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Energie

Smart Meter Gateway Hohe Auflagen bremsen Einführung intelligenter Stromzähler aus

Die Smart-Geräte sind kleine Hoffnungsträger in der Energiewende. Doch die Einführung verzögert sich. Verantwortlich dafür ist auch der Bund.
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Die „intelligenten Stromzähler“ können genau bestimmen, wie viel Strom wann verbraucht wird. Quelle: picture alliance / empics
Smart Meter

Die „intelligenten Stromzähler“ können genau bestimmen, wie viel Strom wann verbraucht wird.

(Foto: picture alliance / empics)

Düsseldorf, Berlin Eigentlich ist Devolo ein ganz normales Unternehmen. Wären da nicht diese Räume in der ersten Etage, in der Zentrale des Aachener Energiedienstleisters. Hier kommt nur rein, wer vorher vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI) als unbedenklich eingestuft wurde, ein lupenreines polizeiliches Führungszeugnis vorweisen kann und vor allem eine Zugangskarte hat. Ansonsten schlagen die Bewegungsmelder Alarm – und zwar über eine direkte Leitung zur Polizei.

Der Grund für die ganze Aufregung ist kaum größer als eine Hand: das Smart Meter Gateway. Der sogenannte „intelligente Stromzähler“ soll in den nächsten Jahren Schritt für Schritt Einzug in deutsche Häuser halten. Er kann genau bestimmen, wie viel Strom wann verbraucht wird, und verarbeitet, verschlüsselt und versendet die erfassten Daten an den Smart-Gateway-Administrator, zum Beispiel den Messstellenbetreiber oder ein Energieversorgungsunternehmen.

Sie informieren Energieverbraucher über ihren tatsächlichen Bedarf und ermöglichen es, Erzeugung und Verbrauch optimal aufeinander abzustimmen. Besonders für Netzbetreiber ist es bei der dezentralen Erzeugung erneuerbarer Energie wichtig zu wissen, wann wie viel Strom fließt. Und die Daten, die die aus der Ferne ablesbaren Geräte liefern, können dazu beitragen, die Auslastung des Stromnetzes zu optimieren und teure Lastspitzen zu verringern.

Die ersten größeren Stromverbraucher und -einspeiser sollten schon seit dem vergangenen Jahr mit solchen Smart Meter Gateways ausgestattet sein. Aber die Einführung dieser kleinen Hoffnungsträger der Energiewende ist ins Stocken geraten. Die Zugänge („Gateways“), die den Zähler mit den Netzbetreibern und den Stromlieferanten verbinden, sind immer noch nicht zugelassen. Grund sind die hohen Sicherheitsauflagen.

Es gab im Ausland schon den einen oder anderen Skandal um intelligente Stromzähler – mal sammelten sie ungeschützt viel zu viele private Daten vom Benutzer, mal standen sie im Verdacht, es Hackern besonders leicht zu machen. Deswegen hat das BSI hohe Auflagen festgelegt, die immer wieder nachjustiert werden – das kostet Zeit.

Die Frustration bei den Unternehmen ist groß, einige klagen sogar über finanziellen Schaden. Immerhin wartet mit Deutschland einer der potenziell größten Märkte für intelligente Messgeräte in ganz Europa auf sie. Fast 51 Millionen Stromzähler gibt es laut Bundesnetzagentur hierzulande.

Jahrelange Verzögerung

Neben Devolo warten noch acht weitere Bewerber auf ihre Zertifizierung – und das seit mehreren Jahren. Beim Dresdener Energie-Start-up Kiwigrid hat man zwar Verständnis für die hohen Sicherheitsstandards der deutschen Regierung, aber „es stellt Hersteller wie uns natürlich vor betriebswirtschaftliche Herausforderungen“, sagte Marketingchef Daniel Kühne dem Handelsblatt.

Auch Stromzähleranbieter Discovergy empfindet die Hürden als zu hoch. „Der sichere Betrieb von Smart-Meter-Infrastrukturen ist auch mit etwas weniger Aufwand möglich“, sagt Vertriebsleiter Joachim Lang. „Die Standards in Deutschland sind sehr hoch, und wir haben eines der komplexesten regulatorischen Modelle, die es gibt. Aber deswegen ist es auch aufwendig und dauert sehr lange“, erklärt Tobias Gehlhaar, Energieexperte der Unternehmensberatung Accenture.

Seit anderthalb Jahren verzögern sich die Zertifizierungen immer wieder. Von diesen Verzögerungen will man beim Bundeswirtschaftsministerium aber nichts wissen. Schließlich enthalte das Gesetz keine starren Fristen für den Beginn der flächendeckenden Installation. Es sei daher „falsch, von Verzögerungen zu sprechen“, teilt die Regierung auf eine kleine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken mit.

Während Länder wie Dänemark, Finnland, Schweden, Italien oder Frankreich auf einem guten Weg sind, bis 2020 intelligente Stromzähler in jedem Haus zu haben, läuft Deutschland Gefahr, den Anschluss zu verlieren.

„Mit seinem Angang für den Smart-Meter-Roll-out steht Deutschland weitestgehend alleine“, sagt Gehlhaar. Anstatt nämlich gleich jeden Haushalt mit einem intelligenten Messsystem auszustatten, sollen die digitalen Helfer phasenweise eingeführt werden. Erst einmal sind Großverbraucher und Einspeiser ab einer Größe von 6000 Kilowattstunden (kWh) pro Jahr dran.

„Durch die Begrenzung fällt also nur ein kleiner Anteil von Verbrauchern ins Muster. Das ist noch zu wenig, um die Vorteile der Technik breit zu nutzen“, sagt der Energieexperte. Zum Vergleich: Ein Drei-Personen-Haushalt verbraucht hierzulande im Schnitt etwa 3500 kWh Strom im Jahr.

Die flächendeckende Einführung der Smart Meter Gateways soll aber laut dem Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende 2032 abgeschlossen sein, durch die Verzögerungen ist man jetzt sogar erst bei 2033. Und das, obwohl den intelligenten Stromzählern in der Energiewende laut Bundeswirtschaftsministerium „eine Schlüsselrolle“ zukommt, da sie als sichere Kommunikationsplattform dienten, um das Stromversorgungssystem energiewendetauglich zu machen. Dafür müsste sie aber überhaupt erst eingeführt werden.

Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) warnt vor negativen Folgen, sollte die Einführung der smarten Messgeräte nicht endlich starten. „Durch immer weitere Verzögerungen droht die Akzeptanz verloren zu gehen, obwohl die Digitalisierung für die Energiewende unabdingbar ist“, sagt ein Sprecher des VKU dem Handelsblatt.

Erst im vergangenen November wandte sich der Verband, zusammen mit dem Bundesverband für Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) in einem Schreiben an die Bundesnetzagentur: Es sei „an der Zeit zu konstatieren“, dass bei der Smart-Meter-Einführung, „die zeitlichen Erwartungen nicht mehr erfüllt werden können“.

Stromversorger wie Eon sitzen derweil auf 16.000 Gateways, die hatte der Konzern vorsorglich schon mal bei dem Hersteller PPC bestellt, als er die Zertifizierung noch bis zum Ende des ersten Quartals 2017 erwartete – vergebens. „Wir stehen in den Startlöchern und haben natürlich gehofft, dass wir jetzt schon im Roll-out sind, das ist nun leider nicht der Fall“, sagte ein Sprecher des Unternehmens auf Anfrage.

„Für uns bietet die Smart-Meter-Technik große Chancen. Vor allem als Möglichkeit für eine grundlegende digitale Infrastruktur.“ In den kommenden Jahren will Eon mehr als eine Million intelligente Messsysteme bei seinen deutschen Kunden einbauen.

Strenger Datenschutz

Neben der gesetzlich vorgeschriebenen bundesweiten Installation steht es Energieversorgern frei, auch Kunden mit einem geringeren Stromverbrauch als 6000 kWh pro Jahr, mit Smart-Meter-Gateway-Produkten auszustatten. Dafür muss der Kunde seine Daten an Eon freigeben, so wird der Energieversorger zum „Gateway-Administrator“. In der Basisversion übermittelt das intelligente Messgerät aber nur den Gesamtstromverbrauch, nicht also wann der Kunde sein Elektroauto lädt oder die Spülmaschine anstellt.

Dabei ist die Auswertung solch spezifischer Daten mit den intelligenten Messgeräten durchaus möglich, bedarf aber einer ausdrücklichen Genehmigung durch den Kunden. Und auch dann entscheidet nicht Eon, wann die Waschmaschine läuft, sondern immer noch der Endverbraucher.

Geht es nach Energiedienstleister Devolo, könnte es schon Ende des Jahres so weit sein. Dann rechnet das Unternehmen mit seiner Zertifizierung. Zu Beginn 2019 könnten dann, wie vom Gesetzgeber vorgeschrieben, drei Geräte eine Zulassung bekommen. Das BSI wollte diese Prognose auf Anfrage allerdings nicht bestätigen. Bislang habe noch kein Hersteller das Verfahren erfolgreich abgeschlossen, man arbeite jedoch mit Hochdruck daran, „die ersten Geräte durch den geforderten Zertifizierungsprozess zu bringen“, sagte ein Sprecher.

Devolo-Chef Heiko Harbers hat über die Jahre einige Millionen Euro in die Entwicklung der Technologie gesteckt, nun hofft er, dass die Genehmigungen diesmal auch kommen. „Es mag bei uns immer etwas länger dauern, aber im Nachhinein haben sich die hohen Sicherheitsauflagen immer als klug erwiesen“, sagt Harbers dem Handelsblatt.

Für die meisten Privathaushalte sind die intelligenten Stromzähler ohnehin noch Zukunftsmusik. Bei ihnen wird erst mal nur der vertraute schwarze Zähler mit Drehscheibe gegen einen digitalen Stromzähler ausgetauscht. Da muss der Verbraucher nur noch seinen persönlichen Code mit der Taschenlampe in den Lichtsensor seines Stromzählers blinken, und schon kann er – ganz modern – seinen Stromverbrauch einsehen.

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1 Kommentar zu "Smart Meter Gateway: Hohe Auflagen bremsen Einführung intelligenter Stromzähler aus"

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  • Ich hoffe, dass die Einführung der Geräte auch unter dem Aspekt betrachtet wird, ob es möglich ist, durch Hacker-Angriffe nicht nur Teilbereiche des Stromnetzes lahmzulegen, sondern auch weitergehenden Schaden anzurichten. Wer es noch nicht gelesen hat, dem empfehle ich "Blackout" von Marc Elsberg. Seitdem habe ich richtig Bauchweh bei dem Thema.

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