Aeroflot, Pobeda, Sibir: Russische Airlines landen in Deutschland
Die staatliche Fluggesellschaft stemmt den Luftverkehr nach Deutschland derzeit fast im Alleingang.
Foto: ReutersMoskau. Die Werbung der russischen Billigfluggesellschaft Pobeda macht Biergartenlaune: Junge Leute in zünftiger Tracht strahlen den Betrachter an, der weiß-blaue Hintergrund ist ein Muster aus Brezen, Maßkrügen und Würsten. „Nach Bayern ab 999 Rubel!“, verspricht der Begleittext – mit umgerechnet 13 Euro ein konkurrenzlos günstiges Angebot. Dass die Fahrt vom Zielflughafen Memmingen in die Touristenhochburg München eineinhalb Stunden dauert und ebenso viel kostet wie der Flug, steht erst im Kleingedruckten.
Als Anfang März die erste Pobeda-Maschine von Moskau nach Memmingen flog, wurden die Passagiere am Ziel von Alphornbläsern mit Brezen begrüßt. Seit 2014 fahren immer weniger Russen ins europäische Ausland.
Wegen der Abwertung des Rubels sind Reisen in Euro-Länder für viele nicht mehr erschwinglich. Buchungsportale und Reiseveranstalter klagten bereits vergangenes Jahr über die bis zu 50 Prozent eingebrochene Nachfrage nach den einstigen Prestigezielen. Im Sommer 2015 verbrachten rund 30 Prozent weniger Russen ihren Urlaub in Deutschland als im Vorjahr, belegen Zahlen des Statistischen Bundesamtes.
Deutschlands größte Fluggesellschaft Lufthansa reagierte mit Rückzug auf die geschwundene Reiselust. Sie strich den Großteil ihrer Russlandflüge aus dem Programm, nachdem die Passagierzahlen um ein Sechstel zurückgegangen waren. Der Sommerflugplan der Airline 2016 bleibt übersichtlich: Von den zwei Drehkreuzen Frankfurt am Main und München aus steuert Lufthansa nur noch Moskau und Sankt Petersburg an.
„Unser derzeitiges Angebot deckt den Bedarf, auch wenn wir uns mehr wünschen würden“, erklärt Pressesprecher Thomas Jachnow. Die Billig-Tochter Eurowings fliegt aus neun verschiedenen Städten Moskau an. Neue Ziele in Russland seien nicht geplant, sagt Jachnow. Auch Konkurrent Air Berlin hat sich vom russischen Markt weitestgehend zurückgezogen.
Einmal im Jahr stellt das Flugunfallbüro Jacdec für das Fachmagazin „Aero International“ ein Sicherheitsranking der 60 größten Fluggesellschaften auf. Die Sicherheit berechnet sich nach der Anzahl der Ausfälle pro Flugkilometer, gewichtet um die Schwere des Unfalls und einen Landesfaktor. Da alle Unfälle der vergangenen 30 Jahre zeitlich gewichtet in die Statistik eingehen, schneiden viele Airlines wegen schwerer Unglücke in der Vergangenheit schlecht ab. Wir zeigen, welche 20 Airlines im Ranking die hinteren Plätze belegen.
Foto: apEine der größten Fluggesellschaften der Welt und in der Rangliste relativ weit hinten: American Airlines findet sich mit dem Jacdec-Index von 0,139 (ein niedriger Wert bedeutet höhere Sicherheit) auf Platz 41. Die Airline fusionierte zuletzt mit US Airways und behielt ihren Namen bei. American ist seit sechs Jahren unfallfrei. Doch erst 2001 gab es einen Absturz: Ein Airbus A300 stürzte mitten im New Yorker Stadtteil Queens ab, alle 260 Insassen starben.
Foto: ReutersMit dem Startjahr 1988 ist Air China eine der jüngeren Fluggesellschaften in der Rangliste, hat aber bereits zwei Flugzeugverluste erlitten. 2002 starben 129 Passagiere bei einem Absturz. Der Index liegt bei 0,142.
Foto: ReutersIm September 2011 wurde Alaska Airlines zu einer Geldstrafe von 590.000 US-Dollar verurteilt, nachdem es bei der Wartung einer Boeing 737 zu Regelverletzungen kam – und Jahre später ein Feuer ausbrach. Die letzte große Katastrophe liegt mittlerweile 16 Jahre zurück: Im Jahr 2000 stürzte eine Maschine in den Pazifik. Obwohl die Airline eher unbekannt ist, gilt sie als zukunftsgerichtet: Alaska Airlines war eine der ersten Fluggesellschaften, die Flugscheine und das Check-in über das Internet anbot. Der Index liegt bei 0,163.
Foto: apDie größte Fluggesellschaft des bevölkerungsreichsten Landes der Welt gehört zu den unsichersten Airlines der Welt. Das letzte tödliche Unglück geschah am 8. Mai 1997. Den Piloten des Flugs 3456 misslang bei schwerem Gewitter der erste Landungsversuch in Shenzhen. Bei einem zweiten schoss die Maschine aufgrund des durch den ersten Landeversuch beschädigten Fahrwerks über die Landebahn hinaus. 35 Menschen kamen dabei ums Leben. Index 0,193 – macht Platz 44.
Foto: AFPDie staatliche Fluggesellschaft Thailands war 2012 noch unter den „Top 10“ der unsichersten Airlines. Langsam arbeitet sie sich in sicherere Gefilde. Der letzte große Unfall datiert zwar auf 1998, doch kleine Pannen sorgen für eine schlechte Sicherheitsnote. Zum Beispiel kam im September 2013 ein Flugzeug bei der Landung am Flughafen Bangkok-Suvarnabhumi von der Landebahn ab, es wurden mehrere Personen verletzt. Der Index für 2015 liegt daher bei 0,216.
Foto: AFPDie Südkoreaner mussten in den vergangenen Jahren schwere Zwischenfälle melden. 2013 verunglückte eine Boeing beim Landeanflug auf den Flughafen von San Francisco. Die Maschine setzte vor der Landebahn auf und kam schwer beschädigt auf dem Rollfeld zum Stehen. Drei Personen wurden getötet und 181 Menschen verletzt. 2015 streifte ein Flugzeug beim Landeanflug auf Hiroshima eine Antenne – viele Passagiere wurden verletzt. Das beschert der Airline eine schlechtere Platzierung im Sicherheitsranking (Index 0,241). Drei Flugzeugverluste stehen in der Jacdec-Statistik.
Foto: apInsbesondere der Absturz einer McDonnell Douglas MD-87 in Mailand 2001 mit 110 Todesopfern und die Probleme mit der Bombardier Q400 im Jahr 2007 bescheren den Schweden eine negative Sicherheitsnote. Drei Zwischenfälle sorgten dafür, dass alle Q400 aus der Flotte entfernt wurden. Seitdem fliegt die SAS wieder unfallfrei (Index 0,279).
Foto: ReutersNeu in der Rangliste der unsichersten Fluggesellschaften der Welt ist Aeromexico (Index 0,343). Die Airline ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Der schwerste Flugzeugverlust mit 64 Todesopfern aus dem Jahr 1986 geht zeitlich gerade noch in das Rating ein.
Foto: dpaNordkoreanische Agenten zündeten 1987 eine Bombe in einer Maschine der südkoreanischen Airline. Doch acht Abstürze in 30 Jahren sind nicht allein terrorverschuldet. Der letzte Absturz der Airline liegt allerdings 17 Jahre zurück. Platz 49 mit einem Index von 0,362.
Foto: apAuch die größte türkische Airline sorgte in den vergangenen Jahren für Negativschlagzeilen. Im Februar 2009 stürzte eine Boeing 737 beim Anflug auf Amsterdam in unbewohntes Gebiet und brach auseinander. Von den 128 Passagieren und sieben Besatzungsmitgliedern an Bord kamen neun Menschen ums Leben. In den vergangenen 30 Jahren kam es zu sieben Abstürzen. Die aufstrebende Airline rückt bei Jacdec mit einem Index von 0,366 einen Platz herunter.
Foto: ReutersIn den 90er-Jahren hatte die panamaische Fluggesellschaft einen größeren Zwischenfall. Am 6. Juni 1992 stürzte eine Boeing 737 der Copa Airlines ab. 40 Passagiere und sieben Crew-Mitglieder kamen dabei ums Leben. Am 21. Oktober 2013 kam es bei der Fluggesellschaft zu einem Systemausfall, worauf 110 Flüge der Airline ausfielen. Index: 0,388.
Foto: apDie brasilianische Airline gehört zu den größten Billigfluggesellschaften der Welt und wurde im Jahr 2001 gegründet. Trotz der jungen Geschichte gab es bereits einen tragischen Absturz: Durch eine Kollision mit einem anderen Flugzeug stürzte 2006 eine Boeing 737 der Fluggesellschaft im Amazonas-Gebiet ab, alle 154 Menschen an Bord starben. Das führt zu Platz 52 mit einem Index von 0,547.
Foto: HandelsblattWährend die regionalen Konkurrenten Etihad und Emirates in der Sicherheitsstatistik obere Plätze belegen, tut sich Saudia schwer. Ein Absturz aus dem Jahr 1996 sorgt für eine negative Platzierung im Ranking (Index 0,548). Erst 2014 wurde eine Boeing 767-300 bei einer Notlandung auf dem Flughafen von Medina schwer beschädigt. Bei der folgenden Evakuierung des Flugzeuges wurden 29 der 299 Passagiere des Fluges verletzt.
Foto: ImagoSeit einem tragischen Absturz im Jahr 2007 rangieren auch die Brasilianer ziemlich weit hinten im Sicherheitsranking (Index 0,677). Auf dem Flughafen São Paulo schlitterte ein Airbus A320 über das Ende der Landebahn hinaus, rammte ein vierstöckiges Gebäude und ging in Flammen auf. Bei dem Unglück kamen fast 200 Menschen ums Leben. Aber es geht bergauf: 2013 war TAM noch die zweitunsicherste Airline der Welt.
Foto: dapdZwei tragische Katastrophen 2014 haben Malaysia Airlines im Ranking der unsichersten Fluggesellschaften der Welt tief fallen lassen. Zuerst riss am 7. März 2014 der Kontakt zum Malaysia-Airlines-Flug 370 ab. Das Flugzeug wurde bis heute nicht gefunden. Knapp vier Monate später stürzte Flug MH17 im umkämpften Gebiet der Ostukraine ab. Eine Flugabwehrrakete hatte das Flugzeug abgeschossen. Es spricht vieles dafür, dass russische Separatisten für den Abschuss verantwortlich waren. Im Vergleich zum Vorjahr erholt sich Malaysia Airlines um zwei Plätze (Index: 0,711).
Foto: ReutersGaruda Indonesia war in den vergangenen 30 Jahren in sechs schwere Unfälle verwickelt, bei denen 282 Menschen starben. Den letzten großen Zwischenfall gab es 2007, als eine Maschine bei der Landung in Flammen aufging. Es wurden 21 Menschen bei dem Unfall getötet. Index: 0,749.
Foto: AFPDie kolumbianische Fluggesellschaft wurde bereits 1919 gegründet. Die Airline ist so stark gewachsen, dass sie neu im Ranking aufgenommen wurde (Index: 0,998). In den vergangenen 30 Jahren gab es drei Flugzeugverluste mit 323 Todesopfern – der letzte im Jahr 1990. Seitdem ist Avianca unfallfrei.
Foto: ImagoDie Liste der Zwischenfälle bei China Airlines ist lang. Der letzte liegt mehr als acht Jahre zurück. Nach einer Landung in Okinawa fing eine Boeing 737 Feuer. Dabei wurde allerdings lediglich ein Besatzungsmitglied leicht verletzt. Der letzte große Zwischenfall ereignete sich im Jahre 2002: Aufgrund von Materialermüdung brach eine Boeing 747 der Airline während eine Fluges von Taipeh nach Hongkong vermutlich auseinander. Das Ranking ist mit einem Index von 1,047 unverändert schlecht.
Foto: AFPAuf dem zweiten Platz der unsichersten Airlines 2015 steht die Gesellschaft, die im Vorjahr noch an der „Spitze“ stand. Lion Air mit Sitz in Jakarta verzeichnete in ihrer Geschichte sieben Flugzeugverluste, davon einen mit Todesopfern. Außerdem hat die Airline ('Index: 1,058) auffällig viele Zwischenfälle bei Starts oder Landungen. Ein Unglück aus dem April 2013 war besonders spektakulär: Eine Maschine im Anflug auf den Flughafen Denpasar auf Bali kam vor der Landebahn im Meer auf und zerbrach in zwei Teile (Bild). Zum Glück überlebten alle 108 Insassen das Unglück.
Foto: apWieder im Ranking vertreten ist Vietnam Airlines – und steigt ausgerechnet als Schlusslicht wieder ein (Index: 1,094). Bei fünf Flugzeugverlusten in 30 Jahren kamen 171 Menschen ums Leben. Das letzte Unglück mit Todesopfern datiert auf das Jahr 1997.
Foto: ReutersIn die Lücke sind Russlands Fluggesellschaften vorgestoßen: Die staatliche Aeroflot stemmt den Luftverkehr nach Deutschland derzeit fast im Alleingang. Im Sommerflugplan steuert sie täglich Stuttgart, Dresden, Hamburg und Hannover an. Ihre Billig-Tochtergesellschaft Pobeda setzt mit Memmingen und Köln-Bonn auf schwächer frequentierte Ziele in Deutschland. Die private Aeroflot-Konkurrentin Sibir, bekannt unter der Abkürzung S7, fliegt vom Heimatflughafen in Nowosibirsk direkt nach München und Frankfurt. Aus Moskau bedient Sibir außerdem die Geschäftsreiseziele Düsseldorf und Berlin.
Ob sich durch das dichte Angebot bei den Russen auch mehr Reiselust einstellen wird, ist fraglich. Staatstreue Medien präsentieren Deutschland derzeit als chaotisch, dekadent und von Flüchtlingen überlaufen - einen Urlaub dort stellen sich viele Russen denkbar ungemütlich vor. Der Verlust russischer Gäste könnte die deutsche Tourismusbranche teuer zu stehen kommen: Nach einem Bericht der „Wirtschaftswoche“ entgingen ihr 2015 bereits Einnahmen von rund 250 Millionen Euro.
Denn wichtige Programmpunkte im Deutschlandurlaub sind für die Russen nicht nur Schloss Neuschwanstein und Brandenburger Tor, sondern auch die Münchner Kaufingerstraße und der Berliner Kurfürstendamm. „Shopping ist ein wichtiges Motiv für die Reise nach Deutschland“, sagt Petra Hedorfer, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Zentrale für Tourismus. Wer es sich leisten könne, bringe neben Souvenirs auch Schmuck, Lederwaren und Mode aus dem Urlaub mit: „Dabei schätzen russische Touristen besonders das Preis-Leistungs-Verhältnis.“
Doch um bei weiterhin niedrigem Rubelkurs Fluggäste anzulocken, müssen die Airlines ihre Preispolitik anpassen. Aeroflot hält die Preise dank staatlicher Subventionen niedrig, spielt damit jedoch auf Zeit: Immer mehr russische Medien spekulieren über eine teilweise Privatisierung. Die Tochtergesellschaft Pobeda schrieb dank ihrer niedrigen Preise hingegen schon 2015, im ersten Geschäftsjahr nach der Gründung, schwarze Zahlen. Tickets wie das Bayern-Angebot für 999 Rubel waren jedoch schnell vergriffen. Flüge zum Münchner Oktoberfest kommen Fluggäste aus Moskau mit 5000 Rubel (65 Euro) bereits teurer zu stehen.
Geht es nach Russlands Reisebehörde Rosturism fliegen Urlauber künftig mehr in die andere Richtung. Ministerpräsident Dmitri Medwedew sieht – aller Kritik über mangelnde Servicebereitschaft und Infrastruktur sowie der Sprachbarriere zum Trotze – „großes Entwicklungspotenzial“ dabei, das Riesenreich auch für internationale Touristen als preisgünstiges Reiseziel beliebt zu machen.
Dabei helfen sollen neben Imagekampagnen auch neue Verhandlungen über Visaerleichterungen, die das Außenministerium nach eigener Angabe mit 24 Ländern führt. Immerhin: In der Saison 2015 zog Russland 25 Millionen Touristen an; Urlauber aus Deutschland lagen dabei nach der Statistik von Rosturism auf Platz zwei hinter China. Werbung auf Deutsch macht aber bislang nur die Staatslinie Aeroflot.