicht wenigstens die umweltschädlichen Stoffe geborgen und entsorgt werden?

  • Die Medien könnten auch Leute zu Wort kommen lassen, die
    1. die politische, ökologische und moralische Verantwortung allgemeinverständlich und lesbar verdeutlichen,
    2. Beiträge bringen, die zur Lösung dieser Ungeheuerlichkeit beitragen (Meinungen von Fachleuten aus allen technisch relevanten Sparten.

  • Ich finde es ein Skandal wenn man den Ölfirmen erlauben würde ihren Müll einfach in der Nordsee stehen zu lassen. Warum hat Shell nicht schon beim Bau der Ölplatform die Entsorgung mit berücksichtig? Shell hat Millionen oder vielleicht sogar Milliarden Gewinn mit ihren Plattformen gemacht, aber für den Abbau und die Entsorgung ist kein Geld da?

  • wie sagen die Neo Liberalen doch so schön...der Markt wird es regeln...nicht die einzige aber eine wichtige Hauptregel des Marktes...werde Groß genug und privatisiere nicht nur deine Gewinne sonder sozialisiere Deine Verluste...und dann wundern sich Politik und Wirtschaft, dass man sich nur mit Grausen von ihnen abwendet.