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Energie

Wasserstoff aus der Wüste Desertec: Der Traum von der globalen Energiewende lebt weiter

Die Vision vom grünen Strom aus der Sahara für ganz Europa faszinierte viele. Zehn Jahre später lebt Desertec noch immer – wenn auch anders als gedacht.
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In Marokko entsteht gerade die größte Solarthermieanlage der Welt.  Quelle: ddp/intertopics/eyevine/Graeme Robertson
Solaranlage Ouarzazate

In Marokko entsteht gerade die größte Solarthermieanlage der Welt. 

(Foto: ddp/intertopics/eyevine/Graeme Robertson )

Düsseldorf Zehn Jahre nach Gründung der Wüstenstrom-Initiative Desertec ist der große Traum vom grünen Sahara-Strom für Europa zwar nicht wahr geworden, aber zu neuem Leben erwacht. Die Rufe nach einer globalen Energiewende werden wieder lauter und Nordafrika und der Nahe Osten spielen dabei eine wichtige Rolle.

„Die Idee von Desertec ist heute aktueller denn je“, sagt Gründungs-Geschäftsführer Paul van Son. Die Initiative sei nicht tot, ganz im Gegenteil, „die Ausführung hat sich vergrößert. Wir sehen nicht mehr nur Europa, sondern die Region in Nordafrika und den Nahen Osten als treibende Kraft für sich selbst und langfristig für die ganze Welt“, glaubt der Innogy-Manager. Er ist damit nicht allein. 

Erst im April verkündeten Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Außenminister Heiko Maas (SPD), dass „globale Herausforderungen sich nicht mit nationalen Alleingängen lösen lassen“. Für Europa heiße dies, dass man sich noch viel stärker als bisher mit den nordafrikanischen Nachbarn vernetzen müsse, betonte Maas auf einer internationalen Energiekonferenz in Berlin – Desertec 2.0 also. 

Eigentlich war die Idee, mit einem Bruchteil der Wüstenflächen fast ein Viertel des europäischen Strombedarfs zu decken. RWE, Eon, Siemens, die Deutsche Bank, ABB und andere witterten ein Milliardengeschäft. Gemeinsam bildeten sie die Desertec Industrial Initiative (DII).

Aber während die einen den Strom in erster Linie nach Europa exportieren wollten, waren andere der Ansicht, dass zunächst eine stabile Versorgung für die Menschen vor Ort hergestellt werden müsse. Die Initiative endete im Streit und viele der großen Unternehmen stiegen aus. Das war 2014.

Die Idee hat sich verändert

Heute besteht Desertec neben Innogy noch aus dem saudischen Versorger Acwa Power und Chinas größtem Netzkonzern State Grid. „Langsam kommt auch wieder mehr Interesse aus Deutschland“, sagt van Son. Insgesamt seien 25 Unternehmen entweder als Gesellschafter oder beratende Partner an Bord. „Wir arbeiten im Hintergrund und treiben die Idee voran“, ist der 66-Jährige überzeugt. 

„Die Idee, Solarstrom in der Wüste zu erzeugen, muss man von den konkreten Projektvorschlägen von Desertec trennen. Denn die Idee ist natürlich älter als die Industrieinitiative und damit auch noch lange nicht gestorben“, sagt Energieexperte Hanns Koenig, des Beratungsunternehmens Aurora Energy Research. „Viele Staaten in der Region leben heute vom Energieexport. Mit der langfristig sinkenden Ölnachfrage müssen sich diese Länder aber auch andere Einkommensquellen sichern. Deswegen setzt man einiges daran, dass Thema Wüstenstrom zum Erfolg zu führen.“

Und es ist viel passiert in der Region. Vor allem Konzerne aus Saudi-Arabien und China treiben Projekte voran. Mittlerweile steht das größte Solarkraftwerk der Welt in Abu Dhabi, während Marokko das weltweit größte Solarthermiekraftwerk baut. Auch in Ägypten entsteht ein riesiger Solarpark nach dem nächsten. Nordafrika und der Nahe Osten haben genau das, was Europa fehlt: Fläche. 

„Im Vergleich zu dem, was möglich wäre, sind die Projekte, die wir heute sehen aber noch Peanuts“, sagt Koenig. Wenn erst einmal genug erneuerbare Energieanlagen aufgebaut sind, damit auch Strom exportiert werden kann, könne die Power-To-X-Technologie sich als lohnendes Geschäft für die sonnenreichen Länder rechnen. 

Immer mehr Experten gehen davon aus, dass der Umbau des Energiesystems ohne Einsatz künstlicher Treibstoffe auf Basis von Ökostrom nicht zu schaffen sein wird. Der teilweise in Deutschland anfallende Überschuss an Wind- und Solarstrom wird dafür aber kaum reichen. Zwar geht der Ausbau der erneuerbaren Energien voran, doch hinken einzelne Sektoren wie Verkehr und Wärme, ähnlich wie der Netzausbau deutlich hinterher. 

Die Power-to-X-Technologie gilt als Verbindung zwischen den unterschiedlichen Bereichen. Es ist der Überbegriff für eine Reihe von Anwendungen, die auf dem Verfahren der Elektrolyse basieren, also der Umwandlung von Strom zu Wasserstoff. Aus dem kann wiederum Gas, Flüssigkeit oder Wärme erzeugt werden.

Hier sieht van Son eine neue Chance für Nordafrika und den Nahen Osten. „Wir erwarten heute, dass der europäische Strommarkt in der Zukunft günstigen Wasserstoff und synthetischen Kraftstoff aus der Wüste importieren wird.“ 

Wasserstoff aus der Wüste

Der Weltenergierat hat sogar einen Fahrplan für grüne, synthetische Kraftstoffe entworfen. Auch für die Experten ist klar, dass langfristig große Mengen Strom aus dem Ausland kommen müssen. Zum Beispiel aus Australien, Chile, Argentinien oder dem südlichen Afrika. Aber auch aus sonnenreichen Staaten wie Saudi-Arabien.

Für Europa kämen aufgrund der geringeren Entfernung Marokko und Algerien in Frage. Hier ist Ökostrom schon heute deutlich günstiger. In den Wüsten produzieren Photovoltaikanlagen inzwischen Grünstrom zu Preisen von zwei Cent pro Kilowattstunde. 

„Die Solargestehungskosten sind in der Region konkurrenzlos günstig und die Flächen praktisch unbegrenzt. Grüne Gase aus der Wüste würden jedoch in Zukunft auch im Wettbewerb zu Gasen aus Offshore-Wind aus Europa stehen. Aber es gibt natürlich mit Blick auf China und Indien auch noch andere energiehungrige Gebiete, in die man exportieren könnte“, sagt Experte Koenig.

Sobald die Nachfrage aus Europa steige, ist sich Koenig sicher, werde das Thema in Nordafrika und dem Nahen Osten auch deutlich schneller vorangetrieben werden. „Und dann ist die Idee von grünem Wasserstoff aus der Sahara auch realistisch.“ Der Traum von Desertec ist also nicht ausgeträumt, er ist nur ein bisschen anders. 

Mehr: Das sonnige Ägypten will Vorreiter bei den erneuerbaren Energien werden. Aber beim Problem mit dem Sand ist deutsche Expertise gefragt.

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