Energie
Rolf Martin Schmitz

Der RWE-Chef hält an der Rodung des Hambacher Forstes fest.

(Foto: Reuters)

Rolf Martin Schmitz im Interview „Der Wald ist schlichtweg nicht mehr zu retten“ – RWE-Chef bleibt im Streit um Hambacher Forst hart

Rolf Martin Schmitz kritisiert Waldbesetzer und Umweltverbände scharf. Langfristig zeigt er sich aber zum geordneten Braunkohleausstieg bereit.
4 Kommentare

DüsseldorfRWE-Chef Rolf Martin Schmitz kritisiert die Waldbesetzer im Hambacher Forst scharf. „Wer illegal den Wald besetzt und unsere Mitarbeiter mit Fäkalien bewirft, ist für mich kein Aktivist. Das ist ein Straftäter“, sagt Schmitz im Interview mit dem Handelsblatt und kritisiert dabei auch die Umweltverbände: „Leider konnte ich die Verbände nicht einmal zu einem gemeinsamen Aufruf gegen die Gewalt im Hambacher Forst bewegen. Das hat mich schon persönlich enttäuscht.“

Schmitz hält entschlossen an der geplanten Rodung fest, zeigt sich aber zu einem geordneten langfristigen Ausstieg aus der Braunkohle bereit.

Seit Wochen steht RWE wegen des Konflikts um den Hambacher Forst in der Kritik. Der Konzern will 100 Hektar roden, um den Weg für seine Braunkohlebagger frei zu machen. Die Polizei räumt dafür schon Baumhäuser, in denen Umweltschützer seit Jahren den Wald besetzt halten. Sie werden regelmäßig von Tausenden Demonstranten unterstützt.

Nach Schmitz' Worten wird der Hambacher Forst „zu Unrecht zum Symbol“ im Streit um die Kohle gemacht. „Der Wald ist schlichtweg nicht mehr zu retten. Alles andere ist eine Illusion“, sagt Schmitz. Selbst wenn RWE den Tagebau in Hambach heute stoppen würde, müsse der Konzern den Wald roden. „Wir brauchen diese Erdmassen, um die Böschungen dauerhaft zu stabilisieren. Die sind so steil, dass sie abgeflacht werden müssen.“

Schmitz ist sich zwar bewusst, dass RWE mit der Rodung einen gewaltigen Imageverlust riskiert. Er könne das aber nur „bis zu einem bestimmten Punkt“ ins Kalkül ziehen. „Ich kann dafür nicht fast 5000 Arbeitsplätze aufs Spiel setzen. Das kann und will ich als Konzernchef nicht verantworten, um mein Image zu verbessern. Das geht nicht.“ RWE habe eine klare Rechtsposition, und ein sofortiges Aus des Tagebaus würde „vier bis fünf Milliarden Euro“ kosten.

RWE sei aber selbst daran interessiert, dass der Kohleausstieg geregelt werde. „Wir sind doch selbst bereit auszusteigen“, sagte Schmitz. Am Wochenende nehme der Konzern zwei weitere Braunkohlekraftwerksblöcke aus dem Markt. Beim langfristigen Ausstieg aus der Kohle werde ein öffentlich-rechtlicher Vertrag benötigt. „Daran sind wir ja selbst interessiert und gesprächsbereit – und ich hoffe, dass die Kommission schnell ein Ergebnis findet.“

Lesen Sie hier das komplette Interview mit Rolf Martin Schmitz:

RWE-Chef Rolf Martin Schmitz hat die rote Krawatte abgelegt, die obersten beiden Knöpfe seines weißen Hemdes vorübergehend in die Arbeitslosigkeit entlassen und es sich in einem schweren Ledersessel gemütlich gemacht. Von dort fällt sein Blick aus dem 18. Stock der Berliner RWE-Repräsentanz geradewegs auf den Alexanderplatz. Schmitz lächelt dabei friedfertig, obwohl er in diesen Tagen kaum aus dem Konfrontationsmodus herauskommt. Die teilweise gewalttätigen Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst und die Zukunft der dortigen Braunkohleförderung nehmen ihn derzeit voll in Anspruch.

Herr Schmitz, der Hambacher Forst ist zum Symbol für den Kampf gegen die Kohle geworden – und damit gegen RWE. Die Aktivisten im Wald erhalten viel Zuspruch. Wie fühlt man sich, wenn man Deutschlands derzeit unbeliebtesten Konzern führt?
Ich fühle mich ein Stück weit ohnmächtig. Der Hambacher Forst wird zu Unrecht zum Symbol gemacht – und es fällt schwer, dagegen anzuarbeiten. Vor allem stimmt das Bild nicht, das derzeit von RWE gezeichnet wird. Wir stecken doch schon mitten in der Transformation. Wir steigen massiv in die Stromproduktion mit erneuerbaren Energien ein. Jahrzehntelang lebte RWE von Kernenergie und Kohle. Aber mit der Kernenergie ist es schon 2022 vorbei. Bei der Kohle wird der Ausstieg noch länger dauern, aber er kommt. RWE ist im Umbruch, doch dieser Umbruch gerät leider zurzeit leicht aus dem Blickfeld.

In den Zeitungen und im Fernsehen ist derzeit aber ja auch nichts vom „grünen“ RWE-Konzern zu sehen. Ihr Unternehmen steht als Klimakiller Nummer eins am Pranger. Sie haben ein massives Imageproblem.
Ja, und das macht uns sehr nachdenklich. Bis 2030 werden wir unsere CO2-Emissionen um mehr als 50 Prozent senken – und unsere Kapazitäten in den Kohlekraftwerken fast halbieren. Wir nehmen alte Kraftwerke nach und nach vom Netz. Zeigen Sie mir ein anderes Unternehmen, dass sich in dieser Zeit so deutlich wandelt. Damit dringen wir aber zurzeit kaum durch.

Warum lassen Sie es zu, dass der Hambacher Forst zum Symbol gemacht wird? Warum verzichten Sie nicht einfach auf die Rodung?
Der Wald ist schlichtweg nicht mehr zu retten. Alles andere ist eine Illusion.

Wieso das?
Selbst wenn ich heute den Tagebau in Hambach stoppen würde, müssten wir den Wald trotzdem roden. Wir brauchen diese Erdmassen, um die Böschungen dauerhaft zu stabilisieren. Die sind so steil, dass sie abgeflacht werden müssen.

Grafik

Das mag ja sein. Aber in Berlin verhandelt die Kohlekommission gerade über die Zukunft der Kohle, und Sie wollen just in der Zeit bis dahin einen alten Wald roden. Wie wollen Sie das der Öffentlichkeit vermitteln?
Deshalb haben wir ja auch versucht, mit den Umweltverbänden ein Moratorium auszuhandeln. Wir waren bereit, bis zum 15. Dezember zu warten. Dann soll die Kommission zum letzten Mal zusammenkommen. Um dann aber auch wirklich loslegen zu können, sollten die Umweltverbände akzeptieren, dass wir um die Rodung nicht herumkommen. Dazu waren die Verbände aber nicht bereit. Das ist schade, weil ich glaube, dass wir so die Eskalation hätten verhindern können.

Leider konnte ich die Verbände nicht einmal zu einem gemeinsamen Aufruf gegen die Gewalt im Hambacher Forst bewegen. Das hat mich schon persönlich enttäuscht. Das zeigt, wie tief die Gräben sind und dass man anscheinend gar nicht bereit ist, über Kompromisse zu verhandeln.

Warum der 15. Dezember? Warum können Sie nicht noch länger warten – bis tatsächlich in Berlin eine Einigung auf dem Tisch liegt?
Um die Tiere des Waldes und ihre Brut zu schützen, darf man nur bis Ende Februar roden. Und um 100 Hektar Wald zu roden und dann weiterarbeiten zu können, brauchen wir etwa zehn Wochen, wegen der kurzen Tage und der Witterungsverhältnisse. Wir sind also an die zeitliche Grenze gegangen. Und wenn wir dieses Jahr nicht roden, stehen Ende kommenden Jahres die obersten Bagger still. Anschließend könnten wir Schritt für Schritt immer weniger Kohle fördern und müssten später auch Braunkohlekraftwerke außer Betrieb nehmen.

Am Ende geht es RWE also doch um das Geschäft?
Natürlich auch. Ein sofortiges Aus des Tagebaus würde uns vier bis fünf Milliarden Euro kosten. Das wäre schon essenziell für mein Unternehmen. Ich brauche schon gute Gründe, um meinen Aktionären zu erklären, warum ich für ein bloßes Symbol eine Rechtsposition aufgebe. Es geht um 200 Hektar, um 43.000 Bäume. Wir haben alleine in Hambach schon über zehn Millionen neue Bäume gepflanzt.

Und ich habe doch auch eine Verantwortung gegenüber meinen Mitarbeitern. Von einem Stillstand wären bei uns 4600 Mitarbeiter betroffen. Wir haben alle Genehmigungen vorliegen. Die sind zwar mehrfach beklagt, aber letztlich bis heute überprüft und bestätigt worden. Jetzt steht noch eine Entscheidung aus. Spätestens bis zum 14. Oktober werden wir aber Klarheit haben. Können Sie mir einen Grund sagen, warum ein Unternehmen freiwillig auf sein Recht verzichten sollte?

Weil der Imageverlust gewaltig ist. Das muss ein Unternehmen doch auch ins Kalkül ziehen.
Das kann ich aber nur bis zu einem bestimmten Punkt machen. Ich kann dafür nicht fast 5000 Arbeitsplätze aufs Spiel setzen. Das kann und will ich als Konzernchef nicht verantworten, um mein Image zu verbessern. Das geht nicht.

Haben Sie denn eine Idee, wie Sie die Stimmungslage in der Öffentlichkeit noch einfangen können?
Wir prüfen, was wir tun können, und werden das dann der Landesregierung vorstellen.

Aber die Rodung steht definitiv nicht zur Disposition?
Nein, der Hambacher Forst ist nicht mehr zu retten. Es geht darum, Ideen zu entwickeln, die dem Klimaschutz oder der Strukturentwicklung dienen können.

Handelsblatt Energie Briefing
„Es geht um mehr als 300.000 Arbeitsplätze in NRW“
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Rolf Martin Schmitz im Interview - „Der Wald ist schlichtweg nicht mehr zu retten“ – RWE-Chef bleibt im Streit um Hambacher Forst hart

4 Kommentare zu "Rolf Martin Schmitz im Interview: „Der Wald ist schlichtweg nicht mehr zu retten“ – RWE-Chef bleibt im Streit um Hambacher Forst hart"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Der RWE Vorstand ist entweder schlecht informiert oder er hat geschummelt.
    Nachzulesen bei der Deutschen Welle (!) „Hambacher Forst: DW-Faktencheck“ https://www.dw.com/de/hambacher-forst-dw-faktencheck/a-45726374

    • Stehen die Kohlekraftwerke ohne Rodung bald still? --> nein

    • Wäre eine derzeitige Rodung rechtens? --> nein

    • Ist der Wald ohnehin "nicht mehr zu retten", (RWE-Chef Rolf Martin Schmitz), weil die Erdmassen unter dem Wald für die Stabilisierung von Böschungen gebraucht werden? --> nein (siehe auch die Fotos)

    • Wie sieht ein vernünftiges Auslaufszenario aus?
    --> Jetzt schnell die Emissionen aus Kohlekraft senken, dafür einige Kraftwerke länger betreiben. Denn es geht um ein CO2 Budget, dass schnell oder langsam verbraucht werden kann.

  • Gerade angesichts der aktuell vorgelegten Studie des DIW ("Kohleausstieg in NRW im deutschen und europäischen Kontext – Energiewirtschaft, Klimaziele und wirtschaftliche Entwicklung") ist es beschämend von RWE und auch von der Politik in NRW diesen Irrsinn Braunkohleabbau weiterzuführen.
    Braunkohle wird als Energielieferant NICHT benötigt, Strom ist schon jetzt so billig, dass er für wenige Cent pro Kw/h ins Ausland verkauft wird und ohne Braunkohle würde er sich auch nicht verteuern.
    Dass ausgerechnet der Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie -Pinkwart- den weiteren Braunkohleabbau für unerlässlich hält, zeigt, wie innovativ dies Regierung tatsächlich ist - und wie weitreichend der Einfluss der RWE immer noch ist.
    Das Abholzen des Hambacher Forst und der Braunkohleabbau mag legal sein - legitim ist er nicht. Hoffentlich gibt es viele Wählerstimmen, die sich daran erinnern.

  • Die Kohlefoerderung in diesem Revier wurde nach langen Untersuchungen genehmigt. Dann
    muss sie auch durchgesetzt werden. Es kann nicht sein dass irgendwelche Freaks gut fundierte staatliche Entscheidungen mit Gewalt verhindern wollen. Wo kommen wir da hin?

  • Ein Drittel deraus dem Tagebau Hambach gewonnenen Kohle wird zur Veredlung (Braunkohlestaub, Wirbelschichtkohle, Briketts u.s.w.) verwendet. Werden diese Veredlungsprodukte kurzfristig nicht mehr geliefert, müssen z.B. in Düren einige Papierfabriken ihren Betrieb einstellen. Diese haben teilweise Kesselhäuser, die schon seit Jahrzehnten Braunkohleprodukte einsetzen, sie können nicht kurzfristig auf Gas umgestellt werden. Davon abgesehen, dass die Energiekosten beim Ausstieg aus der Braunkohle sich schätzungsweise um 40% erhöhen.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%