Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Absage des Milliardenprojekts Amazon scheitert an New York

Amazon kehrt New York den Rücken zu. Die Absage des Baus einer weiteren Unternehmenszentrale wird für den Onlinegiganten zum kommunikativen Alptraum.
Kommentieren
Der US-Konzern baut nun doch keine zweite Konzernzentrale in New York. Quelle: Reuters
Amazon

Der US-Konzern baut nun doch keine zweite Konzernzentrale in New York.

(Foto: Reuters)

New York, San FranciscoEs ist eine krachende Niederlage für Jefff Bezos. In einer spektakulären Kehrtwende verabschiedet sich der weltgrößte Onlinehändler und Marktführer im Milliardenmarkt Cloud Computing jetzt von seinen Plänen, in Long Island City im New Yorker Stadtteil Queens ein weiteres Hauptquartier für Tausende von Mitarbeitern zu erstellen.

Eine Handvoll lokaler Politiker habe gezeigt, dass man nicht mit Amazon zusammenarbeiten wolle, wie es nötig wäre, ist die Begründung. Man werde die Suche nach einem weiteren Standort nicht wieder eröffnen, heißt es vonseiten Amazons knapp. Die Pläne für eine weitere Neben-Zentrale in Arlington nahe Washington und ein Logistikzentrum in Nashville, Tennessee, blieben von der Entscheidung unberührt.

Mit einer weltweit einzigartigen PR-Kampagne hatte Amazon über ein Jahr lang erst den Standort für ein zusätzliches Hauptquartier gesucht, dabei gigantische Datenberge von 238 Bewerberstädten gesammelt, dann die Liste unter weltweiter Aufmerksamkeit auf 20 Finalteilnehmer reduziert, um dann schließlich zwei statt einen Standort zu benennen. Sie sollten die potenziell 50.000 neuen Arbeitsplätze unter sich aufteilen.

Die teilweise peinlichen Verrenkungen, die Politiker und Stadtoberhäupter im Zuge des Ausleseverfahrens an den Tag gelegt hatten, um das Wohlwollen des Unternehmens zu erringen, hatte in der Führungsriege um Jeff Bezos in Seattle wohl zu so etwas wie eine Art kollektivem Höhenrausch geführt. Zumal sich Städte und Bundesstaaten auch nicht lumpen ließen. Sie legten Bezos für eine Zusage milliardenschwere Steuergeschenke und Infrastrukturhilfen vor die Füße. New York und Arlington zusammen sollen weit über zwei Milliarden Dollar Steuergeschenke angeboten haben.

Doch in New York hat sich Bezos mit den Falschen angelegt. In der datengestützten Auswahl der Lieblingsstandorte waren Kriterien wie Flughafenanbindung, Autobahnen, öffentlicher Nahverkehr, Platz für Büroneubauten oder Hochschulen und Restaurants in Reichweite offenbar überbewertet. Die menschliche Seite dagegen unterbewertet, wie sich herausstellte.

Während Immobilienmakler und –entwickler in fieberhafte Aktivitäten ausbrachen und die ohnehin hohen Wohnungsmieten noch einmal zu steigen begannen, formierte sich also der Widerstand. Örtliche Politiker wie die junge Abgeordnete des Repräsentantenhauses Alexandria Ocasio-Cortez, die ihren Wahlbezirk auch in Queens hat, warnten offen vor den Konsequenzen der Ansiedlung für Bürger, Wohnraum und Mieten.

Befürworter wie Andrew Cuomo, Gouverneur des Bundesstaates New York, glauben dagegen, dass eine „kleine Gruppe von Politikern ihre eigenen kleinlichen politischen Interessen über die der Gemeinschaft“ stellen würden. Die Gegner der Ansiedlung müssten „haftbar“ gemacht werden, so Cuomo, der gescherzt hatte, er werde seinen Vornamen in „Amazon“ ändern, wenn der Deal klappen würde.

Deutlich andere Töne schlägt dagegen New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio an. „Man muss stark sein, wenn man es in New York schaffen will“, schrieb er in einem Post auf Facebook. „Wir haben ihnen die Chance gegeben, gute Nachbarn zu werden und sich in der besten Stadt der Welt niederzulassen. Aber anstatt mit uns zu arbeiten, wirft Amazon einfach alles hin. Wir haben die Talente und wachsen jeden Tag in einer fairen Wirtschaft für jedermann. Wenn Amazon diesen Wert nicht erkennen kann – seine Wettbewerber werden es.“

Die Katastrophe nahm offenbar im Dezember ihren Lauf. Da stellten sich zwei Amazon-Manager in einer Anhörung Vertretern des New York City Council, wo sie zu Fragen der Arbeitsmarktpolitik und anderem befragt wurden. So wollten die Stadtvertreter sicherstellen, dass Amazon in erheblichem Umfang Arbeitskräfte aus Queens einstellen werde, und zwar Mitarbeiter aller Hautfarben.

Das war auch der Zeitpunkt, als klar wurde, dass die gesamten Vergünstigungen, die Amazon zugesagt bekommen hatte, auf über 2,5 Milliarden Dollar ansteigen könnten. Diese Zahlen waren bis nach Annahme der Verträge nicht öffentlich gemacht worden. Amazon, so berichten US-Medien, sei von der Wucht des Widerstands völlig überrascht gewesen, dem sich auch führende Gewerkschaften angeschlossen hatten. Amazon ist erklärter Gegner von gewerkschaftlichen Organisationen.

Was sie tatsächlich vor sich hatten, wurde den Managern aus Seattle, die in ihrer Heimatstadt praktisch schalten und walten können, wie sie wollen, dann wohl klar, als ihr schärfster Kritiker, der New Yorker Senator Michael Gianaris, in ein Komitee mit Vetorechten bei praktisch allen Entscheidungen über das Vorhaben gewählt wurde. „Das heutige Verhalten zeigt klar“, so Gianaris nach Amazons Abgang, „dass Amazon ein schlechter Partner für New York gewesen wäre.“

Die New Yorker Gewerkschaft für Einzelhandel begrüßte den Rückzug Amazons rundheraus: Statt die berechtigten Bedenken vieler New Yorker anzusprechen, habe Amazon klargestellt, es zu machen, „so wie wir es wollen, oder gar nicht“, heißt es in einer Stellungnahme.

Elizabeth Warren, eine der demokratischen Präsidentschaftsanwärterinnen für die US-Wahlen 2020, wird besonders drastisch: „Amazon, eines der reichsten Unternehmen der Welt, lässt einfach Milliarden Dollar Steuergeschenke links liegen, weil ein paar Politiker sie nicht lieb genug hofieren. Wie lange wollen wir es solchen gigantischen Unternehmen noch erlauben, unsere Demokratie als Geisel zu halten.“

Was die Kandidatin anspricht, ist eine jahrzehntelang geübte Praxis von Unternehmen wie Foxconn oder Tesla: Standorte politisch gegeneinander auszuspielen, bis die maximale Förderung bei möglichst geringer Gegenleistung erreicht wird. Das gleiche gilt für Sportteams. Sie wechseln von Stadt zu Stadt nach der Zusage für neue Stadien und Transferzahlungen und ziehen dann nach ein paar Jahren weiter.

So wie jetzt die Oakland Raiders, die nach Las Vegas umziehen. Das bringt den Eigentümern dreistellige Millionenbeträge und Oaklands Steuerzahler sitzen auf dem alten Raiders-Stadion, während die Steuerzahler in Las Vegas für 1,9 Milliarden Dollar das neue bauen. Die Stadt Oakland hat das Football-Team jetzt auf Schadenersatz verklagt.

An der Börse zeigte die Amazon-Aktie nur verhaltene Reaktionen auf die Nachricht, sie sank um gut ein Prozent. Die Tatsache, dass man nach jahrelanger Suche einfach so mal erklären kann, man brauche eigentlich gar keine 25.000 neue Arbeitsplätze in New York, wenn man nicht willkommen ist, erstaunt offenbar nur wenige.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Absage des Milliardenprojekts - Amazon scheitert an New York

0 Kommentare zu "Absage des Milliardenprojekts: Amazon scheitert an New York"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote