Energie

Streit der Konzerne VW-Chef Diess provoziert RWE – Energieriese reagiert mit ungewöhnlichem Angebot

Der eine soll saubere Autos produzieren, der andere sauberen Strom – nun gibt es Streit. Denn Diess kritisiert die Braunkohleförderung in Hambach.
Update: 12.10.2018 - 13:39 Uhr 5 Kommentare
Nach Informationen des Handelsblatts hat der RWE-Chef für die Einmischung des VW-Chefs, der wegen des Dieselskandals selbst in der Kritik steht, kein Verständnis.
Herbert Diess, Rolf Martin Schmitz

Nach Informationen des Handelsblatts hat der RWE-Chef für die Einmischung des VW-Chefs, der wegen des Dieselskandals selbst in der Kritik steht, kein Verständnis.

DüsseldorfProminente Schützenhilfe für die Demonstranten im Hambacher Forst: RWE steht wegen des Konflikts um die dortige Braunkohleförderung am Pranger – seit Wochen. Nicht nur Umweltschützer und viele Politiker üben massive Kritik an dem Energiekonzern. Auch einer der mächtigsten deutschen Manager hat RWE-Chef Rolf Martin Schmitz provoziert: VW-Chef Herbert Diess zeigte in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ Verständnis für die Demonstranten im Hambacher Forst und kritisierte die Vorgänge als „unglaublich“: „Ich werde da vielleicht auch hingehen“, sagte er.

Nach Informationen des Handelsblatts hat Schmitz für die Einmischung des VW-Chefs, der wegen des Dieselskandals selbst in der Kritik steht, kein Verständnis. Der Konzern reagierte auch umgehend. „Wir werden Herrn Diess in den Tagebau Hambach einladen und ihm unseren Betrieb, die Umgebung und unsere Rekultivierung gerne zeigen“, sagte eine Sprecherin dem Handelsblatt.

Eine entsprechende Einladung in den Tagebau im rheinischen Revier soll zügig rausgehen. RWE fördert in dem Tagebaubetrieb, der zwischen Aachen und Köln liegt, jährlich rund 40 Millionen Tonnen Braunkohle.

Der Hambacher Forst war in den vergangenen Wochen zum Symbol für den Kampf gegen die Kohleförderung und -verstromung geworden. RWE wollte im Herbst 100 der verbliebenen 200 Hektar roden, um Platz für seine Braunkohlebagger zu machen. Dafür räumte die Polizei mit großem Polizeiaufgebot mehr als 80 Baumhäuser, mit denen Umweltaktivisten den Forst zum Teil seit Jahren besetzt hielten.

Am vergangenen Freitag musste RWE die Pläne aber bis auf Weiteres stoppen, weil das Oberverwaltungsgericht einem Eilantrag stattgab. Der Energiekonzern fürchtet deshalb ab 2019 mit Belastungen im Volumen eines niedrigen dreistelligen Millionenbetrags. Die knapp 5.000 betroffenen Mitarbeiter fürchten um ihren Job.

Der VW-Chef zeigte jetzt aber Verständnis für die Proteste, bei denen es auch zu Gewalttaten gekommen war: „Da lachen Sie jetzt, aber was da passiert, ist doch unglaublich“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Denn was die Energiewirtschaft dort machen wolle, führe „unsere ganze Elektrifizierungsstrategie ad absurdum“. Es habe keinen Sinn, Elektrofahrzeuge auf die Straße zu bringen, „wenn wir gleichzeitig den Strom dafür aus Braunkohle produzieren“. 

Diess findet es „völlig unverständlich“, dass man heute auch nur daran denke, ein Braunkohleabbaugebiet zu erweitern. Ein großes Braunkohlekraftwerk erzeuge so viele CO2-Emissionen wie neun Millionen Dieselfahrzeuge. „Wir investieren Milliarden in die Elektrifizierung der Fahrzeugflotten, weil wir denken, das ist der richtige Weg. Und dann erschließen wir Kapazitäten für die mit Abstand klimaschädlichste Energieerzeugung: Braunkohle.“

Was RWE besonders verärgern dürfte. VW ist in einer ähnlichen Situation und steht selbst seit Jahren am Pranger. Das Unternehmen hatte Abgaswerte seiner Dieselfahrzeuge manipuliert und viel zu spät in die Elektromobilität investiert. Jetzt steht der Konzern wie die gesamte Autobranche unter Druck, die CO2-Emissionen zu senken. Die EU-Umweltminister unterbreiteten jetzt einen Plan, nachdem der Ausstoß bis 2030 um 35 Prozent senken soll.

„Vor diesem Hintergrund wird er die Einladung natürlich gerne annehmen“, sagte ein Volkswagen-Sprecher auf Anfrage. Ihren Konflikt könnten die beiden Spitzenmanager damit bei einem persönlichen Gespräch aus dem Weg räumen Jetzt gehe es nur noch darum, einen Termin für den Besuch im Tagebau zu finden.

Dabei müsste der VW-Chef auf die aufgebrachten RWE-Mitarbeiter beruhigen. Denn Diess hatte sich im Interview beklagt, die Pläne würden massiv Jobs in seinem Unternehmen bedrohen.

Dabei fürchten sich auch die RWE-Mitarbeiter vor einem Stellenabbau wegen des Konflikts um den Hambacher Forst. „Unsere Befürchtung ist, dass die Beschäftigten die Zeche zahlen müssen und Stellen wegfallen“, sagte Silke Boxberg, die Betriebsratsvorsitzende von RWE Power am Standort Essen, der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. „Die Arbeitsplätze im Tagebau, in den Kraftwerken und in den Zentralen Essen und Köln sind massiv bedroht.“

VW-Chef Diess wolle mit seiner umstrittenen Äußerung eine „sinnvolle Grundsatzdebatte“ anstoßen, heißt es aus Konzernkreisen. Volkswagen und der Energiekonzern RWE verfolgten am Ende „gemeinsame Interessen“. Beiden Unternehmen gehe es darum, eine Wende in der Verkehrs- und Klimapolitik zu erreichen. Der Automobilindustrie dürfe es nicht ergehen wie den Energiekonzernen, denen die Politik mit unüberlegten Beschlüssen unerfüllbare Vorschriften gemacht habe.

Im Tagebau Hambach, den angeschlossenen Kraftwerken und Betrieben sind Unternehmensangaben zufolge rund 4600 Mitarbeiter beschäftigt. „Wir befürchten einen Domino-Effekt, der sich auf das ganze Unternehmen auswirkt“, sagte Boxberg.

Auch bei den Umweltaktivisten von Greenpeace sorgt der Clinch zwischen VW und RWE für scharfe Kritik. „Hier wird systematisch seine eigene Klimaverantwortung geleugnet, um diese auf andere zu schieben“, sagt Karsten Smid, Kampagnenleiter für Klima und Energie. Diess und Schmitz würden „sich systematisch verweigern, klimaverantwortlich zu handeln“

Dabei verfolge VW in erster Linie eigene Interessen, um die Investitionen zu schützen. „Wir fordern aber schon lange von der Autoindustrie, dass sie selbst liefert.“

Auch Karl Tack, Vorsitzender der Kommission Energiepolitik beim Verband „Die Familienunternehmer“ geht die Kritik von Diess zu weit. Die Politik habe sich zu lange nur auf den Ausbau der Erneuerbaren fokussiert. „Dabei macht es keinen Sinn, massenhaft Ökostrom zu produzieren, der aufgrund fehlender Netze nicht beim Verbraucher bzw. beim E-Auto ankommt“, sagt er. „Das sollte auch Herr Diess wissen.“

Langfristig lasse sich der CO2-Austtoß nur durch einen Emissionshandel reduzieren, der alle Sektoren, auch den Verkehr- und Wärmesektor umfasse. „Solange das nicht der Fall ist, ist es mehr als unglaubwürdig, wenn sich Herr Diess über die Energiewirtschaft beschwert.“ Die Energiewirtschaft habe ihren CO2-Ausstoß seit 1990 um 26 Prozent reduziert, während es der Verkehrssektor nur magere zwei Prozent geschafft habe.

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5 Kommentare zu "Streit der Konzerne: VW-Chef Diess provoziert RWE – Energieriese reagiert mit ungewöhnlichem Angebot"

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  • Die Diess'sche 'Strategie' ist durchsichtig: Zeitgewinn ist die Devise! Solange in Deutschland Kohlestrom ins Netz gelangt, mache es keinen Sinn, auf E-Mobility zu setzen. Eines hat Herr Diess übersehen oder nicht gewusst: Aktuell befinden sich weltweit (in 59 Ländern!) 1.400 Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 670 GW in Bau bzw. Planung (Gesamtleistung der deutschen Kohlektraftwerke: 48 GW). Die Investoren befinden sich in VW-Zielmärkten (u.a. China). Wird Herr Diess dort mit gleicher Argumentation antreten? Oder will er warten, bis der Weltmarkt sich aus seiner Sicht hinsichtlich des Absatzes elektromobiler VWs qualifiziert hat? In diesem Fall müsste man sich wirklich Sorgen um den Fortbetand des VW-Konzerns machen.

  • Herr Diess schlägt auf den Falschen ein - oder die Falsche in diesem Fall: Frau Merkel mit ihrer postfaktischen Energiewende ist Schuld an der verkorksten Situation.

    Wenn CO2 Reduzierung das allein glücklich machende Mantra ist, wieso werden dann CO2 vermeidende Brückentechnologien abgeschaltet, und Energieerzeugung aus Kohleverbrennung propagiert? Eben, macht keinen Sinn.

    Eine ergebnisoffene Diskussion über die zukünftige Energieversorgung ist nie geführt worden, sonst wäre auch aufgefallen, dass Deutschland sich nicht unter einer klimatischen Käseglocke verstecken kann - selbst wenn heute in Deutschland alles abgeschaltet wird, hat China die Einsparung in einer Woche aufgeholt....

    Auch wenn die Energieversorger erklärtes Ziel der Ökos sind, in diesem Falle ist die Kritik mal unberechtigt, denn die Grundversorgung muss sicher gestellt werden. Wenn dies nicht mehr gewünscht ist, muss man sich damit anfreunden, dass es zu Zwangsabschaltungen kommt, wenn zu wenig regenerative Energie im Angebot ist. Dann kann man sich noch überlegen, schmutzigen Strom zu importieren, oder die Verbraucher zuerst abzuwerfen, die reinen Ökostrom beziehen wollen - smarte Technologie wird es möglich machen.

  • Anstatt gemeinsam an einem Strang zu ziehen, wird öffentlich so ein Karneval aufgeführt. Wenn man die Elektrifizierung der Fahrzeugflotte und gleichzeitig die Energiewende schaffen will, dann ist das kontraproduktiv.
    Mehr Elektroautos verbrauchen auch mehr Strom. Dieser muss CO2-neutral produziert werden. Beide Entwicklungen müssen aufeinander abgestimmt werden. Das ist ein Fakt.
    Mir scheint aber so, als würde man bei VW andere Ziele verfolgen.

  • Gerangel un die Rettungsboote auf der Titanic...
    Trotz der offensichtlichen Interessenslage Dank an Herrn Diess an den konstruktiven Beitrag!

  • Zitat:
    "Es habe keinen Sinn, Elektrofahrzeuge auf die Straße zu bringen, „wenn wir gleichzeitig den Strom dafür aus Braunkohle produzieren“.

    Da hat der wohl recht.
    Das da noch keiner drauf gekommen ist.
    Der Auspuff der Elektroautos ist der Schlot der Kraftwerke, solange der Strom nicht ökologisch erzeugt wird.

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