Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Absturz der 737 Max Brisanter Untersuchungsbericht erhöht den Druck auf Boeing

Ein vorläufiger Bericht bestätigt: Die Crew der Ethiopian hat nach Boeing-Vorgaben gehandelt. Das nährt Spekulationen, wie sich der Absturz abgespielt haben könnte.
Update: 04.04.2019 - 12:55 Uhr Kommentieren
Boeing-Chef Dennis Muilenburg (hinter den Piloten) sitzt in einem Flugsimulator, in dem die neue Software für die 737 Max getestet wird. Quelle: AFP
Im Flugsimulator

Boeing-Chef Dennis Muilenburg (hinter den Piloten) sitzt in einem Flugsimulator, in dem die neue Software für die 737 Max getestet wird.

(Foto: AFP)

Frankfurt Es sind keine guten Nachrichten, die der Flugzeughersteller Boeing an diesem Donnerstagmorgen aus Äthiopien vernehmen musste. Aus einem Bericht des dortigen Transportministeriums geht hervor, dass die Crew des Unglücksfluges ET302 die fast werksneue 737 Max nicht unter Kontrolle bekam, obwohl sie alle aktuellen Anweisungen des Herstellers für den entsprechenden Notfall befolgte. Das erklärte am Morgen die zuständige Ministerin Dagmawit Moges in Addis Abeba.

Der Untersuchungsbericht ist zwar erst vorläufig. Doch sein Inhalt ist äußerst brisant. Denn er liefert Hinweise darauf, dass die Probleme mit dem Boeing-Modell 737 Max größer sein könnten als gedacht. Dafür spricht auch die Tatsache, dass die US-Luftfahrtaufsicht FAA das von Boeing schon vor einigen Tagen vorgestellte Software-Update für die Steuerung des Jets nicht abgenommen hat und Nachbesserungen verlangte.

Darum geht es im Detail: Für die zwei Unglücke – fünf Monate vor dem Absturz in Äthiopien war bereits eine Max der Lion Air in Indonesien verunglückt – wird eine Software mit dem Namen MCAS verantwortlich gemacht. Sie soll eigentlich dafür sorgen, dass der Jet sicherer fliegt.

Die Max ist eine modernisierte Version der seit 1967 in Betrieb befindlichen 737. Sie soll effizienter fliegen. Die dafür notwendigen Triebwerke sind größer, müssen deshalb näher am Rumpf und weiter vorne an den Flügeln montiert werden.

Diese Umstände haben die Flugeigenschaften des Jets massiv verändert. Er neigt nun dazu, zu schnell und zu steil aufzusteigen – mit der Folge eines drohenden Strömungsabriss und eines Absturzes. MCAS soll dafür sorgen, dass der Jet in einem solchen Fall automatisch die Nase senkt, also ohne Eingriff der Piloten.

Nach dem ersten Absturz von Lion Air zeigte sich aber, dass MCAS zu aggressiv agiert – vor allem, wenn das System wie bei Lion Air durch falsche Daten eines Sensors gespeist wird. Die Piloten des Jets versuchten wieder und wieder, diesen nach oben zu ziehen. Die Software aber drückte ihn immer wieder und immer stärker nach unten, bis der Absturz nicht mehr zu verhindern war.

Daraufhin gab Boeing ein Bulletin heraus, in dem das Unternehmen darauf hinwies, wie MCAS abgestellt wird und die Piloten den Jet mit dem sogenannten Trimrad per Hand korrekt ausrichten können. Der Bericht aus Äthiopien belegt nun, dass die Crew von ET302 auch exakt diese Vorgaben befolgte, als ihr MCAS-System zu aggressiv eingriff.

Was dann passierte, ist zwar noch nicht bewiesen. Es gibt aber mittlerweile Theorien, die am Simulator zumindest grob bestätigt wurden. Darauf weist etwa das Fachportal Leeham hin.

Flugzeug könnte zu schnell geworden sein

Danach könnte das Absenken des Jets durch das MCAS-System dazu geführt haben, dass das Flugzeug deutlich an Geschwindigkeit gewonnen hat. Da das Flugzeug zu diesem Zeitpunkt kurz nach dem Start noch nicht sehr hoch flog, übt die um den Jet herumwirbelnde Luft an den Flügeln und an den Rudern einen erheblichen Druck aus.

Unter Umständen schaffte es die Crew nicht, das Ruder nach Abschalten des MCAS-Systems per Hand mit dem Trimrad gegen diese Kräfte auszurichten. In ihrer Not könnten sie die elektronische Trimmung wieder aktiviert haben, mit der Folge, dass MCAS die Nase erneut absenkte. Das sind aber lediglich Spekulationen, weil noch nicht alle Details belegt sind.

Vieles spricht allerdings dafür, dass sich das Drama von ET302 genau wie beschrieben abgespielt haben könnte. Dazu zählt nicht nur die erwähnte Nachstellung der Situation im Simulator. Dafür spricht auch, dass Ethiopian eine Airline ist, die bekanntermaßen einen hohen Sicherheitsstandard hat. Ihre Piloten wussten nach Aussage der Airline genau über die Probleme mit MCAS Bescheid. Zudem seien sie in einem eigenen Max-Simulator geschult worden.

Die neuen Erkenntnisse dürften nun die Debatte befeuern, ob Boeing und auch die FAA ausreichend auf den ersten Absturz von Lion reagierten. Wenn die Notfallprozedur im Bulletin einen Absturz letztlich nicht verhindern kann, liegt zumindest diese Frage auf der Hand. Auch eine weitere Diskussion dürfte neue Nahrung bekommen: War es wirklich sinnvoll, eine strukturell so alte Maschine wie die 737 noch einmal zu modernisieren?

Selbst intern war diese Entscheidung bei Boeing seinerzeit umstritten. Es gab auch Pläne für einen völlig neuen Kurz- und Mittelstreckenjet. Doch Airbus war mit der Modernisierung seiner A320 – allerdings ein Flugzeug, das deutlich später als die 737 in den Markt kam – vorgeprescht und sehr erfolgreich.

Boeing stand also unter einem erheblichen Handlungsdruck. Der könnte am Ende dazu geführt haben, dass ein Flugzeug entstanden ist, das anders als die bisherige 737 von den Piloten händisch nur schwer zu beherrschen ist. Boeing erklärte zum Bericht, dass man diesen nun prüfen werde.

Dennoch: Am Ende wird die Max wahrscheinlich ein erfolgreiches Flugzeug werden. Das Interesse der Airlines an dem Modell ist weiterhin groß. Denn sie brauchen eine Alternative zur A320-Familie. Es wird aber auch immer klarer, dass auf Boeing noch viel Nachbesserungsarbeit wartet. Die Modernisierung der 737 könnte sich noch als sehr teure Entscheidung entpuppen – teurer vielleicht als eine komplette Neuentwicklung.

Startseite

Mehr zu: Absturz der 737 Max - Brisanter Untersuchungsbericht erhöht den Druck auf Boeing

0 Kommentare zu "Absturz der 737 Max: Brisanter Untersuchungsbericht erhöht den Druck auf Boeing"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote