Energie

Windkonzern Siemens Gamesa lässt die Krise hinter sich und strebt Marktführerschaft an

Das Joint-Venture ist mit vielen Problemen gestartet. CEO Tacke sieht nun ein Ende des Preiskampfes in der Windbranche – und startet eine Aufholjagd.
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Siemens Gamesa: Windkraftkonzern will an die Spitze Quelle: Paul Langrock/Zenit/laif
Windräder

Nach massivem Preisverfall könnte es für die Branche langsam wieder aufwärts gehen.

(Foto: Paul Langrock/Zenit/laif)

MadridSiemens und Gamesa waren ehrgeizig gestartet. Als der deutsche Technologiekonzern vor einem Jahr seine Windsparte mit dem spanischen Turbinenbauer fusionierte, gaben die beiden Partner ein vollmundiges Ziel aus: Gemeinsam wollen sie zum weltgrößten Windradhersteller aufsteigen.

Das erste Jahr war aber ernüchternd. Siemens Gamesa schockierte mit gleich zwei Gewinnwarnungen, die Umsätze sanken statt zu steigen, der Aktienkurs halbierte sich zwischenzeitlich, der Großaktionär Iberdrola war verärgert – und das Ziel, die Nummer eins zu werden, hat das deutsch-spanische Joint Venture bislang verfehlt.

Der Start ist also alles andere als geglückt. CEO Markus Tacke lässt sich aber nicht entmutigen. „Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir im Jahr 2020 die Marktführerschaft übernehmen können“, sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Schwieriger Start

Tacke ist überzeugt, dass der Wendepunkt erreicht ist. „Wir hatten sehr hohe Auftragseingänge in den vergangenen drei Quartalen.“ Die Auftragsbücher sind prall gefüllt – und in den ersten drei Monaten des Jahres schrieb das Unternehmen schon wieder schwarze Zahlen. Unter dem Strich stand ein Nettogewinn von 35 Millionen Euro.

Den schwierigen Start will Tacke aber nicht schönreden. Ja, die Integration sei nicht so schnell gelaufen, wie er sich das vorgenommen habe, räumt er ein. Seit April 2017 sind die beiden Konzerne offiziell miteinander verschmolzen. Siemens hält 59 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen. Dem ehemaligen Gamesa-Großaktionär Iberdrola gehören jetzt acht Prozent.

Das neue Unternehmen wurde aber von der Krise in der weltweiten Windbranche stärker erwischt als erwartet. Seit Jahren erodieren die Preise. Weil rund um den Globus die Ökostrom-Förderungen gekappt werden, müssen die erfolgsverwöhnten Anbieter sich im Wettbewerb um die Höhe der Vergütungen streiten.

Die Umstellung von staatlich garantierten Einspeisesystemen auf Auktionen, in denen der billigste Anbieter den Zuschlag bekommt, setzt der Industrie enorm zu. Kurz vor dem Börsengang brach überraschend sogar der indische Markt ein, wo Gamesa bis dahin ein Drittel des Umsatzes erwirtschaftet hatte.

Tacke ist aber überzeugt, dass der zermürbende Preiskampf der vergangenen Jahre nun bald zu Ende sei. „Nun macht eine Schwalbe zwar noch keinen Frühling“, sagt er. Aber die Preise lägen seit drei Quartalen auf demselben Niveau, das spreche für eine Stabilisierung des Marktes.

Beispiel Deutschland: Ende vergangenes Jahr lag der Durchschnittspreis für eine Kilowattstunde (KWh) Windstrom an Land hier noch bei 3,8 Cent. In der letzten Ausschreibungsrunde im Mai dagegen gab es für eine KWh schon wieder 4,7 Cent im Schnitt. Auch Analyst Arash Roshan Zamir von Warburg Research hält ein Ende der Preiserosion für realistisch: „Wenn sich der Trend der jüngst erzielten Durchschnittspreise in den kommenden Auktionen fortsetzen sollte, können wir in der Tat davon ausgehen, dass der Preisdruck abnehmen wird.“

Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstitutes Windresearch und der Branchenmesse Windenergy Hamburg ist die Stimmung unter den Unternehmen auch wieder etwas positiver als noch vor einem Jahr. Ab 2020 rechnet die Mehrheit der Windenergie-Manager sowohl für On- als auch Offshore mit Aufwind.

Siemens Gamesa und Tacke werden ihre Zuversicht am Dienstag in Cuxhaven demonstrieren. In Anwesenheit von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier wird dort ein brandneues 200 Millionen Euro teures Offshore-Turbinenwerk offiziell eröffnet. 30 Meter hoch, 320 Meter lang und 160 Meter breit misst der silberfarbene Industriekomplex an der Nordsee.

Knapp 1.000 neue Arbeitsplätze sollen hier entstehen. Für die 6.000 Mitarbeiter, die Siemens Gamesa insgesamt entlässt, ist das kein Trost. Aber für Tacke ist es ein Symbol dafür, dass es wieder aufwärts geht. Sowohl mit Siemens Gamesa, als auch mit der Windkraftbranche.

Die Trendwende kann vor allem Siemens Gamesa gut gebrauchen, wenn der Sprung an die Weltspitze gelingen soll. Im Vergleich mit Vestas, dem Branchenprimus aus Dänemark, schneidet der Windradbauer schlecht ab. Vestas leidet zwar ebenfalls unter der Krise, ist aber deutlich profitabler als Tackes deutsch-spanisches Gespann. So rechnen die Dänen für dieses Jahr mit einer Gewinnmarge von neun bis elf Prozent, während Siemens Gamesa aktuell bei 8,4 Prozent liegt und auch für das Jahr 2020 nur acht bis zehn Prozent in Aussicht stellt.

„Vestas hat sich vor drei Jahren nach der schweren Krise im Markt erfolgreich fokussiert“, gibt Tacke zu. Sein Unternehmen selbst müsse da natürlich noch ein paar Hausaufgaben machen. Trotzdem ist er überzeugt, dass Siemens Gamesa 2020 die Marktführerschaft erreichen kann. Schon jetzt sei man führend, was die weltweit installierte Leistung angehe, hält Tacke fest. Das Ziel sei es aber, in allen drei Bereichen Wachstum, Kosten und Technologie als „relevanter Spieler“ wahrgenommen zu werden. „Erst das macht für mich eine Nummer eins“, erklärt er.

Wachstum in China

Der 53-Jährige sieht weltweit neue Chancen für Wachstum. Es gebe einige Länder, in denen der Ausbau der Windkraft gerade erst begonnen habe. Während der europäische Markt stagniert, boomen Zukunftsmärkte wie Taiwan und Südamerika. Aber auch China und die USA investieren gerade massiv in den Ausbau der erneuerbaren Energien im eigenen Land. Da setzt Tacke besonders auf das Geschäft mit der Windenergie auf See.

Politische Umschwünge könnten zwar auch hier den Aufschwung bremsen. Die Folgen für die von US-Präsident Donald Trump verhängten Einfuhrzölle auf Stahl auf die Turbinenhersteller müssen sich erst noch zeigen. Immerhin ist nahezu das gesamte Gehäuse der durchschnittlich 138 Meter hohen Kolosse aus dem Material. Tacke versichert jedoch, dass ihm das keine allzu großen Sorgen mache, schließlich habe man auch zwei Produktionsstätten in den USA selbst.

Und wenn China, als einer der letzten Staaten weltweit, sich dazu entscheidet ebenfalls von festgelegter Vergütung auf freie Ausschreibungen umzuschwenken, könne das sogar von Vorteil sein. „Die chinesische Regierung hat es bewusst so gelenkt, dass die Vergütung den Markt nie so entspannt hat wie in anderen Ländern. Es kann auch sehr gut sein, dass ein Auktionsverfahren hier sogar höhere Preise im Ergebnis erzielt, weil es dann ein im Wettbewerb ausgehandelter Preis ist, und kein staatlich gesetzter“, glaubt der CEO.

Asien und insbesondere China sind ein wichtiger Markt für Siemens Gamesa. In der Region schafft es das Unternehmen neben dem indischen Hersteller Suzlon sogar als einziger nicht-chinesischer Konzern unter die Top 10 der Turbinenbauer, die im vergangenen Jahr Windräder ans Netz bringen konnten.

Und China ist der am rasantesten wachsende Windmarkt der Welt. Laut dem Global Wind Market Update des Marktforschungsinstituts FTI Intelligence führt Peking in den nächsten Jahren die Rangliste der geplanten Neuinstallationen mit weitem Abstand vor den USA und Indien an. „Die Entwicklungen auf dem chinesischen Markt verfolgen wir deswegen mit größtem Interesse“, sagt Tacke.

Erfolge muss Tacke, der kurz nach der Gründung des Joint-Ventures zum CEO bestellt wurde, schnell präsentieren. Insbesondere der spanische Großaktionär Iberdrola, der acht Prozent an dem Joint Venture hält, sieht den Deutschen kritisch. Iberdrola-Chef Ignacio Galán war mit der Entwicklung des Unternehmens so unzufrieden, dass er im vergangenen Jahr aus Protest sogar den Großteil der Service-Aufträge seiner Windparks mit Siemens Gamesa beendete.

Galán warf Siemens-Chef Joe Kaeser vor, das Gemeinschaftsunternehmen wie eine Filiale zu führen. Kaeser musste Anfang April eigens für ein Treffen mit Galán nach Madrid reisen, um die Wogen zu glätten. Doch es half nichts. Das Verhältnis von Iberdrola zu Siemens und Tacke ist nach wie vor angespannt.

Der Siemens-Gamesa-CEO weist die Bedenken zurück: „Natürlich ist Siemens der Großaktionär und will Synergien zwischen der Siemens AG und Siemens Gamesa nutzen können“, sagt Tacke. „Aber der Einfluss der Siemens AG findet über den Aufsichtsrat statt. Der tagt einmal im Monat und dem bin ich Rechenschaft schuldig, mehr nicht.“

Für Siemens ist es wichtig, dass der Zusammenschluss gut funktioniert: Siemens Gamesa ist das erste Beispiel für die neue Strategie der Münchener, einzelne Sparten aus dem Konzern heraus zu nehmen. Das Ziel ist es, die Sparten damit schneller zu machen als sie das in einem großen Konzern sein können. „Deshalb muss Siemens die Flotten über den Aufsichtsrat so führen, wie das überall passiert – die Aufsichtsrat-Entscheidungen müssen im Interesse des Unternehmens getroffen werden ohne Kompromisse zu Gunsten von Konzerninteressen“, sagt Tacke.

Experten gehen davon aus, dass Galáns Kritik auf eine Vereinbarung im Fusionsvertrag abzielt. Diese besagt, dass Siemens Iberdrola die Aktien zu einem Vorzugspreis abkaufen muss, wenn der Konzern gegen Vereinbarungen aus dem Fusionsvertrag verstößt. Galán hatte die spanische Marktaufsicht CNMV gebeten, diese Klausel zu prüfen. Anfang Mai hat die CNMV aber erklärt, sie sehe derzeit keinen Anlass dafür, dass Siemens Iberdrola ein Kaufangebot für deren Aktien machen müsse.

Positive Signale

Seitdem ist Galán ruhiger geworden. Das könnte auch daran liegen, dass die Zahlen sich etwas erholt haben. Analysten loben vor allem die hohen Auftragseingänge. „Im Moment erfüllt Siemens Gamesa die gesteckten Ziele und die Aktie hat sich deutlich von ihren Tiefstständen erholt“, sagt Ángel Pérez von der spanischen Investmentbank Renta 4. „Die größte Unsicherheit besteht gerade darin, dass wir nicht wissen, zu welchen Preisen und zu welchen Margen Siemens Gamesa die neuen Aufträge abschließt, das gilt vor allem für den Offshore-Bereich.“

Tacke versichert jedoch, dass er Aufträge auch ablehne, die sich für das Unternehmen nicht rechnen. „Wir haben auch eine Reihe von Aufträgen im zweiten Quartal nicht angenommen, weil die Margen für uns nicht ausreichend waren“, beteuert er.

Auch von den Arbeitnehmervertretern kommen trotz der Stellenkürzungen positive Signale. „Kurz nach dem Zusammenschluss haben sich die Prozesse und Aufträge paralysiert, alle Entscheidungen mussten mit München abgesprochen werden“, sagt Francisco Méndez von der größten spanischen Gewerkschaft CCOO. „Aber inzwischen hat sich die Lage normalisiert und es läuft wieder alles deutlich schneller.“

Nicht ganz so entspannt sieht Meinhard Geiken, Bezirksleiter bei IG Metall Küste in die Zukunft: „Das Werk in Cuxhaven setzt mit seiner Tarifbindung zwar einen Standard für die Windindustrie, aber von 1000 Arbeitsplätzen ist schon lange keine Rede mehr“, warnt Geiken.

Die Stimmung bei Mitarbeitern von deutschen Windkraftunternehmen sei immer noch extrem angespannt. Bei den 213 Stellen, die Siemens Gamesa bis Ende nächsten Jahres in Deutschland abbauen will, werde es mit Sicherheit nicht bleiben.

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