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Energie

Tibber Wie digitale Grünstrom-Start-ups den Markt aufmischen

Das norwegische Strom-Start-Up Tibber will mit einem digitalen, grünen und günstigen Angebot Eon und Co. Konkurrenz machen – und ist damit nicht allein.
27.05.2020 - 19:00 Uhr Kommentieren
Ökologisch, digital und dabei noch billig – so wollen junge Start-ups den etablierten Stromversorgern jetzt Konkurrenz machen. Quelle: imago images/BildFunkMV
Offshore-Windräder

Ökologisch, digital und dabei noch billig – so wollen junge Start-ups den etablierten Stromversorgern jetzt Konkurrenz machen.

(Foto: imago images/BildFunkMV)

Düsseldorf Mit einem Blick auf das Handy ist klar: Jetzt sind die Strompreise günstig. Ein Klick und die Waschmaschine läuft, noch ein Klick und das Elektroauto beginnt zu laden. Bezahlt wird am Ende des Monats nur das, was man auch wirklich verbraucht hat.

Für manch einen mag sich das noch sehr futuristisch anhören. Mit dem norwegischen Start-up Tibber ist es längst Realität. Am Donnerstag startet der komplett digitale Stromanbieter auch in Deutschland. „Ich würde uns nicht Energieunternehmen, sondern Technologieunternehmen nennen, das auch Energie verkauft. Wir sind die Einzigen, die nicht am Stromverkauf verdienen und komplett digital arbeiten“, erklärt Tibber-Mitgründer und CEO Edgeir Aksnes im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Das ambitionierte Versprechen: Bei Tibber gibt es Strom zum Einkaufspreis. Das Unternehmen selbst will keine Marge nehmen. Der Strompreis wird stündlich angepasst und direkt an den Konsumenten weitergegeben. „Die alten Energieunternehmen sitzen da und machen seit teilweise 100 Jahren immer dasselbe. Sie haben die Macht, das Geld und die Leute und wollen die Macht nicht an ihre Kunden weitergeben“, und genau das wolle man ändern, sagt Aksnes. Genau diese Lücke wollen sich nun auch andere Start-ups zunutze machen.

Immer mehr junge Stromanbieter drängen auf den Markt. Sie wollen großen Versorgern wie Eon, Vattenfall oder EnBW die Kunden streitig machen. Ob Lition, Awattar oder Enyway – drei Dinge haben alle gemeinsam: Sie sind digital, grün und günstig. „Die etablierten Versorger haben noch einen Großteil der Marktanteile für sich. Aber das wird sich in den nächsten Jahren ändern. Kleinere Unternehmen werden den großen einen Teil des Geschäfts abnehmen“, prophezeit Lars Riegel, Energieexperte bei der Unternehmensberatung Arthur D. Little.

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    Der deutsche Strommarkt hat sich seit seiner Liberalisierung vor zwanzig Jahren stark verändert. Einst gab es in ganz Deutschland nur vier Energieversorger: RWE, Eon, Vattenfall und EnBW. Vom Stromverkauf bis zu Handel und Netzen, alles lag in der Hand der Big Four. Der Kunde musste seinen Vertrag bei dem zuständigen Versorger seiner Region machen.

    Zeitgenauer Verlauf des Börsenstrompreises.
    Tibber

    Zeitgenauer Verlauf des Börsenstrompreises.

    Heute gibt es laut dem Bundesverband für Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) allein 1300 Lieferanten, aus denen der Kunde unabhängig von seinem Wohnort seinen Versorger aussuchen kann. Insgesamt sind 2019 rund 2200 Unternehmen im deutschen Energiemarkt aktiv. Die großen vier, die aufgrund des Milliardendeals zwischen RWE und Eon jetzt nur noch drei sind, teilen zwar immer noch fast die Hälfte des Heimatmarkts unter sich auf, aber ihre Macht bröckelt. „Es kommen immer mehr digitale, grüne Unternehmen, die den Markt aufräumen wollen. Das ist definitiv ein Trend“, sagt Riegel. Und vor allem besetzten sie eine Lücke, für die die großen Versorger lange Zeit blind waren, die jetzt aber immer wichtiger wird.

    Wo es früher einige wenige große Kraftwerke gab, stehen heute Tausende über das Land verteilte Einzelanlagen. Währenddessen steigt der Stromverbrauch: E-Autos wollen geladen werden, das Smartphone hängt ständig an der Steckdose, selbst die Heizung läuft immer öfter mit Strom. Aber Energie wird für den Verbraucher stetig teurer. Deswegen bieten nun mehr und mehr Start-ups Lösungen für die komplizierte neue Energiewelt an.

    Privater Stromverkauf

    Tibber, das erst vor vier Jahren gegründet wurde und hinter dem der berühmte Founders Fund aus San Francisco steht, der schon in Spotify, Facebook und Airbnb investiert hat, ist nur eines von vielen Grünstrom-Start-ups. Andere heißen Awattar oder auch Lition. Das Berliner Start-up entstand sogar erst Anfang 2018. „Wir sind ein digitaler Marktplatz, wo grüne Kraftwerke ihre eigenen Preise setzen und Verbraucher sich ihr eigenes Kraftwerk aussuchen können“, erklärt Mitgründer und CEO Richard Lohwasser im Gespräch mit dem Handelsblatt.

    Bislang ist es üblich, dass Strom entweder an der Börse oder zwischen Produzent und Großabnehmer gehandelt wird. Bei Lition hingegen kann jeder Verbraucher mit einer mittelgroßen Solaranlage zum Produzenten werden und seinen Strom an andere Verbraucher weiterverkaufen. „Der Strommarkt ist mitten im Umbruch, weil die großen Energiekonzerne einfach zu langsam sind“, kritisiert Lohwasser.

    Bevor er zum Gründer wurde, hat der Wirtschaftsinformatiker lange Zeit bei Vattenfall gearbeitet. Auch dort habe er versucht, neue Ideen zu realisieren – ohne Erfolg. „Der Strommarkt ist einer der rückständigsten Märkte in Deutschland. Aber die mangelnde Innovationsbereitschaft der Etablierten ist eine wunderbare Chance für neue Player.“

    Aber auch an den Alteingesessenen geht die Entwicklung hin zu digital, grün und billig nicht vorbei. Die Energiekonzerne sind auf Einkaufstour. Ölriese Shell kaufte im vergangenen Jahr das bayerische Batterie Start-up Sonnen, EWE kooperiert mit dem Digital Start-up Fresh Energy, das eine Echtzeit-Visualisierung des Stromverbrauchs für Verbraucher bietet und der deutsche Ökostrom-Pionier Lichtblick gehört jetzt zu einem Konsortium rund um den japanischen Mitsubishi-Konzern.

    Das Elektroauto soll nur dann geladen werden, wenn der Strom günstig ist.
    Smart Charging

    Das Elektroauto soll nur dann geladen werden, wenn der Strom günstig ist.

    Wer mit den Großen nicht gemeinsame Sache machen will, der könnte es zwar schwer haben, hat aber gerade jetzt trotzdem eine reelle Chance, ist Tobias Federico, Chef der Energieberatung Energy Brainpool überzeugt. Und Unternehmen wie Tibber, die in Deutschland zunächst mit einem niedrigen Festpreis zwischen 23 und 24 Cent für die Kilowattstunde (kwh) werben, bekommen in der Regel schnell relativ viele Kunden. „Aber die meisten der neuen Stromanbieter werden irgendwann von der Realität des Marktes wieder eingeholt“, warnt Federico. Das sieht Tibber naturgemäß anders und hält dagegen.

    Seinen Umsatz will das junge Unternehmen allein über einen Grundbeitrag von 3,99 Euro erwirtschaften. „In Schweden und Norwegen sind wir schon profitabel. Und das werden wir auch in Deutschland in zwei bis drei Jahren schaffen“, ist CEO Aksnes sicher. Der Grund liegt für den gebürtigen Norweger auf der Hand: „Eine Künstliche Intelligenz übernimmt den Handel und andere Dinge, alles läuft automatisiert ab. Wir sind einfach effizienter als die meisten anderen, weil wir komplett digital arbeiten.“

    Das eigentliche Geschäft von Tibber liegt zumindest in der skandinavischen Heimat allerdings nicht in dem Handel mit Strom, sondern in dem Verkauf und der Nutzung von Smart Home Geräten wie intelligenten Thermostaten, E-Autos oder Waschmaschinen. In hoch digitalisierten Ländern wie Norwegen dürften die Tibber-Kunden tatsächlich einen großen Mehrwert bekommen, wenn sie die Nutzung der stromfressenden Alltagsgegenstände mit dem niedrigsten Strompreis kombinieren. Das ist allerdings in Deutschland tatsächlich noch ferne Zukunft.

    Einen Smart Meter Gateway, also einen digitalen Stromzähler, der den genauen Verbrauch direkt an den Netzbetreiber und andere Schnittstellen kommunizieren kann, hat hierzulande kaum ein Privathaushalt. Und der Einbau des smarten Helfers ist noch alles andere als günstig. Deswegen ist auch die aktive Nutzung günstiger Börsenstrompreise für den Verbraucher, eines der Hauptverkaufsargumente von Tibber, in der deutschen Version kaum möglich.

    Deswegen will das Grünstromunternehmen zunächst mit einem monatlich flexiblen Tarif aus dem Durchschnittsbörsenpreis für seine Kunden starten. Das ist dann eben so digital, wie es in Deutschland aktuell möglich ist.

    Mehr: Klage eingereicht: Megadeal von Eon und RWE landet vor Europäischem Gericht.

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