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Energie

Wildpoldsried Wie ein kleines Dorf im Allgäu zum Vorzeigemodell für die Energiewende wurde

Die Energiewende in Deutschland stockt. Aber die kleine Gemeinde Wildpoldsried im Süden Bayerns zeigt, wie ein Leben mit Ökoenergie funktioniert. 
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Die Projekte im Ort ziehen mittlerweile internationale Besuchergruppen an. Quelle: AFP/Getty Images
Land- und Energiewirtschaft in Wildpoldsried

Die Projekte im Ort ziehen mittlerweile internationale Besuchergruppen an.

(Foto: AFP/Getty Images)

Wildpoldsried Felder, Wiesen, Kühe und ein paar kleine Dörfer soweit das Auge reicht. Tief im Süden Deutschlands scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Aber hier, mitten im Allgäu, gibt es eine Gemeinde, die mittlerweile über die Ländergrenzen hinweg in aller Munde ist. Denn in Wildpoldsried ist die Energiewende keine ferne Utopie mehr, sondern längst gelebte Wirklichkeit. 

Statt der traditionellen roten Schindeln glitzern Besuchern von weitem die dunkelblauen Solarpaneele auf vielen Dächern des 2600-Einwohner-Ortes entgegen. Im Nordosten reit sich am Dorfrand ein Windrad an das nächste. Auch vier Biogasanlagen und zwei Kleinwasserkraftwerke gehören zum Panorama der kleinen Gemeinde.

Wo im Rest Deutschlands immer mehr Menschen gegen Windräder auf die Straße gehen und sich gegen den Netzausbau vor ihrer Haustür wehren, wirkt Wildpoldsried wie das Gallien der Öko-Idealisten. Während bundesweit gerade mal 16 Prozent des Energiebedarfs durch Erneuerbare gedeckt werden, produziert das kleine Dorf siebenmal mehr Ökoenergie als es verbraucht. Es will mit aller Macht beweisen, dass die grüne Wende zu schaffen ist. 

„Wir sind davon überzeugt, dass eine Zukunft mit Erneuerbaren Energien machbar ist“, glaubt Arno Zengerle, seit 1996 Bürgermeister von Wildpoldsried. „Für uns ist es ja jetzt schon Normalität“, sagt der CSU-Politiker. Ganz im Gegensatz zum Rest Deutschlands.  

Zwar hat Deutschland mit seiner lukrativen Ökostromumlage dafür gesorgt, dass sich die Erneuerbaren Energien technisch rasant entwickelt haben – auch weltweit. Doch fast 20 Jahre nach Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und acht Jahre nach dem deutschen Atomausstieg ist die Bilanz ernüchternd. Deutschland hat seine Klimaschutzziele verfehlt: Statt den CO2-Ausstoß bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent zu senken, schaffe man nur 32 Prozent. Zahlen, die in Wildpoldsried nur Kopfschütteln auslösen.  

Die kleine Gemeinde Wildpoldsried im Süden Bayerns zeigt, wie ein Leben mit Ökoenergie funktioniert. 
Wendelin Einsiedler, Landwirt in Wildpoldsried

Die kleine Gemeinde Wildpoldsried im Süden Bayerns zeigt, wie ein Leben mit Ökoenergie funktioniert. 

Bewohner profitieren von der Energiewende

Fördergelder und Subventionen haben den kleinen Ort im Allgäu in ein Modelldorf für die Energiewelt von morgen verwandelt. Hier sitzt der bayerische Batteriehersteller Sonnen, den erst vor kurzem Ölriese Shell gekauft hat. Dazu nutzen Siemens, das Fraunhofer Institut und andere Wildpoldsried als Versuchslabor für das richtige Zusammenspiel der grünen Erzeugungsanlagen.

Erst vor anderthalb Jahren gelang ihnen ein aufsehenerregendes Experiment: 30 Haushalte wurden vom Verteilnetz abgeklemmt – den Strom lieferten dann lokale Solar-, Wind- und Bioenergieanlagen. Mit dem Projekt namens Iren2 wollten die Allgäuer Überlandwerke und ihre Partner, wie Siemens und die RWTH Aachen zeigen, dass erneuerbare Energien schon jetzt zeitweise konventionelle Kraftwerke ersetzen können. Fazit: Es ist ihnen gelungen.

„Aber wir wollen gar nicht autark sein“, betont Bürgermeister Zengerle, „nur zeigen, dass es geht.“ Auf die Frage, warum die Energiewende in einem kleinen Dorf in Allgäu funktioniert, während sie im Rest des Landes ins Stocken gerät, bekommt man in Wildpoldsried immer dieselbe Antwort: Weil die Menschen hier davon profitieren – und das nicht zu knapp.

Ende der 1990er Jahre haben der Bürgermeister und mehrere Landwirte die grüne Wende in Wildpoldsried losgetreten. Sie haben mit ihren Mitbürgern gesprochen, alles durchgerechnet und schließlich gemeinsam mit ein paar hundert Einwohnern in Solaranlagen und Windräder investiert. Zu einer Zeit, in der es für die Kilowattstunde (kWh) Windenergie noch neun Cent und für Photovoltaikanlagen, also Solargeneratoren, sogar 45 Cent pro kWh gab – und das zwanzig Jahre lang.

Einer, der von Anfang an dabei war, ist Wendelin Einsiedler. Die schwarze Mütze locker auf dem runden Kopf, stapft der Landwirt zielstrebig über die schlammbedeckte Straße, hin zu der Biogasanlage mit dem kreisrunden, grünen Dach. Jeden Tag kümmert er sich darum, dass die Anlage problemlos läuft. Aber das ist noch lange nicht alles. Nebenher managet Einsiedler auch noch 21 Windräder in der Region, auch die elf, die sich über den Feldern von Wildpoldsried drehen. Deswegen nennen sie den Landwirt sogar den „Windpapst aus dem Allgäu“. 

Es kommen Besucher aus der ganzen Welt

„Wer hätte gedacht, dass die grüne Revolution gerade hier stattfindet“, sagt der 62-Jährige und lässt sich auch von dem Schneeregen das Grinsen um den langen grauen Bart herum nicht nehmen. Für ihn ist die Energiewende nicht nur Gelegenheit für ein gutes Geschäft, sondern Überzeugung. „Als Landwirt ist man mit der Natur verbunden und die Fakten zum Klimawandel lagen ja damals schon auf dem Tisch“, räumt Einsiedler ein.

Eine gehörige Portion Idealismus sei auf jeden Fall der größte Antrieb gewesen, findet auch Bürgermeister Zengerle. Aber um den Rest der Gemeinde mitzuziehen, habe es schon ein bisschen Überzeugungsarbeit gebraucht. „Und es hat sich gelohnt“, betont Zengerle, der mittlerweile Besuchergruppen aus der ganzen Welt, von Japan bis Afrika durch sein kleines Multi-Energie-Dorf führt.

Auch einige Unternehmen hat genau das in den Süden Bayerns gezogen. Der Solarspeicherhersteller Sonnen hat sich ganz bewusst für Wildpoldsried als Hauptstandort entschieden. Mit seiner Geschichte ist es einfach der richtige Ort für uns, sagt Mitgründer Torsten Stiefenhofer. „Die Menschen hier sind schon was ganz Besonderes. Das Allgäu ist politisch sicher eine konservativere Gegend und trotzdem sind sie von der Sache überzeugt.“

Auch Stefan Nießen, Leiter für den Bereich Energiesysteme bei Siemens empfindet die Wildpoldsrieder als eingeschworene Gemeinde. Der Münchner Industriekonzern erforscht immer wieder neue Ideen in Sachen Energiemanagement und kommt dafür ins Allgäu.

„Wenn man nicht nur Nachteile, sondern auch die Vorteile Erneuerbarer Energien genießt, ist man auch begeistert“, erklärt Nießen sich die Offenheit der Menschen vor Ort. „Die Bürger sind hier über Bürgerenergiegesellschaften an den Projekten und ihren Kosten und Einnahmen beteiligt. Außerdem legt man hier viel Wert auf Transparenz, ohne die Zustimmung der Einwohner passiert hier nichts.“

Verständnis für die Probleme im Rest des Landes haben Einsiedler und Zengerle schon, aber richtig nachvollziehen können sie die Diskussionen um die Energiewende nicht. Alles, was Energieversorgung sei, habe Vor- und Nachteile, so Zengerle. Trotzdem zeige doch das Beispiel Wildpoldsried, dass es funktionieren kann, wenn alle an einem Strang ziehen.

Die Regierung hatte lange selbst beteuert, dass die Energiewende nur mit den Bürgern vor Ort gelingt. Wildpoldsried ist der Beweis.

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3 Kommentare zu "Wildpoldsried: Wie ein kleines Dorf im Allgäu zum Vorzeigemodell für die Energiewende wurde"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Wer noch immer glaubt, ein schneller Ausstieg aus den konventionellen Energieträgern
    Kernkraft, Kohle etc. hin zu den volatilen (unsteten) "Erneuerbaren" wie Wind und PhotovoltaIk
    sei allein durch deren Vervielfachung ("Verspargelung" und "Verspiegelung") weiterer Land-
    und Gebäudeflächen - ohne Großspeicher-Möglichkeiten und ohne eine konventionelle
    Stand-by Kraftwerksarmada zur Last-Absicherung für "Kalt-Dunkel-Flauten" sei in mittlerer Zukunft
    zu erreichen, der möge sich doch einmal die hervorragende Dokumentation des "Fraunhofer-
    Instituts ISE" auf www.energy-charts.de anschauen. Dort ist der zeitliche Verlauf der gesamten
    deutschen Stromerzeugung seit 2014 aus den verschiedenen Energieträgern incl. Import/Export
    und Börsenpreise - auch negative! - gezeigt. Leicht läßt sich erahnen, wie schwierig es bereits heute
    ist, die Stabilität des Stromnetzes lückenlos aufrecht zu erhalten - geschweige denn nach Abschaltung
    der grundlastsichernden Kern- und Kohlekraftwerke. Bereits jetzt werden schon "DSM"-Maßnahmen
    (demand-side-management) wie z.B zeitweises Herunterfahren von Industrieanlagen erforderlich. Kraftwerks-Stand-by, Großspeicher, DSM wird erhebliche Investitions- und Betriebs-Mehrkosten
    und somit Strompreis-Erhöhungen verursachen, die entweder vom Stromverbraucher oder über
    Steuern von der Allgemeinheit getragen werden müssen.

  • Leider kann ich dem Artikel nicht entnehmen, was hier technisch anders gemacht wurde, damit es funktioniert - und auch nicht wie lange das Inselnetz mit 30 Haushalten Bestand hatte. Und besonders, wie die Ausfallsicherheit sichergestellt wurde.
    Ein Beispiel für eine Ökostrominsel, über das man leider nichts liest, ist die Insel El Hierro auf den Kanaren. Dort wurde auch mit großem TamTam der Umstieg auf Ökoenergie angegangen, Pumpspeicher und Windenerige ausgebaut......mit dem Ergebnis dass der Strom inzwischen 4x so viel kostet wie vorher und man immerhin schon 2h (insgesamt, nicht am Tag!) auf das Dieselkraftwerk verzichten konnte....

  • "Die Energiewende in Deutschland stockt" - daran kann auch die euphorische Berichterstattung
    über ein kleines Dorf im Allgäu, welches temporär die Energieautarkie erprobt hat, nicht weg von der
    grundsätzlichen Problematik der Ökoenergie-Nutzung im betriebs- und volkswirtschaftlichen
    Vergleich zu anderen Ländern, mit denen die Exportnation Deutschland im (über)lebenswichtigen
    Wettbewerb steht. Abgesehen von Laufwasserwerken und Biomasse-Strom-Anlagen - welche relativ
    stetig laufen können, aber nur einen geringen Anteil an der Stromerzeugung haben - sind Windkraft
    und Photovoltaik naturgemäß unstetig von Null bis zum Übermaß, so dass ohne Parallel-Kapazität
    konventioneller Kraftwerke oder/und (nicht vorhandener) Großspeicher keine ununterbrochene
    Strom-Versorgung möglich ist.
    Mag es noch für ein Dorf mit Privathaushalten möglich sein, den Stromverbrauch - auch unter Verwendung von Batteriespeichern im Keller und intelligente Anpassung des Stromverbrauchs für Spül- , Wasch-
    Maschine, E-Auto etc. an die variierende Stromerzeugung über einen gewissen Zeitraum im Sommer
    anzupassen, stellt sich bereits im Winter die Frage, woher bei marginaler Sonnen-Einstrahlung die
    Energie kommen sollte, vom zusätzlichen Betrieb der Heizung einmal ganz zu schweigen.
    (Soweit mir bekannt gab es einen derartigen Versuch mit Energieautarkie auch auf der Insel Pellworm,
    der aber sang- und klanglos abgebrochen wurde).

    Die effektiven Kosten einer kWh Strom sind nicht mit den Installations- und Betriebskosten von
    Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen abgegolten, sondern letztendlich nur unter Berücksichtigung
    der zusätzlich notwendigen Netz- und Speicher-Kosten zu fixieren - was leider von den Ideologen
    und Lobbyisten der Öko_Energien möglichst verschwiegen wird. Deswegen kann ich sehr gut die
    Politiker, die sich mittlerweile wohl der egativen Konsequenzen für Deutschlands industrielle Wettbewerbsfähigkeit bewußt werden verstehen, dass der EE-Ausbau gezügelt wird.


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