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Energie

Stromproduktion „Offshore-Windparks werden die Energiewelt nachhaltig verändern“

Die Internationale Energieagentur sieht Offshore-Windkraft auf dem Weg zur wichtigsten Stromquelle der Welt. Aber es gibt Hindernisse für die vermeintliche Super-Ökoenergie.
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Offshore-Windkraft: Das ungenutzte Potenzial auf dem Meer Quelle: REUTERS
Offshore

Mit 20 Milliarden Dollar in 2018 wurden gerade mal sechs Prozent aller Erneuerbaren-Investitionen in die Windenergie auf See gesteckt. 

(Foto: REUTERS)

Düsseldorf Auch wenn die meisten Menschen sie noch nie gesehen haben, weit draußen in der Nord- und Ostsee entsteht gerade eine Milliardenindustrie vor Deutschlands Küsten. Dort drehen sich über 1300 Windräder und machen die Bundesrepublik damit gleich nach Großbritannien zum zweitgrößten Markt für Offshore-Windkraft der Welt. Ein Markt, der laut einer neuen Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) zu einem der wichtigsten weltweit werden könnte.

2040 soll die Windkraft auf See nach Einschätzung der IEA ein Volumen von über 1,3 Billionen Dollar erreichen und Offshore-Energie zu der größten Stromquelle der Zukunft werden. „Es gibt zwei technologische Entwicklungen, die gleichzeitig auch die globale Energiewelt nachhaltig verändert haben: Die Förderung von Schieferöl- und gas und der dramatische Preisverfall in der Solarenergie. Wir erwarten, dass die Entwicklungen in der Offshore-Windkraft genauso ein großes Potenzial haben, die Energiewelt nachhaltig zu verändern“, sagt Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Noch ist der Anteil der Offshore-Energie am globalen Strommix einer der kleinsten unter den Erneuerbaren. Gerade einmal 0,3 Prozent der Stromproduktion produzierten die Windräder auf See im vergangenen Jahr. „Dabei könnte Offshore-Energie schon 2040 mehr Strom produzieren, als weltweit verbraucht wird“, sagt Birol.

Wo die Windenergie an Land schon in wenigen Jahren an ihre Grenze stoßen wird, prophezeien Experten der Offshore-Industrie einen Boom. „Die Stromerzeugung der Zukunft kommt neben – in überschaubarem Maße Atom und Kohle – vor allem von den Erneuerbaren. Wasserkraft ist aber heute schon häufig an der Grenze des Ausbaupotenzials, es bleiben Solar und Wind“, sagt Windexperte Dirk Briese, vom Marktforschungsinstitut Windresearch. Und Offshore-Windkraft sei in vielen Ländern die erste Wahl. „Man kann in kurzer Zeit große Kapazitäten aufstellen und braucht deutlich weniger Platz als für Solarkraft“, erklärt er.

Insgesamt drehen sich aktuell 5500 Windturbinen in den Weltmeeren, zwei Drittel davon in Europa. Dabei ist das Potenzial der Offshore-Windkraft noch deutlich größer. An den besten Wind-Standorten auf See ließen sich schon in 60 Meter Tiefe und der gleichen Entfernung zur Küste 36.000 Terrawattstunden (TWh) produzieren, rechnet die IEA vor.

Zum Vergleich: Der globale Stromverbrauch liegt derzeit bei 23.000 TWh. Das ist allerdings nur ein theoretischer Wert. Denn nicht immer, wenn der Wind auf dem Meer weht, wird er auch gebraucht. Um das volle Potenzial der Windkraft auf See auszuschöpfen, müsste es entsprechende Speichermöglichkeiten geben – und vor allem muss es billiger werden. 

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Über 200 Meter hohe Turbinen auf das Meer hinauszuschaffen, sie auf tonnenschweren Fundamenten zu verankern und dann noch für den entsprechenden Netzanschluss zu sorgen, damit der Strom auch abtransportiert werden kann, ist teuer. Ein Gigawatt (GW) Windstrom auf See zu installieren kostet so insgesamt schnell bis zu vier Milliarden Dollar.

Für Arkona vor der Küste Rügens, mit seinen 60 Anlagen der größte Offshore-Windpark Deutschlands, haben der Essener Energieversorger Eon und das norwegische Energieunternehmen Equinor insgesamt 1,2 Milliarden Euro hingelegt. „Aber die Kosten werden massiv sinken, allein in den nächsten fünf Jahren um die 40 Prozent“, glaubt Birol.  

Neue Technologien wie schwimmende Fundamente, Floating Offshore genannt, und sinkende Installationskosten sollen Windkraft auf See in zwanzig Jahren dann sogar um 60 Prozent günstiger werden lassen. Auch Experte Briese rechnet damit, dass Offshore-Windkraft noch deutlich günstiger werden wird.

„Und auch wenn Windkraft auf See, was Investitionen angeht, immer teurer sein wird als Windenergie an Land, von den Stromgestehungskosten her liegt beides ungefähr gleichauf und ist teilweise schon heute wettbewerbsfähig“, sagt Briese.

Das haben auch die Ausschreibungen für Offshore-Windkraft in der deutschen Nord- und Ostsee gezeigt. Seitdem die Fördergelder nicht mehr staatlich garantiert sind, müssen sich die Konzerne im freien Wettbewerb untereinander um die Höhe der Vergütungen streiten.

Zum ersten Mal überhaupt gab es dabei im vergangenen Jahr in Deutschland gleich mehrere Null-Cent-Gebote. Damit verzichten Investoren erstmals komplett auf garantierte Einspeisevergütungen und verkaufen den erzeugten Windstrom direkt am freien Markt. Für viele ein Zeichen der Wettbewerbsfähigkeit von Offshore-Windstrom.

Die leistungsstärkste Ökostromquelle

Für den Umstieg von fossilen auf erneuerbare Stromquellen wäre das von großem Vorteil. Immerhin ist Offshore-Windkraft die leistungsstärkste der drei grünen Hauptenergieträger Solar, Wind an Land und Wind auf See. Photovoltaik ist zwar die günstigste Ökostromquelle, braucht aber auch den meisten Platz.

Und im direkten Vergleich zwischen Windanlagen auf See und an Land hat Offshore viele Vorteile. Die Energieausbeute eines Windrades wächst mit der Windgeschwindigkeit. Und der weht auf dem Meer nicht nur beständiger, sondern im Schnitt eben auch deutlich stärker. Ein weiterer Punkt dürfte die Akzeptanz in der Bevölkerung sein.

Während der Widerstand für Windräder an Land massiv wächst und den Ausbau hierzulande mittlerweile nahezu lahmlegt, stört sich an den Windparks auf hoher See bislang kaum jemand. Aber auch hier gibt es potenzielle Probleme. Erst Anfang Oktober verkündete die Bundesregierung, dass die installierte Leistung der Offshore-Windenergie von derzeit rund sieben GW bis 2030 auf bis zu 20 GW steigen soll.

Umweltschutzvereine wie der Naturschutzbund (Nabu) und andere haben sich zwar erklärterweise hinter dieses Ziel gestellt, mahnen aber, dass gleichzeitig die Naturverträglichkeit der erhöhten Ausbauziele geklärt werden müsse. Langfristige Untersuchungen zu den Auswirkungen von Windanlagen im Meer auf Fische, Natur und Umwelt gibt es bislang kaum.

Das größte Problem dürfte allerdings der Netzanschluss sein. Schon heute machen die Stromleitungen von den Anlagen im Meer zu den Verteilstationen an Land rund ein Viertel der Kosten aus. Je nachdem, wie weit es aufs Meer hinausgeht, können die Anschlusskosten auch schonmal die Hälfte der Gesamtkosten verursachen. „Der Netzausbau ist ein wichtiges Thema für die Windkraft an Land, aber auch auf See“, gibt auch Briese zu bedenken.

Der Netzausbau in Deutschland kommt nicht so voran, wie er es müsste, um den Windstrom zuverlässig vom Norden in den Süden zu transportieren. Hunderte von Bürgerinitiativen im ganzen Land klagen gegen den Ausbau der nötigen Trassen. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Auch IEA-Chef Birol sieht den Netzausbau als eines der größten Themen der Offshore-Windkraft, für das schnell eine Lösung gefunden werden müsse. „Denn gerade Deutschland hat ein sehr großes Potenzial für Windenergie auf See“, betont er.

Für die Wirtschaft ist die Offshore-Industrie schon heute ein wichtiger Faktor. Laut einer Analyse des Marktforschungsunternehmens Windresearch erwirtschafteten knapp 800 Unternehmen allein im vergangenen Jahr einen Umsatz von neun Milliarden Euro und sorgen für fast 25.000 Arbeitsplätze.

Mehr: Immer mehr Deutsche wehren sich gegen Windräder in ihrer Nachbarschaft – auch vor Gericht. Dabei soll Windenergie einen immer größeren Anteil am Strommix haben.

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Mehr zu: Stromproduktion - „Offshore-Windparks werden die Energiewelt nachhaltig verändern“

3 Kommentare zu "Stromproduktion: „Offshore-Windparks werden die Energiewelt nachhaltig verändern“ "

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Absolut richtig Herr Metz. SH ist nicht mehr das "Hoch im Norden" sondern das
    "Stahlspargel" Land der Nation. Abgesehen davon das die Windmühlen nachweisbar auch
    als Tötungsmaschinen für viele Seevögel dienen. Aber das interessiert unser ach so
    Aktiven Umweltschützer nicht.

  • Herr Metz, Sie haben meine volle Zustimmung.

  • Was das Foto betrifft, kann man dazu nur traurig sagen: hier wurde eine wunderschöne Küstenlandschaft nachhaltig zerstört.
    In diesem Sommer bin ich das erste Mal nach über zwanzig Jahren wieder mit dem Auto durch Schleswig-Holstein gefahren. Ich hätte heulen können: wunderschöne Landschaften wurden durch Massen an Windmühlen hässlich und unansehnlich gemacht. Und das ist für mich eben nicht "öko", sondern ein Verbrechen an der Natur...