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Energie

World Energy Outlook Weltenergieagentur warnt: Klimaziele werden verfehlt

Trotz aller Ankündigungen der internationalen Politik sind die Klimaziele in Gefahr. Wenn die Weltgemeinschaft einfach so weitermacht, wird es düster.
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Die Anstrengungen reichen nicht aus, warnen Experten.  Quelle: dpa
Klimawandel

Die Anstrengungen reichen nicht aus, warnen Experten. 

(Foto: dpa)

Düsseldorf Seit Monaten scheint es überall nur ein Thema zu geben: Klimaschutz. Der Kohleausstieg ist beschlossene Sache, die Elektromobilität soll noch mehr gefördert werden und Ölheizungen und Plastiktüten wird es in Deutschland vermutlich auch nicht mehr lange geben. Der neueste World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur (IEA) verpasst der Aufbruchsstimmung hierzulande jetzt allerdings einen Dämpfer: „Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir die Klimaziele verfehlen“, warnt IEA-Chef Fatih Birol im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Die Anstrengungen, die viele Länder in Sachen Klimaschutz angekündigt haben, reichten schlicht nicht aus, um den Effekt einer immer weiterwachsenden Wirtschaft und der steigenden Weltbevölkerung aufzuwiegen, heißt es in dem Bericht. Zu demselben Ergebnis kam auch die Studie „Brown to Green“. Sie untersucht die Klimapolitik der 20 wichtigsten Staaten der Erde (G20). Keiner der Staaten befindet sich auf einem Kurs, der geeignet erscheint, das im Pariser Klimaabkommen verabredete Limit des Temperaturanstiegs von 1,5, höchstens zwei Grad Celsius einzuhalten. Da sind sich die Experten einig. „Im Moment läuft alles in die falsche Richtung“, sagt Birol. 

Denn auch wenn der Anteil erneuerbarer Energien schneller wächst als alle anderen Energieformen, bleiben fossile Energieträger wie Öl, Kohle und Gas mit 80 Prozent die unerschütterlichen Säulen der globalen Energiewelt.

Besonders Öl und Gas werden nach Ansicht der IEA-Experten in den nächsten Jahrzehnten auch weiterhin eine tragende Rolle spielen, angefeuert von den billigen Schieferprodukten, mit denen US-amerikanische Firmen den Weltmarkt fluten. „Wir haben ein Überangebot an billigem Schieferöl und Gas auf dem Markt, dass hat den Ölpreis trotz aller Anstrengungen der erdölfördernden Staaten (OPEC) in diesem Jahr im Durchschnitt auf 60 Dollar pro Barrel gehalten“, erklärt Birol. 

Wenn die USA in diesem Tempo weiter produzierten, wären sie in zwanzig Jahren für 85 Prozent des weltweiten Ölproduktionswachstums verantwortlich. Die Marktmacht der Opec-Staaten und Russland würde weiter schwinden und damit auch die Möglichkeit in die Ölpreis-Entwicklung einzugreifen. Ein niedriger Ölpreis, so wie in diesem Jahr, könnte den Verbrauch des schwarzen Rohstoffs weiter ankurbeln und damit einen Trend befeuern, der die Energiebilanz noch verschlechtern dürfte: den SUV-Boom.

Obwohl die IEA sich normalerweise nicht mit einzelnen Produkttrends beschäftigt, habe man sich entschieden dieses Jahr eine Ausnahme beim Thema SUVs zu machen, schreiben die Experten. Die Auswirkung des Trends hin zu großen Geländewagen seien schlichtweg zu groß, um sie weiter zu ignorieren. Die Anzahl von SUVs weltweit hat sich nach Berechnungen der IEA in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt.

„Wenn die Beliebtheit von SUVs im Einklang mit den jüngsten Trends weiter zunimmt, könnte das 2 Millionen Barrel Öl mehr pro Tag bis 2040 bedeuten“, heißt es in dem Report. Die übergroßen Gefährte verbrauchten mehr Treibstoffe und stoßen somit auch mehr CO2 aus. SUVs leisteten laut der IEA den zweitgrößten Beitrag zum Anstieg der weltweiten CO2-Emissionen seit 2010 - mehr als die Schwerindustrie, Lkw, Luft- oder Schifffahrt; nur der Ausstoß der Stromerzeuger mit vielen neuen Kohlekraftwerken stieg in diesem Zeitraum noch deutlich stärker an. Und das ist in den Augen der Experten das drängendste Problem: Kohlekraftwerke. „Die Kohle ist definitiv der größte Emissionsproduzent der Welt“, sagt Birol.

Aktuell sind weltweit Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 579 Gigawatt (GW) in Planung, wie die Global Coal Exit List ausweist. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt die installierte Leistung über alle Erzeugungsarten etwas mehr als 200 GW. Damit würde sich die weltweit in Kohlekraftwerken installierte Leistung von aktuell rund 2000 Gigawatt mit den zusätzlichen 579 GW um 29 Prozent erhöhen – wenn alle Projekte realisiert werden. In den vergangenen zwanzig Jahren gingen 90 Prozent aller neu gebauten Kohlekraftwerke auf Asien zurück.

Kohle ist das drängendste Problem 

Dabei mahnt der von den Vereinten Nationen eingesetzte Weltklimarat IPCC eine Stilllegung von 78 Prozent der weltweiten Kohlekraftwerkskapazitäten bis 2030 an. Nur so könnte das Ziel erreicht werden, die Erderwärmung auf 1,5 Prozent zu begrenzen – falls es nicht noch überraschende technologische Durchbrüche bei der Bekämpfung des Treibhausgases CO2 geben sollte.

Die meisten Kohlekraftwerke werden aktuell in China geplant oder gebaut mit einer Kapazität von 227 GW. In Indien sind es 92 GW und in der Türkei auch noch 34 GW. Es folgen Vietnam, Indonesien, Bangladesch, Japan, Südafrika, die Philippinen und Ägypten. In der EU hat Polen große Pläne und will 6,9 GW installieren. Und hier liegt in den Augen Birols das größte Problem: „Diese Länder können es sich nicht leisten ihre Kohlekraftwerke frühzeitig vom Netz zu nehmen“, sagt er. Deswegen empfiehlt die IEA einen für viele Klimaaktivisten sicher gewöhnungsbedürftigen Weg.

Nur mit Techniken der Abscheidung, Nutzung und Speicherung des Kohlenstoffs (CCUS), könne das drängendste Problem im Kampf gegen den Klimawandel noch in den Griff bekommen werden. 

Gerade Ölunternehmen setzen große Hoffnung auf die technologischen Entwicklungen in diesem Bereich. Total will pro Jahr 100 Millionen Dollar in die CO2-Abscheidung und -Verwendung, aber auch in die Speicherung des klimaschädlichen Gases (Carbon Capture and Storage, kurz CCS) stecken. In Norwegen arbeitet der Konzern zusammen mit Shell und dem norwegischen Energieunternehmen Equinor an dem Projekt „Northern Lights“. In Kollsnes soll in leeren Öl- und Gasfeldern das erste Kohlendioxid-Zwischenlager der Welt entstehen. Im Gegensatz zu einer Weiterverarbeitung des Treibhausgases ist eine solche Speicherung von CO2 jedoch nicht unumstritten. 

Aber CCUS-Technologien alleine reichen nicht aus. Auch Gas, besonders in Form von LNG und Atomenergie werden in Birols Augen zukünftig benötigt, wenn man die Ziele des Pariser Klimaabkommens noch erreichen will. Einfache Lösungen gebe es nicht. „Aber ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich große Hoffnungen habe, dass wir die Klimaziele noch erreichen werden“, sagt Birol.

Mehr: Der SUV-Wahnsinn – Warum die Autoindustrie sehenden Auges in eine Falle tappt.

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