Energie
Gegendemonstranten im Hambacher Forst

Es geht um Natur- und Klimaschutz, um Kapitalismuskritik und die Zukunft unserer Energieversorgung.

Report Hambacher Forst – mehr als nur ein Streit um Braunkohle

Im Hambacher Forst kämpfen Umweltschützer in Baumhäusern gegen RWE. Der Wald wird zum Symbol für den Kampf um Kohle, Klimawandel und Energieversorgung.
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Hambacher ForstDer Stoff, der Tausende Umweltaktivisten und Millionen deutscher Bürger erregt, riecht modrig, nach Erde und Pilzen. Er lagert in einer rund 70 Meter dicken Schicht, die gut 300 Meter unter der Erdoberfläche beginnt.

Peter Meyer (Name geändert) hat die Braunkohle direkt im Blick. Der 54-Jährige sitzt im Führerstand des riesigen Baggers, der sich auf der zweituntersten von sieben Sohlen im Tagebau Hambach langsam fortbewegt und sich mit seinem großen Schaufelrad in die dunkelbraune Sedimentschicht fräst. 210 Meter lang ist das Ungetüm, 96 Meter hoch und 13.500 Tonnen schwer.

Der Vorarbeiter – graues kurzes Haar, leichter Schnurrbart – sitzt in T-Shirt und Arbeitshose im Führerhaus und bedient leichthändig den Joystick auf seiner linken Seite. In das linke Ende des 50 Meter langen Blocks frisst sich das fast halb so breite Schaufelrad gerade.

Mit einer leichten Bewegung treibt der Baggerführer das Rad nach vorn, um es in den Block zurückzuführen und eine neue Schicht Kohle abzutragen. 80.000 Tonnen wird der Bagger in Meyers Acht-Stunden-Schicht gefördert haben, 240.000 Tonnen werden es am gesamten Tag sein. Das reicht, um 228 Millionen Kilowattstunden Strom zu produzieren – und den Jahresbedarf von 65.000 Familien zu decken. „Tagebau Hambach – für Ihre Energiesicherheit bei jedem Wetter, an 365 Tagen im Jahr“, steht auf dem Schild, mit dem RWE jeden Besucher bei der Zufahrt begrüßt.

Für „Baum“, der genau wie Meyer seinen Namen nicht nennen will, sind aber die knapp 230.000 Tonnen CO2 entscheidend, die bei der Verfeuerung der 240.000 Tonnen in die Atmosphäre ausgestoßen werden. Während Meyer seinen Bagger steuert, sitzt der 25-jährige Umweltaktivist nur wenige Hundert Meter Luftlinie entfernt in einem Baumhaus im Hambacher Forst.

Waldidylle, Baumhäuser und Barrikaden – ein Wald wird zum Symbol für den Kampf gegen den Klimawandel
Hambacher Forst
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In den vergangenen Wochen ist die geplante Rodung der Hälfte des rund 200 Hektar großen Waldes zwischen Köln und Aachen zum Fanal für Umweltschützer im ganzen Land geworden.

Räumung
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Die Polizei rückte mit massivem Aufgebot – mit in der Spitze 4000 Mitarbeitern – an, um die Baumhäuser mitsamt den Aktivisten zu räumen.

Barrikaden
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Achtung Barrikaden: Um der Polizei das Vorrücken zu erschweren, haben die Aktivisten Baumstämme und Äste in den Weg gestellt.

Baumhaus
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Denn zahlreiche Aktivisten leben schon seit Jahren im Hambacher Forst – und kämpfen nun für den Erhalt des Waldes.

In luftiger Höhe
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Zur Fortbewegung dienen Kletterseile, Seilbahnen und Hängebrücken – und das in einer Höhe von bis zu 25 Metern.

Trauer
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Ein Todesfall überschattete Proteste und Räumungen: Bei einem Sturz von einer Hängebrücke ist am vergangenen Mittwoch ein Journalist im Hambacher Forst ums Leben gekommen. Der Mann habe seit längerem das Leben der Aktivisten in den Baumhäusern im besetzten Wald auf seinem Blog dokumentiert, sagte ein Polizeisprecher. Die Aktivisten trauern – auch ein Räumungsstopp wurde verhängt.

Zehn Meter über dem Boden, zwischen Buchen und Eichen, lebt der schlaksige junge Mann mit den dunkelblonden Dreadlocks seit sechs Jahren immer mal wieder in einem Bretterverschlag, den er sein „Wohnzimmer“ nennt. Für „Baum“ ist der Wald zum Zuhause geworden.

Er ist Bewohner im Dorf „Lórien“, ein Name, der die ganze Bedeutung des Hambacher Forstes für die Aktivisten wie ihn verdeutlicht: Im Fantasy-Roman „Herr der Ringe“ ist Lórien der einzige Ort in Mittelerde, der die wahre Schönheit und Zeitlosigkeit der fantastischen Welt bewahrt. Im Hambacher Forst ist „Lórien“ nun eines der letzten Dörfer, das den Aktivisten geblieben ist.

Tod überschattet Räumung

Vor einer Woche war der Konflikt eskaliert. Die Polizei rückte mit massivem Aufgebot – mit in der Spitze 4000 Mitarbeitern – an, um die Baumhäuser mitsamt den Aktivisten zu räumen. Im und um den Forst wurden Einsatzwagen und Patrouillen postiert, um weitere Aktivisten aus dem Forst fernzuhalten. Mehr als 50 Verschläge gab es, zum Teil 25 Meter hoch in den Bäumen gebaut.

Mehr als die Hälfte hat die Polizei schon geräumt, als am Mittwoch ein Unfall alle Beteiligten schockiert: Ein junger Journalist, der die Räumung auf seinem Blog dokumentiert, stürzt aus rund 15 Metern Höhe von einer Hängebrücke zwischen zwei Häusern und erliegt wenig später seinen Verletzungen.

Danach ist es ungewöhnlich still im Forst. Polizisten blicken stumm auf die unzähligen Aktivisten, die vor ihnen auf dem Waldboden sitzen und trauern. An aufgeben denkt keiner. Das NRW-Innenministerium kündigt zwar an, die Arbeiten bis auf Weiteres auszusetzen, doch schon am Donnerstag ist es vorbei mit dem Frieden: Das Ministerium wirft den Waldbesetzern vor, wieder neue Baumhäuser zu bauen. Sie wiederum beklagen, dass die Polizei schon wieder Barrikaden abbaut. Die Räumung von Lórien ist offenbar nur vertagt.

In den vergangenen Wochen ist die geplante Rodung der Hälfte des rund 200 Hektar großen Waldes zwischen Köln und Aachen zum Fanal für Umweltschützer im ganzen Land geworden.

Sie wollen nicht akzeptieren, dass ein Mischwald mit bis zu 350 Jahre alten Bäumen abgeholzt werden soll, damit ein Energiekonzern den schmutzigsten aller fossilen Brennstoffe ausbuddeln kann, um ihn in seinen nahe gelegenen Kraftwerken zu verfeuern – und das, während in Berlin eine von der Bundesregierung beauftragte Kohlekommission über den Zeitplan für einen Ende der Kohleverstromung verhandelt. Naturschutz, Klimaschutz, Kapitalismuskritik – all das kommt in dieser Auseinandersetzung zusammen. Showdown im „Hambi“.

RWE sieht sich im Recht

Denn RWE ist ähnlich entschlossen, hier noch so lange wie möglich Braunkohle zu fördern. Für den Energiekonzern steht wirtschaftlich viel auf dem Spiel. Pro Jahr produziert er allein aus Hambach 40 Millionen Tonnen und verfeuert sie in den angrenzenden Kraftwerken zum Selbstkostenpreis.

Die Margen sind ein Geschäftsgeheimnis, aber Braunkohlekraftwerke waren in den vergangenen Jahren die einzigen, die überhaupt satte Gewinne abwarfen. Pro Jahr produziert RWE mit der Kohle aus Hambach 22 bis 25 Milliarden Kilowattstunden Strom – und deckt damit etwa 15 Prozent des Strombedarfs von Nordrhein-Westfalen.

RWE sieht sich deshalb auch im Kampf um die Versorgungssicherheit des größten deutschen Industriestandorts. Rechtlich ist die Angelegenheit nach Ansicht des Konzerns außerdem längst entschieden: Die Genehmigungen zur Förderung aus Hambach hat RWE schon seit Ende 1977.

Grafik

Erst 2016 hatte die damals rot-grüne Landesregierung in einer Leitentscheidung bestätigt, dass RWE wie ursprünglich geplant 85 Quadratkilometer abräumen darf – 25 stehen noch aus. Bis Mitte des Jahrhunderts könnte RWE noch Kohle aus Hambach holen – wenn die Kohlekommission nichts anderes beschließt.

Das wollen die Besetzer des Hambacher Forsts verhindern. Einige haben sich um eine Feuerstelle versammelt und lauschen leiser Gitarrenmusik, während ein paar Meter weiter Holz gehackt wird, um die nächste Barrikade zu errichten. „Baum“ hängt währenddessen in den Wipfeln einer Eiche und spannt ein neues Seil zwischen zwei Stämme, um sich auf das danebenliegende Baumhaus zu hangeln.

Eigentlich will er irgendwann mal Förster werden, den Bachelor in Forstwirtschaft hat er noch gemacht, danach ist er aber erst einmal zu der Aktivistengruppe im „Hambi“ gestoßen. „Das Stresslevel ist schon ziemlich hoch, man ist dauernd in Alarmbereitschaft“, erzählt er. „Wenn ein paar Schwarzhelme nachts unter deinem Wohnzimmer marschieren, wird einem schon ein bisschen mulmig“, wirft Lucy, eine junge Baumbesetzerin, von der Seite ein.

Ruhig schlafen kann Baum im Moment nicht. Aber die Sache ist ihm zu wichtig. „Wir könnten nächstes Jahr schon mit dem Ausstieg aus der Kohle beginnen. Aber der Wille ist einfach nicht da. Stattdessen zerstört man lieber dieses einzigartige Ökosystem mit einem Boden, der sich seit 12.000 Jahren hier entwickelt. Das kann RWE nicht einfach rekultivieren.“

Zwischendurch kommen immer wieder Stimmen aus dem Walkie-Talkie, das neben ihm auf dem Sofa liegt. „Wir melden uns ab, war schön mit euch. Keep it cozy!“, schallt es aus dem Lautsprecher. Cozytown, ebenfalls ein Dorf im „Hambi“, war am Mittwoch noch vor dem vorläufigen Stopp geräumt worden – seine Bewohner wurden von der Polizei abtransportiert.

Manche Aktivisten wohnen schon seit Jahren in einem solchen Baumhaus. Für die meisten geht es nicht allein um den Natur- und Klimaschutz, sondern auch um die Gemeinschaft, die sich mittlerweile im Hambacher Forst gebildet hat. Quelle: Max Brugger
Zuhause

Manche Aktivisten wohnen schon seit Jahren in einem solchen Baumhaus. Für die meisten geht es nicht allein um den Natur- und Klimaschutz, sondern auch um die Gemeinschaft, die sich mittlerweile im Hambacher Forst gebildet hat.

(Foto: Max Brugger)

„Baum“ nennt das den „übelsten Bullshit, der überhaupt keinen Sinn macht“. Für die Argumente der Gegenseite hat er kein Verständnis. „Natürlich geht es auch um den Wald an sich. Aber der Wald ist ein Symbol geworden. Es geht um den Klimawandel“, sagt er und reckt seinen Unterarm hoch. Darauf hat er ein Tattoo, das den Kreislauf der Natur symbolisiert: Wiese, Busch, Baum und wieder zurück.

Wie viele der Waldbewohner sitzt Baum nicht hier, weil er keine andere Perspektive hat, sondern weil es seine innerste Überzeugung ist. Sogar seinen Eltern hat er das Dorf schon gezeigt. Rauf wollten sie aber nicht, das war ihnen zu hoch. „Die finden das schon krass, aber unterstützen mich. Und das tut gut.“

In seinen Augen haben die Aktivisten jetzt schon gewonnen. „Allein, dass die Leute über das Thema reden. Wir bekommen so viel Unterstützung von außerhalb“, sagt Baum und zeigt auf die unzähligen Konserven, die sich in den kleinen Regalen im „Wohnzimmer“ stapeln. Die meisten Dosen stammen von Anwohnern aus der Umgebung. Mittlerweile tummeln sich zehn Aktivisten auf dem kleinen Hochplateau, bis zu zwölf von ihnen schlafen hier jede Nacht auf den zusammengenagelten Holzbrettern.

Arbeiter gegen Aktivisten

Baggerführer Meyer ist auf das Schaltpult neben sich, die Bildschirme und die Kohle vor dem Schaufelrad konzentriert. Aber natürlich denkt er regelmäßig an die Aktivisten, die im Hambacher Forst gegen seine Braunkohle kämpfen. Er selbst hat schon erlebt, wie Umweltschützer die gefährliche Abbruchkante überwanden, in den Tagebau geklettert sind und „fast jeden Bagger schon einmal überfallen“ haben.

Meyer arbeitet seit 1980 bei RWE und seit 2000 in Hambach. Zuvor war er bereits in den Betrieben Fortuna und Bergheim, bis die jeweils „ausgekohlt“ waren. Der gelernte Elektriker bedient schon seit 1984 die großen Bagger, hatte bei RWE einen Großgerätelehrgang gemacht. Verständnis für die Aktivisten hat er nicht. Von den einstmals vielen Atomkraftwerken seien doch schon die meisten vom Netz.

Das Gefährt ist 210 Meter lang und 96 Meter hoch. Es wird von einem Baggerführer gesteuert. Quelle: Maurice Kohl für Handelsblatt
Bagger

Das Gefährt ist 210 Meter lang und 96 Meter hoch. Es wird von einem Baggerführer gesteuert.

(Foto: Maurice Kohl für Handelsblatt)

Woher solle der Strom denn künftig kommen? Und sähen die Aktivisten denn nicht, wie verantwortungsvoll RWE umgehe. Im ganzen Tagebau werde der Emissionsschutz ernst genommen. Die Braunkohle wird noch auf dem Förderband des Baggers gewässert, damit kein Staub die Umwelt belastet. Und später, wenn die Kohle gefördert sei, kümmere sich der Konzern doch um die Rekultivierung. „Wir hinterlassen hier doch keinen Dreck“, sagt Meyer.

In seinen Augen sind die Aktivisten „Störenfriede“. Wenn Bagger erklommen werden oder Baumhäuser besetzt werden, habe das nichts mehr mit Demonstrationen zu tun – sondern sei ein unzulässiger Eingriff in den Betrieb und Eigentum von RWE. Vor allem wenn seine Kollegen, die im Forst unterwegs sind, beschimpft werden, bringt ihn das in Rage.

„Die wurden mit Beuteln voller Urin beworfen“, schimpft Meyer, „wer macht denn sowas?“ Tatsächlich hatte die Polizei zahlreiche Aktivisten unter Gewalt abgeführt und in Gewahrsam genommen. Vor allem zu Beginn der Räumung klagte sie, mit Fäkalien und auch mit Steinen beworfen worden zu sein.

Unter den verbliebenen Besetzern ist die Stimmung aber friedlich. „Meine Parole ist immer: mit Witz kommt man weiter als mit Gewalt“, sagt „Baum“. Gegen Polizisten habe er persönlich nichts. Und auch nicht gegen die Baggerfahrer. „Das Problem sind nicht die Leute, die den Bagger fahren und wahrscheinlich einfach gelernt haben, dass Arbeit wichtig ist. Das Problem ist RWE, die nicht nach Lösungen für ihre Angestellten suchen, obwohl sie wissen, dass ihre Arbeit ein Ablaufdatum hat.“

„Rodung kann nicht warten“

Wie bei den meisten Besetzern klingt neben dem Hauptargument Umweltschutz auch immer Kapitalismuskritik durch. Die Besetzung ist für „Baum“ nichts anderes als „eine Sprache, die die verstehen“. Die, das ist in dem Fall RWE. „Und die verstehen eben nur Geld. Die Besetzung kostet, jede Stunde“, sagt er grinsend.

Warum kämpft RWE so verbissen für die zügige Rodung? Warum wartet der Konzern nicht den Vorschlag der Kohlekommission ab? Warum riskiert das Unternehmen, sein Image in der Öffentlichkeit endgültig zu verspielen?

„Weil wird mit der Rodung nicht länger warten können“, sagt Frank Kutter (Name geändert). Kutter ist kein alter RWE-Haudegen. Er arbeitet erst seit 2011 bei RWE und ist mit 33 Jahren kaum älter als die meisten Aktivisten. Kutter fühlt sich aber selbst als „Kind des Reviers“. Er wurde in der Nähe, in Aldenhoven, geboren, machte als Kind Fahrradtouren zur Abbruchkante und studierte später in Aachen Bergbau.

Jetzt leitet Kutter die Aus- und Vorrichtung. Die interne Servicegesellschaft mit 200 Mitarbeitern dafür verantwortlich, dass alles für den laufenden Betrieb bereit ist. Aktuell ist der eloquente Manager besonders gefordert. Denn Kutters Aufgabe ist auch die Räumung des Vorfeldes – er muss dafür sorgen, dass die Bagger auf der obersten Sohle vorrücken können. Seine Abteilung kümmert sich um die Verlegung von Straßen, die Suche nach möglichen Bomben aus dem zweiten Weltkrieg – oder aktuell eben die Rodung des Hambacher Forstes.

Kutter steht am internen Aussichtspunkt im Süden des Tagebaus. Von hier kann er den kompletten Tagebau überblicken. Das große Loch erstreckt sich rund 7,5 Kilometer nach Norden und über sechs Kilometer von West nach Ost. In der Mitte am tiefsten Punkt, auf 400 Metern, ist Boden dunkelbraun, hier fördert gerade ein Bagger Braunkohle, eine Sohle darüber in Richtung Südost gräbt Peter Meyer mit seinem Bagger ebenfalls Kohle ab und darüber gibt es noch fünf Treppenstufen auf denen Bagger das Erdreich beiseiteschaffen, damit die jeweils darunter stehenden Bagger nachrücken können.

Erde und Kohle werden über insgesamt 110 Kilometern an Förderbändern abtransportiert. Die Kohle landet im Bunker. Die Erde wird zu Absetzern transportiert. Die sehen aus der Ferne fast aus wie Bagger, sind fast so groß und schütten das Loch treppenförmig wieder zu. Der Tagebau wandert so durch die Landschaft. Das wurde schon vor Jahrzehnten geplant – inklusive der Rekultivierung.

Von hier wird der gigantische Bagger gesteuert.Mit zwei Joysticks treibt der Baggerführer das große Schaufelrad voran. Quelle: Maurice Kohl für Handelsblatt
Bagger-Cockpit

Von hier wird der gigantische Bagger gesteuert.Mit zwei Joysticks treibt der Baggerführer das große Schaufelrad voran.

(Foto: Maurice Kohl für Handelsblatt)

Mehr als zehn Millionen Bäume hat RWE schon gepflanzt. Im Nordwesten ist die Sophienhöhe gewachsen – ein gut 200 Meter hoher Hügel. Und irgendwann soll es im Tagebau Hambach einen See mit 40 Quadratkilometern Fläche geben – das drittgrößte Binnengewässer Deutschlands.

Der oberste Bagger steht schon fast vor dem Hambacher Forst. Wenn RWE nicht in diesem Herbst rode, stünden in einem Jahr die ersten Bagger still, erklärt Kutter, und in einer Kettenreaktion dann bald alle. Und nicht nur das. Am Horizont im Norden zeichnen sich die Silhouetten von zwei gewaltigen Kraftwerksstandorten ab – Neurath und Niederaussem.

Die Anlagen bekommen den größten Teil der Kohle aus den Bunkern in Hambach per Bahn angeliefert. Bleibt der Nachschub aus, müssen sie ihre Produktion drastisch drosseln. Mit der Kohle aus dem benachbarten Tagebau Garzweiler kann RWE das nicht kompensieren. Insgesamt 4600 Mitarbeiter wären wohl betroffen.

Damit diese Kettenreaktion nicht in Gang kommt, half der schlanke Manager – dunkle Haare, dunkler Vollbart, dunkle Hornbille – in den vergangenen Wochen der Polizei mit der Räumung des Forstes. In den vergangenen Tagen war er täglich im Wald.

Gemeinsam mit vier Kollegen organisierte er die Hilfe für die Polizei. Hatten die Ordnungskräfte die Aktivisten aus den Baumhäusern geholt, schickte Kutter Mitarbeiter mit Bagger, Radladern oder Hubkränen in den Forst – um die Häuser abzubauen. „Umfangreich und komplex“ sei das, was die Aktivisten gebaut hätten.

Kutter und sein Trupp versuchten dabei möglich Inkognito vorzugehen. Von seinem orangefarbenen Schutzanzug hatte er das RWE-Logo ebenso entfernt, wie vom Helm – und auch seinen Namen. Auch die Logos auf den Fahrzeugen sind abgeklebt. Am Funkgerät sprachen sich Kutter und seine Kollegen nur mit dem Vornamen an.

Unterstützung aus ganz Deutschland

Marion Tiemann ist auch jeden Tag vor Ort – immer ab acht Uhr, oft bis tief in die Nacht. Nicht im Forst, aber ein paar Felder daneben. Die junge Greenpeace-Mitarbeiterin ist extra aus Hamburg gekommen, um die Waldbewohner zu unterstützen – und die Argumente von RWE zu kontern. In einem kleinen LKW sitzt sie jeden Tag mit drei bis vier Kollegen der Umweltschutzorganisation, um Anwohner, Interessierte und Medienvertreter zu informieren. Für die 29-Jährige eine höchst emotionale Angelegenheit. „Hier geht es ja nicht nur um diesen wunderschönen Wald, sondern um das große Ganze“, sagt Tiemann.

Auch Greenpeace sitzt als Mitglied in der Kohlekommission. Die Umweltschützer fordern einen Ausstieg aus dem fossilen Energieträger bis spätestens 2030. „Es ist gut, dass die Waldbewohner sagen, es muss jetzt sofort sein, genau das brauchen wir auch. Aber ein sozialverträglicher Ausstieg ist eben genauso wichtig, tausende von Arbeitsplätzen sind uns ja schließlich auch nicht egal“, erklärt Tiemann, während ihre Kollegen ein neongelbes Transparent mit der Aufschrift „#hambibleibt“ bemalen.

Schon vor ihrer Zeit bei Greenpeace hat die junge Hamburgerin sich für ein Leben als Umweltschützerin entschieden. Das letzte Mal saß sie sogar selbst auf im Baumhaus. Manchmal wäre sie auch jetzt lieber im Wald statt davor. Dass es auch neben ihrer Schlafkoje im LKW nur eine Ökotoilette gibt, macht ihr nichts aus. „Von hier aus sieht man den Tagebau ja sehr deutlich. Dieses Loch, wo vorher mal Leben drin war“, sagt Tiemann kopfschüttelnd.

Sie und ihre Kollegen wollen so lange bleiben, wie die Besetzung andauert. Das heißt, auch wenn die Baumhäuser weg sind – Greenpeace bleibt. „Die Politik muss einfach den Druck spüren, damit jetzt auch was passiert.“

Tiemanns Aufgabe ist es, den Argumenten von RWE etwas entgegen zu setzen. Das Argument der Versorgungssicherheit würde der Konzern selbst nicht mehr wirklich anbringen, „weil es auch einfach nicht stimmt“. Die Stromversorgung, da ist sich die studierte Umweltpolitikerwissenschaftlerin sicher, hänge nicht am Hambacher Forst.

Bei einer Demonstration am vergangenen Sonntag kamen mehrere Tausend Kohlegegner aus allen Ecken des Landes, um die Aktivisten im Forst auf friedliche Art zu unterstützen. Einen solchen Waldspaziergang soll es auch an diesem Sonntag wieder geben. Quelle: Max Brugger
Unterstützung

Bei einer Demonstration am vergangenen Sonntag kamen mehrere Tausend Kohlegegner aus allen Ecken des Landes, um die Aktivisten im Forst auf friedliche Art zu unterstützen. Einen solchen Waldspaziergang soll es auch an diesem Sonntag wieder geben.

(Foto: Max Brugger)

„Das, was RWE hier macht, ist nichts anderes als eine Provokation“, sagt Tiemann. Sie fordert einen sofortigen Stopp der Rodungspläne. Dass die Waldbesetzer das Angebot von RWE, die Räumungen bis zum Dezember auszusetzen und dafür sofort ihre Baumhäuser zu verlassen, nicht unterschrieben hätten, könne sie aber auch verstehen. „Schließlich ist das mittlerweile für sehr viele auch ein Zuhause.“

Auch RWE-Mitarbeiter Kutter hat Verständnis, dass man für den Klimaschutz kämpft. Im Freundeskreis müsse er sich regelmäßig rechtfertigen. Aber das, was im Hambacher Forst passiere, gehe eindeutig zu weit: „Das sind Ideologen, die ein Recht beanspruchen, dass ihnen nicht zusteht“, sagt Kutter: „Die arbeiten gegen den Rechtsstaat.“ Vor zwei Wochen, als die Räumung vorbereitet und Blockaden beseitigt wurden, seien er und ein Kollege aus den Baumhäusern mit Fäkalien beworfen worden. „Da flog eimerweise Scheiße auf uns“, sagt Kutter. Und nicht nur das. Auch Flaschen, Einmachgläser und eine Teekanne.

Jetzt ist im Forst aber erst einmal Stille. Nach dem Todesfall ist die Konfrontation im Wald erst einmal beendet. In Lórien reagierten die Anwohner mit tiefer Betroffenheit. Die Polizei will erst einmal nur noch die Gefahrenstellen sichern. Auch mit gegenseitigen Schuldzuweisungen halten sie die meisten zurück.

Greenpeace veranstaltete am späten Abend noch zusammen mit ein paar Waldbewohnern noch eine Pressekonferenz. Mitten auf dem Feld, im Blick die hunderten Meter tiefen Trassen des Tagebaus auf der einen Seite und die letzten Bäume des Hambacher Forsts auf der anderen Seite. Auch RWE bedauerte das Unglück.

Schon in wenigen Tagen dürfte der Konflikt aber wieder mit aller Schärfe ausgetragen werden. Für den 6. Oktober ist eine große Demonstration am Hambacher Forst geplant. Mehrere Umweltorganisationen – darunter auch Greenpeace – wollen Tausende Kohlegegner mobilisieren.

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