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Energie

Uniper-Kohlekraftwerk in Datteln Auferstehung einer Ruine

Nach der Abspaltung von Eon ist Uniper mit vielen Problemen gestartet. Die Hoffnungen ruhen ausgerechnet auf dem Pannenkraftwerk in Datteln, das endlich ans Netz gehen soll. Aber es droht wieder Ärger – diesmal mit RWE.
05.07.2016 - 07:54 Uhr Kommentieren
Kühlturm und Maschinenhaus waren fast fertig, als der Bau Ende 2009 gestoppt wurde. Quelle: picture alliance/dpa
Kohlekraftwerk Datteln 4

Kühlturm und Maschinenhaus waren fast fertig, als der Bau Ende 2009 gestoppt wurde.

(Foto: picture alliance/dpa)

Datteln Alle zwei bis drei Wochen kam es in den vergangenen sechs Jahren im Maschinenhaus zu einer seltsamen Begebenheit: Ein Mitarbeiter des Kraftwerks trat an die rund 30 Meter lange Turbine, setzte einen Hebel an und brachte mit Hilfe der Schwerkraft und gut geölter Bauteile die 350 Tonnen schwere Welle von Hand leicht in Bewegung. Die Schaufeln machten eine viertel, eine halbe oder eine dreiviertel Umdrehung. Dann war wieder Schluss.

Eigentlich müsste die Welle ja – angetrieben von 1.100 Megawatt Leistung – ständig in Bewegung sein, um Strom für Hunderttausende Haushalte zu erzeugen. Im Neubau des Kraftwerks Datteln 4 rührte sie sich mehr als sechs Jahre lang aber gar nicht – abgesehen von der gelegentlichen Handarbeit. Nur mit der Notmaßnahme konnte verhindert werden, dass die Turbine eine Unwucht bekam. Nur so konnte der Eigentümer sich für den Fall bereithalten, den Umweltschützer zu verhindern versuchen: den Tag, an dem Datteln 4 doch noch ans Netz gehen kann.

Und dieser Tag ist nun tatsächlich in Sicht: „Wir planen, das Kraftwerk bis März 2018 in Betrieb zu nehmen“, sagt Projektleiter Andreas Willeke. Dann soll eine der peinlichsten Baustellen Deutschlands endlich geschlossen sein. Dann soll der härteste Kampf, den sich Umweltschützer und Energieunternehmen je geliefert haben, beendet sein. Und dann soll aus dem Pannenkraftwerk ein Gewinnbringer für seinen Eigentümer werden.

Der könnte die Einnahmen mehr als gut gebrauchen. Das Projekt gehört dem neuen Unternehmen Uniper, in das Energieriese Eon seine konventionellen Kraftwerke abgespalten hat. Uniper kämpft vom Start weg gegen Verluste und Schulden. Ausgerechnet das Kraftwerk Datteln 4, bei dem ein Totalverlust drohte, ist jetzt tatsächlich einer der wenigen Hoffnungswerte im Portfolio. Uniper pocht auf lukrative Lieferverträge, die alljährlich hohe zweistellige Millionengewinne in die Kassen spülen könnten.

Aber geht die Rechnung wirklich auf? Es zeichnet sich schon ein neuer Konflikt ab. Einer der größten Kunden stellt sich quer – und stellt die Gültigkeit der Verträge infrage: Konkurrent RWE will lieber die eigenen Kraftwerke retten. Und auch die Umweltschützer geben noch nicht auf.

Projektleiter Willeke ist deshalb froh, dass es überhaupt weitergeht. Auf der Baustelle herrscht reger Betrieb. In allen Ecken des Areals wird gebaggert, gehämmert, geflext und geschweißt. Mehr als 600 Arbeiter sind derzeit beschäftigt. „Vor ein paar Monaten war das noch die stillste Baustelle Deutschlands“, sagt Willeke, „jetzt ist hier endlich was los.“ Am späten Nachmittag des 4. März, ein Freitag, bekam Uniper die vorläufige Genehmigung, wieder komplett weiterzuarbeiten. Am Montag kamen schon die ersten Monteure aufs Gelände.

Sechseinhalb Jahre zuvor, am 3. September 2009, hatten Willeke und sein Arbeitgeber, der damals noch Eon hieß, ihr Fiasko erlebt. Von den eigenen Juristen unerwartet gab das Oberverwaltungsgericht Münster der Klage eines benachbarten Bauern statt. Der griff – unterstützt vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) – nicht nur die Baugenehmigung an, sondern gleich den ganzen Bebauungsplan. Das Kraftwerk, das vom Gewerbegebiet des Stadtteils Meckinghoven nur durch den Dortmund-Ems-Kanal getrennt wird, stehe viel zu dicht am Wohngebiet, lautete einer der Vorwürfe.

Für Eon war das eine Katastrophe. Das Kraftwerk war schon zu gut der Hälfte fertig, im März 2011 sollte es ans Netz gehen. Eine Milliarde Euro war investiert. Von der Ferne sah das Projekt wie fertig aus. Der Kühlturm, 180 Meter hoch, zierte die Silhouette. Maschinen- und Kesselhaus glänzten mit ihrer hellblauen Fassade. Jetzt war aber die rechtliche Grundlage entzogen. Nachdem ein Einspruch gescheitert war, mussten die Arbeiter die Hammer fallen lassen.

Seither kämpft der Eigentümer an zwei Fronten. In der Politik bemühte er sich mit aller Lobbykraft um einen neuen Rechtsrahmen. Der Regionalverband Ruhr passte die Regionalplanung an, der Stadtrat verabschiedete einen neuen Bebauungsplan. Der Konzern stellte einen neuen Genehmigungsantrag. Der soll spätestens im Herbst bewilligt sein, die vorläufige Genehmigung liegt ja schon vor.

Parallel kämpften die Mitarbeiter auf der Baustelle gegen Rost und Zerfall. Dummerweise war der Winter 2009/2010 besonders streng, so dass wichtige Fundamente nicht mehr gelegt werden konnten, ehe das Urteil rechtskräftig wurde. Silos für Flugasche blieben nach oben offen und fingen an zu rosten. In einen Hilfskessel leiteten die Mitarbeiter Stickstoff ein, um Sauerstoff zu verdrängen und so Korrosion zu verhindern. Vom großen Verwaltungsgebäude steht nur ein Gerippe, in dem sich Wasserlachen sammeln. „Das sieht derzeit noch aus wie ein Gebäude in Spanien nach der Immobilienkrise“, sagt Willeke.

Wie viel die Verzögerung gekostet hat, will der 57-Jährige nicht beziffern. Und wie groß die Schäden sind, steht noch gar nicht fest.

„Wenn das Kraftwerk in Betrieb geht, wird es auch wirtschaftlich sein“
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